{"id":15209,"date":"2014-07-19T05:48:20","date_gmt":"2014-07-19T04:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15209"},"modified":"2014-07-20T16:50:11","modified_gmt":"2014-07-20T15:50:11","slug":"unternehmensinsolvenzen-truegerische-ruhe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15209","title":{"rendered":"Unternehmensinsolvenzen: Tr\u00fcgerische Ruhe<br\/><font size=3; color=grey>Null-Zins-Politik, Zombie-Banken, Zombie-Unternehmen<\/font>"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform meldet f\u00fcr das erste Halbjahr 2014 eine Zahl von 12\u00c2\u00a0100 Unternehmensinsolvenzen, w\u00e4hrend die Zahl im Vorjahreszeitraum noch bei 13\u00c2\u00a0310 lag. Und der Jahreswert f\u00fcr 2013 liegt um 8,4 Prozent unter dem Vorjahreswert und damit auf dem niedrigsten Stand seit Einf\u00fchrung der neuen Insolvenzordnung im Jahre 1999. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland ist auf ein historisches Tief gefallen. Das klingt wie eine gute Nachricht. Doch ist es das wirklich?<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\"><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Ursachen des R\u00fcckgangs der Insolvenzen liegen zum einen bei der g\u00fcnstigen Konjunktur und zum anderen bei den g\u00fcnstigen Finanzierungsbedingungen. Letztere sind Ergebnis einer \u00fcberaus \u00fcppigen Geldversorgung des Euroraums durch die Europ\u00e4ische Zentralbank und ihres Leitzinses, der mittlerweile nahe bei null\u00c2\u00a0Prozent liegt. F\u00fcr jedes einzelne Unternehmen, das wegen der niedrigen Zinsen den Gang zum Insolvenzrichter vermeiden kann, ist diese Entwicklung nat\u00fcrlich erfreulich. Und auch jene Arbeitnehmer, die unter anderen (normalen) Finanzmarktbedingungen insolvenzbedingt ihren Arbeitsplatz verloren h\u00e4tten, d\u00fcrfen sich freuen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">F\u00fcr die Volkswirtschaft als Ganzes sieht es jedoch anders aus. Dynamische Wirtschaftsstrukturen, die gute Wachstums- und Besch\u00e4ftigungschancen bieten, wird man auf Dauer nur dort finden, wo die Unternehmensstrukturen in Bewegung sind. Eine hohe Zahl von Insolvenzen kann m\u00f6glicherweise sogar als positives Zeichen interpretiert werden, wenn ihnen eine noch h\u00f6here Zahl von Unternehmensneugr\u00fcndungen gegen\u00fcbersteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die Europ\u00e4ische Zentralbank begr\u00fcndet ihre Niedrigzinspolitik damit, dass den Gefahren einer Deflation vorgebeugt werden m\u00fcsse. Zur Rechtfertigung ihrer Deflations-Phobie deuten die Zentralbanker gern mit dem Finger auf Japan, wo die Wirtschaft angeblich wegen der anhaltenden Deflation jahrzehntelang nicht aus ihrer Lethargie herausgefunden h\u00e4tte. Doch diese weitverbreitete Erkl\u00e4rung der japanischen Malaise ist irref\u00fchrend. Man m\u00f6ge sich erinnern, dass am Anfang der dortigen Stagnationsphase zu Beginn der 1990er Jahre eine geplatzte Immobilienblase stand, die sich verheerend auf die Bilanzen vieler japanischer Banken auswirkte. Die Politik hat es damals mit allen Kr\u00e4ften verhindert, dass aus den Bankproblemen Bankinsolvenzen wurden. So verwandelten sich die von staatlicher Seite geretteten Banken in Zombie-Banken, die durch die japanische Volkswirtschaft torkelten und ihrer gesamtwirtschlichen Rolle, f\u00fcr eine effiziente Kreditversorgung der Realwirtschaft zu sorgen, nicht mehr gerecht werden konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Weitgehend unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit hat die Anti-Deflationspolitik in Japan allerdings nicht nur zur Herausbildung von Zombie-Banken, sondern auch von Zombie-Unternehmen gef\u00fchrt. Denn die extrem niedrigen Zinsen haben auch in der Realwirtschaft den \u201enat\u00fcrlichen\u201c Selektionsprozess au\u00dfer Kraft gesetzt, so dass sich auch solche Unternehmen am Markt halten konnten, die wenig bis gar nichts zur gesamtwirtschaftlichen Dynamik beitragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Derartige negative Nebenwirkungen eines Kampfes gegen die Deflation werden von der japanischen Wirtschaftspolitik\u00c2\u00a0 immer noch sehr unzureichend und von der Geldpolitik im Euro-Raum offenbar gar nicht zur Kenntnis genommen. Bei den EZB-Bankern kommen im Wesentlichen nur die Klagen der Sparer an, die sich dar\u00fcber beschweren, dass die Niedrigzinspolitik die Rendite ihrer Sparanlagen ruiniert. Darauf antworten Draghi und andere Makro\u00f6konomen mit dem \u2013\u00c2\u00a0meiner Meinung nach berechtigen\u00c2\u00a0\u2013 Hinweis, dass es nicht Aufgabe der Europ\u00e4ischen Zentralbank sein kann, den Sparern eine \u201eangemessene\u201c Rendite zu erm\u00f6glichen oder es den Lebensversicherern leichter zu machen, die in besseren Zeiten versprochenen Garantiezinsen auch tats\u00e4chlich erwirtschaften zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Das weitaus gr\u00f6\u00dfere Problem der aktuellen Geldpolitik im Euroraum liegt darin, dass der Zins seine Allokationsfunktion verliert. Da er k\u00fcnstlich auf einem Niveau nahe null gehalten wird, gaukelt er den Wirtschaftssubjekten vor, Kapital sei im \u00dcberfluss vorhanden und man m\u00fcsse bei seiner Verwendung keine besondere Sorgfalt walten lassen. Laut <i>Welt am Sonntag<\/i> vom 6. Juli 2014 ist Deutschland \u2013 wie zuvor Japan \u2013 auf bestem Wege, sich in eine \u201eZombie-Wirtschaft\u201c zu verwandeln.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Wie sich die verzerrten Zinssignale auf dem Immobilienmarkt auswirken und wie sie zumindest in den Ballungszentren dazu beitragen, eine Immobilienblase aufzupumpen, wird landauf, landab emsig diskutiert. Dass sich parallel dazu eine vergleichbare Blase im Bereich der Unternehmensfinanzierung aufbaut, bleibt von der \u00d6ffentlichkeit weitgehend unbemerkt. Immer mehr Unternehmen, die bei funktionsf\u00e4higem Wettbewerb l\u00e4ngst untergegangen w\u00e4ren, nutzen das billige Geld, um sich und ihre nicht tragf\u00e4higen Gesch\u00e4ftsmodelle \u00fcber Wasser zu halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Dass angeschlagene Unternehmen begierig nach dem Strohhalm billiger Kredite greifen, ist allzu\u00c2\u00a0 verst\u00e4ndlich. Weniger begierig sind die Kreditinstitute, die trotz \u00fcppiger Liquidit\u00e4tsversorgung davor zur\u00fcckschrecken, Unternehmenskredite zu vergeben, deren R\u00fcckzahlungswahrscheinlichkeit gering ist. Dieses Korrektiv wird allerdings mehr und mehr au\u00dfer Kraft gesetzt. Denn mittlerweile gehen nicht nur gro\u00dfe, sondern auch kleine und mittlere Unternehmen verst\u00e4rkt dazu \u00fcber, sich ihre Finanzmittel direkt am Kapitalmarkt zu beschaffen. Sogenannte Mittelstandsanleihen sind zum heimlichen Renner bei Finanzinvestoren geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Allem Anschein nach ist das Risikobewusstsein vieler Finanzinvestoren gegenw\u00e4rtig aufgrund der globalen Liquidit\u00e4tsschwemme arg getr\u00fcbt. Auf der verzweifelten Suche nach Rendite werden zunehmend dubiosere Anlageformen in Betracht gezogen. Dies zeigt sich unter anderem an den Indikatoren, die vom Internationalen W\u00e4hrungsfonds und anderen Institutionen zur Beurteilung der Risikobereitschaft <i>(risk appetite)<\/i> berechnet werden. Diese Indikatoren zeigen seit einigen Jahren steil nach oben. Zumindest in Deutschland d\u00fcrfte die Risikowahrnehmung auch dadurch getr\u00fcbt sein, dass der Begriff \u201eMittelstand\u201c allgemein sehr positiv assoziiert wird. Wenn Mittelstand etwas Grundsolides ist, so vermuten die Investoren, dann m\u00fcssten Mittelstandsanleihen doch ebenfalls etwas Grundsolides sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Die \u00f6konomische Logik hinter der Zombie-Wirtschaft ist recht schlicht: Wenn das Zinsniveau nahe null liegt, dann wird auch die Grenzproduktivit\u00e4t des Kapitals nahe null liegen. Das Kapital verharrt in ineffizienten Verwendungen und die Reallokation zugunsten produktiverer Verwendungen wird blockiert. Eine niedrige Produktivit\u00e4t wiederum ist gleichzusetzen mit einem niedrigen gesamtwirtschaftlichen Wachstum. Die Zombie-Wirtschaft ist also eine Stagnations-Wirtschaft.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\" align=\"left\">Aus Sicht der einzelnen Investoren mag die Rechnung sogar aufgehen. Solange die Zinsen bei null bleiben, werden auch Investitionsprojekte mit einer erwarteten Rendite von null nicht notleidend. Doch wenn dermaleinst die Realzinsen wieder ansteigen sollten, werden sich solche Investitionsprojekte als Fehlinvestitionen herausstellen. Dann wird auch die Zahl der Unternehmensinsolvenzen wieder steigen. Das w\u00e4re dann allerdings kein Zeichen lebendiger, leistungs- und besch\u00e4ftigungsf\u00f6rdernder Unternehmensstrukturen, sondern Zeichen einer tiefgreifenden Anpassungskrise, der durch die leichtfertige Geldpolitik der Europ\u00e4ischen Zentralbank der Weg geebnet worden ist.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform meldet f\u00fcr das erste Halbjahr 2014 eine Zahl von 12\u00c2\u00a0100 Unternehmensinsolvenzen, w\u00e4hrend die Zahl im Vorjahreszeitraum noch bei 13\u00c2\u00a0310 lag. 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