{"id":15339,"date":"2014-08-07T00:01:40","date_gmt":"2014-08-06T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15339"},"modified":"2014-08-06T15:35:36","modified_gmt":"2014-08-06T14:35:36","slug":"ordnungspolitischer-kommentarenergetische-vorgaben-fuer-wohngebaeude-flexibel-gestalten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15339","title":{"rendered":"<small>Ordnungspolitischer Kommentar<\/small><br \/>Energetische Vorgaben f\u00fcr Wohngeb\u00e4ude flexibel gestalten"},"content":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung will den CO<sub>2<\/sub>-Aussto\u00df in den n\u00e4chs\u00c2\u00adten Jahren drastisch senken, um den Klimawandel und seine negativen Auswirkungen auf die Menschen aufzu\u00c2\u00adhalten. Die H\u00f6he der notwendigen CO<sub>2<\/sub>-Einsparungen ist Ge\u00c2\u00adgenstand naturwissenschaftlicher Berechnungen. Die Politik muss die Glaubw\u00fcrdigkeit dieser Berechnungen einsch\u00e4tzen, daraus ordnungsrechtliche Vorgaben ableiten und im politi\u00c2\u00adschen Prozess umsetzen. Sp\u00e4testens im Umsetzungsprozess ist \u00f6ko\u00c2\u00adnomischer Sachverstand not\u00c2\u00adwen\u00c2\u00addig als Korrektiv zu einem technischen Mach\u00c2\u00adbarkeits\u00c2\u00adwahn, der ausschlie\u00dflich auf dem Stand der Tech\u00c2\u00adnik beruht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><b>Energieeinsparziele voraussicht\u00c2\u00adlich nicht umsetzbar<\/b><\/p>\n<p>\u00d6konomischer Sachverstand ist auch bei den energeti\u00c2\u00adschen Anforderungen an Wohnimmobilien gefragt, die einen zentralen Pfeiler der Klima\u00c2\u00adschutzstrategie der Re\u00c2\u00adgierung darstellen. Bis 2050 soll der Wohnungsbestand nahezu klimaneutral sein. Als Begr\u00fcn\u00c2\u00addung wird das hohe Energieeinsparpotenzial im Wohnungssektor bei Ausnut\u00c2\u00adzung des technisch M\u00f6glichen angegeben.<\/p>\n<p>Allerdings werden die Vorgaben mit gro\u00dfer Wahrschein\u00c2\u00adlichkeit verfehlt, weil ihnen die \u00f6konomi\u00c2\u00adschen Realit\u00e4ten des Wohnungsmarkts entgegenstehen. Zudem sind schwerwiegende Neben\u00c2\u00adwirkun\u00c2\u00adgen zu erwar\u00c2\u00adten, die das Ziel an sich in Frage stellen.<\/p>\n<p><b>Ordnungsrechtliche Vorgaben f\u00fcr Neubauten mit geringem Klimabeitrag<\/b><\/p>\n<p>Die energetischen Vorgaben f\u00fcr Neubauten wurden j\u00fcngst mit der Novellierung der Energieeinsparverordnung (EnEV 2014) weiter versch\u00e4rft. Ab 2016 sinken die zu\u00c2\u00adl\u00e4ssigen Grenzen f\u00fcr den Prim\u00e4renergieverbrauch um 25\u00c2\u00a0Prozent. Die Anforderungen an den W\u00e4rmeschutz steigen. Ab 2021 sollen alle Neubauten dem von der EU festge\u00c2\u00adlegten Niedrigstenergie-Geb\u00e4udestandard ent\u00c2\u00adsprechen.<\/p>\n<p>Die Wirkung der versch\u00e4rften Neubaustandards f\u00fcr den Klimaschutz ist jedoch aufgrund der niedrigen Neubau\u00c2\u00adquote (0,5 Prozent bezogen auf den Bestand) gering. Weniger strikte Vorgaben w\u00fcrden vergleichbare Klima\u00c2\u00adwir\u00c2\u00adkungen zu geringeren Kosten bewirken.<\/p>\n<p><b>\u00d6ffnungsklau\u00c2\u00adseln f\u00fcr niedrigpreisiges Wohnungsseg\u00c2\u00adment <\/b><\/p>\n<p>Obwohl die hohen Anforderungen an den Neubau nur wenig zur Entlastung des Klimas beitragen, sind die dadurch ausgel\u00f6sten Preiseffekte sp\u00fcrbar. Je nach Geb\u00e4u\u00c2\u00addetyp stehen Baukostensteigerungen von bis zu 5 Prozent durch die EnEV 2014 im Raum. Neubau im niedrigen bzw. mittleren Preissegment wird dadurch unat\u00c2\u00adtraktiv. Das gilt insbesondere f\u00fcr den sozialen Woh\u00c2\u00adnungsbau, f\u00fcr den bereits jetzt kaum private Investoren gewonnen wer\u00c2\u00adden k\u00f6nnen. Abhilfe k\u00f6nnten geringere energetische An\u00c2\u00adforderungen im preisg\u00fcnstigen Neubausegment schaffen, auch wenn dies aus Gr\u00fcnden der Gleichbehandlung ord\u00c2\u00adnungspolitisch umstritten w\u00e4re.<\/p>\n<p><b>Vorgaben f\u00fcr Bestandsgeb\u00e4ude bereits ambitioniert<\/b><\/p>\n<p>Entscheidend f\u00fcr die Erreichung des angestrebten klima\u00c2\u00adneutralen Wohnungsbestands ist die energetische \u201eErt\u00fcch\u00c2\u00adtigung\u201c des Bestands. Darunter fallen alle Sanie\u00c2\u00adrungs- und Modernisierungs\u00c2\u00adma\u00dfnahmen, die die energeti\u00c2\u00adschen Eigenschaften von Bestandsgeb\u00e4uden verbessern. Die EnEV 2014 versch\u00e4rft die Anforderungen f\u00fcr Be\u00c2\u00adstandsgeb\u00e4ude nur geringf\u00fcgig. Die Politik hat erkannt, dass die Vorgaben bereits ambitioniert sind und die Um\u00c2\u00adsetzung Probleme be\u00c2\u00adreitet.<\/p>\n<p><b>Marktstruktur erschwert Umsetzung<\/b><\/p>\n<p>Ein Grund hierf\u00fcr liegt in der Marktstruktur. So geh\u00f6ren drei Viertel aller Wohnungen Privatpersonen, die diese entweder selbst bewohnen oder vermieten. Der Adressa\u00c2\u00adtenkreis ist entsprechend gro\u00df und un\u00fcbersichtlich. Auf\u00c2\u00adgrund der Heterogenit\u00e4t des Bestands hinsichtlich des Baujahrs, architektonischer Beson\u00c2\u00adderheiten und Sanie\u00c2\u00adrungszustands, sind allgemeine Vorgaben kaum m\u00f6g\u00c2\u00adlich.<\/p>\n<p><b>Private Wohnungseigent\u00fcmer f\u00fchren wirtschaftliche Ma\u00dfnahmen ohne Zwang durch<\/b><\/p>\n<p>Oftmals wird (privaten) Wohnungseigent\u00fcmern unter\u00c2\u00adstellt, sie seien unzureichend \u00fcber die betriebswirtschaft\u00c2\u00adlichen Vorteile energetischer Sanierungen informiert und w\u00fcrden daher auf lohnende Ma\u00dfnahmen verzichten. Es liege also Marktversagen vor, was \u2013 so der logische Kurz\u00c2\u00adschluss \u2013 den Staat ins Spiel bringe, um die Informa\u00c2\u00adtionsdefizite zu beseitigen.<\/p>\n<p>Energetische Sanierungen sind komplex und f\u00fcr den ein\u00c2\u00adzelnen Hausbesitzer eine Herausforderung. Aber die pri\u00c2\u00advaten Hausbesitzer sind dieser Herausforderung durchaus gewachsen. Der Wohnungsbestand weist in der Breite eine beachtliche Energieeffizienz auf, weil kosten-g\u00fcnstige Ma\u00dfnahmen mit gro\u00dfem Energieeinsparpoten\u00c2\u00adzial (z.\u00c2\u00a0B. D\u00e4mmung von oberen Geschossdecken) von den Eigent\u00fcmern aus wirtschaftlichem Eigeninteresse durch\u00c2\u00adgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><b>Realit\u00e4tsferne Modellrechnungen<\/b><\/p>\n<p>Warum aber unterbleiben weitergehende energetische Ert\u00fcchtigungen, wie sie die \u00fcberwiegend staatlich dominierte Deutsche Energie Agentur (Dena) mit gro\u00dfan\u00c2\u00adgelegten Kampagnen bewirbt und wie sie die EnEV teil\u00c2\u00adweise verpflichtend vorschreibt? Dena und EnEV verspre\u00c2\u00adchen: \u201eD\u00e4mmen lohnt sich\u201c. Sind die privaten Eigent\u00fc\u00c2\u00admer also doch nicht in der Lage, die betriebswirt\u00c2\u00adschaftli\u00c2\u00adchen Vorteile umfassender energetischer Sanie\u00c2\u00adrungen zu er\u00c2\u00adken\u00c2\u00adnen? Nein! Denn anders als die bereits durchge\u00c2\u00adf\u00fchrten, mit geringem Aufwand verbundenen Sanie\u00c2\u00adrungsma\u00dfnahmen sind umfassende energe\u00c2\u00adtische Ert\u00fcchti\u00c2\u00adgungen in den meisten F\u00e4llen wirt\u00c2\u00adschaft\u00c2\u00adlich nicht sinnvoll bzw. bringen nur bei gleichzeitiger Inanspruch\u00c2\u00adnahme eines Kredits der staatlichen F\u00f6rderbank KfW eine (ge\u00c2\u00adringe) positive Rendite. Wie l\u00e4sst sich diese Diskre\u00c2\u00adpanz erkl\u00e4ren?<\/p>\n<p>Erstens basieren die Modellrechnungen der Dena und die Vorgaben der EnEV auf einem technokratischen Den\u00c2\u00adken, bei dem der Energiebedarf eines Geb\u00e4udes vor und nach energetischer Sanierung auf Basis der Materialei\u00c2\u00adgen\u00c2\u00adschaften verglichen wird. Menschen kommen in die\u00c2\u00adsen Berechnungen nicht vor. Dabei hat der menschliche Fak\u00c2\u00adtor einen gro\u00dfen Einfluss auf die Rentabilit\u00e4t der Sanie\u00c2\u00adrungsma\u00dfnahmen, wie Untersuchungen anhand tat\u00c2\u00ads\u00e4chli\u00c2\u00adcher Verbrauchsdaten belegen. Die Nutzer schlecht sanierter Geb\u00e4ude verbrauchen deutlich weniger Energie, als aufgrund der technischen Beschaf\u00c2\u00adfenheit der Geb\u00e4ude unterstellt wird. Um Energiekosten zu sparen, passen sie ihr Nutzungsverhalten entsprechend an. Die Einsparm\u00f6g\u00c2\u00adlichkeiten werden somit systematisch \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Zweitens sind energetische Sanierungen in der Regel nur dann wirtschaftlich rentabel, wenn ohnehin eine umfas\u00c2\u00adsende Sanierung der fraglichen Baustrukturen ansteht. Auf dieses Szenario berufen sich die Modellrechnungen. Aufgrund der langen Lebenszyklen energetisch relevanter Strukturen (z.\u00c2\u00a0B. bis zu 150 Jahre bei geklinkerten Au\u00c2\u00ad\u00dfenw\u00e4nden) bieten sich diese Gelegenheiten nur selten. Zudem sind die realen Sanierungszyklen aufgrund regel\u00c2\u00adm\u00e4\u00dfiger Ausbesserungen l\u00e4nger als unterstellt.<\/p>\n<p>Drittens entspricht der Bestand in seiner architek\u00c2\u00adtonischen Struktur oftmals nicht den Annahmen der Modellrechnungen. Insbesondere Geb\u00e4ude aus der Gr\u00fcnder\u00c2\u00adzeit, die das Bild vieler Innenstadtkerne pr\u00e4gen, lassen sich nicht wie unterstellt energetisch ert\u00fcchtigen.<\/p>\n<p>Viertens werden in den Modellrechnungen zuk\u00fcnftige Zahlungsstr\u00f6me diskontiert, um die Barwerte von Ein-und Auszahlungen miteinander vergleichen zu k\u00f6nnen. Die Wahl des Diskontfaktors entscheidet ma\u00dfgeblich \u00fcber die Rentabilit\u00e4t der Sanierungsma\u00dfnahme. Die gew\u00e4hlten Faktoren sind f\u00fcr viele Wohnungseigent\u00fcmer nicht zutref\u00c2\u00adfend, weil sie einen zu langen Zeithorizont unterstellen.<\/p>\n<p>Hinzu kommen m\u00f6gliche Nebenwirkungen einer umfas\u00c2\u00adsenden D\u00e4mmung wie z.\u00c2\u00a0B. h\u00f6here Brand- und Schimmelrisiken, die in den Modellrechnungen nicht ber\u00fcck\u00c2\u00adsichtigt wer\u00c2\u00adden.<\/p>\n<p><b>Weniger strenge Anforderungen f\u00fcr mehr energeti\u00c2\u00adsche Sanierungen<\/b><\/p>\n<p>Die hohen Anforderungen der EnEV f\u00fchren dazu, dass Sanierungsma\u00dfnahmen in vielen F\u00e4llen nicht rentabel sind. Weniger umfassende, daf\u00fcr aber lohnende Ert\u00fcchti\u00c2\u00adgungen hingegen werden durch die Vorgaben der EnEV ausgeschlossen (z.\u00c2\u00a0B. geringere D\u00e4mmst\u00e4rken). Viele Eigent\u00fc\u00c2\u00admer werden Sanierungen daher so lange wie m\u00f6g\u00c2\u00adlich auf\u00c2\u00adschieben.<\/p>\n<p>Die Vorschriften der EnEV sollten Spielraum f\u00fcr einfache und flexible L\u00f6sungen lassen, die vielleicht nicht dem technischen Maximum ent\u00c2\u00adsprechen, die aber eine deutli\u00c2\u00adche Energieeinsparung be\u00c2\u00adwirken und wirtschaftlich ren\u00c2\u00adtabel sind. Die Ma\u00dfnahmen m\u00fcssen zu dem jeweiligen Geb\u00e4ude und der Einkom\u00c2\u00admenssituation des Eigent\u00fcmers passen. Ein Weg k\u00f6nnte sein, den Gesamtenergiebedarf des Geb\u00e4udes in den Fokus zu stellen, anstatt die Be\u00c2\u00adschaffenheit einzelner Bauteile vor\u00c2\u00adzuschreiben.<\/p>\n<p><b>Flexiblere energetische Vorgaben entsch\u00e4rfen Kon\u00c2\u00adflikte zwischen Mieter und Vermieter<\/b><\/p>\n<p>Flexiblere Vorgaben k\u00f6nnen zudem Konflikte zwischen Mietern und Eigent\u00fcmern vermeiden. Bislang sind Eigen\u00c2\u00adt\u00fcmer zu Sanierungsma\u00dfnahmen verpflichtet, deren Kos\u00c2\u00adten nicht durch Nebenkosteneinsparungen gedeckt sind. Bei vollst\u00e4ndiger Umlegung der Investitionskosten auf die Kaltmiete steigt die Gesamtbelastung f\u00fcr den Mieter. Ist das nicht m\u00f6glich \u2013 sei es aufgrund gesetzlicher Rege\u00c2\u00adlungen oder aufgrund der Marktlage \u2013 erleidet der Vermieter einen Einkommensverlust. Die fehlende Ren\u00c2\u00adtabili\u00c2\u00adt\u00e4t macht eine beiderseitig vorteilhafte Einigung unm\u00f6g\u00c2\u00adlich. Flexiblere energetische Anforderungen bieten dage\u00c2\u00adgen einen Ausweg, insbesondere wenn nur warm\u00c2\u00admieten\u00c2\u00adneut\u00c2\u00adrale Sanierungen verpflichtend gemacht w\u00fcrden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieser Text ist zugleich als Ausgabe Nr. 08\/2014 der <a href=\"http:\/\/www.iwp.uni-koeln.de\/publikationen\/ordnungspolitischer-kommentar\/\">Reihe Ordnungspolitischer Kommentar<\/a> des Instituts f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und des Otto-Wolff-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsordnung erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Bundesregierung will den CO2-Aussto\u00df in den n\u00e4chs\u00c2\u00adten Jahren drastisch senken, um den Klimawandel und seine negativen Auswirkungen auf die Menschen aufzu\u00c2\u00adhalten. 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