{"id":15355,"date":"2014-09-20T00:01:21","date_gmt":"2014-09-19T23:01:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15355"},"modified":"2023-08-08T14:50:47","modified_gmt":"2023-08-08T13:50:47","slug":"blogdialogein-grossprojekt-auf-des-messers-schneideder-finanzmarktexperte-prof-dr-hans-peter-burghof-im-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15355","title":{"rendered":"<small>BlogDialog<\/small><br \/>Europ\u00e4ische Bankenunion: Ein Gro\u00dfprojekt auf des Messers Schneide<br \/><font size=3; color=grey>Der Finanzmarktexperte Prof. Dr. Hans-Peter Burghof im Interview<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><i>Herr Professor Burghof, am 4. November 2014 soll die Europ\u00e4ische Bankenunion offiziell starten. K\u00fcnftig beaufsichtigt die EZB die jeweiligen nationalen Gro\u00dfbanken und \u00fcbt die Aufsicht \u00fcber das Gesamtsystem aus. Was versprechen Sie sich davon?<\/i><\/p>\n<p><b>Hans-Peter Burghof:<\/b> Die Europ\u00e4ische Bankenunion ist ein Gro\u00dfprojekt, dessen k\u00fcnftiger Erfolg auf Messers Schneide\u00c2&nbsp;<strong><\/strong>steht. Wenn sie richtig umgesetzt wird, sinkt die Wahrscheinlichkeit k\u00fcnftiger Verwerfungen an den europ\u00e4ischen Finanzm\u00e4rkten. Wenn jedoch erneut Fehlanreize gesetzt werden, steuern wir fr\u00fcher oder sp\u00e4ter der n\u00e4chsten Finanzkrise entgegen. Zu viel Deregulierung ist in diesem Bereich zwar gef\u00e4hrlich. Momentan sehe ich aber eher das Problem, dass das Pendel zur\u00fcckschl\u00e4gt und am Ende zu viel reguliert wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><i>Es ist vorgesehen, dass die EZB nur die systemrelevanten Institute beaufsichtigt. In Deutschland sind das rund 65 Einzelinstitute und damit lediglich knapp 4 Prozent aller Banken. Das klingt nach nicht sehr viel.<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Auf den ersten Blick vielleicht. Man muss aber zum einen ber\u00fccksichtigen, dass diese Institute einen Gro\u00dfteil der Bilanzsumme aller Banken ausmachen. Zum anderen darf man nicht vergessen, dass europ\u00e4ische Vorschriften auch die kleinen Institute direkt betreffen. Es ist schon heute ein Wahnsinn, wie vielen Informationspflichten selbst kleinste Banken nachkommen m\u00fcssen. Dabei k\u00f6nnen einzelne Vorschriften im Extremfall ganze Geldh\u00e4user lahmlegen. Meine Bef\u00fcrchtung ist, dass die Beh\u00f6rden k\u00fcnftig noch mehr Informationen einfordern werden.<\/p>\n<p><i>Woran liegt das?<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Vor und w\u00e4hrend der Finanzkrise mussten die Aufsichtsbeh\u00f6rden teilweise tatenlos zusehen, wie Banken ihr eigentliches Bet\u00e4tigungsfeld verlassen, gewagte Gesch\u00e4fte get\u00e4tigt und so die Krise ausgel\u00f6st haben. Das will man sich k\u00fcnftig nicht mehr nachsagen lassen. Deshalb d\u00fcrfte der Hunger nach Informationen eher noch weiter zunehmen.<\/p>\n<p><i>Die EZB ist zudem k\u00fcnftig befugt, wenn auch nach Konsultation der nationalen Bankenaufsichten, Lizenzen von allen Banken zu entziehen. Sie k\u00f6nnte also die ber\u00fchmte Kreissparkasse in Buxtehude oder Hintertupfingen schlie\u00dfen. Inwieweit sind solche Gedankenspiele praxisrelevant?<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Das wird sicherlich der absolute Ausnahmefall bleiben. Dennoch wird k\u00fcnftig die EZB das letzte Wort in der Bankenaufsicht haben.<\/p>\n<p><i>Noch vor dem offiziellen Start der Europ\u00e4ischen Bankenunion sollen die systemrelevanten Banken einem Stresstest unterzogen werden. Inwieweit unterscheidet sich dieses Prozedere von einer Lizenzvergabe im Profisport?<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Die Lizenzvergabe im Profisport ist nach vorne auf die n\u00e4chste Saison gerichtet. Wenn ein Klub die Auflagen nicht erf\u00fcllt, dann wird er im Extremfall im Vorfeld vom Ligabetrieb ausgeschlossen, ohne dass die anderen Vereine gro\u00dfartig Schaden nehmen. Der Bankenmarkt ist dagegen ein Wettbewerb, der l\u00e4ngst voll im Gange ist. Zudem ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass einzelne Banken bereits mit einem schweren Virus infiziert sind und die Kontrahenten angesteckt haben. So etwas kann ein Stresstest aufdecken. Denn es werden verschiedene Extremszenarien durchgespielt und \u00fcberpr\u00fcft, inwieweit die Banken diesen Szenarien standhalten.<\/p>\n<p><i>Insofern ist der Stresstest also eher eine Art offizieller Gesundheitscheck.<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> In gewisser Weise schon. Es gibt aber zwei weitere Probleme. Zum einen h\u00e4ngt es von der Ausgestaltung eines Stresstests ab, welche Bank die H\u00fcrde \u00fcberspringt und welche nicht. Letztlich sind die einzelnen Kriterien willk\u00fcrlich gew\u00e4hlt und unterliegen auch dem Einfluss von Lobbygruppen und Regierungen. Zum anderen ben\u00f6tigt man einen konkreten Ma\u00dfnahmenkatalog, was zu tun ist, wenn eine Bank durch den Stresstest f\u00e4llt. Denn wenn man sie nur anprangert, ist schnell das Vertrauen ersch\u00fcttert, was f\u00fcr eine Bank existenzbedrohend sein kann. Wenn sie tats\u00e4chlich mit dem Tode ringt, muss man, um Bilde zu bleiben, sie entweder sofort reanimieren oder die Beerdigung vorbereiten.<\/p>\n<p><i>Sie deuten einen effizienten Mechanismus f\u00fcr die Bankenabwicklung und Bankensanierung an. Er war einer der Kernforderungen Deutschlands im Zuge der Errichtung einer Bankenunion und soll bereits Anfang 2015 in Kraft treten. Inwieweit ist dieser Zeitplan ambitioniert?<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Dem Grunde nach wird der Abwicklungs- und Restrukturierungsfonds schnell kommen. Die entsprechenden Gesetze und Richtlinien sind bereits verabschiedet. Das Problem ist jedoch, dass f\u00fcr eine Abwicklung oder Restrukturierung gr\u00f6\u00dferer Geldh\u00e4user sehr viel Kapital notwendig ist. In der Finanzkrise war zudem nicht nur ein Kreditinstitut von Liquidit\u00e4tsengp\u00e4ssen betroffen. Bis ein Abwicklungs- und Restrukturierungsfonds eine Gr\u00f6\u00dfenordnung hat, um im Extremfall wirklich helfen zu k\u00f6nnen, gehen noch einige Jahre ins Land.<\/p>\n<p><i>Da liegt es doch nahe, m\u00f6glichst alle Banken in den Topf einzahlen zu lassen, also beispielsweise auch die deutschen Sparkassen und Volksbanken.<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Von diesem Argument, das naturgem\u00e4\u00df von L\u00e4ndern mit vergleichsweise vielen Gro\u00dfbanken wie Frankreich hervorgebracht wird, lassen sich auch viele Politiker hierzulande k\u00f6dern. Das liegt nat\u00fcrlich auch daran, dass bei der Umsetzung der europ\u00e4ischen Bankenaufsicht Eile geboten ist. Dennoch bin ich vor allem aus zwei Gr\u00fcnden dagegen, dass Genossenschaftsbanken und Sparkassen eine Abgabe f\u00fcr den Abwicklungsfonds zahlen m\u00fcssen. Zum einen haben sie die Finanzkrise nicht verursacht. Sie sind nicht systemrelevant und werden von dem Fonds nie profitieren. Zum anderen haben sie ihre eigenen Systeme, um sich gegenseitig zu helfen. Dieses Versicherungsprinzip funktioniert sogar sehr gut, da es bei uns jeweils hunderte Sparkassen und Volksbanken gibt. Bei unseren wenigen Gro\u00dfbanken macht es jedoch prinzipiell Sinn, \u00fcber supranationale Sicherungssysteme nachzudenken.<\/p>\n<p><i>Der dritte Baustein der Europ\u00e4ischen Bankenunion sind gemeinsame Einlagensicherungssysteme. Wie stehen Sie dazu?<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Da bin ich zum jetzigen Zeitpunkt sehr skeptisch. Vor allem s\u00fcdeurop\u00e4ische Staaten h\u00e4tten gerne als allererstes eine gemeinsame Einlagensicherung eingef\u00fchrt, um ihre Verluste aus dem Bankensystem auf alle Schultern zu verteilen. Doch dagegen haben sich die L\u00e4nder mit vergleichsweise gesunden Banken zu Recht gewehrt. Ein gemeinsames Einlagensicherungssystem darf definitiv erst das letzte Mosaiksteinchen sein. Derzeit w\u00e4re es noch viel zu fr\u00fch.<\/p>\n<p><i>Ist denn der Start der Europ\u00e4ischen Bankenunion zum jetzigen Zeitpunkt richtig?<\/i><\/p>\n<p><b>Burghof:<\/b> Hier stehe ich nach wie vor auf dem Standpunkt: Besser nie als jetzt. Denn entscheidende Bedingungen f\u00fcr eine \u00f6konomisch sinnvolle Ausgestaltung einer europaweiten Bankenaufsicht sind nicht erf\u00fcllt. Die Unabh\u00e4ngigkeit einer solchen Aufsicht ist definitiv nicht gew\u00e4hrleistet, wenn sie eine Unterabteilung der EZB ist. Da hilft es meines Erachtens auch nichts, wenn Geldpolitik und Bankenaufsicht klar voneinander getrennt agieren sollen. Die Aufgaben und Interessen beider Bereiche sind mitunter v\u00f6llig kontr\u00e4r. Zudem unterliegen die EZB-Entscheidungen auch nationalstaatlichen Interessen. Eine europ\u00e4ische Bankenaufsicht m\u00fcsste dar\u00fcber hinaus \u00fcber die Ausstattung und Eingriffskompetenzen verf\u00fcgen, um internationale verflochtene Banken wirksam zu beaufsichtigen. Auch das ist nicht gegeben, nicht zuletzt, da die Lobbyisten dieser Institute alles daran setzen, dies zu unterbinden.<\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte <a href=\"http:\/\/www.reden-rieger.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Rieger<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Hinweis: <\/strong>Das vollst\u00e4ndige Interview finden Sie in der Septemberausgabe der <a href=\"https:\/\/vahlen-online.beck.de\/default.aspx?vpath=bibdata%2fzeits%2fWIST%2f2014%2fcont%2fWIST.2014.H09.gl3.htm\">WiSt (Heft 9, 2014)<\/a>.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/3fffa0e5d0364206a0077a20d29c88fb\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Herr Professor Burghof, am 4. 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