{"id":15401,"date":"2014-08-19T00:01:58","date_gmt":"2014-08-18T23:01:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15401"},"modified":"2025-08-01T06:08:07","modified_gmt":"2025-08-01T05:08:07","slug":"die-grosse-illusion-von-expansionzur-geldpolitik-der-ezb","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15401","title":{"rendered":"Die gro\u00dfe Illusion von Expansion<br><font size=3; color=grey>Zur Geldpolitik der EZB<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Seit l\u00e4ngerem haben Wissenschaftler, Journalisten und Banker vor einer weltweit zu expansiven Geldpolitik gewarnt,<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> und im Unterschied zu ihrem Vorg\u00e4nger Ben Bernanke spricht Janet Yellen, die neue Pr\u00e4sidentin des Federal Reserve Board, nicht nur \u00fcber einen notwendigen Ausstieg der Fed aus dem expansiven Kurs der amerikanischen Geldpolitik, sondern sie hat mit Amtsantritt begonnen, die monatlichen Anleiheank\u00e4ufe von fast 100 auf gut 40 Mrd. US-Dollar zur\u00fcckzufahren. Das ist ein Einstieg in den Ausstieg, aber sehr viel mehr wird von der Fed zu tun sein. Neuerdings mahnt sogar die ,Zentralbank der Zentralnotenbanken\u201c\u02dc, also die Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), dass die Normalisierung der \u201e\u00e4u\u00dferst lockeren\u201c Geldpolitik nicht nur in den Vereinigten Staaten \u201ezu sp\u00e4t und zu langsam\u201c erfolgen k\u00f6nnte.<a title=\"\" href=\"#_ftn2\">[2]<\/a> Das alles kontrastiert bemerkenswert mit der in Deutschland von einigen Beobachtern gern vorgetragenen Sorge, die Eurounion k\u00f6nnte demn\u00e4chst in einen Deflationsprozess abrutschen, nachdem die gemessene Preissteigerungsrate inzwischen auf nur noch 0,4 Prozent zur\u00fcckgegangen ist. Allerdings handelt es sich derzeit um einen Prozess der Disinflation, der mit einer gef\u00e4hrlichen Deflation nicht zu verwechseln ist. Ohne eine kumulative, deutliche Abw\u00e4rtsentwicklung aller Geldmengenaggregate gibt es keine Deflation, und die bisher vorliegenden monet\u00e4ren Daten zeigen nichts dergleichen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In diesem Beitrag sollen zwei einfache Fragen gestellt und beantwortet werden, die manchem Leser vielleicht etwas merkw\u00fcrdig vorkommen werden: (1) Trifft eigentlich der in weiten Kreisen der \u00d6ffentlichkeit verbreitete, gleichwohl unbestimmte Eindruck zu, dass die Europ\u00e4ische Zentralbank (EZB) seit langem eine \u201e\u00e4u\u00dferst lockere\u201c Geldpolitik betreibt? (2) Ist es der EZB \u00fcberhaupt m\u00f6glich, die Geldmenge jederzeit nach Belieben auszuweiten und so den Inflationsprozess sicher zu steuern?<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>(1) Wie expansiv ist der l\u00e4ngerfristige geldpolitische Kurs der EZB? <\/b><\/p>\n<p>Um eine empirisch gest\u00fctzte Antwort zu finden, bedarf es einer Bezugsbasis und einer konkreten Abgrenzung der zu untersuchenden Fristigkeit bzw. Periodenl\u00e4nge.<\/p>\n<p>Es bietet sich an, den Kurs der US-amerikanischen Geldpolitik als Vergleichsma\u00dfstab zu w\u00e4hlen, weil der US-Dollar weiterhin die weltweit f\u00fchrende W\u00e4hrung ist und die Vereinigten Staaten in vergleichbarer Weise von der Finanz- und Bankenkrise getroffen wurden, wenngleich in einem geringeren Ausma\u00df. Was die zu untersuchende Periodenl\u00e4nge angeht, so entscheiden wir uns hier nicht f\u00fcr Tage, Monate oder Jahre, sondern f\u00fcr Siebenjahresperioden. Das mag als etwas lang gew\u00e4hlt erscheinen, aber hier soll einmal Abstand genommen werden vom \u00fcblichen Kurzfristblick. Stattdessen soll der Fokus auf Langfristtrends der Geldpolitik gerichtet werden. Die Siebenjahresperiodisierung bietet sich an, da seit dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise im Juli 2007 bis Ende Juni 2014 sieben Jahre vergangen sind. Zur einfachen Kennzeichnung der Trends berechnen wir f\u00fcr verschiedene \u00f6konomische Zeitreihen jeweils einen statistischen Durchschnittswert f\u00fcr diesen Krisenzeitraum, und zwar eine durchschnittliche Ver\u00e4nderungsrate oder im Falle von Zinss\u00e4tzen ein durchschnittliches Niveau. Und wir vergleichen diese Werte dann mit den entsprechenden Werten der vorangegangenen Siebenjahresperiode, die von Juli 2000 bis Juni 2007 reichte.<\/p>\n<p>Wenn wir zun\u00e4chst die Parameter der Geldpolitik au\u00dferacht lassen und nur gesamtwirtschaftliche Variable pr\u00fcfen, um deren Beeinflussung es ja letztlich geht, so sprechen unsere Beobachtungen nicht daf\u00fcr, dass die EZB im Verlauf der langen Krisenperiode eine \u00fcberaus lockere Geldpolitik verfolgt h\u00e4tte. Die Indices der Verbraucherpreise weisen jedenfalls keine Zunahme, sondern einen deutlichen R\u00fcckgang des langfristigen Preisauftriebs aus, f\u00fcr die Eurounion wie auch f\u00fcr die Vereinigten Staaten; vgl. die Tabelle. Daraus ist nat\u00fcrlich nicht zu schlie\u00dfen, dass die EZB oder auch die Fed keine expansive Linie verfolgt h\u00e4tte, sondern nur, aber immerhin, dass die geldpolitischen Impulse offenbar zu schwach waren, um die bremsenden Wirkungen anderer Kr\u00e4fte zu kompensieren. <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neum1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Expansionsdaten\" alt=\"Expansionsdaten\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neum1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Allerdings gilt es zu differenzieren. Nimmt man, wie es naheliegt, als Repr\u00e4sentanten der Verm\u00f6genspreise die sehr beweglichen Aktienkurse ins Bild, dann ist f\u00fcr die Vereinigten Staaten anhand des S&#038;P 500 Composite Index eine kr\u00e4ftige langfristige Aufw\u00e4rtsbewegung von durchschnittlich 3,6 Prozent pro Jahr w\u00e4hrend der Krisenperiode zu konstatieren im Vergleich zu nur 0,6 Prozent pro Jahr im Siebenjahreszeitraum zuvor. Im Unterschied zu den Vereinigten Staaten folgen in der Eurounion die Aktienkurse dagegen seit 14 Jahren einer langfristigen Abw\u00e4rtstendenz, deren St\u00e4rke sich im Verlauf der Krisenperiode auf durchschnittlich \u2013 4,7 Prozent pro Jahr verdoppelt hat (Euro Stoxx 50). Dazu passt, dass das langfristige Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in der Eurounion wesentlich niedriger ist als in den Vereinigten Staaten. Das war schon w\u00e4hrend der Vorkrisenperiode 2000\u201307 so, als die Wirtschaft der Eurounion mit einer durchschnittlichen Jahresrate von nur 1,7 Prozent wuchs, die der Vereinigten Staaten aber mit 2,5 Prozent. Und das ist seit 2007 erst recht so, da das durchschnittliche Wachstum der Eurozone praktisch gegen Null tendiert; vgl. Tabelle. <\/p>\n<p>Zwischenres\u00fcmee: Die beobachteten l\u00e4ngerfristigen Entwicklungstendenzen von Preisen und Produktion sprechen prima facie dagegen, dass die EZB w\u00e4hrend der siebenj\u00e4hrigen Krisenperiode einen ausgesprochen expansiven Kurs gefahren h\u00e4tte. <\/p>\n<p>Also pr\u00fcfen wir nun den Expansionsgrad der Geldpolitik anhand zweier unmittelbarer Indikatoren der Notenbankaktivit\u00e4t. Als Preisindikator kann der Tagesgeldsatz EONIA dienen, weil er praktisch den Angebotspreis f\u00fcr das Basisgeld der EZB bildet, und als Mengenindikator die Trendwachstumsrate der Basisgeldmenge. <\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit ist es gewohnt, \u00fcber Geldpolitik anhand von Zinss\u00e4tzen zu diskutieren, obwohl niemand anzugeben wei\u00df, f\u00fcr welches Zinsniveau die EZB am Geldmarkt sorgen m\u00fcsste, damit sich am Kapitalmarkt ein \u201enat\u00fcrliches\u201c Zinsniveau im Sinne der klassischen \u00d6konomen herausbildet, das ein gleichgewichtiges, preisstabiles Wirtschaftswachstum zul\u00e4sst. In der Regel wird rein qualitativ argumentiert: Je niedriger die Geldmarkts\u00e4tze sind, desto expansiver ist nach landl\u00e4ufigem Urteil die Geldpolitik. Aber das ist zu einfach gedacht. Jedenfalls ist es unabdingbar, den zinsmodifizierenden Einfluss des jeweiligen Inflationsniveaus zu ber\u00fccksichtigen. Je niedriger das erwartete Inflationsniveau ist, umso niedriger k\u00f6nnen die Notenbanks\u00e4tze gesetzt werden, ohne dass sie besonders expansiv auf laufende Kreditgew\u00e4hrung und Wirtschaftst\u00e4tigkeit einwirken. Deshalb sind s\u00e4mtliche Zinss\u00e4tze, auch die des Geldmarkts, durch Abzug der erwarteten bzw. der beobachteten Inflationsrate zu deflationieren. Allein auf die Realzinss\u00e4tze kommt es an, auch am Geldmarkt. Damit nicht genug. Was w\u00e4re denn, wenn der nat\u00fcrliche Gleichgewichtszins, der am Kapitalmarkt nicht unmittelbar statistisch beobachtet werden kann, aufgrund der Erwartung ung\u00fcnstigerer demographischer Verschiebungen heutzutage um einen halben bis einen Prozentpunkt tiefer l\u00e4ge als vor zehn bis f\u00fcnfzehn Jahren? Dann k\u00e4men die landl\u00e4ufigen Zinsinterpretationen der Geldpolitik ins Schwimmen. <\/p>\n<p>Nach Ma\u00dfgabe der realen Geldmarkts\u00e4tze haben sich die Notenbanken bem\u00fcht, w\u00e4hrend der Krisenperiode einen deutlich expansiveren Kurs der Geldpolitik zu erreichen. So ging der reale Angebotspreis f\u00fcr Eurobasisgeld auf durchschnittlich minus 0,7 Prozent p.a. zur\u00fcck. Allerdings das hat wenig bewirkt. Jedenfalls war die Fed der EZB klar \u00fcberlegen. Der Fed gelang es, den Tagesgeldsatz, die Federal funds rate, auf real minus 1,3 Prozent p.a. im Durchschnitt der Krisenperiode zu dr\u00fccken. Das erweiterte die Kreditzinsmarge der amerikanischen Banken erheblich. Legt man Moody\u201c\u02dcs Seasoned Corporate Bond Yield der 20- bis 30-j\u00e4hrigen AAA-Anlagen als Ma\u00dfstab zugrunde, so stieg diese Marge von knapp 3 auf 4 Prozentpunkte und damit weit st\u00e4rker als die vergleichbare Zinsmarge in der Eurounion f\u00fcr Unternehmenskredite mit Laufzeiten von mehr als f\u00fcnf Jahren. Die erreichte im Durchschnitt der Krisenperiode nur 2,7 Prozentpunkte.<\/p>\n<p>Im Einklang mit der Zinsanalyse zeigt der Mengenindikator Geldbasis eindrucksvoll, dass die Fed w\u00e4hrend der Krisenperiode einen weit expansiveren Kurs gefahren hat als in den Jahren zuvor. Das gilt auch dann, wenn man die Entwicklung der aus Vorsichtsgr\u00fcnden freiwillig gehaltenen, passiven Reserven der Banken ausklammert. Die entsprechend bereinigte, aktive Geldbasis ist in den Vereinigten Staaten w\u00e4hrend der Krisenperiode j\u00e4hrlich um durchschnittlich 7,2 Prozent gestiegen im Vergleich zu 5,0 Prozent in der vorangegangenen Siebenjahresperiode; vgl. Tabelle. Das kontrastiert bemerkenswert mit dem gegens\u00e4tzlichen Befund f\u00fcr die EZB. Sie hat es in demselben Zeitraum nicht vermocht, einen drastischen R\u00fcckgang des langfristigen Wachstums der aktiven Geldbasis von fr\u00fcher 8,0 auf 5,4 Prozent p.a. seit 2007 zu verhindern.<a title=\"\" href=\"#_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Das ist ein verheerendes Ergebnis. Man kann kaum umhin, den geldpolitischen Krisenkurs der EZB als faktisch kontraktiv zu kennzeichnen. Die EZB krebst vor sich hin. Das geringe langfristige Wachstum der aktiven Basisgeldmenge reflektiert die noch weit \u00e4rmlicheren Wachstumstrends der breit abgegrenzten Geldmenge M3 (2,8 Prozent) und der l\u00e4ngerfristigen Bankkreditgew\u00e4hrung an nichtfinanzielle Unternehmen und Privatpersonen (1,7 Prozent). <\/p>\n<p>Res\u00fcmee: Im Unterschied zur Fed ist es der EZB im Verlauf der siebenj\u00e4hrigen Krisenperiode 2007-14 nicht gelungen, einen hinreichend expansiven Kurs der Geldpolitik zu entwickeln, der das Ziel der Preisstabilit\u00e4t bewahrt, aber gleichzeitig die private Wirtschaftst\u00e4tigkeit anregt. Daf\u00fcr gibt es sicherlich eine Reihe von Gr\u00fcnden, f\u00fcr die die EZB nicht unmittelbar verantwortlich zu machen ist, wie etwa die sich unendlich hinziehenden Schuldenkrisen einiger Mitgliedstaaten der Eurounion oder die unzureichende Integration nationaler Bankensysteme und Finanzm\u00e4rkte. <\/p>\n<p>Aber es gibt einen grundlegenderen Sachverhalt: Die EZB hat nicht die Macht, die Finanzm\u00e4rkte nach Belieben zu fluten. Zur Illustration dieser These, sei zun\u00e4chst der Liquidit\u00e4tsschub der Periode 2008-12 betrachtet. <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>(2) Der Liquidit\u00e4tsschub 2008-12<\/b><\/p>\n<p>Verschiedene \u00d6konomen haben bis zur Jahreswende 2012\/13 gewarnt, dass es in der Eurounion zu einem Inflationsschub kommen k\u00f6nne. Warum das f\u00fcr m\u00f6glich gehalten wurde, l\u00e4sst sich mit einer Grafik verdeutlichen. Sie zeigt die Entwicklung der Geldbasen seit Anfang 2007 anhand monatlicher Daten, skaliert in Prozent der Niveaus von Januar 2007. Zur Erinnerung: Die Geldbasis oder Basisgeldmenge ist definiert als die Summe von Bargeldumlauf bei Nichtbanken und Banken plus Sichteinlagen der Banken bei der Notenbank. Die Sichteinlagen dienen in der Hauptsache dazu, der Verpflichtung zum Unterhalten von Mindestreserven auf die Kundeneinlagen nachzukommen. Die Verf\u00fcgbarkeit \u00fcber das Basisgeld bildet die Grundlage f\u00fcr die Geld- und Kreditsch\u00f6pfung des Gesch\u00e4ftsbankensystems. <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neum2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Geldbasen\" alt=\"Geldbasen\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neum2.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In Folge des Ausbruchs der Finanzkrise hatte die Fed nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers in einem einzigartigen Expansionsprozess daf\u00fcr gesorgt, dass die amerikanische Geldbasis innerhalb von nur drei Jahren \u2013 Herbst 2008 bis Mitte 2011 \u2013 verdreifacht wurde, hatte sie bis Ende 2012 auf diesem unerh\u00f6rten Niveau gehalten und hatte sie danach weiter ansteigen lassen. Die Geldbasis der EZB war in demselben Zeitraum weniger stark gestiegen, aber sie war immerhin mehr als verdoppelt worden, und zwar unter etwas selbstgef\u00e4lligem, weithin Beifall heischendem Bazooka-Get\u00f6se. <\/p>\n<p>Wer die Zahlen sah und auch nur etwas \u00fcber quantit\u00e4tstheoretische Zusammenh\u00e4nge gelernt hatte, musste sich damals fragen, was passieren w\u00fcrde, wenn diese Liquidit\u00e4tswogen, beispielsweise im Rahmen eines starken konjunkturellen Aufschwungs, virulent werden sollten. Die zus\u00e4tzliche Liquidit\u00e4t \u2013 sie entspricht in der Grafik der vertikalen Differenz zwischen den jeweiligen Kurven der gesamten und der aktiven Geldbasis \u2013 wurde angesichts damals sehr unsicherer Interbankbeziehungen von den Banken unter dem Vorsichtsmotiv als freiwillige Reserve<a title=\"\" href=\"#_ftn4\">[4]<\/a> auf den Notenbankkonten gehalten. Im R\u00fcckblick sieht die damalige Entwicklung heute nat\u00fcrlich weniger bedrohlich aus als sie damals erschien. In der Eurozone jedenfalls haben die Banken den Liquidit\u00e4tsexzess der EZB inzwischen fast vollst\u00e4ndig r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, indem sie das Volumen der Refinanzierung bei der EZB verringert haben. In den Vereinigten Staaten dagegen ist die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Liquidit\u00e4tsf\u00fclle noch voll erhalten. Darauf ist noch zur\u00fcckzukommen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>(3) Warum die EZB den monet\u00e4ren Prozess nicht nach Belieben steuern kann<\/b><\/p>\n<p>Ein Banken-Chefvolkswirt durfte k\u00fcrzlich in einer angesehenen Tageszeitung schreiben, es k\u00f6nne nicht zweifelhaft sein, dass Notenbanken, wie beispielsweise die Europ\u00e4ische Zentralbank, die Macht h\u00e4tten, die Geldmenge \u201ejederzeit in jeder gew\u00fcnschten Menge\u201c auszuweiten.<a title=\"\" href=\"#_ftn5\">[5]<\/a> \u00c2\u00a0Ja, so steht es in den Lehrb\u00fcchern, und es ist auch richtig, solange wir uns die Freiheit nehmen, von allen politischen, juristischen und technischen Beschr\u00e4nkungen zu abstrahieren, denen das Handeln von Notenbanken in der realen Welt unterliegt.<\/p>\n<p>Hier sei nur auf einen grundlegenden Unterschied zwischen Fed und EZB aufmerksam gemacht. Das ist die Technik der Geldemission. Die Fed bringt Basisgeld fast ausschlie\u00dflich in der Weise in Umlauf, dass sie Staatsanleihen erwirbt. Die Vergabe von Refinanzierungskredit an Gesch\u00e4ftsbanken spielt dagegen keine nennenswerte Rolle. Eine Ausnahme bildete die relativ kurze Periode der amerikanischen Bankenkrise 2008 \u2013 2010. Damals konnten sich die Banken f\u00fcr amerikanische Verh\u00e4ltnisse gro\u00dfz\u00fcgig bei der Fed refinanzieren. Der Anteil der sehr kurzlaufenden Refinanzierungskredite an der Geldbasis erreichte im Durchschnitt jener drei Jahre 17,1 Prozent und im Oktober 2008 sogar den Spitzenwert von 56,8 Prozent. Aber seit 2011 ist der Anteil der Refinanzierungskredite wieder rapide gefallen, und zwar schon 2013 auf weniger als ein Promille. Spiegelbildlich liegt der Anteil der Anleihebest\u00e4nde an der Geldbasis bei fast 100 Prozent. Die Fed kann die amerikanische Geldbasis leicht ausweiten, sie braucht nur weitere Staatsanleihen aufzukaufen. <\/p>\n<p>Anders als die Fed kann die EZB die Geldm\u00e4rkte nicht beliebig fluten, weil sie die Geldsch\u00f6pfung dominant \u00fcber die Vergabe von Refinanzierungskredit betreibt. Der Anteil dieser Kredite an der Geldbasis hat in den Jahren seit 2007 zwischen 40 und 70 Prozent geschwankt. Er liegt derzeit bei 55 Prozent, der Anteil der Netto-Auslandsaktiva bei 45 Prozent. Da die EZB die Repo-S\u00e4tze festsetzt und die zu diesen S\u00e4tzen von den Banken nachgefragten Kreditvolumina voll zuteilt, bestimmt die Bereitschaft der Banken, Notenbankkredit aufzunehmen, \u00fcber die H\u00f6he der Geldbasis. Bei einer geringen Zinselastizit\u00e4t der Nachfrage und einem Repo-Satz in der Hauptrefinanzierung von nur 0,15 Prozent kann auf diesem Weg keine nennenswerte Expansion der Geldbasis mehr erreicht werden. Die Zinssenkungspolitik der EZB ist praktisch ausgereizt, ihre Geldsch\u00f6pfungsmacht hat sich verfl\u00fcchtigt. <\/p>\n<p>Was kann die EZB vorausschauend tun, damit sie in der Zukunft die Basisgeldmenge ausdehnen kann, falls es notwendig werden sollte? Es wird zu pr\u00fcfen sein, wie zus\u00e4tzliche Wege der Geldemission gangbar gemacht werden k\u00f6nnen. Beispielsweise ist zu pr\u00fcfen, ob und wie der Ankauf von Auslandsaktiva erweitert werden k\u00f6nnte. Die EZB plant derzeit offenbar in anderer Richtung. Sie beabsichtigt, \u201egezielte l\u00e4ngerfristige Refinanzierungsgesch\u00e4fte\u201c mit Laufzeiten von bis zu vier Jahren und jederzeitiger R\u00fcckzahlbarkeit anzubieten, wobei den Banken individuelle Bietungsobergrenzen in Abh\u00e4ngigkeit von deren Kreditbest\u00e4nden bzw. Neukreditvergaben gesetzt werden sollen.<a title=\"\" href=\"#_ftn6\">[6]<\/a> Ob und wie die neuartigen Refinanzierungsgesch\u00e4fte zur L\u00f6sung des Grundproblems einer generell zu geringen Refinanzierungsnachfrage beitragen k\u00f6nnen, erschlie\u00dft sich nicht unmittelbar, sondern bedarf noch erheblicher \u00dcberzeugungsarbeit durch die EZB. Jedenfalls scheint eine Refinanzierungsb\u00fcrokratie zu drohen.<\/p>\n<p>Sollte man vielleicht in grundlegender ordnungspolitischer Kehrtwendung vermittels einer Ver\u00e4nderung der Vertr\u00e4ge es der EZB doch erlauben, wie die Fed nach Belieben Staatsanleihen zu erwerben? Gegen solche Monetisierung von Schulden der Mitgliedstaaten spricht viel, wie die Diskussion des OMT Anleihekaufprogramms gezeigt hat, und zwar im Rahmen einer multinationalen W\u00e4hrungsunion noch mehr als im Rahmen eines Nationalstaats.<a title=\"\" href=\"#_ftn7\">[7]<\/a> Vorzuziehen w\u00e4re jedenfalls das Kaufen von Auslandsaktiva und ebenso von privaten heimischen Aktiva, wie Industrieanleihen und m\u00f6glicherweise auch von Eigentumstiteln. Nur m\u00fcssten Filter vorgeschaltet werden, die die Notenbank hinreichend davor sch\u00fctzen, un\u00fcberschaubare private Risiken zu \u00fcbernehmen. \u00dcber geeignete Konstruktionen, beispielsweise Fondsl\u00f6sungen, ist nachzudenken, jedoch nicht an dieser Stelle, denn das hie\u00dfe ein neues Thema aufzumachen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Schlussbemerkung<\/b><\/p>\n<p>Halten wir fest: Solange die EZB das Basisgeld dominant \u00fcber Refinanzierungsgesch\u00e4fte in Umlauf bringt, ist sie darauf angewiesen, dass die Banken es lohnend finden mitzuspielen. Bei Kreditzinss\u00e4tzen, die kaum noch die Risiken abdecken, ist das immer weniger der Fall. Die EZB wird zu einer Institution ohne Gestaltungsmacht. Sie kann auf den Geld- und Kreditsch\u00f6pfungsprozess nicht mehr einwirken und damit auch nicht auf die Konjunkturentwicklung. Die Fed dagegen unterliegt keiner vergleichbaren Beschr\u00e4nkung ihrer Geldemission. Weil sie durch den fortw\u00e4hrenden Ankauf von Anleihen zur Staatsfinanzierung beitragen darf, kann sie faktisch dem Bankensystem so viel Basisgeld aufdr\u00e4ngen, wie sie will. <\/p>\n<p>Trotzdem ist auch die Gestaltungsmacht der Fed nicht unbegrenzt. Auch sie kann auf den Wirtschaftsprozess nicht mehr einwirken, wenn die Banken es vorziehen, das Basisgeld in gro\u00dfem Stil auf Konten der Fed zu bunkern anstatt es an die Wirtschaft auszuleihen. Zwei Zahlen m\u00f6gen die Gr\u00f6\u00dfe des Problems illustrieren: Die amerikanische Geldbasis betr\u00e4gt derzeit knapp 4,0 Billionen Dollar. Nur ein Drittel davon ist aktiv (rd. 1,4 Billionen Dollar), zwei Drittel liegen unbesch\u00e4ftigt auf Konten der Fed. Im Unterschied zu den Banken der Eurounion, k\u00f6nnen die amerikanischen Banken das \u00fcbersch\u00fcssige Geld nicht via Tilgen von Krediten an die Fed zur\u00fcckgeben, einfach weil sie bei ihr nicht verschuldet sind. Die Fed wird daher versuchen m\u00fcssen, in einem \u00fcber viele Jahre hinzuziehenden Prozess, den enormen \u00dcberhang an Basisgeldreserven durch fortw\u00e4hrendes Verkaufen von Anleihen allm\u00e4hlich abzubauen. <\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> Eine Zitatauswahl bietet A. Winkler in einem etwas bem\u00fchten Artikel gegen die ,Dauerkritik an der Europ\u00e4ischen Zentralbank\u201c\u02dc (Wirtschaftsdienst, 94(7), Juli 2014, S. 483.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\">[2]<\/a> Bank f\u00fcr Internationalen Zahlungsausgleich, 84. Jahresbericht 2013\/14, Basel Juni 2014.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\">[3]<\/a> Dabei ist ber\u00fccksichtigt, dass der Expansionsgrad der Geldbasis Anfang 2012 durch Herabsetzung der Mindestreserves\u00e4tze um rd. 100 Milliarden Euro verst\u00e4rkt wurde.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref4\">[4]<\/a> \u00dcberschussreserven einschlie\u00dflich Einlagefazilit\u00e4t.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref5\">[5]<\/a> Thorsten Polleit, Das Feigenblatt der EZB, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 28.7.2014.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref6\">[6]<\/a> Vgl. \/\/www.bundesbank.de\/Redaktion\/DE\/Themen\/2014\/2014_06_05_ezb-rat_beschliesst_umfangreiche_geldpolitische_massnahmen.html<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref7\">[7]<\/a> Vgl. dazu M.J.M. Neumann, Die notwendigen Grenzen der Geldpolitik, Frankfurter Allgemeine Zeitung v. 23.05.2014.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit l\u00e4ngerem haben Wissenschaftler, Journalisten und Banker vor einer weltweit zu expansiven Geldpolitik gewarnt,[1] und im Unterschied zu ihrem Vorg\u00e4nger Ben Bernanke spricht Janet Yellen, &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15401\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie gro\u00dfe Illusion von Expansion<br \/><font size=3; color=grey>Zur Geldpolitik der EZB<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":167,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,8,33,12],"tags":[1644,121,618,82,1329,165,196,141,416],"class_list":["post-15401","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-europaisches","category-makrooekonomisches","category-monetares","tag-expansion","tag-ezb","tag-fed","tag-finanzkrise","tag-geldbasis","tag-geldmenge","tag-geldpolitik","tag-inflation","tag-schuldenkrise"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Die gro\u00dfe Illusion von ExpansionZur Geldpolitik der EZB - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15401\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Die gro\u00dfe Illusion von ExpansionZur Geldpolitik der EZB - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Seit l\u00e4ngerem haben Wissenschaftler, Journalisten und Banker vor einer weltweit zu expansiven Geldpolitik gewarnt,[1] und im Unterschied zu ihrem Vorg\u00e4nger Ben Bernanke spricht Janet Yellen, &hellip; \u201eDie gro\u00dfe Illusion von ExpansionZur Geldpolitik der EZB\u201c weiterlesen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15401\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2014-08-18T23:01:58+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2025-08-01T05:08:07+00:00\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Manfred J.M. 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