{"id":15458,"date":"2014-09-02T00:01:22","date_gmt":"2014-09-01T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15458"},"modified":"2014-09-26T15:05:52","modified_gmt":"2014-09-26T14:05:52","slug":"die-umverteilungseffekte-der-geldpolitischen-rettungsaktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15458","title":{"rendered":"Die Umverteilungseffekte geldpolitischer Rettungsaktionen"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>(&#8230;) mit jeder Gew\u00e4hrung v\u00f6lliger Sicherheit an eine Gruppe (wird) die Unsicherheit der \u00fcbrigen notwendigerweise gr\u00f6\u00dfer (&#8230;). Garantiert man jemand eine bestimmte Menge eines Kuchens von ver\u00e4nderlicher Gr\u00f6\u00dfe, so mu\u00df notwendig der Anteil, der f\u00fcr alle anderen \u00fcbrig bleibt, verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig st\u00e4rkeren Schwankungen unterworfen sein als die wechselnde Gr\u00f6\u00dfe des ganzen Kuchens.&#8220; Friedrich August von Hayek (1944)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Wir m\u00fcssen den Zentralbanken dankbar sein! Im Get\u00f6se st\u00fcrmischer Finanzmarktkrisen retten Yellen, Draghi, Kuroda und Co., was noch zu retten ist. Der gro\u00dfe Krach, der im Zuge unkontrollierbarer Ansteckungseffekte den schmerzhaften Verlust von unz\u00e4hligen Arbeitspl\u00e4tzen nach sich ziehen w\u00fcrde, wird abgewendet. Zur allgemeinen Beruhigung vernehmen wir, dass trotz aufgeblasener Zentralbankbilanzen das Primat der Preisstabilit\u00e4t nicht verletzt wurde. In allen gro\u00dfen Volkswirtschaften (Japan, USA, Euroraum) liegen die Inflationsraten auf historisch niedrigen Tiefst\u00e4nden (Bernanke 2014, Draghi 2014). Unser Wohlstand und die politische Stabilit\u00e4t scheinen gesichert. Der Zwang zum unpopul\u00e4ren Sparen in der Krise scheint abgewendet.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>In diesem von der Geldpolitik getragenen Umfeld der Stabilit\u00e4t ger\u00e4t in Vergessenheit, dass die Preisstabilit\u00e4t nur ein Zwischenziel von Zentralbankunabh\u00e4ngigkeit und geldpolitischen Regeln ist. Eigentlich sollen destabilisierende Lohn-Preis-Spiralen und willk\u00fcrliche Umverteilungseffekte vermieden werden. Die wachstums- und reallohnsenkende Wirkung einer zu expansiven Geldpolitik hatte sich in der industrialisierten Welt zuletzt in der Stagflation der 1970er Jahre gezeigt, als die von politisch beeinflussten Zentralbanken angestrebte \u00dcberraschungsinflation nicht den von der Phillips-Kurve versprochenen Abbau der Arbeitslosigkeit brachte. Die Umverteilungseffekte der Inflation waren in Europa insbesondere mit der deutschen Hyperinflation der 1920er Jahre sehr deutlich geworden. Seither bestehen wenig Zweifel, dass bei Inflation der Staat und die Halter von realen Verm\u00f6genswerten profitieren, w\u00e4hrend die Zeche der Sparbuchsparer zahlt.<\/p>\n<p>Irritierend ist, dass in den gro\u00dfen Industriel\u00e4ndern (und weit dar\u00fcber hinaus) trotz stabiler Konsumentenpreisniveaus sowohl wachsende Einkommensungleichheit als auch Reallohnrepression immer deutlicher werden. In Japan, wo seit dem Platzen der Blase Ende 1989 keynesianische Konjunkturpakete, Zinssenkungen gegen Null und immer gr\u00f6\u00dfere Runden unkonventioneller Geldpolitik die Krise bek\u00e4mpfen, f\u00e4llt das reale Lohnniveau seit fast 20 Jahren (Schnabl 2013). Auch in Europa und den USA sind (mit Ausnahme Deutschlands) die Lohnperspektiven bis auf weiteres eingetr\u00fcbt. In allen gro\u00dfen Industriel\u00e4ndern hat sp\u00e4testens seit den 1990er Jahren die Einkommensungleichheit deutlich zugenommen. Der Anteil der Einkommen bzw. der Verm\u00f6gen, die von den obersten Einkommens- bzw. Verm\u00f6gensgruppen bezogen bzw. gehalten werden, ist deutlich gewachsen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die zunehmende Verteilungsungerechtigkeit in den Industriel\u00e4ndern meist ungez\u00fcgeltem Finanzmarktkapitalismus zugeschrieben wird, bleibt die Rolle der geldpolitischen Rettungsaktionen f\u00fcr <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12684\">Umverteilungseffekte<\/a> weitgehend unbeachtet. Auch Draghi (2014) und Bernanke (2014) gehen in ihren Bewertungen geldpolitischer Erfolge erst gar nicht auf wachsende Ungleichheit ein. Der Einfluss der geldpolitischen Finanzmarktstabilisierung auf die Verteilung der Einkommen liegt darin begr\u00fcndet, dass Verm\u00f6genswerte wie Aktien und Immobilien (die besonders sensibel auf billige Zentralbankliquidit\u00e4t reagieren) ungleich \u00fcber die Bev\u00f6lkerung verteilt sind. Die aus dem Anstieg von Verm\u00f6genspreisen realisierten Gewinne flie\u00dfen \u00fcberwiegend kleinen Eliten (z.B. in Form von exorbitanten Bonuszahlungen) zu. Platzen die Blasen, w\u00fcrde ohne Intervention der Zentralbanken die urspr\u00fcngliche Verteilung wieder hergestellt, da die Verm\u00f6genspreise fallen. Doch diese werden durch Zinssenkungen und unkonventionelle Geldpolitik auf hohem Niveau gehalten. Der Umverteilungseffekt zugunsten der oberen Einkommens- und Verm\u00f6gensklassen wird zementiert und neue Umverteilungsrunden eingeleitet.<\/p>\n<p>Die Abbildung zeigt diesen Effekt f\u00fcr die USA. Auf der linken Achse ist die Preisentwicklung auf dem US-Aktienmarkt (NYSE) abgetragen, auf der rechten Achse der Anteil der Top-1%-Einkommen am gesamten Einkommen der Volkswirtschaft (einschlie\u00dflich Kapitaleinkommen). Die Korrelation zwischen beiden Gr\u00f6\u00dfen ist seit Mitte der 1990er Jahre deutlich. Der japanische Aktienindex in der Abbildung zeigt, dass die Umverteilungseffekte von spekulativen Wellen auf globalisierten Finanzm\u00e4rkten nicht zwingend an L\u00e4ndergrenzen haltmachen. Die h\u00f6chsten Einkommensschichten in den USA scheinen bereits in den sp\u00e4ten 1980er Jahren von der spekulative Blase auf dem japanischen Aktienmarkt profitiert zu haben. Seit 1987, als Alan Greenspan das Amt als Pr\u00e4sident der Federal Reserve Bank \u00fcbernahm und eine Geldpolitik einleitete, die vornehmlich der Stabilisierung der Finanzm\u00e4rkte dient, ist der Anteil der Top 1% am Gesamteinkommen in den USA von ca. 13% auf knapp 22% angestiegen. \u00c4hnliche Entwicklungen d\u00fcrften auch in den meisten anderen Industriel\u00e4ndern stattgefunden haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/schnablaktien.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Aktien und Einkommensverteilung\" alt=\"Aktien und Einkommensverteilung\" src=\"\/wordpress\/bilder\/schnablaktien.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die These, dass uns Zentralbanken einen Dienst erweisen, indem sie in Krisen die Finanzm\u00e4rkte stabilisieren, muss deshalb differenziert betrachtet werden. Dies gilt insbesondere auch deshalb, da Leitzinssenkungen gegen Null und das Aufblasen der Zentralbankbilanzen mit stagnierendem realem Output einhergehen. Da das zu verteilende Volkseinkommen nicht gr\u00f6\u00dfer wird, m\u00fcssen die absoluten Einkommensgewinne privilegierter Einkommensschichten durch absolute Einkommensverluste niedrigerer Einkommensgruppen kompensiert werden. Die \u00dcberw\u00e4lzungskan\u00e4le sind vielf\u00e4ltig. Unter anderem werden die Renditen von risikoarmen Anlageformen wie Spareinlagen und Staatsanleihen, die oft von der Mittelschicht gehalten werden, gegen Null gedr\u00fcckt. Der wichtigste Kanal ist in vielen L\u00e4ndern jedoch die Reallohndepression. Da die Finanzkrisen (und von \u00fcberschw\u00e4nglichen Boomphasen auf den Finanzm\u00e4rkten ausgel\u00f6ste \u00f6ffentliche Ausgabenabenteuer) die Staatsverschuldung nach oben treiben, sehen sich Regierungen in Folge der Krise gezwungen, die Lohnerh\u00f6hungen im \u00f6ffentlichen Sektor gering zu halten. Der \u00f6ffentlichen Austerit\u00e4t folgt Lohnzur\u00fcckhaltung im privaten Sektor.<\/p>\n<p>Im Ergebnis werden die weithin der Inflation zugeschriebenen negativen Umverteilungs- und Reallohneffekte auch ohne Konsumentenpreisinflation \u00fcber den Umweg von Boom-und-Krisen-Zyklen auf den Finanzm\u00e4rkten erreicht. Der Hinweis der Zentralbankpr\u00e4sidenten, dass mit niedrigen Inflationsraten und Finanzmarktstabilit\u00e4t ihr Mandat erf\u00fcllt sei, wirkt aus dieser Perspektive ersch\u00fctternd. Eine Geldpolitik, die seit Mitte der 1980er Jahre hinter dem Feigenblatt geringer Inflation die Finanzm\u00e4rkte inflationiert, dient nicht dem Wohlstand des Volkes, sondern dem Luxus kleiner Eliten. Es gilt Hayeks (1944) Erkenntnis, dass die Sicherung von Einkommen f\u00fcr eine Bev\u00f6lkerungsgruppe unweigerlich mit h\u00f6herem Risiko und Einkommensverlusten f\u00fcr andere Bev\u00f6lkerungsgruppen verbunden ist. Der Mindestlohn, der diesem Effekt f\u00fcr untere Einkommensschichten zu mindern sucht, wird dazu beitragen, dass die Risiken f\u00fcr die Mittelschicht weiter steigen werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Bernanke, Ben (2014), \u201c\u02dcThe Federal Reserve: Looking Back, Looking Forward\u2019, Speech at the Annual Meeting of the American Economic Association, Philadelphia, Pennsylvania, 3 January 2014.<\/p>\n<p>Draghi, Mario (2014), Introductory Statement to the Press Conference (with Q&amp;A), Frankfurt am Main, 9 January 2014.<\/p>\n<p>Hayek, Friedrich August von (1944), Der Weg zur Knechtschaft. Reprint von 2011. Olzog Verlag, M\u00fcnchen.<\/p>\n<p>Schnabl, Gunther (2013), Die japanischen Lehren f\u00fcr die europ\u00e4ische Krise. Zeitschrift f\u00fcr Wirtschaftspolitik 62, 1, 1-22.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(&#8230;) mit jeder Gew\u00e4hrung v\u00f6lliger Sicherheit an eine Gruppe (wird) die Unsicherheit der \u00fcbrigen notwendigerweise gr\u00f6\u00dfer (&#8230;). 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