{"id":155,"date":"2008-09-08T05:52:02","date_gmt":"2008-09-08T04:52:02","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=155"},"modified":"2008-09-08T05:52:02","modified_gmt":"2008-09-08T04:52:02","slug":"gastbeitrag-rationalitaet-auf-dem-markt-irrationalitaet-in-der-politik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=155","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag: <\/small><br\/>Rationalit\u00e4t auf dem Markt, Irrationalit\u00e4t in der Politik ?"},"content":{"rendered":"<p>Wenn man von den durchaus vorhandenen fachinternen Unterschieden\u00c2\u00a0mal absieht, dann gehen die meisten Wirtschaftswissenschaftler von der Rationalit\u00e4tspr\u00e4misse aus, wonach Menschen versuchen, die Handlungsfolgen abzusch\u00e4tzen und sich zumindest um Nutzenmaximierung bem\u00fchen. Ob sich die verhaltenstheoretische Psychologie mehr im Jargon oder auch in der Substanz von diesem Menschenbild unterscheidet, dar\u00fcber kann man streiten. Klinische oder Tiefenpsychologen begegnen diesem Menschenbild mit einer Mischung aus Skepsis und Entsetzen \u00fcber die Realit\u00e4tsferne der Pr\u00e4misse. Soziologen neigen dazu, die Einfl\u00fcsse von sozialen Normen und Mitmenschen auf Handlungen hervorzuheben. Seit den sp\u00e4ten 1950er Jahren kann man beobachten, dass das \u00f6konomische Menschenbild vor allem in Amerika auf die benachbarten Sozialwissenschaften \u00fcbergreift, zun\u00e4chst mit der \u00f6konomischen Demokratietheorie auf die Politikwissenschaft, sp\u00e4ter auch auf die Soziologie. Der immer noch anhaltende Siegeszug des \u00f6konomischen Menschenbildes wird von der Merkw\u00fcrdigkeit begleitet, dass experimentelle Studien Evidenz daf\u00fcr geliefert haben, dass dieses Menschenbild nicht ganz stimmt und der Modifikation bedarf. Bisher sieht es allerdings so aus, als ob man einigerma\u00dfen unfassende sozialwissenschaftliche Theorien nur auf einem stark vereinfachten Menschenbild aufbauen kann. Der ,homo oeconomicus\u2019 besticht durch die Einfachheit des Menschenbildes, das auf\u00c2\u00a0 Eigennutz und Maximierungsversuch aufbaut.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zentralbegriff der ,alten\u2019 \u00f6konomischen Demokratietheorie ist die rationale Ignoranz. Weil die eigene Stimme in der Massendemokratie fast gar keinen Einfluss auf das Wahlergebnis und die daraus folgende Politik hat, lohnt es sich f\u00fcr den ,homo oeconomicus\u2019 nicht, Informationskosten auf sich zu nehmen. Was an Informationen aufgenommen wird, das h\u00e4ngt eher vom Unterhaltungswert der Nachricht als von deren Bedeutung ab. Im amerikanischen Wahlkampf wussten viele W\u00e4hler zwar, wie Bushs Hund hei\u00dft, aber kaum etwas \u00fcber das Programm des Kandidaten. Wenn die eigene Stimme in einem Millionenmeer von anderen Stimmen versinkt, dann ist Ignoranz auch vern\u00fcnftig.<\/p>\n<p>Nur bei Partikularinteressenten wird die Ignoranz \u00fcberwunden. Bauern wissen \u00fcber Agrarsubventionen, Bergarbeiter \u00fcber Steinkohlesubventionen, Unternehmer \u00fcber steuerliche Abschreibungsm\u00f6glichkeiten und Studenten \u00fcber Studiengeb\u00fchren viel besser als der Rest der W\u00e4hlerschaft Bescheid. Wenn nur Partikularinteressenten halbwegs informiert sind, die Masse der nur indirekt als Steuerzahler oder Konsumenten betroffenen B\u00fcrger aber fast gar nicht, dann lohnt es sich f\u00fcr Politiker, die ja gew\u00e4hlt werden wollen, bei jeder spezifischen Politik, sich weitgehend den W\u00fcnschen der betroffenen und informierten Minderheiten zu unterwerfen, f\u00fcr diese sp\u00fcrbare und m\u00f6glichst gro\u00dfe Vorteile durchzusetzen \u2013 auch und gerade zulasten schlecht oder gar nicht informierter Mehrheiten. Wer nichts wei\u00df, kann nicht intelligent w\u00e4hlen. Die Kosten der Umverteilung k\u00f6nnen f\u00fcr viele wenig Belastete zwar einzeln gering, aber in der Summe doch sehr hoch werden. Ineffizienz ist in dem Sinne m\u00f6glich, dass die Summe der Verluste die Summe der Verg\u00fcnstigungen weit \u00fcbertrifft. Rationale Ignoranz bei den W\u00e4hlern erzwingt also eine schlechte Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p>Diese jedenfalls innerhalb der \u00f6konomischen Theorie der Politik ,klassische\u2019 Auffassung stellt ein amerikanischer \u00d6konom mit seinem Buch \u00fcber den Mythos des vern\u00fcnftigen \u2013 und deshalb rational ignoranten \u2013 W\u00e4hlers infrage. Die Wirklichkeit ist viel schlimmer: Menschen sind Schafsk\u00f6pfe, wie auf dem Umschlag plastisch illustriert wird. Wie die alte \u00f6konomische Theorie der Politik stellt Caplan nicht infrage, dass Menschen sich auf dem Markt viel vern\u00fcnftiger als in der Politik verhalten. Aber die menschliche Unvernunft in der Politik beruht nicht nur auf Informationskosten und unserer Scheu diese zu tragen und den daraus resultierenden Durchsetzungschancen von Interessengruppen, sondern auf einer weit verbreiteten Neigung, gef\u00fchlsm\u00e4\u00dfig Meinungen zu wirtschaftspolitischen Sachverhalten zu entwickeln (z.B. eine Pr\u00e4ferenz f\u00fcr gerechte statt f\u00fcr Knappheitspreise) und kritische Auseinandersetzungen mit diesen zu vermeiden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Caplan ist Irrationalit\u00e4t der Normalfall der ,conditio humana\u2019 und das Auftauchen von rationalen Handlungen bei Menschen an spezifische Bedingungen gebunden. Ohne Anreize gibt es keine Rationalit\u00e4t. Nach Caplan handeln wir nur dann rational, wenn die negativen Auswirkungen unserer Entscheidungen f\u00fcr uns selbst uns zum Aufbau eines realistischen Weltbildes zwingen. Auch wer die markt\u00fcbliche Entlohnung als ungerecht empfindet, wird sich bei Verhandlungen mit potenziellen Arbeitgebern an markt\u00fcblichen L\u00f6hnen orientieren m\u00fcssen, also an der Realit\u00e4t von Knappheitsverh\u00e4ltnissen. In der Wirtschaft ist Anpassungszwang an die Realit\u00e4ten der Normalfall. Anders in der Politik und vor allem bei Wahlen. Die Folgen der eigenen Stimmabgabe eines W\u00e4hlers sind in der Massendemokratie erstens kaum nachweisbar und betreffen zweitens vorwiegend andere. Die Kosten irrationaler Entscheidungen werden verteilt. Selbst wenn man leidet, dann doch mehr an der Irrationalit\u00e4t der Wahlen entscheidenden Anderen als an den Folgen der eigenen Irrationalit\u00e4t. Unter diesen Bedingungen bleibt man irrational. Caplan etikettiert seine Perspektive als ,rationale Irrationalit\u00e4t\u2019, weil es vern\u00fcnftig ist, irrational zu bleiben statt die Rationalit\u00e4tskosten (an Wohlbefinden) zu tragen, wenn man nichts davon hat.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Caplans Menschenbild zeichnet sich durch noch eine andere Abweichung vom \u00fcblichen \u00f6konomischen Menschenbild aus. Er unterstellt uns Menschen nicht durchg\u00e4ngig Eigennutz-Orientierung, allerdings einen Zusammenhang von Eigennutz-Orientierung und Rationalit\u00e4t. Nur dann, wenn das Handeln nach Weltbildern, mit denen wir uns wohl f\u00fchlen, negative R\u00fcckwirkungen auf uns selbst hat, bem\u00fchen wir uns um rationalistischer Weltbilder und rationales Handeln. In der kapitalistischen Wirtschaft ist das der Regelfall, in der demokratischen Politik eher selten. Mangels Rationalit\u00e4tsdruck entwickelt der Durchschnittsw\u00e4hler nach Caplan noch nicht einmal eine Eigennutz-Orientierung! Hier leisten wir Menschen uns eine gedankenlose Gemeinwohlorientierung, ein oberfl\u00e4chliches Gutmenschentum. Wo ein Umlageverfahren der Rentenfinanzierung vorherrscht, ist die politische Unterst\u00fctzung der Altersrenten fast unabh\u00e4ngig vom Alter. Wo es sozialstaatliche Umverteilung gibt, bleibt (immer nach Caplan) die Wahlentscheidung fast unabh\u00e4ngig vom Einkommen, also davon ob man eher zu den Gewinnern oder Verlierern der Umverteilung geh\u00f6rt. Zumindest mit amerikanischen Umfragedaten wird das recht gut belegt.<\/p>\n<p>Mit Umfragen unter amerikanischen \u00d6konomen und sonstigen Wahlberechtigten lassen sich auch systematische Unterschiede in der Beurteilung wirtschaftspolitischer Fragen nachweisen. Wenn man Caplan darin folgt, die Fachleute als Rationalit\u00e4tsstandard zu akzeptieren, dann neigen die W\u00e4hler systematisch dazu, die Leistungsf\u00e4higkeit von M\u00e4rkten und Preisen, die Vorteile des freien Handels mit Ausl\u00e4ndern und des technologischen Wandels, wenn dieser Arbeitspl\u00e4tze zu kosten scheint (die aber\u2013 wie die Fachleute wissen \u2013 anderswo neu entstehen), zu untersch\u00e4tzen. Die W\u00e4hler neigen auch mehr als die Fachleute zur Zukunftsangst.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Unter dem Druck der irrational-altruistischen W\u00e4hler m\u00fcssen die Politiker nach Caplan eine interventionistische, protektionistische und unrentable Arbeitspl\u00e4tze konservierende Wirtschaftspolitik betreiben. Rationalit\u00e4t im Sinne von Offenheit f\u00fcr \u00f6konomische Beratung wird nur dann m\u00f6glich, wenn die W\u00e4hler ihre Stimme nicht nur nach Konformit\u00e4t der Politiker mit ihren eigenen unrealistischen Vorstellungen abgeben, sondern wenn die W\u00e4hler die Politiker auch nach dem Wohlstandsgewinn oder Wohlstandsverlust beurteilen. Dann stecken die Politiker in der Klemme: Wenn sie den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der W\u00e4hler folgen, dann wird das Wohlstandsziel verfehlt und die Politiker werden deshalb abgestraft. Wenn die Politiker dagegen versuchen, das Wohlstandsziel mit nach Meinung der Fachleute geeigneten Mitteln zu erreichen, dann riskieren sie, dass die W\u00e4hler ihre Politik als ,ungerecht\u2019 einstufen. Politiker m\u00fcssen diese Risiken abw\u00e4gen. Versuchungen zur Heuchelei entstehen. Au\u00dferdem ist zu ber\u00fccksichtigen, dass die Glaubw\u00fcrdigkeit von Politikern m\u00f6glicherweise steigt, wenn ihnen die Distanz zu den Einsichten der Fachleute besonders leicht f\u00e4ll. In diesem Zusammenhang weist Caplan darauf hin, dass es im amerikanischen Kongress sehr viel mehr Juristen als \u00d6konomen gibt.<\/p>\n<p>Bemerkenswert wegen der unorthodoxen Schlussfolgerung ist noch der Befund, dass der durchschnittliche W\u00e4hler formal gebildeter als der durchschnittliche Nichtw\u00e4hler ist, dass formal Gebildete weniger stark als Ungebildete von der Meinung der Fachleute abweichen \u2013 nebenbei nicht nur in Wirtschaftsfragen, sondern auch in der Toxikologie. Wenn das so ist, dann bedeuten niedrigere Wahlbeteiligungen verbesserte Chancen f\u00fcr Vernunft in der Politik. Weil die Menschen als W\u00e4hler nach Caplan gedankenlose Altruisten und nicht etwa k\u00fchle Rechner sind, ist auch nicht zu bef\u00fcrchten, dass die besser gebildeten und besser verdienenden W\u00e4hler systematisch eine Politik zulasten der schlechter gebildeten und schlechter verdienenden Nichtw\u00e4hler bef\u00fcrworten.\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Das Buch liefert eine neue Perspektive f\u00fcr die Demokratieforschung, f\u00fcr die Politische \u00d6konomie und sogar f\u00fcr die Sozialwissenschaften \u00fcberhaupt. Die politische Stossrichtung ist nicht etwa die Bef\u00fcrwortung der Neutralit\u00e4t zwischen Demokratie und Autokratie, sondern \u2013 typisch \u00f6konomisch \u2013 die Bef\u00fcrwortung eigenn\u00fctzigen Markthandelns als eine Art dritter Weg zwischen Demokratie und Autokratie. Sicher wird es massive Kritik an diesem Buch aus vielen Richtungen geben. Aber ich bin davon \u00fcberzeugt, dass man bald viele sozialwissenschaftliche Probleme nicht mehr in Unkenntnis von Caplans Herausforderung wird diskutieren k\u00f6nnen.\u00c2\u00a0<br \/>\n\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0<\/p>\n<p>Bryan Caplan: The Myth of the Rational Voter. Why Democracies Choose Bad Policies. Princeton University Press, Princeton, NJ 2007, 276 S., 29,95 US-Dollar.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn man von den durchaus vorhandenen fachinternen Unterschieden\u00c2\u00a0mal absieht, dann gehen die meisten Wirtschaftswissenschaftler von der Rationalit\u00e4tspr\u00e4misse aus, wonach Menschen versuchen, die Handlungsfolgen abzusch\u00e4tzen und &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=155\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<small>Gastbeitrag: <\/small><br \/>Rationalit\u00e4t auf dem Markt, Irrationalit\u00e4t in der Politik ?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":31,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,31],"tags":[],"class_list":["post-155","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-politisches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Gastbeitrag: Rationalit\u00e4t auf dem Markt, Irrationalit\u00e4t in der Politik ? 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