{"id":15529,"date":"2014-09-18T00:01:27","date_gmt":"2014-09-17T23:01:27","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15529"},"modified":"2014-09-18T05:48:34","modified_gmt":"2014-09-18T04:48:34","slug":"lohngefaelle-und-bildung-in-der-offenen-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15529","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Ungleichheit heute (25)<\/font><br\/>Lohngef\u00e4lle und Bildung in der offenen Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p>Eine ganze Reihe von Studien \u00fcber die Verm\u00f6gensverteilung in Deutschland, Europa und der Welt hat in diesem Jahr die Gem\u00fcter erhitzt. Vermutlich von h\u00f6herer sozialer Brisanz ist aber eine andere Verteilung, und zwar die <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656\">Verteilung der L\u00f6hne<\/a> in Abh\u00e4ngigkeit von Bildung und Qualifikation. Hier spielt ein zumindest gro\u00dfer Teil der Musik, und das hat mehrere Gr\u00fcnde: Erstens werden rund 90 Prozent der Einkommen in Deutschland aus Arbeit erzielt, und der Bildungshintergrund bestimmt in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00df deren H\u00f6he. Zweitens aber sagt das Lohngef\u00e4lle etwas \u00fcber den Offenheitsgrad einer Gesellschaft aus, \u00fcber die Chancengleichheit junger Menschen und \u00fcber deren Zugang zu den M\u00f6glichkeiten, die unsere Gesellschaft grunds\u00e4tzlich bieten. Daran gemessen ist die gesellschaftliche Bedeutung der Verm\u00f6gensverteilung eher zweitrangig.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Nach der soeben erschienenen OECD-Studie \u201eBildung auf einen Blick\u201c verdienten Arbeitnehmer mit einer terti\u00e4ren Bildung (Hochschule, Fachhochschule, Meisterschule) etwa 75 Prozent mehr als Arbeitnehmer mit der Sekundarstufe II als dem h\u00f6chsten Bildungsabschluss und sogar rund doppelt so viel wie Arbeitnehmer mit einem h\u00f6chsten Bildungsabschluss unterhalb der Sekundarstufe II. Das entspricht in etwa dem Durchschnitt der OECD-L\u00e4nder, wobei die Lohnspreizung in Chile am gr\u00f6\u00dften ist, w\u00e4hrend sie in den skandinavischen L\u00e4ndern sowie in Belgien Estland und Neuseeland am geringsten ausf\u00e4llt. Aber auch in diesen letzten L\u00e4ndern sprechen wir noch von einem Lohnabstand der Arbeitnehmer mit terti\u00e4rer Ausbildung von ann\u00e4hernd 50 Prozent gegen\u00fcber jenen mit einem Sekundarstufe II-Abschluss und rund 70 Prozent gegen\u00fcber jenen mit einem Abschluss unterhalb der Sekundarstufe II. Damit hat sich die Lohnspreizung innerhalb der letzten Dekade noch einmal sehr deutlich vergr\u00f6\u00dfert, vor allem in Deutschland, wo der Abstand zwischen dem terti\u00e4ren Abschlusses gegen\u00fcber dem der Sekundarstufe II im Jahre 2000 noch bei 45 Prozent gegen\u00fcber den heutigen 75 Prozent lag.<\/p>\n<p>Auch die Chancen am Arbeitsmarkt sind dramatisch unterschiedlich. Erwachsene mit einem h\u00f6chsten Abschluss unterhalb der Sekundarstufe II wiesen 2012 in Deutschland eine spezifische Erwerbslosenquote von 12,8 Prozent auf. Oberhalb der Sekundarstufe II, aber unterhalb einer terti\u00e4ren Bildung waren es 5,3 und mit terti\u00e4rer Bildung noch ganze 2,4 Prozent. Das gleiche Bild ergibt sich f\u00fcr die OECD insgesamt und f\u00fcr Industriel\u00e4nder wie Frankreich oder die USA, wenngleich dort krisenbedingt das Niveau aller Erwerbslosenquoten im Jahr 2012 h\u00f6her war.<\/p>\n<p>Mit dem Bildungsabschluss also werden die Erwerbschancen und Einkommensh\u00f6hen bestimmt. Diese Entwicklung h\u00e4lt in den USA bereits seit Ende der 1980er Jahre an und damit schon eine ganze Generation. In Kontinentaleuropa setzte die Entwicklung bei den L\u00f6hnen etwas sp\u00e4ter ein, bei den Erwerbschancen allerdings ebenfalls so fr\u00fch wie in den Vereinigten Staaten. Dabei wird die Entwicklung eher noch untertrieben, denn zur gleichen Zeit hatten wir einen deutlichen Anstieg der Bev\u00f6lkerungsanteile mit terti\u00e4rer Bildung, und auch das gilt f\u00fcr alle OECD-L\u00e4nder, wenngleich mit unterschiedlicher Akzentuierung. Daran \u00e4ndert auch die Tatsache nichts grunds\u00e4tzliches, dass die Messung der Bildungsabschl\u00fcsse gerade mit Blick auf das spezifische duale Ausbildungssystem in Deutschland umstritten ist. Im Gegenteil: W\u00fcrden diese deutschen Besonderheiten st\u00e4rker ber\u00fccksichtigt, so w\u00fcrde sich der Trend zu h\u00f6herer Bildung statistisch bei uns noch deutlicher niederschlagen.<\/p>\n<p>Wie erkl\u00e4rt sich das Bild? Rein formal sagt man nichts falsches, wenn man die Entwicklung auf eine Ver\u00e4nderung der relativen Nachfrage nach hochqualifizierten Erwerbst\u00e4tigen im Vergleich zu deren relativem Angebot zur\u00fcckf\u00fchrt. Die relative Nachfrage ist dabei die Nachfrage nach Arbeitsleistungen hochqualifizierter Erwerbst\u00e4tiger gegen\u00fcber der Nachfrage nach Arbeitsleistungen geringqualifizierter Erwerbst\u00e4tiger. Steigt diese relative Nachfrage, dann treibt das den Lohnsatz der hochqualifizierten im Vergleich zu jenem der geringqualifizierten Arbeitnehmer an und umgekehrt. Ganz analog gilt, dass auch das relative Angebot f\u00fcr die Entwicklung verantwortlich sein kann. Dies steigt, wenn die Zahl der hochqualifizierten im Vergleich zur Zahl der geringqualifizierten Arbeitnehmer steigt. Sehen wir uns das Ganze in einer kleinen Tabelle an:<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/relativapolte.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Relativlohn\" alt=\"Relativlohn\" src=\"\/wordpress\/bilder\/relativapolte.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In der Tabelle finden wir den Relativlohn <i>R<\/i> unter den jeweiligen Bedingungen eines steigenden oder sinkenden relativen Angebotes oder einer steigenden oder sinkenden relativen Nachfrage wieder. Der Relativlohn <i>R<\/i> gibt das Verh\u00e4ltnis des Lohns hochqualifizierter geteilt durch den Lohn geringqualifizierter Besch\u00e4ftigter an. Und nun k\u00f6nnen wir uns alle vier F\u00e4lle sowie m\u00f6gliche Kombinationen davon ansehen. Zun\u00e4chst einmal sto\u00dfen wir auf einen paradoxen Befund: Wie schon angemerkt, ist der Anteil der hochqualifizierten Besch\u00e4ftigten in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger kontinuierlich gestiegen, was mit einem Anstieg des relativen Angebots hochqualifizierter Arbeit einhergeht. Nach unserer Tabelle f\u00fchrt das aber zu einem Absinken des Relativlohnes, w\u00e4hrend er in Wirklichkeit gestiegen ist. Dieses Paradoxon l\u00e4sst sich nur aufl\u00f6sen, wenn die relative Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit in derselben Zeit so stark gestiegen ist, dass sie den Effekt des gestiegenen relativen Angebotes mehr als ausgleichen konnte. Der Grund unseres Ph\u00e4nomens muss also auf der Nachfrageseite liegen; es muss die relative Nachfrage nach hochqualifizierten Kr\u00e4ften gestiegen sein.<\/p>\n<p>Rein formal ist das wie gesagt plausibel. Aber womit l\u00e4sst sich dieser Befund inhaltlich erkl\u00e4ren? Was waren die treibenden Faktoren hinter relativem Angebot und hinter relativer Nachfrage? Um dies zu kl\u00e4ren, k\u00f6nnten wir an eine weitere Beobachtung denken: Innerhalb der letzten Jahrzehnte haben wir in den Industriel\u00e4ndern die Wirtschaftsstruktur von immer mehr relativ einfachen, aber arbeitsintensiven Produkten im Vergleich zur Produktion komplexer und zugleich weniger arbeitsintensiver Produkte verlagert. Zwar ben\u00f6tigen wir immer noch die einfach herzustellenden Produkte, wie etwa Kleidung, Spielzeug und eine ganze weitere Palette industrieller Massenprodukte. Aber diese importierten wir in immer gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe aus dem Ausland und bezahlten sie mit Devisen, die wir durch den Export hochspezialisierter Produkte erwirtschaften. Das k\u00f6nnte ein Grund daf\u00fcr sein, dass sich die Nachfrage nach einfacher Arbeit reduziert und jene nach hochqualifizierter Arbeit erh\u00f6ht hat, so dass die relative Nachfrage in die H\u00f6he getrieben wurde. In einem Satz: Die Globalisierung steckt hinter der Entwicklung.<\/p>\n<p>Die Fakten scheinen diese These zu st\u00fctzen, vor allem in Deutschland: W\u00e4hrend dort das Bruttoinlandsprodukt zwischen 1991 und 2013 real um 33 Prozent gestiegen ist, wuchsen die Exporte real um nicht weniger als 214 Prozent und die realen Importe immerhin noch um 185 Prozent. Und dennoch ist die Globalisierungsthese nicht befriedigend, und das liegt vor allem daran: Wenn es stimmt, dass die relative Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit in den Industriestaaten davon getrieben wurde, dass man die einfache Arbeit in die Entwicklungsl\u00e4nder ausgelagert hat, dann m\u00fcsste man in den Entwicklungsl\u00e4ndern ein Spiegelbild unserer Entwicklung beobachten. Es m\u00fcssten dort \u00fcber denselben Zeitraum vermehrt geringqualifizierte Kr\u00e4fte nachgefragt worden sein, zumindest relativ zu der Nachfrage nach hochqualifizierten Besch\u00e4ftigten, und damit m\u00fcsste dort die relative Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit gesunken sein. Genau das ist sie aber nicht, und hierin liegt die Krux der Globalisierungsthese. Zwar ist es richtig, dass es die Produktionsverlagerungen einfacher Industrieprodukte von den Industrie- in die Entwicklungsl\u00e4nder gegeben hat; auch ist es richtig, dass dies zu einer Mehrnachfrage nach Arbeitsleistungen geringqualifizierter Besch\u00e4ftigter gef\u00fchrt hat. Aber das gilt nur in absoluten Zahlen und damit noch nicht relativ zur Nachfrage nach Leistungen hochqualifizierter Besch\u00e4ftigter. Und die ist in den Entwicklungsl\u00e4ndern st\u00e4rker gestiegen als die Nachfrage nach geringqualifizierten Arbeitsleistungen. Damit ergibt sich in den Entwicklungsl\u00e4ndern kein Spiegelbild zum Anstieg der relativen Nachfrage nach hochqualifizierter Arbeit bei uns, sondern es ergibt sich dasselbe Bild wie bei uns. Die Globalisierung hat alle m\u00f6glichen Effekte gehabt, aber man kann sie nicht plausibel zur Erkl\u00e4rung des zunehmenden Lohngef\u00e4lles zwischen hoch- und geringqualifizierten Besch\u00e4ftigten heranziehen.<\/p>\n<p>Ein zweiter Kandidat f\u00fcr die Erkl\u00e4rung des Lohngef\u00e4lles ist der technologische Fortschritt. Demnach ersetzen moderne Technologien in zunehmende Ma\u00dfe einfache Arbeit. In der Tat werden Fabrikhallen immer leerer, Roboter und andere intelligente Maschinen \u00fcbernehmen Routinearbeit ebenso wie schwere k\u00f6rperliche Arbeit, f\u00fcr die es fr\u00fcher einmal vieler kr\u00e4ftiger Personen bedurfte, die dazu allerdings h\u00e4ufig \u00fcber keine besondere Qualifikation verf\u00fcgen mussten.<\/p>\n<p>Das Argument des technologischen Fortschritts leuchtet spontan ein, und dennoch ist es nicht so selbstverst\u00e4ndlich zutreffend, wie es zun\u00e4chst den Anschein hat. Denn wenn der Fortschritt in der beschriebenen Weise wirkt, dann sind modern Technologien ein Ersatz f\u00fcr einfache Arbeit, er wirkt \u2013 um es im \u00d6konomen-Jargon auszudr\u00fccken \u2013 substitutiv zur einfachen Arbeit. Das war aber nicht immer so. Im Gegenteil: Seit Beginn der industriellen Revolution wirkte der technologische Fortschritt nicht substitutiv, sondern komplement\u00e4r zur gering qualifizierten Arbeit. Das bedeutet: Je mehr der technologische Standard fortschritt, desto mehr einfache Arbeitsleistungen wurden nachgefragt. Die Erfindung der Dampfmaschine und der Webst\u00fchle erm\u00f6glichte erstmals eine Massenproduktion von G\u00fctern im industriellen Stil. Jede zus\u00e4tzlich eingesetzte Maschine erzeugte aber einen gro\u00dfen Bedarf an Zuarbeiten, und die mussten von vielen gering qualifizierten Personen erledigt werden. Je produktiver die Maschinen wurden, desto umfangreicher wurden die n\u00f6tigen Zuarbeiten, und so gingen technologischer Fortschritt und Nachfrage nach gering qualifizierter Arbeitsleistung Hand in Hand. Hinzu kam, dass die Maschinen selbst auch erst einmal erzeugt werden mussten, und hierzu ben\u00f6tigte man erneut Arbeitskr\u00e4fte. Alles das zog eine rasch wachsende und sehr arbeitsintensive Produktion von Zwischenprodukten und Rohstoffen nach sich. So entstanden Hoch\u00f6fen mit zehntausenden von Arbeiten rund um den eigentlichen Stahlkocher, und parallel dazu wurden Kohle und andere Rohstoffe gewonnen, ebenfalls unter gro\u00dfem Einsatz relativ gering qualifizierter Arbeit. Nachdem Henry Ford damit begonnen hatte, sein in allen Farben (wenn sie nur schwarz waren) verf\u00fcgbares Model-T am Flie\u00dfband zu produzieren, erzeugte auch das noch einmal eine Mehrnachfrage nach gering qualifizierter im Vergleich zur hochqualifizierten Arbeit.<\/p>\n<p>Alle diese Trends hielten bis weit in die Nachkriegszeit hinein an. Technologie war komplement\u00e4r zur Arbeit, und gering qualifizierte Arbeit war bis in die 1950er Jahre noch vergleichsweise billig. Im Laufe der Zeit aber ver\u00e4nderte sich die Lohnstruktur, weil gering qualifizierte Arbeit zunehmend knapper wurde und nicht zuletzt auch weil Gewerkschaften inzwischen legal und gesellschaftlich akzeptiert wurden. In den 1960er und 1970er Jahren verzichteten viele junge Menschen nach Abschluss der bis dahin noch dominierenden Hauptschule sogar ganz auf eine Ausbildung, weil sie damit schon im Alter von 14 oder wenig mehr ein regul\u00e4res Einkommen beziehen konnten. Das deutet auf geringe Bildungsrenditen hin oder anders ausgedr\u00fcckt: Es lohnte sich kaum, zwei oder drei Jahre auf das regul\u00e4re Einkommen zu verzichten, um danach als Facharbeiter ein h\u00f6heres Einkommen zu erzielen. Denn so viel h\u00f6her war dessen Einkommen nicht.<\/p>\n<p>Kurz: Gering qualifizierte Arbeit wurde knapper und teurer, und vor diesem Hintergrund begann ab den 1970er Jahren zun\u00e4chst langsam, dann aber immer rascher der Wandel im Charakter des technologischen Fortschritts. Maschinen begannen zunehmend, einfache Arbeit zu ersetzen statt \u2013 zumindest in der Summe \u2013 einen Mehrbedarf danach zu erzeugen. Scheinbar leere High-Tech-Fabrikhallen entstanden, die Massenstahlproduktion wurde zugunsten von hochspezialisierten Werkstoffen f\u00fcr ausdifferenzierte Zwecke zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, und Hoch\u00f6fen mitsamt ihres zuarbeitenden Umfeldes wandelten sich zu Technologiezentren, deren Betrieb komplexer wurde und damit keine massenhaft einfache, sondern wenige, daf\u00fcr aber hochqualifizierte Arbeit erforderte.<\/p>\n<p>Das Post-Industriezeitalter beinhaltet keineswegs, dass wir heute weniger Industrieprodukte herstellen als etwa in den 1960er Jahren. Nur ist deren prozentualer Anteil zur\u00fcckgedr\u00e4ngt worden, denn der Dienstleistungssektor ist der industriellen Produktion schlicht davon gewachsen. Dienstleistungen sind aber keinesfalls nur einfache T\u00e4tigkeiten, sondern werden ebenfalls gr\u00f6\u00dftenteils immer qualifikationsintensiver. Hinzu kommt, dass ein Gro\u00dfteil der Dienstleistungen f\u00fcr Industrie und Gewerbe geleistet wird, womit Arbeitskr\u00e4fte aus dem Dienstleistungssektor heute die modernen und notwendigerweise weit h\u00f6her qualifizierten Zuarbeiter der Maschinen darstellen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend also die Maschinen die physische Arbeit f\u00fcr uns leisten, sitzt der Gro\u00dfteil der Besch\u00e4ftigten heute in der einen oder anderen Weise vor dem Bildschirm, und von denen, die dort sitzen, sind wiederum die meisten hochqualifiziert und m\u00fcssen es auch sein. Am Schreibtisch oder im Konferenzsaal rechnen, konzipieren, programmieren und kommunizieren sie, und so ist jeder von ihnen auf seine Weise damit besch\u00e4ftigt, die aufgrund ihrer Komplexit\u00e4t immer organisationsbed\u00fcrftigeren Produktionsprozesse in Gang zu halten und aufeinander abzustimmen.<\/p>\n<p>\u00dcber diese Ver\u00e4nderungsprozesse ist Technologie innerhalb der letzten drei bis vier Jahrzehnte zum Substitut f\u00fcr einfache Arbeit geworden, nachdem sie \u00fcber Jahrhunderte komplement\u00e4r dazu war. Und der Prozess der Qualifikation von jungen Menschen hat damit kaum schritthalten k\u00f6nnen, was sich in dem Anstieg der Lohndifferenz zwischen hoch- und geringqualifizierter Arbeit niederschl\u00e4gt. Mit anderen Worten: Der Anstieg des relativen Angebots hochqualifizierter Arbeit ist vom Anstieg der relativen Nachfrage danach \u00fcberholt worden. Man h\u00e4tte also schon vor Jahrzehnten gut daran getan, noch mehr Menschen besser auszubilden. Aber noch in den 1980er und sogar den 1990er Jahren hat man diese Herausforderung nicht in ihrer vollen Bedeutung erkannt. Man hat im Gegenteil der Entwicklung nicht getraut, was sich in Bef\u00fcrchtungen \u00fcber eine Akademikerschwemme und \u00e4hnlichem niederschl\u00e4gt. Die oben angef\u00fchrten Zahlen sprechen dagegen eine ganz andere Sprache.<\/p>\n<p>Was ist also zu tun? Alle Politiker aller \u2013 auch nur im Entferntesten ernst zu nehmenden \u2013 Parteien singen dasselbe Lied von der Dringlichkeit vermehrter Bildungsinvestitionen. Sie tun das prinzipiell zu Recht, aber mit dem Absingen des Liedes ist es freilich nicht getan. Zun\u00e4chst einmal kommt es sicher nicht einfach auf die nackte Zahl statistischer Akademiker an, denn wie sich inzwischen auch in OECD-Kreisen herumgesprochen hat, sind gerade in Deutschland sehr viele hochqualifizierte Besch\u00e4ftigte nur deshalb keine Akademiker, weil man sie in Deutschland nicht so nennt: Krankenschwestern und Hebammen sind die vielleicht prominentesten Beispiele, aber es geht weiter mit qualifizierten kaufm\u00e4nnischen oder technischen Angestellten, deren Berufsausbildung es locker mit vielen Bachelorabschl\u00fcssen aufnehmen kann, die ihren Glanz vor allem der Arbeit hochqualifizierter Marketing-Spezialisten verdanken, ohne die inzwischen keine Hochschule und kaum noch eine Fakult\u00e4t auskommt.<\/p>\n<p>Abseits statistischer Fehleinsch\u00e4tzungen konzentrieren sich die Herausforderungen aber auf zwei Dinge: Erstens m\u00fcssen so viele Menschen wie m\u00f6glich so jung wie m\u00f6glich auf einen Pfad gebracht werden, der ihnen ab dem Zeitpunkt, ab dem sie zu eigenen Zukunftsentscheidungen f\u00e4hig sind, m\u00f6glichst viele Bildungswege offen l\u00e4sst. Das f\u00f6rdert erstens den Anteil derer, die dann einmal eine gute Ausbildung absolvieren werden, und es f\u00f6rdert zweitens die Bildungsmobilit\u00e4t, die mit einem R\u00fcckgang des statistischen Zusammenhangs zwischen dem Bildungsstand von Eltern mit jenem ihrer Kinder zunimmt. Zweitens m\u00fcssen wir die Bildungsintegration von Zuwanderern verbessern, denn hier ist es aufgrund kultureller, sprachlicher und religi\u00f6ser Besonderheiten oft besonders schwierig, bereits in jungen Jahren die Weichen zu stellen und hierzu auch Widerst\u00e4nde des Elternhauses zu \u00fcberwinden. Beide Aufgaben erfordern also in gewisser Weise eine Neudefinition elterlicher Rechte an ihren Kindern. Wenn man an irgendeiner Stelle den Unterschied zwischen einer liberalen und einer konservativen Grundhaltung pr\u00e4gnant zum Ausdruck bringen mag, dann am besten hier. Denn w\u00e4hrend \u2013 zumindest bei uns \u2013 gewiss niemand aus diesen beiden Kreisen den Vorrang der elterlichen Erziehung und F\u00fcrsorge infrage stellt, so gebietet es die Grundorientierung an der freien Entfaltung der Pers\u00f6nlichkeit, dass auch dieser Vorrang konditioniert sein muss. Und das bedeutet, dass er stets unter dem Vorbehalt der Er\u00f6ffnung von R\u00e4umen stehen muss, den die Kinder f\u00fcr die Entwicklung jener F\u00e4higkeiten brauchen, welche ihnen im k\u00fcnftigen Erwachsenenalter einmal die freie Entfaltung ihrer Pers\u00f6nlichkeit erlauben werden. Nur so k\u00f6nnen sie zu hochqualifizierten, kompetenten und eigenverantwortlichen Pers\u00f6nlichkeiten heranwachsen, die den Anforderungen der modernen Strukturen gewachsen sind und die die sich daraus ergebenden Chancen nutzen k\u00f6nnen. Alle erzieherischen Rechte m\u00fcssen an diesen Zweck gebunden sein und damit das traditionelle eigentums\u00e4hnliche Recht der Eltern an ihren Kindern endg\u00fcltig abl\u00f6sen. Dem hat sich alles andere unterzuordnen, auch und vor allem jene Werte, die man konservativ nennen mag, vor allem also solche von Kirche, Religion und Nation, oder Werte, welche nicht konstitutiv f\u00fcr eine offene, freie und friedliche Gesellschaft sind. Dabei spielt es keine Rolle, welcher Kirche, welcher Religion, welcher Nation oder wem auch immer diese Werte wichtig sind.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge der Serie <em>\u201cUngleichheit heute\u201c\u009d<\/em>:<\/strong><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15366\">Wie ungleich ist die Welt? Mythen, Fakten und Politik<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15065\">Rettet den Kapitalismus vor den Kapitalisten. Thomas Piketty auf den Spuren von Karl Marx.<\/a><\/p>\n<p>Marcus Fraa\u00df: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15057\">Wie ungleich ist die Verm\u00f6gensverteilung in Deutschland? Noch ungleicher als die Einkommensverteilung<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14886\">Staatliche Umverteilung und soziale Mobilit\u00e4t. Eine verteilungspolitische Fata Morgana?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14754\">Die \u201cGreat Gatsby\u201c\u009d-Kurve. Mehr als politische Progaganda?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13583\">Des L\u00e4ba isch koin Schlotzer. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist grober Unfug.<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13983\">Bildung hilft, die Ungleichheit zu reduzieren<\/a><\/p>\n<p>Mustafa Coban: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13302\">Kombil\u00f6hne versus Working Poor. Der Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12684\">Geldpolitik und Ungleichheit. Machen Notenbanken die Welt ungleicher?<\/a><\/p>\n<p>Rainer Hank: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13021\">Ungleichheit und Gerechtigkeit: Was hat das miteinander zu tun?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12673\">Ungleichheit und Krisen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12107\">\u201cReichtum ist distributive Umweltverschmutzung\u201c\u009d. H\u00f6here Steuern oder mehr Wettbewerb?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12214\">Ungleichheit und Wachstum<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11892\">Der amerikanische Traum \u2013 Bremst Ungleichheit die soziale Mobilit\u00e4t?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11933\">Der Staat pfl\u00fcgt die Verteilung um <\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11584\">Die Ungleichheit wird m\u00e4nnlicher<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656\">Krieg der Modelle. Technologie oder Institutionen?<\/a><\/p>\n<p>Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11703\">Einkommensverteilung \u2013 Vorsicht vor der Konjunktur!<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11140\">Die deutsche \u201cMitte\u201c\u009d ist stabil. Wie lange noch?<\/a><\/p>\n<p>Eric Thode: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11396\">Die Mittelschicht schrumpft \u2013 Wo liegt der Handlungsbedarf?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11388\">Geringe Stundenl\u00f6hne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11133\">Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?<\/a><\/p>\n<p>Simon Hurst: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10879\">Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10851\">Einkommensungleichheit in OECD-L\u00e4ndern. Wo stehen wir?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=98\">Ungleichheit, soziale Mobilit\u00e4t und Humankapital<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine ganze Reihe von Studien \u00fcber die Verm\u00f6gensverteilung in Deutschland, Europa und der Welt hat in diesem Jahr die Gem\u00fcter erhitzt. 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