{"id":15562,"date":"2014-09-27T06:15:26","date_gmt":"2014-09-27T05:15:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15562"},"modified":"2014-09-27T06:19:11","modified_gmt":"2014-09-27T05:19:11","slug":"banken-rettung-oder-banken-daemmerunganmerkungen-zu-den-erodierenden-geschaeftsbedingungen-fuer-regionale-retailbanken-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15562","title":{"rendered":"Banken-Rettung oder Banken-D\u00e4mmerung?<br\/><font size=3; color=grey>Erodierende Gesch\u00e4ftsbedingungen f\u00fcr regionale Retailbanken in Deutschland<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Auch sechs Jahre nach der Lehman-Pleite ist die Finanzkrise zumindest in Europa noch nicht \u00fcberwunden. Politik, EZB und Regulierungsinstitutionen folgen unter medialer Ausleuchtung einem steten Diskurs, der im Zeitverlauf langsam, aber immerhin dem Weg vom Allgemeinen zum Konkreten folgt. Die Rolle der Banken und ihre Ver\u00e4nderung mit dem Ziel einer Verhinderung vergleichbarer Krisen in der Zukunft ist dabei der rote Faden, der freilich mit anderen F\u00e4den wie dem der Staatsverschuldung oft nur schwer unterscheidbar verwoben ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bei aller (auch der folgenden) Kritik muss man den Entcheidungstr\u00e4gern in den genannten Bereichen zugutehalten, dass die Ausgangslage und die mit ihr verbundenen Zielsetzungen alles andere als einfach waren; einige Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>Einerseits wollte man einen Bank Run durch die Pleite eines Kreditinstituts verhindern, andererseits die M\u00f6glichkeit einer Bankinsolvenz nicht ausschlie\u00dfen bzw. die bisher implizite Staatsgarantie nicht explizit machen \u2013 \u201eToo Big to Fail\u201c wurde zur globalen Negativprogrammatik dieses Widerspruchs.<\/li>\n<li>Einerseits sollten die Banken z\u00fcgig zu einer st\u00e4rkeren Eigenkapitalunterlegung eingegangener Risiken gezwungen werden, andererseits geht das nur in einem weiten zeitlichen Rahmen, wenn man gravierende Friktionen verhindern will.<\/li>\n<li>Einerseits sollten sch\u00e4rfere Regeln f\u00fcr die Bestimmung von Risiken gelten, andererseits die Kreditversorgung insbesondere in den sp\u00e4teren Krisenl\u00e4ndern, in denen Schuldner unter gravierendem Bonit\u00e4tsverlust litten und oft bis heute leiden, nicht erheblich eingeschr\u00e4nkt werden.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gerade der letzte Punkt zeigt eine weitere Problemversch\u00e4rfung, welche die Erwartungshaltung hinsichtlich allf\u00e4lliger L\u00f6sungsversuche reduziert: Der zun\u00e4chst allgemeine Krisenmodus und die danach sehr unterschiedlich verlaufende Entwicklung insbesondere in der Euro-Zone machten und machen es bis heute praktisch unm\u00f6glich, dass Ma\u00dfnahmen ohne unerw\u00fcnschte Nebenwirkungen bleiben.<\/p>\n<p>All dies entbindet die Entscheidungstr\u00e4ger indessen nicht davon, diese Nebenwirkungen mit den erw\u00fcnschten Wirkungen abzuw\u00e4gen, und an dieser Stelle muss sinnvolle Kritik ansetzen. Trotz vieler Ver\u00f6ffentlichungen, Berichte und Stellungnahmen f\u00e4llt es bis heute schwer, selbst innerhalb einzelner Institutionen eine geordnete Abw\u00e4gung dieser Art zu erkennen. Entsprechend merkw\u00fcrdig sind die Befunde, wenn man die Wirkungen eingeleiteter Ma\u00dfnahmen betrachtet: Gerade im Bankensektor insgesamt gibt es positive und negative Konsequenzen bisheriger und demn\u00e4chst zu erwartender \u00c4nderungen. Differenziert man hier jedoch, ergibt sich deutlich eine Verlierergruppe, f\u00fcr die sicher keine Banken-Rettung, sondern vielleicht in absehbarer Zeit sogar eine Banken-D\u00e4mmerung diagnostiziert werden kann: Die regional t\u00e4tigen Retailbanken in Deutschland, also Genossenschaftsbanken, Sparkassen und auf das Einlagen-\/Kreditgesch\u00e4ft fokussierte Privatbanken. F\u00fcr diese Aussichten gibt es vor allem drei Gr\u00fcnde:<\/p>\n<p><b>Manipulation des Kapitalmarktzinses<\/b><\/p>\n<p>Bereits mehrfach wurde in diesem Blog darauf hingewiesen, dass das Absenken des Zinsniveaus durch die EZB nicht nur Licht, sondern auch Schatten verursacht (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=9899\" target=\"_blank\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11485\" target=\"_blank\">hier<\/a>, <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12451\" target=\"_blank\">hier<\/a>)<\/p>\n<p>Regional aufgestellte Banken mit einer Konzentration auf Kundeneinlagen und -kredite sind in ihrem Erfolg ganz wesentlich von den Kapitalmarktzinsen abh\u00e4ngig. Die Differenz zwischen den Kunden- und den Markts\u00e4tzen ergibt als Passiv- und Aktivmarge den sog. \u201eKonditionenbeitrag\u201c. Selbst wenn man die Aktivmarge im Kreditgesch\u00e4ft zun\u00e4chst nicht n\u00e4her betrachtet ist offensichtlich, dass im Einlagenbereich de facto keine Passivmarge mehr erwirtschaftet werden kann, wenn der Kapitalmarktzins nahe der Nulllinie liegt.<\/p>\n<p>Die zweite Ertragss\u00e4ule des klassischen deutschen Bankgesch\u00e4fts ist der \u201eStrukturbeitrag\u201c, der sich durch Fristentransformation ergibt. Durchschnittlich ist die Bindungsdauer der von der Bank get\u00e4tigten Anlagen einschlie\u00dflich der vergebenen Kredite l\u00e4nger als diejenige der Kundeneinlagen. Bei einer normalen Zinsstruktur, d.h. mit der Laufzeit steigenden Zinsen am Kapitalmarkt, l\u00e4sst sich damit eine Renditedifferenz erzielen, die freilich nicht risikolos ist. Allerdings m\u00fcssen Laufzeitunterschiede zwischen Kapitalangebot und \u2013nachfrage in einer Volkswirtschaft generell ausgeglichen werden. An diesem Ausgleich mitzuwirken, ist eine der Funktionen des Bankensystems. Wenn dabei \u00f6konomische und aufsichtsrechtliche Vorgaben eingehalten werden, ist die Verfolgung eines angemessenen Strukturbeitrags also entsprechend positiv zu w\u00fcrdigen. Nachdem es zeitweilig so aussah, dass die Ma\u00dfnahmen der EZB und die daran ankn\u00fcpfenden Kapitalmarktreaktionen einer hinreichenden Steilheit der Zinsstrukturkurve tendenziell nicht entgegenstehen, sind insbesondere im Umfeld der letzten Leitzinssenkung Anfang September auch die Renditen am langen Ende derart gefallen, dass eine solcher Strukturbeitrag nur durch das Eingehen wesentlich h\u00f6herer Risiken erreicht werden kann.<\/p>\n<p>Wenn die EZB schlie\u00dflich die zur gleichen Zeit angek\u00fcndigten Ma\u00dfnahmen umsetzt, deren Kern in einer faktischen \u00dcbernahme von gewerblichen Krediten besteht, um die Banken die Vergabe neuer Kredite zu erm\u00f6glichen, werden die Wettbewerbswirkungen zumindest in Deutschland mehr die Aktivmarge schm\u00e4lern als die Ausleihungen erh\u00f6hen \u2013 es sei denn, dass gleichzeitig die Risikoeinstufungen ge\u00e4ndert werden, weil bislang die Kreditvergabe zumeist nicht an Liquidit\u00e4tsproblemen der Gesch\u00e4ftsbanken, sondern an der Bonit\u00e4t potenzieller Schuldner scheitert.<\/p>\n<p><b>Absolute und relative Regulierungswirkungen<\/b><\/p>\n<p>Die nicht nur, aber auch nicht zuletzt durch Basel III stark gestiegene Regulierung stellt alle Kreditinstitute vor erhebliche Herausforderungen. Allein die beiden Basis-Regelwerke CRR und CRD IV umfassen zusammen mit arrondierenden Standards, Leitlinien und Empfehlungen eine stattliche vierstellige Seitenzahl. All dies muss nicht nur gelesen, sondern auch umgesetzt werden. Im Dezember 2013 brachte die KPMG in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband \u00d6ffentlicher Banken Deutschlands die Studie \u201eAuswirkungen regulatorischer Anforderungen\u201c heraus, welche die direkten Kosten f\u00fcr die deutsche Kreditwirtschaft im Zeitraum 2010-2015 mit 8,6 Mrd. \u20ac bezifferte. Einschlie\u00dflich der sp\u00e4ter noch anzusprechenden Bankenabgabe f\u00fchrt dies zu j\u00e4hrlichen Belastungen von rund 2 Mrd. \u20ac (vgl. zu beiden Zahlen ebd. S. 6 f.).<\/p>\n<p>Beinahe noch schlimmer als diese allgemeine Belastung der Kreditwirtschaft wirkt die relative Betroffenheit unterschiedlicher Gruppen. Allen behaupteten oder tats\u00e4chlichen Bem\u00fchungen um Proportionalit\u00e4t zum Trotz werden n\u00e4mlich kleinere Banken, zu denen die Retailbanken regelm\u00e4\u00dfig geh\u00f6ren, \u00fcberproportional belastet, weil viele Regulierungsvorgaben zu Gemeinkosten f\u00fchren, die \u00fcber das gesamte Gesch\u00e4ftsvolumen abgebildet werden m\u00fcssen. Auch die M\u00f6glichkeiten, die sich insbesondere im deutschen Genossenschafts- und Sparkassenbereich durch Verbundl\u00f6sungen ergeben, k\u00f6nnen diese Generaltendenz nur abschw\u00e4chen, aber nicht aufheben.<\/p>\n<p>Noch schlimmer wird die Diskriminierung allerdings, wenn regulierungsbedingter Aufwand f\u00fcr kleine Institute so gro\u00df wird, dass ganze Gesch\u00e4ftsbereiche aufgeben m\u00fcssen. Insbesondere im Provisionsgesch\u00e4ft, also bei Vermittlert\u00e4tigkeiten, f\u00fchren die Auflagen in der Kundenberatung mittlerweile dazu, dass manche Banken die Anlageberatung hinsichtlich von b\u00f6rsengehandelten Wertpapieren, insbesondere Aktien und Derivaten, weitgehend einstellen, weil das erzielbare Gesch\u00e4ftsvolumen unter den neuen Regelungen wie MIFID II nicht mehr kostendeckend ist. Gr\u00f6\u00dfere Institute k\u00f6nnen den entstehenden Aufwand demgegen\u00fcber auf einen gr\u00f6\u00dferen Kundenkreis umlegen, der sich gegebenenfalls sogar durch neue Interessenten erweitert, die aus dem beschriebenen Grund nicht mehr von ihrer Haubank bedient werden.<\/p>\n<p><b>Bankenabgabe: Geb\u00fchr oder Steuer?<\/b><\/p>\n<p>In Erweiterung dieser Befunde st\u00f6\u00dft man auf eine nochmalige Versch\u00e4rfung, die eine besondere Betrachtung verdient. Ein weiterer Baustein zur Disziplinierung der Banken und dem R\u00fcckzug des Staates als implizitem Garantiegeber sollte der Aufbau eines vom Kreditgewerbe gespeisten Fonds sein, der bei einer Schieflage von Banken zur Verf\u00fcgung stehen soll. Seit 2011 gibt es in Deutschland eine Bankenabgabe zur Speisung eines nationalen Krisenfonds, die durchschnittlich rund 600 Mio \u20ac p.a. erbrachte. Gr\u00f6\u00dfe und Vernetzung der jeweiligen Bank sind die wesentlichen Aspekte f\u00fcr die Bemessungsgrundlage der Abgabe, wobei ein Freibetrag von 300 Mio \u20ac bei den beitragspflichtigen Passiva daf\u00fcr sorgt, dass eine nicht vernachl\u00e4ssigbare Zahl sehr kleiner Banken praktisch nicht belastet wird.<\/p>\n<p>Nun soll ab 2016 ein europ\u00e4ischer Rettungsfonds eingerichtet werden. Noch ist nicht ganz sicher, wie die \u00dcberf\u00fchrung der nationalen Mittel (nationale Bankenabgaben gibt es nicht nur in Deutschland) in den neuen Topf sowie seine zuk\u00fcnftige weitere Speisung auf das Zielniveau von 55 Mrd. \u20ac genau aussehen soll (europ\u00e4ische und\/oder nationale Bankenabgabe mit entsprechender Weiterleitung), doch sollen bereits im ersten Jahr 40% und im Folgejahr weitere 20% f\u00fcr eine europ\u00e4ische Haftung einsetzbar sein.<\/p>\n<p>Neben den Sparkassen wehren sich in Deutschland insbesondere die Genossenschaftsbanken gegen Zahlungen in diesen neuen Topf und die \u00dcbernahme der Kosten, die mit der neuen Aufsicht systemrelevanter Kreditinstitute durch die EZB anfallen. Als nicht systemrelevante Banken mit einem eigenen Institutsrettungssystem, das noch nie staatliche oder sonstige Hilfe von dritter Hand in Anspruch nehmen musste, w\u00fcrde ihnen jeweils Geld abverlangt, f\u00fcr das sie nie eine Leistung zu erwarten haben, wohl aber Unternehmen, die mit ihnen teilweise im Wettbewerb stehen. Bildlich l\u00e4sst sich das mit einem kleinen nationalen Nutzfahrzeughersteller vergleichen, der in einen Rettungsfonds f\u00fcr Daimler, Renault, VW etc. einzahlen soll. Die deutliche Staffelung der jeweiligen Verpflichtungen lindert diese Absurdit\u00e4t, beseitigt sie aber nicht: Haben die Bankenabgabe und Zahlungen f\u00fcr die neue Aufsicht durch die EZB f\u00fcr die systemrelevanten Institute eher den Charakter einer Geb\u00fchr, stellt sie bspw. f\u00fcr die deutschen Genossenschaftsbanken de facto eine Steuer dar. Jedenfalls bleibt es spannend, welche finalen Regelungen hierzu demn\u00e4chst von der EU bekanntgegeben werden.<\/p>\n<p><b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Bei genauerem Hinsehen haben die Nebenwirkungen der Ma\u00dfnahmen, die nach der Lehman-Pleite von Politik, EZB und Aufsichtsbeh\u00f6rden ergriffen wurden, Nebenwirkungen, deren Inkaufnahme \u00fcberaus fragw\u00fcrdig erscheint. Diese m\u00f6gen bei internationalen Gro\u00dfbanken mit starkem Investmentgesch\u00e4ft in einer Zusammenschau hinzunehmen sein, denn ohne die ergangenen hoheitlichen Ma\u00dfnahmen g\u00e4be es manche von ihnen nicht mehr, ganz zu schweigen davon, dass zumindest einige mitverantwortlich f\u00fcr den Ausbruch der Finanzkrise waren. Dies gilt insbesondere auch, weil der europ\u00e4ische Rettungsfonds selbst mit seinem erst im n\u00e4chsten Jahrzehnt erreichten Zielvolumen noch viel zu klein sein wird, um eine gro\u00dfe Bank abwickeln zu k\u00f6nnen, und folglich stattdessen weiterhin die Rettungsalternative gem\u00e4\u00df Too Big to Fail vorherrschen wird.<\/p>\n<p>Das Umgekehrte gilt indessen bei regionalen Retailbanken in Deutschland. Diese haben die Krise ohne \u00f6ffentliche Hilfen \u00fcberstanden und werden nunmehr in ihrem bislang krisenfesten Gesch\u00e4ftsmodell existenziell bedroht \u2013 nicht heute und in der n\u00e4heren Zukunft, aber bei Fortsetzung der beschriebenen Verh\u00e4ltnisse sp\u00e4testens am Beginn des n\u00e4chsten Jahrzehnts. Die Rettung nicht \u00fcberlebensf\u00e4higer Finanzgiganten unter Inkaufnahme der D\u00e4mmerung ohne staatliche Eingriffe erfolgreicher und stabiler Unternehmen \u2013 ist das die Marktwirtschaft des 21. 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