{"id":15746,"date":"2014-11-19T00:01:16","date_gmt":"2014-11-18T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15746"},"modified":"2018-10-25T13:03:32","modified_gmt":"2018-10-25T12:03:32","slug":"2-wuerzburger-ordnungstagwerden-arme-kinder-zu-armen-erwach-senenueber-die-hoehe-und-die-ursachen-der-sozialen-mobilitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15746","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>&#8222;2. W\u00fcrzburger Ordnungstag&#8220;<\/font><br\/>Werden aus armen Kindern arme Erwachsene?<br\/><font size=3; color=grey>\u00dcber H\u00f6he und Ursachen sozialer Mobilit\u00e4t<\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eThe order is rapidly fadin.\u00a0 &#8218;And the first one now will later be last. For the times, they are a-changin\u2019.&#8220;\u009d (Bob Dylan)<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Die Einkommensungleichheit hat in den entwickelten Volkswirtschaften innerhalb der letzten Jahrzehnte stark zugenommen. W\u00e4hrend der Gini-Koeffizient der Markteinkommen in den USA von 37,4% im Jahr 1970 auf 47,0% am aktuellen Rand angestiegen ist, k\u00f6nnen \u00e4hnliche Entwicklungen in nahezu allen Industrienationen beobachtet werden. Deutschland bildet hier keine Ausnahme, auch hierzulande hat die Einkommenskonzentration mit einem Anstieg von \u00fcber 10 %-Punkten im selben Zeitraum deutlich zugenommen. Welche Konsequenzen diese Entwicklung auf die wirtschaftliche Effizienz nimmt, wird kontrovers diskutiert. In einem Punkt sind sich die \u00d6konomen jedoch einig: Wenn die soziale Mobilit\u00e4t \u2013 die M\u00f6glichkeit, in der Einkommensverteilung nach oben zu gelangen \u2013 hoch ist, so ist der Anstieg der Einkommensungleichheit weniger problematisch. Wenn jedem Individuum dieselbe M\u00f6glichkeit zum Aufstieg bereit st\u00fcnde und der monet\u00e4re Erfolg im Wesentlichen von den eignen Anstrengungen abhinge, so w\u00fcrden Einkommensunterschiede gar eine positive Anreizwirkung auf Humankapitalakkumulation und Innovationst\u00e4tigkeit ausstrahlen. Doch wie hoch ist die soziale Mobilit\u00e4t in den einzelnen L\u00e4ndern? Und durch welche Faktoren k\u00f6nnen die Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften erkl\u00e4rt werden?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Der Status Quo: Soziale Mobilit\u00e4t gering<\/b><\/p>\n<p>Wird in der Wissenschaft von sozialer Mobilit\u00e4t gesprochen, so wird in aller Regel der Begriff der \u201eintergenerativen Einkommenselastizit\u00e4t\u201c verwendet. Das Ma\u00df gibt an, wie stark das Einkommen des Vaters mit dem des erwachsenen Sohnes korreliert ist. Entsprechend deuten hohe Werte auf einen geringen Grad an sozialer Mobilit\u00e4t hin und umgekehrt. <a href=\"http:\/\/milescorak.files.wordpress.com\/2012\/01\/inequality-from-generation-to-generation-the-united-states-in-comparison-v3.pdf\">Miles Corak<\/a> berechnet die Korrelation auf Basis von Mikro-Daten f\u00fcr 22 L\u00e4nder. Die Ergebnisse sind dargestellt in Abbildung 1.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Soziale Mobilit\u00e4t\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob1.png\" alt=\"Soziale Mobilit\u00e4t\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die Verteilung der sozialen Mobilit\u00e4t zwischen den L\u00e4ndern ist augenscheinlich sehr heterogen. So spielt das Einkommen der Eltern in D\u00e4nemark (15%), Norwegen (17%) und Finnland (18%) eine untergeordnete Rolle f\u00fcr die Entwicklungschancen der S\u00f6hne. Auch in Kanada (19%) und Australien (26%) ist die Einkommenspersistenz vergleichsweise gering. Deutschland liegt mit 32% im Mittelfeld und rangiert damit auf einem Niveau mit Japan (34%), Spanien (40%) und Frankreich (41%). Die h\u00f6chste intergenerative Einkommenselastizit\u00e4t wird in s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern gemessen. Vor allem in Peru (67%), Brasilien (58%) und Chile (52%) ist die Einkommensungleichheit \u00fcber die Generationen hinweg best\u00e4ndig. Nicht weit von dem s\u00fcdamerikanischen Niveau entfernt sind die angels\u00e4chsischen L\u00e4nder USA (47%) und Gro\u00dfbritannien (50%), in denen die Einkommen des Vaters in etwa die H\u00e4lfte der Einkommen der S\u00f6hne erkl\u00e4ren. Insgesamt ist die soziale Mobilit\u00e4t in den meisten L\u00e4ndern allerdings nicht ann\u00e4herungsweise hoch genug ist, um den starken Anstieg der Einkommensungleichheit zu kompensieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Soziale Mobilit\u00e4t und Einkommensungleichheit: Die Great-Gatsby-Kurve<\/b><\/p>\n<p>Woher kommen die starken Unterschiede zwischen den L\u00e4ndern in der H\u00f6he der sozialen Mobilit\u00e4t? Eine Beobachtung, die in den letzten drei Jahren f\u00fcr einiges Aufsehen gesorgt hat, ist die negative Korrelation der Mobilit\u00e4t mit der Einkommensungleichheit. Dieser deskriptive Zusammenhang wurde von Alan Krueger in Anlehnung an das gleichnamige Buch von F. Scott Fitzgerald nicht ohne Ironie als \u201eGreat Gatsby Kurve\u201c bezeichnet. Abbildung 2 zeigt den Zusammenhang der in Abbildung 1 dargestellten Mobilit\u00e4t mit dem Gini-Koeffizient der Einkommensungleichheit aus der <a href=\"http:\/\/thedata.harvard.edu\/dvn\/dv\/fsolt\/faces\/study\/StudyPage.xhtml?studyId=36908&amp;tab=files\">SWIID Datenbank<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Die klassische Great-Gatsby-Kurve\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob2.png\" alt=\"Die klassische Great-Gatsby-Kurve\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich scheinen Ungleichheit und Mobilit\u00e4t stark korreliert zu sein. Insbesondere in L\u00e4ndern mit hoher Einkommensungleichheit sind die Mobilit\u00e4tsraten gering. Dies, so Alan Krueger, spr\u00e4che eindeutig f\u00fcr eine st\u00e4rkere staatliche Umverteilung. Es gibt jedoch noch andere Lesarten der Grafik. Zun\u00e4chst ist es denkbar, dass die Korrelation nicht von der Ungleichheit zur sozialen Mobilit\u00e4t l\u00e4uft, sondern dass umgekehrt die Mobilit\u00e4t die Einkommensungleichheit beeinflusst. Zweitens ist es vorstellbar, dass eine dritte Variable die soziale Mobilit\u00e4t und die Einkommensungleichheit simultan beeinflusst und so eine Scheinkorrelation entstehen l\u00e4sst. <a href=\"http:\/\/link.springer.com\/article\/10.1007%2Fs10887-007-9019-x\">Hassler at al.<\/a> (2007) und <a href=\"https:\/\/www.msu.edu\/~solon\/ottawa.pdf\">Solon<\/a> (2004) f\u00fchren hier vor allem die Bildung ins Feld. Drittens kann die dargestellte Korrelation auch schlicht zuf\u00e4llig sein. Die Corak-Daten sind auf Basis von Mikro-Datens\u00e4tzen ermittelt, die im Detail Aufschluss geben \u00fcber die H\u00f6he der Einkommen der V\u00e4ter und ihrer erwachsenen S\u00f6hne. Dergleichen Daten sind jedoch nur f\u00fcr eine begrenzte Zahl von L\u00e4ndern verf\u00fcgbar. W\u00e4hrend das Ma\u00df die H\u00f6he der Mobilit\u00e4t sehr genau abbildet, zeichnet es jedoch nur ein sehr unvollst\u00e4ndiges Bild \u00fcber die Verteilung der Mobilit\u00e4t in der Welt. Wie die Mobilit\u00e4t in den \u00fcbrigen Volkswirtschaften der Erde ausgepr\u00e4gt ist, bleibt unklar. Auch die makro\u00f6konomische Ursachenforschung der Unterschiede zwischen den L\u00e4ndern wird durch die geringe Zahl an Beobachtungen erschwert, da \u00f6konometrische Modelle nicht sinnvoll mit 20 oder weniger Freiheitsgraden gesch\u00e4tzt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In einem aktuellen Forschungspapier schlagen <a href=\"http:\/\/www.vwl.uni-wuerzburg.de\/fileadmin\/12010400\/diskussionsbeitraege\/DP_128.pdf\">Berthold und Gr\u00fcndler<\/a> (2014) daher zwei alternative Ma\u00dfe vor, die sich f\u00fcr eine gro\u00dfe Zahl von Volkswirtschaften auf Basis von breit verf\u00fcgbaren Makro-Daten berechnen lassen. Abbildung 3 zeigt die Great-Gatsby-Kurve unter der Verwendung der Daten von Berthold und Gr\u00fcndler (2014).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Die modifizierte Great-Gatsby-Kurve\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob3.png\" alt=\"Die modifizierte Great-Gatsby-Kurve\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>W\u00e4hrend das Ma\u00df in Bezug auf die Corak-L\u00e4nder (rote Punkte) nach wie vor eine starke Korrelation zwischen intergenerativer Einkommenselastizit\u00e4t und der Einkommensungleichheit aufdeckt, verschwindet dieser Zusammenhang bei der Betrachtung eines gro\u00dfes Samples auf Basis aller L\u00e4nder (rote und blaue Punkte). Dies zeigt, dass die Auswahl der L\u00e4nder stark zu dem in der klassischen Great-Gatsby-Kurve abgebildeten positiven Zusammenhang beitr\u00e4gt und somit einen Sample-Selection-Bias begr\u00fcndet.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Die Determinanten der sozialen Mobilit\u00e4t<\/b><\/p>\n<p>Wenn die Ungleichheit nicht als wesentlicher Treiber in Frage kommt, welche Faktoren bestimmen dann \u00fcber die H\u00f6he der sozialen Mobilit\u00e4t in einer Volkswirtschaft? Die Studie von Berthold und Gr\u00fcndler (2014) erforscht f\u00fcnf m\u00f6gliche Kategorien: Umverteilung, Bildung, Familienstruktur, Arbeitsmarkt sowie Kultur bzw. Religion. Im Folgenden werden einige der Ergebnisse der empirischen Sch\u00e4tzungen kurz vorgestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Umverteilung<\/i><\/p>\n<p>Alan Krueger schl\u00e4gt vor, die Mobilit\u00e4t \u00fcber eine st\u00e4rkere staatliche Umverteilung zu erh\u00f6hen. Die Sch\u00e4tzungen zeigen jedoch, dass Umverteilung nicht per se mobilit\u00e4tssteigernd ist, sondern deuten vielmehr auf einen parabolischen Zusammenhang beider Gr\u00f6\u00dfen hin, wie Abbildung 4 verdeutlicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob4.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Die Umverteilungsparabel\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob4.png\" alt=\"Die Umverteilungsparabel\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Diese \u201eUmverteilungsparabel\u201c ist das Ergebnis zweier gegenl\u00e4ufiger Effekte: Der erste Effekt besteht in einem abnehmenden Anreiz zur Investition in Humankapital bei progressiverer Ausgestaltung des Steuersystems. Je st\u00e4rker \u00fcber das Steuer- und Transfersystem umverteilt wird, desto weniger werden die Individuen bereit sein, in Humankapital zu investieren. Bei Familien mit geringer Pr\u00e4ferenz f\u00fcr Bildung kommt dieser Effekt am st\u00e4rksten zum Tragen. Zudem sinkt der Anreiz f\u00fcr \u00e4rmere Familien, die Investitionen in die Bildung der Kinder sowie die daraus entstehenden Opportunit\u00e4tskosten \u00fcber eine Verschuldung am Kapitalmarkt zu finanzieren. In Summe werden reichere Familien <a href=\"http:\/\/dx.doi.org\/10.1787\/888933115635\">relativ betrachtet mehr in Bildung investieren<\/a> als \u00e4rmere Haushalte, was zu einer Reduktion der Mobilit\u00e4t f\u00fchrt. Die Umverteilung st\u00f6\u00dft jedoch noch einen zweiten Effekt an. Wird umverteilt, so kommt es zu einem Austausch der Einkommen zwischen reichen und armen Familien, was unmittelbar zu einer Ann\u00e4herung der verf\u00fcgbaren Einkommen f\u00fchrt. Auf diesem Zweig der Parabel tr\u00e4gt ein Anstieg der Umverteilung tats\u00e4chlich zu einer Erh\u00f6hung der sozialen Mobilit\u00e4t bei. Ein Beispiel: Angenommen, das Sozialsystem w\u00e4re in der Generation des Vaters wenig expansiv gewesen. In diesem Fall h\u00e4tte ein armer Vater wenig von staatlichen Umverteilungsaktivit\u00e4ten profitiert. Kam es jedoch zwischen den Generationen zu einem Anstieg der Umverteilung, so profitiert ein hypothetisch ebenso armer Sohn nun deutlich mehr, als noch sein Vater. Die relative Stellung des Sohnes hat sich somit durch den Anstieg der Umverteilung verbessert. Die Lasten der st\u00e4rkeren Umverteilung m\u00fcssen jedoch von den Steuerzahlern getragen werden, direkt oder indirekt. Damit wird ein reicher Sohn nun st\u00e4rker belastet als noch sein reicher Vater. In Summe sinkt damit die Korrelation der Einkommen der V\u00e4ter mit jenen ihrer S\u00f6hne. Ab einem bestimmten Niveau der Umverteilung \u00fcberkompensiert der zweite Effekt den ersten und die \u00d6konomie bewegt sich auf dem rechten Arm der Parabel.<\/p>\n<p>Die Forderung nach einer st\u00e4rkeren staatlichen Umverteilung zur Erh\u00f6hung der Mobilit\u00e4t w\u00e4re allerdings vorschnell, denn der zweite, mobilit\u00e4tssteigernde Effekt ist im Prinzip im Wesentlichen \u201erechnerischer\u201c Natur. Im Fallbeispiel hat sich der \u00e4rmere Sohn relativ zu seinem Vater nicht durch eine h\u00f6here Bildung, einen besser dotierten Beruf oder das Hervorbringen von Innovationen besser gestellt, sondern allein durch die staatliche Aktivit\u00e4t. Der Staat hat jedoch noch eine zweite M\u00f6glichkeit, die soziale Mobilit\u00e4t durch wirtschaftspolitische Handlungen zu erh\u00f6hen: Anstelle der direkten Umverteilung kann der Weg der Schaffung von Chancengleichheit eingeschlagen werden. Liegt die geringe soziale Mobilit\u00e4t in dem vorigen Beispiel an einer harten Budgetbeschr\u00e4nkung der armen Familie, so muss der Staat Bildung \u00fcber alle soziale Schichten hinweg erm\u00f6glichen und insbesondere f\u00fcr Desegregation sorgen. Diese indirekte Form der Umverteilung ist wesentlich anreizkompatibler, erm\u00f6glicht sie doch jedem Individuum die freie Entfaltung und dasjenige Ma\u00df an Bildung, das den Pr\u00e4ferenzen des Einzelnen entspricht. Damit gehen unmittelbar positive Effekte auf das allgemeine Bildungsniveau, den technischen Fortschritt und das Wachstum einher. Es liegt nun allerdings an den Pr\u00e4ferenzen der jeweiligen Gesellschaft, welche Form der Umverteilung und damit auch der Mobilit\u00e4t sie bevorzugt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Die Empirie zeigt, dass die Spitze der Umverteilungsparabel bei 11 %-Punkten erreicht ist. Der Mittelwert der Umverteilung im Sample der 94 SWIID L\u00e4nder, f\u00fcr die der Gini-Koeffizient vor und nach Steuern verf\u00fcgbar ist, betr\u00e4gt 6,21, der Median liegt bei 3,63. Das bedeutet, im Mittel wird in den meisten L\u00e4ndern gerade die H\u00e4lfte der f\u00fcr einen mobilit\u00e4tssteigernden Effekt notwendigen Mittel umverteilt. Sind umverteilungsinduzierte Mobilit\u00e4tseffekte erw\u00fcnscht, so m\u00fcssen die Steuer- und Sozialsysteme in vielen L\u00e4ndern grundlegend ver\u00e4ndert werden. Bei gewachsenen Anreizstrukturen kann dies allerdings eine Reihe von Nebeneffekten auf die Bildung und das Arbeitsangebot ansto\u00dfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Familienstrukturen<\/i><\/p>\n<p>Im Gegensatz zur ambivalenten Wirkung der Umverteilung wirkt soziale Segregation stets mobilit\u00e4tshemmend. Eine hohe Streuung der Startbedingungen in einer Gesellschaft geht demnach mit einer geringeren Einkommensmobilit\u00e4t einher. Gleiches gilt f\u00fcr die Familienstruktur: Werden Kinder von weniger als zwei Elternteilen aufgezogen, so schneiden diese im Schnitt schlechter auf dem Arbeitsmarkt ab. Beide Effekte werden in Abbildung 5 veranschaulicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob5.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Familienstruktur\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob5.png\" alt=\"Familienstruktur\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Bedeutung der Familienstabilit\u00e4t und der Erziehung wird in einer Reihe von Studien betont (so etwa in <a href=\"http:\/\/www2.sofi.su.se\/sem\/Bjorklund071023.pdf\">Bj\u00f6rklund und J\u00e4ntti<\/a> (2009) oder <a href=\"http:\/\/www.nber.org\/papers\/w12298.pdf\">Knudsen<\/a> et al. (2006)). Diese Studien zeigen, dass die Stimulationen, welche Kinder in der fr\u00fchen Phase der Gehirnentwicklung erfahren, die Grenzen der zuk\u00fcnftigen geistigen Leistungsf\u00e4higkeit in gro\u00dfem Ma\u00dfe beeinflussen. Ein stimulierendes soziales Umfeld f\u00fchrt in Summe zu einer besseren kognitiven Entwicklung, zu besseren sozialen F\u00e4higkeiten und zu mehr Gesundheit. Dies zeigt auch die hohe Geschwisterkorrelation, die in den USA knapp 50% betr\u00e4gt. In den skandinavischen L\u00e4ndern Schweden, Finnland und D\u00e4nemark ist diese mit rund 25% deutlich geringer. Der famili\u00e4re Hintergrund ist in diesen L\u00e4ndern also weitaus weniger bedeutsam f\u00fcr den sp\u00e4teren Erfolg. Dieses Ergebnis ist \u00e4u\u00dferst bemerkenswert, da die Zahl der Kinder, die von nur einem Elternteil aufgezogen werden, in Schweden in etwa auf dem Niveau des Median liegt (20%). Dennoch ist die soziale Mobilit\u00e4t in Schweden im L\u00e4ndervergleich mit am h\u00f6chsten. Augenscheinlich kann das schwedische Schulsystem mit seinem breit ausgebauten Vorschulwesen einen Gro\u00dfteil der durch die Familie entgangenen Stimulanzen auffangen. Ein Ergebnis ist die extrem geringe Varianz der Leistungen der Sch\u00fcler. W\u00e4hrend die OECD-L\u00e4nder im Bereich Naturwissenschaft der PISA Studie durchschnittlich eine Varianz von 33% aufweisen, liegt Schweden mit 11% weit hinter diesem Wert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Bildung<\/i><\/p>\n<p>Dass Deutschland hier wesentlich schlechter abschneidet, liegt nicht zuletzt an der starken Heterogenit\u00e4t der hiesigen Schulqualit\u00e4t. Die Ergebnisse von Berthold und Gr\u00fcndler (2014) zeigen, dass die Streuung in der Qualit\u00e4t der Schulen einen negativen Effekt auf die Mobilit\u00e4t aus\u00fcbt. Die Variation der Ergebnisse zwischen den Schulen liegt in Deutschland mit 68% deutlich \u00fcber dem Schnitt der durch die OECD erfassten L\u00e4nder (42%). Nur in sehr wenigen \u00d6konomien (Israel, Katar, T\u00fcrkei, Trinidad und Tobago und Argentinien) ist dieser Wert st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt. Gleichzeitig ist die Varianz der Sch\u00fclerleistung innerhalb einer Schule relativ gering (44% vs. 65% in der OECD). Damit sind zwar die Sch\u00fcler auf guten Schulen auf vergleichbarem Niveau. Gleichzeitig sind jedoch die Chancen f\u00fcr Sch\u00fcler in schlechteren Schule \u00fcberschaubar.<\/p>\n<p>Eine einfache Erh\u00f6hung der Investitionen in das Schulsystem stellt jedoch kein ad\u00e4quates Mittel zur Steigerung der sozialen Mobilit\u00e4t dar. Ganz im Gegenteil zeigen die Sch\u00e4tzungen, dass eine h\u00f6here durchschnittliche Schulbildung die soziale Mobilit\u00e4t sogar reduziert. Je h\u00f6her die allgemeine Humankapitalausstattung, desto schwerer f\u00e4llt Sch\u00fclern aus benachteiligten Familien der Aufholprozess zum durchschnittlichen Bildungsniveau. Investitionen in das Bildungssystem m\u00fcssen daher in erster Linie Chancengleichheit und Desegregation f\u00f6rdern, sofern diese als Instrument zur Erh\u00f6hung der sozialen Mobilit\u00e4t eingesetzt werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Arbeitsmarkt<\/i><\/p>\n<p>Auch der Arbeitsmarkt beeinflusst die soziale Mobilit\u00e4t. Je h\u00f6her die Erwerbst\u00e4tigenquote, desto geringer ist die intergenerative Einkommenselastizit\u00e4t. Die Mobilit\u00e4t ist zudem stark mit der Gr\u00f6\u00dfe des produzierenden Sektors korreliert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob6.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Strukturwandel und Mobilit\u00e4t\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob6.png\" alt=\"Strukturwandel und Mobilit\u00e4t\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>In vielen entwickelten Volkswirtschaften fanden in den letzten Jahrzehnten starke strukturellere Ver\u00e4nderungen statt. Vor allem die Entwicklung vom Industriesektor hin zum Dienstleistungssektor hatte in vielen entwickelten \u00d6konomien einen starken Einfluss auf die nationalen Arbeitsm\u00e4rkte. Dies zeigt vor allem das Beispiel USA: W\u00e4hrend der Anteil des produzierenden Gewerbes im Jahr 1970 noch 22,4% betrug, schrumpfte der Sektor bis zum Jahr 2009 deutlich und machte nur noch einen Anteil von 8,9% an der gesamten Besch\u00e4ftigung aus. Gleichzeitig ist die soziale Mobilit\u00e4t\u00c2\u00a0 in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gesunken. In Deutschland ist der produzierende Sektor mit 18,5% noch relativ gro\u00df, wenngleich auch hierzulande eine sinkende Tendenz in den Daten festzustellen ist (1970 vs. 2009: -48%). Damit deutet einiges darauf hin, dass Deutschland die mobilit\u00e4tshemmende Wirkung des strukturellen Wandels m\u00f6glicherweise erst noch bevorsteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><i>Kultur und Religion<\/i><\/p>\n<p>Als letzte Komponente spielen auch kulturelle Unterschiede zwischen den Volkswirtschaften eine Rolle bei der Erkl\u00e4rung der Ursachen der sozialen Mobilit\u00e4t. So zeigt sich, dass L\u00e4nder mit geringerer Akzeptanz von Autorit\u00e4t und geringerer Aversion gegen Unsicherheit im Schnitt h\u00f6here Mobilit\u00e4tsraten aufweisen. Dasselbe gilt f\u00fcr L\u00e4nder, die im Wesentlichen individualistisch gepr\u00e4gt sind. Im Gegensatz dazu spielt Religion eine untergeordnete Rolle. Wie die erste Grafik in Abbildung 7 verdeutlich, existiert kein Zusammenhang zwischen dem Anteil der Gl\u00e4ubigen und der sozialen Mobilit\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob7.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Kultur und Mobilit\u00e4t\" src=\"\/wordpress\/bilder\/grundlermob7.png\" alt=\"Kultur und Mobilit\u00e4t\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Anders hingegen der Effekt der Streuung der ethnischen Gruppen. Die zweite Grafik in Abbildung 7 zeigt den Einfluss der ethnischen Konzentration in einem Land (abgebildet durch den Herfindahl-Index) auf die soziale Mobilit\u00e4t.\u00c2\u00a0 Das Ergebnis ist erstaunlich. Es zeigt sich ganz eindeutig ein parabolischer Gleichlauf der Variablen. Das bedeutet, die Mobilit\u00e4t ist in sehr gleichen und in sehr vielf\u00e4ltigen Gesellschaften am h\u00f6chsten. In beiden F\u00e4llen ist anzunehmen, dass im Schnitt wenig Vorurteile und Ressentiments gegen andere Individuen aufgrund der Gruppenzugeh\u00f6rigkeit herrschen. Im einen Fall, weil es keine anderen Gruppen gibt, im zweiten Fall, weil die Vielfalt der Gruppen keine Gruppe systematisch bevorzugt oder benachteiligt. Im Falle einer mittelstarken Konzentration ist die Mobilit\u00e4t signifikant geringer. Offenkundig f\u00fchrt die marktbeherrschende Stellung einiger weniger Gruppen bei gleichzeitig gleichm\u00e4\u00dfiger Verteilung der F\u00e4higkeiten zwischen den Gruppen zu einer systematischen nepotistischen Verzerrung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<b>Fazit<\/b><\/p>\n<p>Die soziale Mobilit\u00e4t nimmt in der Frage nach der Einkommensverteilung und den M\u00f6glichkeiten zur Reduktion der Ungleichheit eine Schl\u00fcsselrolle ein. Wenn es gelingt, die gegenw\u00e4rtig \u00fcberschaubare Mobilit\u00e4t zu erh\u00f6hen, so l\u00f6sen sich viele Probleme der steigenden Einkommensungleichheit von selbst. Daf\u00fcr muss der Fokus der Bildungspolitik auf Chancengleichheit gelegt und das Vorschulwesen ausgebaut werden. Stehen jedem Individuum dieselben Chancen offen, so ist die Verteilung der Humankapitalakkumulation und schlussendlich die Verteilung der Einkommen das Resultat von Pr\u00e4ferenzen. Diese L\u00f6sung ist \u00fcberdies deutlich anreizkompatibler als eine reine Politik der Umverteilung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Weiterlesen<\/b><\/p>\n<p>Berthold, N. und Gr\u00fcndler, K. (2014): <a href=\"http:\/\/www.vwl.uni-wuerzburg.de\/fileadmin\/12010400\/diskussionsbeitraege\/DP_128.pdf\">On the Empirics of Social Mobility<\/a>: A Macroeconomic Approach, <i>Diskussionspapiere des Lehrstuhls f\u00fcr Volkswirtschaftslehre, insbesondere Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik<\/i>, Nr. 128.<\/p>\n<p>Bj\u00f6rklund, A. und M. J\u00e4ntti (2009): Intergenerational income mobility and the role of family background,&#8220; in B. N. Wiemer Salverda and T. Smeeding (Hrsg.): <i>The Oxford Handbook of Economic Inequality<\/i>, Oxford University Press.<\/p>\n<p>Corak, M. (2006): Do poor children become poor adults? Lessons for public policy from a cross country comparison of generational earnings mobility,&#8220; <i>Research on Economic Inequality<\/i>, 13, 143-188.<\/p>\n<p>Corak, M. (2011): Inequality from generation to generation: The united states in comparison,&#8220; Unver\u00f6ffentlichtes Forschungspapier der University of Ottawa.<\/p>\n<p>Knudsen, E., J. Heckman, J. Cameron, und J. Shonkoff (2006): Economic, neurobiological and behavioral perspectives on building America&#8217;s future workforce,&#8220; <i>NBER Working Paper<\/i>, 12298.<\/p>\n<p>OECD (2012): <i>Equity and Quality in Education. Supporting Disadvantaged Students and Schools<\/i>, Paris (FR): OECD Publishing.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><b>Hinweis<\/b><\/p>\n<p>Der Beitrag ist die schriftliche Fassung eines Vortrages auf dem \u201c2. W\u00fcrzburger Ordnungstag\u201c\u009d am 8. Oktober 2014 in Frankfurt. In loser Folge werden hier weitere Vortr\u00e4ge dieses wirtschaftspolitischen Symposiums erscheinen.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum &#8222;2. W\u00fcrzburger Ordnungstag&#8220;:<\/strong><\/p>\n<p>Guido Zimmermann: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15716\">Verm\u00f6gensverteilung: Die Piketty-Kontroverse<\/a><\/p>\n<p>Werner Becker: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15763\">Niedrigzinsen: Vor\u00fcbergehendes Ph\u00e4nomen oder neue Normalit\u00e4t?<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eThe order is rapidly fadin.\u00a0 &#8218;And the first one now will later be last. 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