{"id":15958,"date":"2014-12-04T00:01:16","date_gmt":"2014-12-03T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15958"},"modified":"2014-12-04T06:12:50","modified_gmt":"2014-12-04T05:12:50","slug":"schavan-luebeck-und-die-bildungsfoederalen-folgen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15958","title":{"rendered":"Schavan, L\u00fcbeck und die bildungsf\u00f6deralen Folgen"},"content":{"rendered":"<p>Am 11. April 2014 richtete sich die deutsche Medienaufmerksamkeit mit Spannung auf die beschauliche Hansestadt L\u00fcbeck, galt es doch eine Auferstehung ehrenhalber eines gefallenen Engels zu dokumentieren. Annette Schavan, ehemals eloquente Bundesbildungsministerin, hatte als vermeintliche Plagiatorin kurz zuvor ihren Doktorgrad von der Universit\u00e4t D\u00fcsseldorf aberkannt bekommen und war auch mit einer Anfechtungsklage vor dem Verwaltungsgericht D\u00fcsseldorf gescheitert. Nun war sie nach L\u00fcbeck eingeladen, um von der dortigen Universit\u00e4t bzw. Universit\u00e4tsmedizin (die Universit\u00e4t zu L\u00fcbeck wird als selbst erkl\u00e4rte Life-Science-Universit\u00e4t von der Medizin und ihr verwandten Disziplinen dominiert) die Ehrendoktorw\u00fcrde verliehen zu bekommen. Die angereiste Presse hoffte nun auf O-T\u00f6ne, in denen die etwas delikate Situation erkl\u00e4rt werden sollte (jedoch, so Spiegel Online entt\u00e4uscht, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/wunderbar\/annette-schavan-ehrendoktor-an-der-universitaet-luebeck-a-964024.html\" target=\"blank\">\u201e(d)as b\u00f6se P-Wort f\u00e4llt nicht\u201c<\/a>).<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Frage, die kaum einen Medienvertreter an diesem Tag ernsthaft interessierte, war, warum Annette Schavan die L\u00fcbecker Ehrendoktorw\u00fcrde \u00fcberhaupt erhalten hatte und warum es den L\u00fcbeckern dabei egal war, dass die Verleihung durch die vorherigen Ereignisse in D\u00fcsseldorf einen faden Beigeschmack bekommen hatte (Schavan hatte erst am Vortag bekannt gegeben, dass sie auf eine Berufung gegen das D\u00fcsseldorfer Verwaltungsgerichtsurteil verzichten w\u00fcrde). Neben der Standardfloskel \u201ein W\u00fcrdigung der besonderen Verdienste, die sich Ministerin Schavan um die medizinische Wissenschaft erworben hat\u201c wollte die Universit\u00e4t L\u00fcbeck insbesondere ehren, dass Schavan <a href=\"http:\/\/www.uni-luebeck.de\/aktuelles\/nachricht\/artikel\/ehrendoktorwuerde-fuer-annette-schavan-1.html\" target=\"blank\">\u201e2010 entscheidend dazu beigetragen (hatte), die Medizin als akademisches Fach an der Universit\u00e4t L\u00fcbeck zu erhalten\u201c<\/a>. Diese Tatsache soll im Folgenden n\u00e4her beleuchtet werden, weil sich bei genauerer Betrachtung herausstellt, dass Schavans Einsatz f\u00fcr die L\u00fcbecker Medizinerausbildung exemplarisch f\u00fcr die Probleme eines fehlgeleiteten Bildungsf\u00f6deralismus ist und problematische Anreizsetzung f\u00fcr die Zukunft bewirkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Knappe Kassen, teure Studenten<\/strong><\/p>\n<p>Das Land Schleswig-Holstein geh\u00f6rt zu den \u00e4rmeren deutschen Bundesl\u00e4ndern und ist gezwungen, die Konsolidierung seines Haushalts voranzutreiben. Die im Jahr 2010 amtierende schwarz-gelbe Landesregierung unter Ministerpr\u00e4sident Peter Harry Carstensen sah sich vor die Herausforderung gestellt, gr\u00f6\u00dfere Einsparungen vorzunehmen, von denen auch die Hochschulen des Bundeslandes nicht verschont bleiben sollten. Nicht unerhebliche Kosteneinsparungen versprach sich die Landesregierung dabei von der Schlie\u00dfung der Medizinerausbildung am Universit\u00e4tsklinikum L\u00fcbeck, der (teilweisen) Verlagerung des Lehrk\u00f6rpers an die Universit\u00e4tsklinik in Kiel sowie einer m\u00f6glichen sp\u00e4teren Ver\u00e4u\u00dferung beider Kliniken an private Investoren.<\/p>\n<p>Da das Medizinstudium mit durchschnittlich etwa 200.000 Euro pro Student bzw. Studentin zu den teuersten Studieng\u00e4ngen \u00fcberhaupt z\u00e4hlt (zum Vergleich: die Ausbildung eines Diplom-Wirtschaftswissenschaftlers kostete im Jahr 2009 knapp 30.000 Euro) sowie Universit\u00e4tskliniken wegen der Versorgung hochkomplexer und besonders schwerwiegender Erkrankungen sowie ihres gro\u00dfen Personalstamms als besonders kostenintensiv gelten, w\u00e4re das Einsparpotenzial signifikant gewesen. Aus der Sicht eines armen Bundeslandes w\u00e4re dies also vor allem l\u00e4ngerfristig und vor dem Hintergrund der bevorstehenden Schuldenbremse ein wichtiger Konsolidierungsschritt gewesen.<\/p>\n<p>Wie nicht anders zu erwarten, erhoben sich schnell Proteste gegen dieses Vorhaben der Landesregierung. Die Stadt L\u00fcbeck und ihre B\u00fcrger, die einen wichtigen Arbeitgeber zu verlieren drohten, reagierten mit einer gro\u00dfangelegten Kampagne. B\u00fcrgermeister Bernd Saxe sah sich zu einer \u00c4u\u00dferung veranlasst, die in einer Hansestadt getrost als Tabubruch betrachtet werden darf (aber den modernen Realit\u00e4ten wohl entsprechen d\u00fcrfte): <a href=\"http:\/\/www.eine-stadt-sieht-gelb.de\/img\/Luebeck_kaempft_Chronik_web.pdf\" target=\"blank\">\u201eDas Schlie\u00dfen der Uni ist schlimmer, als wenn man den Hafen dicht machen w\u00fcrde.\u201c<\/a> Auch die lokale Wirtschaft, die Studierenden und die Dozentenschaft, die globale \u201eScientific Community\u201c und andere k\u00e4mpften f\u00fcr den Erhalt des Hochschulstandortes L\u00fcbeck. Au\u00dferhalb Schleswig-Holsteins und der genannten Personenkreise war das Thema dagegen keinen besonderen Aufreger wert, auch wenn einige \u00fcberregionale Qualit\u00e4tsmedien auf ihren Wissenschaftsseiten dar\u00fcber berichteten. Doch wen in den restlichen 15 Bundesl\u00e4ndern k\u00fcmmerte schon ernsthaft die Landeshochschulpolitik eines anderen Bundeslandes? W\u00fcrde man nicht sogar eine l\u00e4stige Konkurrenz im Kampf um universit\u00e4re Drittmittel los, wenn L\u00fcbeck die Segel strich?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich jedoch stimmte die Beschreibung einer solchen Ignoranz nicht ganz, denn in Berlin betrachtete die in ihrer Amtszeit als Wissenschaftsministerin vom bundesbildungspolitischen Saulus zum Paulus mutierte Annette Schavan den Fall L\u00fcbeck mit Sorge. Als baden-w\u00fcrttembergische Kultusministerin (1995-2005) noch vehemente Gegnerin des bundespolitischen Einflusses im Bildungs- und Wissenschaftsbereich, konnte sie aus bundesstaatlicher Sicht die Tatsache nicht guthei\u00dfen, dass in Zeiten des Nachwuchsmangels in der \u00c4rzteschaft eine komplette medizinische Fakult\u00e4t geschlossen werden sollte. Weil aber seit der F\u00f6deralismusreform I aus dem Jahr 2006 ein Kooperationsverbot im Bildungsbereich zwischen Bund und L\u00e4ndern im Grundgesetz verankert ist, bestand f\u00fcr den Bund keine M\u00f6glichkeit direkter Hilfe mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine L\u00f6sung, die falsche Begehrlichkeiten weckt<\/strong><\/p>\n<p>Die \u2013 mit einer Ehrendoktorw\u00fcrde belohnte \u2013 L\u00f6sung des Problems bestand f\u00fcr Frau Schavan nun darin, einen Deal mit dem Land Schleswig-Holstein zu schlie\u00dfen. Im Rahmen dieser Abmachung wurde das bis dahin mit Landesmitteln finanzierte Kieler Leibniz Institut f\u00fcr Meereskunde GEOMAR in die vom Bund finanzierte Helmholtz-Gemeinschaft \u00fcberf\u00fchrt. Das beim Land eingesparte Geld \u2013 immerhin 25 Millionen Euro \u2013 soll im Gegenzug zuk\u00fcnftig die universit\u00e4re Medizinerausbildung in L\u00fcbeck absichern. Ein clever ausgedachte Modell, das nur einen Haken hat: es weckt Begehrlichkeiten. Von den 33 Mitgliedseinrichtungen des Verbands der Universit\u00e4tsklinika rechnen 19 Unikliniken f\u00fcr das laufende Gesch\u00e4ftsjahr mit Verlusten, nur 5 gehen von einem positiven Abschluss aus. Nachdem die Privatisierung von Universit\u00e4tskliniken sich bisher nicht als besonders segensreich herausgestellt hat (siehe Gie\u00dfen und Marburg), k\u00f6nnte das \u00dcbertragen der teuren Universit\u00e4tskliniken an den Bund eine aus L\u00e4ndersicht elegante L\u00f6sung jenseits der Aufhebung des Kooperationsverbots (die nach wie vor unwahrscheinlich ist) sein, um die eigenen Ausgaben etwas besser in den Griff zu bekommen.<\/p>\n<p>L\u00e4ngst hatte auch Annette Schavan die Idee, die Charit\u00c3\u00a9 in Berlin zu einer \u201eBundesuniversit\u00e4t\u201c zu machen, was angesichts der enormen wissenschaftlichen Bedeutung der Charit\u00c3\u00a9 und der Bodenlosigkeit der Haushaltsl\u00f6cher in Berlin durchaus Sinn machen k\u00f6nnte. Ob das Gleiche f\u00fcr den heimlichen Traum manches Bremers, nach Auslauf der Exzellenzf\u00f6rderung gleich seine komplette Universit\u00e4t dem Bund angedeihen zu lassen, ebenso gelten sollte, sei dahingestellt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine fatale Wettbewerbslogik<\/strong><\/p>\n<p>Die Logik, aus der diese Begehrlichkeiten erwachsen, ist dabei fatal. Nach dem <a href=\"https:\/\/www.cesifo-group.de\/portal\/pls\/portal\/!PORTAL.wwpob_page.show?_docname=1154789.PDF\" target=\"blank\">Selektionsprinzip<\/a>, wie es Hans-Werner Sinn formuliert hat, gilt ein einfacher Grundsatz hinsichtlich staatlichen Handels: Staaten tun nur das, was nicht von Privaten erledigt werden kann, und wegen dieses Prinzips kann ein staatlicher Wettbewerb nicht funktioniert (selbst wenn er durch die Hintert\u00fcr wieder eingef\u00fchrt wird). Nat\u00fcrlich wird hierbei unterstellt, dass der Staat sich in seinem Handlungsspektrum tats\u00e4chlich auf das beschr\u00e4nkt, was die Privaten nicht erledigen k\u00f6nnen (n\u00e4mlich die Bereitstellung \u00f6ffentlicher G\u00fcter), aber im Falle der Universit\u00e4tskliniken d\u00fcrfte an der G\u00fcltigkeit dieses Kriteriums nur geringer Zweifel bestehen, denn diese Kliniken erf\u00fcllen fundamentale Aufgaben, die weit in die Gesellschaft hineinstrahlen. Es handelt sich dabei um positive Externalit\u00e4ten beispielsweise in Form von Forschung, Wissensvermittlung f\u00fcr (angehende) \u00c4rzte und medizinisches Personal, medizinische Notfallversorgung selbst in schwersten F\u00e4llen oder die Infektions- und Seuchenvorsorge.<\/p>\n<p>Kommt es nun zu einem staatlichen Wettbewerb und ist die Bereitstellung der \u00f6ffentlichen G\u00fcter (ohne diesen Wettbewerb) gerade effizient nach der Ma\u00dfgabe des Selektionsprinzips, dann kann wird das Niveau staatlicher Bereitstellung unter das gesamtgesellschaftliche Optimum gedr\u00fcckt. Mit anderen Worten: man muss im konkreten Fall davon ausgehen, dass die universit\u00e4re Medizin in einem zu geringen Ma\u00dfe angeboten wird. Wenn Schleswig-Holstein eine seiner beiden Universit\u00e4tskliniken schlie\u00dft, dann spart es dadurch Kosten, w\u00e4hrend zugleich die Nutzen in Form einer geringeren Zahl ausgebildeter Mediziner aus Landessicht nur unterdurchschnittlich sinken. Mediziner k\u00f6nnen schlie\u00dflich auch von anderswo kommen, sie m\u00fcssen nicht im eigenen Bundesland ausgebildet sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein Zahlenbeispiel<\/strong><\/p>\n<p>Was hier theoretisch verklausuliert erscheint, wird beim Blick auf einige Zahlen in seiner ganzen Dimension deutlich. Das folgende Diagramm zeigt das Ergebnis eines fiktiven Soll-Ist-Vergleichs der Anzahl von Absolventen medizinischer Fakult\u00e4ten in den deutschen Bundesl\u00e4ndern. Hierbei wird davon ausgegangen, dass jedes Bundesland eine seiner relativen Bev\u00f6lkerungsgr\u00f6\u00dfe entsprechende Anzahl von Medizinern \u201eproduzieren\u201c sollte, um eine einheitliche Versorgung mit \u00e4rztlichem Personal in allen Bundesl\u00e4ndern sicher zu stellen (Soll-Wert). Alternativ k\u00f6nnte argumentiert werden, dass die Kosten pro Medizinstudent f\u00fcr alle Bundesland gleich sein sollten. Man kann nun die Bev\u00f6lkerungsanteile der L\u00e4nder auf die tats\u00e4chliche Gesamtzahl der Medizinabsolventen (hier Jahresdurchschnitte f\u00fcr den Zeitraum 2003 bis 2012) beziehen und diese Soll-Werte mit den tats\u00e4chlichen Absolventenzahlen (Ist-Werte) vergleichen. An diesem Soll-Ist-Vergleich l\u00e4sst sich dann erkennen, ob ein Bundesland eine seiner Bev\u00f6lkerung entsprechende Anzahl von Medizinern an den eigenen Hochschulen ausgebildet hat oder ob es (zumindest in der Tendenz) als Nettoimporteur von Medizinern, die in anderen L\u00e4ndern ausgebildet worden sind, agieren musste.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kriegerabb1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"Medizinstudenten\" alt=\"Medizinstudenten\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kriegerabb1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Das Diagramm zeigt ein sehr uneinheitliches Bild bez\u00fcglich der Verteilung von (potenziellen) Nettoimporteuren und -exporteuren von Medizinern. Es gibt deutliche Nettoexporteure und -impor-teure sowie eine Reihe von L\u00e4ndern, die weder das eine noch das andere sind und sich bei einem Wert von ungef\u00e4hr Null (im Durchschnitt \u00fcber 10 Jahre) eingependelt haben. Auff\u00e4llig ist zun\u00e4chst der gro\u00dfe \u00dcberschuss an Studierenden relativ zur Landesgr\u00f6\u00dfe in Berlin (Charit\u00c3\u00a9) und Baden-W\u00fcrttemberg sowie mit Abstrichen in Hamburg. Dass die beiden Stadtstaaten einen deutlichen \u00dcberschuss aufweisen, ist wenig \u00fcberraschend. Berlin und Hamburg gelten als attraktive Studienorte f\u00fcr Studierende aus allen Teilen der Republik und verf\u00fcgen \u00fcber sehr gro\u00dfe Universit\u00e4ten im Verh\u00e4ltnis zur Gesamtbev\u00f6lkerung. Dagegen zeichnet sich Baden-W\u00fcrttemberg durch eine Reihe sehr alter und renommierter Universit\u00e4ten aus, die daher auch \u00fcber eine lange Geschichte im Bereich der medizinischen Forschung und Ausbildung verf\u00fcgen. Im Vergleich hierzu hat Bayern (trotz \u00e4hnlicher Ausgangslage wie in Baden-W\u00fcrttemberg) nur einen geringen \u00dcberschuss. Die gr\u00f6\u00dften Nettoimporteure im vorliegenden Soll-Ist-Vergleich sind Brandenburg (das ebenso wie Bremen als einziges Bundesland keine Universit\u00e4tsklinik beheimatet) sowie Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Diese Bundesl\u00e4nder verhalten sich \u2013 wenn man den vorgeschlagenen Soll-Ist-Vergleich trotz aller Schw\u00e4chen akzeptiert \u2013 damit als innerdeutsche Trittbrettfahrer in der Medizinerausbildung an Universit\u00e4tskliniken. Sie lassen die kostspielige Ausbildung ihrer \u00c4rzte zu einem nicht unerheblichen Teil in anderen Bundesl\u00e4ndern erfolgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Schleswig-Holstein, der Rest der Republik und der Bund<\/strong><\/p>\n<p>Betrachtet man noch einmal den Problemfall Schleswig-Holstein, dann zeigt sich, dass das Bundesland immerhin der f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte Nettoexporteur von ausgebildeten Medizinern ist. Pro Jahr werden gut 100 Studierende mehr auf den Arbeitsmarkt entlassen als das Bundesland im Soll-Ist-Vergleich zum Abschluss bringen m\u00fcsste. Dies liegt vor allem daran, dass das bev\u00f6lkerungsm\u00e4\u00dfig eher kleine Bundesland zwei Universit\u00e4tskliniken unterh\u00e4lt, an denen gut 650 Medizinstudenten pro Jahr (im 10-Jahres-Durchschnitt) ihre Staatsexamina machen. Aus Sicht der Landesregierung war es also durchaus rational, die positive Externalit\u00e4t auf andere Bundesl\u00e4nder einzustellen (der Wegfall von zuletzt etwa 200 Absolventen in L\u00fcbeck h\u00e4tte das Land allerdings selbst zum Nettoimporteur gemacht). Dem Nutzen f\u00fcr das eigene Bundesland standen unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohe Kosten gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>So rational der Wegfall einer medizinischen Fakult\u00e4t aus Sicht eines einzelnen Landes sein mag, gesamtgesellschaftlich hat er negative Wirkungen. Geht man davon aus, dass die Gesamtzahl der Medizinabsolventen ohnehin schon zu niedrig ist, dann ist der Ausfall nur eines weiteren Klinikums bereits fatal, denn eine Kompensation an anderem Orte wird nicht stattfinden. Vielmehr ist ein klassisches Gefangenendilemma zu bef\u00fcrchten, in dem jedes Bundesland den Anreiz hat, seine Medizinausbildung eher knapp zu halten, um entweder als Trittbrettfahrer agieren zu k\u00f6nnen oder zumindest nicht allein die Kosten f\u00fcr alle anderen tragen zu m\u00fcssen. Weil junge Mediziner nach Abschluss ihres Studium interregional (und \u2013 aus deutscher Sicht leider \u2013 auch international im Sinne eines <a href=\"http:\/\/www.egms.de\/static\/en\/journals\/awmf\/2007-4\/awmf000133.shtml\" target=\"blank\">\u201emedical brain drain\u201c<\/a>) h\u00f6chst mobil sind, ist es nicht ausgeschlossen, dass der Mangel an Medizinern in Deutschland zumindest teilweise ein Ausfluss dieses Koordinationsproblems ist. Weil Mediziner leicht aus anderen Bundesl\u00e4ndern gewonnen werden k\u00f6nnen, wird eine eigene Medizinerausbildung (scheinbar) weniger relevant. Da alle Bundesl\u00e4nder den gleichen Anreizstrukturen unterliegen, wird die Unterbereitstellung von (Ausbildungs-)Kapazit\u00e4ten an den medizinischen Hochschulen zum bildungsf\u00f6deralen Dauermissstand.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die Ma\u00dfnahme von Frau Schavan als klassische Sozialplaner-Antwort auf eine Marktverzerrung zu verstehen. Diese Verzerrung ist das Ergebnis eines staatlichen Wettbewerbs bei einer \u00f6ffentlichen Dienstleistung, die eigentlich dem Selektionsprinzip unterliegt und daher in ihrem Kern staatlich bereitgestellt werden sollte. Dort, wo die Bundesl\u00e4nder wegen fehlender Absprachen und insbesondere fehlender Regeln zur Ausbildungskosten\u00fcbernahme eine gesamtstaatlich optimale Bereitstellung nicht gew\u00e4hrleisten, m\u00fcsste nach den Prinzipien der Theorie des Fiskalf\u00f6deralismus die n\u00e4chst h\u00f6here Verwaltungseinheit, also der Bund, diese Aufgabe \u00fcbernehmen. Aufgrund des Kooperationsverbots durch die F\u00f6deralismusreform I wird der Bund hieran jedoch gehindert, sofern er nicht wie im Falle der L\u00fcbecker Universit\u00e4tsklinik in Person von Annette Schavan das Kooperationsverbot mittels abenteuerlicher Konstruktionen umschifft.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ein Pr\u00e4zedenzfall f\u00fcr den traurigen Rest des Bildungsf\u00f6deralismus<\/strong><\/p>\n<p>Problematisch ist dabei vor allem, dass der Fall L\u00fcbeck einen Pr\u00e4zedenzfall darstellt, denn andere Bundesl\u00e4nder k\u00f6nnten dem Schleswig-Holsteiner Beispiel folgen und \u2013 wie seinerzeit Peter Harry Carstensen \u2013 eine Drohkulisse aufbauen, mit der Geldmittel aus zentralen T\u00f6pfen in die entsprechenden Bundesl\u00e4nder umgelenkt werden kann. Dass dabei im Gegenzug das Kooperationsverbot aus Sicht der L\u00e4nder nicht unbedingt abgeschafft werden sollte, liegt auf der Hand, stellt es doch einen \u00fcberaus praktischen Drohpunkt f\u00fcr die L\u00e4nder dar. Da kann Baden-W\u00fcrttembergs Ministerpr\u00e4sident Winfried Kretschmann dann auch recht entspannt \u00e4u\u00dfern, <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/unispiegel\/studium\/wanka-und-kretschmann-streiten-ueber-das-kooperationsverbot-a-913626.html\" target=\"blank\">der Bund solle den L\u00e4ndern das Geld einfach \u00fcberlassen, die w\u00fcssten schlie\u00dflich am besten, wie sie damit ihre Schul- und Hochschulpolitik gestalten<\/a>. Dass dies das exakte Gegenteil des Zusammenfallens von \u201eHaftung und Kontrolle\u201c ist, das in der Finanzkrise gebetsm\u00fchlenartig von deutschen Politikern gefordert wird, scheint dabei nicht weiter zu st\u00f6ren.<\/p>\n<p>W\u00fcrde eine \u201eGeld-\u00dcberlassung\u201c in der von Kretschmann formulierten Weise geschehen (und es ist alles andere als klar, ob sich die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka dem wird entziehen k\u00f6nnen), dann bedeutet dies jedoch gerade keine \u00dcberwindung des beschriebenen Dilemmas. Stattdessen blieben die fatalen Fehlanreize unver\u00e4ndert bestehen, auch wenn sich das Finanzierungsniveau insgesamt geringf\u00fcgig verbessern w\u00fcrde (jedoch ohne Garantie, dass das Geld wirklich an den Schulen und Hochschulen der L\u00e4nder ankommen w\u00fcrde). Kretschmann und die anderen Regierenden in den L\u00e4ndern bleiben hier die Antwort schuldig, wie sie mit der bestehenden Anreizproblematik umgehen wollen. Weder die Runde der L\u00e4nderchefs noch die \u2013 zunehmend unbedeutendere \u2013 Kultusministerkonferenz lassen erkennen, dass sie eine Strategie gegen die Unterbereitstellungsproblematik erarbeiten wollen.<\/p>\n<p>Der Bildungsf\u00f6deralismus st\u00f6\u00dft damit wieder einmal an seine Grenzen. Die Partikularinteressen der L\u00e4nder, eine fehlende Kooperationsbereitschaft dort, wo es n\u00f6tig w\u00e4re, und ein echter Wettbewerb dort, wo er m\u00f6glich w\u00e4re, lassen ihn zunehmend zu einer ebenso kostspieligen wie fortschritts- und wohlstandshemmenden Illusion werden. Wie schon <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14551\" target=\"blank\">an anderer Stelle in diesem Blog<\/a> dargelegt, f\u00fchrt sich der F\u00f6deralismus bundesdeutscher Pr\u00e4gung selbst ad absurdum und gef\u00e4hrdet seine eigene Existenz, wenn die Bundesl\u00e4nder in ihrem origin\u00e4ren und direktesten Wirkungs- und Bet\u00e4tigungsfeld, der Bildungspolitik, nicht langsam anfangen, brauchbare Ergebnisse zu liefern&#8230;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"\" src=\"http:\/\/vg06.met.vgwort.de\/na\/ddb8b04ef816489bb9c6dd5f00465810\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 11. 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