{"id":1601,"date":"2009-10-10T01:04:33","date_gmt":"2009-10-10T00:04:33","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1601"},"modified":"2011-12-26T14:52:52","modified_gmt":"2011-12-26T13:52:52","slug":"interview-die-fussballbranche-eine-branche-wie-viele-andere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1601","title":{"rendered":"<small>BlogDialog<\/small><br\/>Die Fu\u00dfballbranche &#8211; eine Branche wie viele andere? <br\/><small>\u00dcber Gehaltsobergrenzen, 50+1, Europaliga und mehr<\/small>"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"file:\/\/\/C:\/DOKUME~1\/NORBER~1\/LOKALE~1\/Temp\/moz-screenshot.png\" alt=\"\" \/><strong><\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/rbl.jpg\" alt=\"Berthold spricht auch \u00fcber Vereins\u00fcbernahmen\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\"><strong>schwatzgelb.de: Als Volkswirt besch\u00e4ftigen Sie sich mit aktuellen Fragen der Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik. Dennoch finden sich unter Ihren Ver\u00f6ffentlichungen zahlreiche Beitr\u00e4ge rund um den bezahlten Fu\u00dfball. Wie passt das zusammen?<\/strong><\/p>\n<p>Berthold: Der Fu\u00dfball ist ein Sektor der Volkswirtschaft wie jeder andere, es gelten die gleichen \u00f6konomischen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten wie \u00fcberall sonst. Es liegt daher nahe, sich auch mit diesem Sektor auseinanderzusetzen und einen Versuch zu unternehmen, die Erkenntnisse aus anderen Sektoren auf den Fu\u00dfball zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f8db51047d224fe783f6398e6b7ef4e1\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p><strong>In der Vorstellung vieler Fans gibt es kaum etwas Schlimmeres als Wissenschaftler, die in f\u00fcnf S\u00e4tzen den ganzen Sport erkl\u00e4ren k\u00f6nnen und nie ein Stadion von innen gesehen haben. <\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Auch im Westfalenstadion entgeht man nicht der Kommerzialisierung\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/THB_4515.jpg\" alt=\"Auch im Westfalenstadion entgeht man nicht der Kommerzialisierung\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal geht es nur darum bestimmte Zusammenh\u00e4nge zu analysieren, die man aus zahlreichen anderen Anwendungsgebieten kennt. Man muss kein Stadion von innen gesehen haben, um verstehen zu k\u00f6nnen, wie der Fu\u00dfball organisiert ist oder warum bestimmte Mannschaften, Ligen oder Nationalmannschaften besser abschneiden als andere. Dennoch kann es gerade im Fu\u00dfball sinnvoll sein, sich im Vorfeld mit dem Geschehen auseinanderzusetzen \u2013 und damit meine ich ausdr\u00fccklich nicht die n\u00fcchtern-\u00f6konomischen Fakten, sondern besonders die emotionale Komponente. Um die verstehen zu k\u00f6nnen, muss man schon einige Spiele gesehen haben, nicht zuletzt das ein oder andere Derby.<\/p>\n<p><strong>Hat der Fu\u00dfball eigene Gesetze, die man als Au\u00dfenstehender nicht verstehen kann?<\/strong><\/p>\n<p>Das behaupten zumindest die Fu\u00dfballer immer, genauso wie die Maschinenbauer und alle anderen Sektoren, die etwas auf sich halten. Jeder behauptet f\u00fcr sich, dass bei ihm alles ganz anders laufe \u2013 \u00f6konomisch betrachtet ist genau das eben nicht der Fall.<\/p>\n<p><strong>Was muss man beachten, wenn man Fu\u00dfball aus \u00f6konomischer Sicht verstehen will?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Hohe Kartenpreise f\u00fcr Topppl\u00e4tze\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/IMG_0082.jpg\" alt=\"Hohe Kartenpreise f\u00fcr Topppl\u00e4tze\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p>Man muss sich dar\u00fcber klar werden, nach welchen Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten \u00d6konomie abl\u00e4uft und ob diese Regeln auch im Sektor Fu\u00dfball G\u00fcltigkeit besitzen. Ist das der Fall, kann man die Rahmenbedingungen betrachten und den Vergleich zu anderen Bereichen ziehen.<\/p>\n<p><strong>An welcher Stelle setzen Ihre \u00dcberlegungen an?<\/strong><\/p>\n<p>Mich interessiert vor allem die Frage, wie der Wettbewerb als konstituierendes Element der \u00d6konomie im Fu\u00dfball aussieht: Warum bestehen bestimmte Spieler und Vereine im Wettbewerb besser als andere? Wo liegen die Bestimmungsgr\u00fcnde f\u00fcr Qualit\u00e4tsunterschiede zwischen nationalen Ligen? Was sind die Determinanten und Treiber des Erfolgs von Nationalmannschaften?<\/p>\n<p><strong>Und welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?<\/strong><\/p>\n<p>In der \u00d6konomie spricht man oft von der Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Volkswirtschaften, was angesichts der vielen Einzelakteure und Gesellschaftsgruppen eigentlich Quatsch ist \u2013 im Fu\u00dfball hingegen gibt es mit der Nationalmannschaft einen Kollektivakteur oberhalb der Vereinsstrukturen. Als das <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=127\">Bosman-Urteil<\/a> die vollst\u00e4ndige Freiz\u00fcgigkeit auf dem Arbeitsmarkt f\u00fcr Profi-Fu\u00dfballer bewirkt hatte, konnten wir die gleichen Ergebnisse und Wohlfahrtswirkungen wie auf jedem anderen Arbeitsmarkt in Europa konstatieren \u2013 bis auf den Unterschied, dass wir einen direkten Zusammenhang zwischen der \u00d6ffnung des Spielerm\u00e4rkte, der spielerischen Qualit\u00e4t und der Wettbewerbsf\u00e4higkeit von Nationalmannschaften herstellen konnten.<\/p>\n<p><strong>Sie betrachten die Nationalmannschaft als Platzhalter der deutschen Volkswirtschaft?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 5px; float: right;\" title=\"Serienmeister FC Bayern\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/fcb.jpg\" alt=\"Serienmeister FC Bayern\" width=\"240\" height=\"360\" \/>So k\u00f6nnte man das ausdr\u00fccken. Die Volkswirtschaft steht f\u00fcr die Summe der produzierten G\u00fcter aller wirtschaftlichen Akteure \u2013 sie ist aber kein Akteur, der selbstst\u00e4ndig handeln oder den Wettbewerb suchen kann. Nationalmannschaften bilden die Summe der produktivsten Arbeitnehmer einer Branche, besitzen jedoch eine eigenst\u00e4ndige Akteursqualit\u00e4t. Die Vereine der etablierten Fu\u00dfballligen verpflichten dank Bosman die besten Spieler und gewinnen damit an Wettbewerbsf\u00e4higkeit, w\u00e4hrend gleichzeitig die Qualit\u00e4t der Nationalmannschaften in Mitleidenschaft gezogen wird, weil ausl\u00e4ndische Spieler den inl\u00e4ndischen Nachwuchs verdr\u00e4ngen. Interessanterweise spricht kaum jemand \u00fcber die Kehrseite der Medaille: Spieler aus L\u00e4ndern, die vor wenigen Jahren gar nicht auf der Fu\u00dfballlandkarte existierten, verdienen ihr Geld heute in den besten Ligen und nehmen diese Erfahrung mit in ihre Nationalmannschaften, die zunehmend an spielerischer Qualit\u00e4t gewinnen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Die Empirie spricht eine andere Sprache. Die Top-15 der Weltrangliste besteht fast ausschlie\u00dflich aus etablierten Fu\u00dfballnationen, Welt- und Europameister wurden nach 1995 mit einer Ausnahme die gleichen Nationen wie zuvor und in diesem Jahr konnte Deutschland gleich in drei Nachwuchswettbewerben den erstmaligen Titelgewinn feiern.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn man die Titelgewinne betrachtet, mag das stimmen. Vergleicht man aber die Situation vor Bosman mit der danach, stellt man sehr wohl einen Unterschied fest \u2013 vorher spielten die Gro\u00dfen die KO-Runden unter sich aus, nachher schmissen immer \u00f6fter die Au\u00dfenseiter die Favoriten aus dem Turnier und landeten an ihrer Stelle in den Finalrunden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"ligen verpflichten dank Bosman die besten Spieler und gewinnen damit an Wettbewerbsf\u00e4higkeit&quot;\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/hajnal.jpg\" alt=\"&quot;Die Vereine der etablierten Fu\u00dfballligen verpflichten dank Bosman die besten Spieler und gewinnen damit an Wettbewerbsf\u00e4higkeit&quot;\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p><strong>Man k\u00f6nnte auch schlussfolgern, dass inl\u00e4ndische Spieler den Wettbewerb angenommen haben und ihrerseits besser geworden sind. Sie k\u00f6nnen sich heute nicht mehr auf mittelm\u00e4\u00dfigen Leistungen ausruhen, sondern werden ins kalte Wasser geschmissen und m\u00fcssen sich von Anfang an gegen internationale Topspieler durchsetzen.<\/strong><\/p>\n<p>Diese Feststellung ist vollkommen richtig: Wettbewerbsf\u00e4hig wird man nur im <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1211\">Wettbewerb<\/a>. Man vergisst gerne, dass nicht nur ausl\u00e4ndische Spieler profitieren, die pl\u00f6tzlich in den besten Ligen spielen, sondern auch inl\u00e4ndische Spieler, die mit den guten oder sehr guten Spielern aus dem Ausland zusammen spielen k\u00f6nnen \u2013 den Zustrom ausl\u00e4ndischer Spieler in die Ligen zu bremsen und mittelm\u00e4\u00dfigen inl\u00e4ndischen Spielern Protektionsschutz zu gew\u00e4hren, schadet letztlich allen Beteiligten. Nat\u00fcrlich kann es passieren, dass der inl\u00e4ndische Nachwuchs so schwach ist, dass er sich nicht gegen ausl\u00e4ndische Spieler durchsetzen kann \u2013 das ist aber eine Frage der Zeit, wie wir unter anderem bei der deutschen Nationalmannschaft gesehen haben.<\/p>\n<p><strong>Nachdem Jugendarbeit zwischenzeitlich aus der Mode gekommen war, setzen die Vereine heute verst\u00e4rkt auf professionelle und kostenintensive Nachwuchsf\u00f6rderung. Wie l\u00e4sst sich dieser Stimmungswechsel erkl\u00e4ren?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 5px; float: right;\" title=\"J\u00fcngster BVB-Neuzugang \" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/letallec.jpg\" alt=\"J\u00fcngster BVB-Neuzugang \" width=\"340\" height=\"303\" \/>Die \u00d6ffnung der Spielerm\u00e4rkte f\u00fchrte zu einem gro\u00dfen Angebot guter und sehr guter Spieler, weshalb ein gro\u00dfer Druck auf die Spielerpreise entstand. Etablierte Vereine der gro\u00dfen Ligen konnten sich kosteng\u00fcnstig mit hervorragenden Spielern eindecken und profitierten enorm vom zus\u00e4tzlichen Arbeitsangebot. Getrieben von Handgeldern und Nebenabsprachen setzte sich jedoch ein Prozess in Gang, der die Preise f\u00fcr Spitzenspieler ansteigen lie\u00df \u2013 es lohnte sich pl\u00f6tzlich wieder in die Ausbildung eigener Spieler zu investieren. Der Fu\u00dfball unterscheidet sich hier in keinster Weise von der restlichen \u00d6konomie, in der immer die Entscheidung \u201emake or buy\u201c getroffen werden muss. Es ist immer eine Frage der relativen Preise, ob ich eine Leistung selbst erstellen oder lieber einkaufen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassend kann man festhalten, dass alle Nationen von der \u00d6ffnung des Arbeitsmarkts profitiert haben \u2013 die Gro\u00dfen konnten genauso dazu gewinnen wie die Kleinen, letztere jedoch den Abstand zu den Gro\u00dfen verringern.<\/strong><\/p>\n<p>Da w\u00fcrde ich sofort zustimmen. Und auch die \u00f6konomische Theorie sagt diesen Verlauf voraus, den wir schlie\u00dflich aus vielen anderen Feldern kennen: Das Niveau insgesamt steigt an, die Relationen zwischen gro\u00df und klein ver\u00e4ndern sich aber. Das Konstrukt der Nationalmannschaften bietet uns eine M\u00f6glichkeit, die Wirkung von Grenz\u00f6ffnungen nachzuvollziehen und auf Volkswirtschaften zu \u00fcbertragen.<\/p>\n<p><strong>Dabei bildet immer die Attraktivit\u00e4t eines Gutes die Grundlage von Kaufentscheidungen: Nur wenn Fu\u00dfballspiele attraktiv erscheinen, lassen sich Menschen zum Kauf von Eintrittskarten oder Fanartikeln bewegen. Wie l\u00e4sst sich diese Attraktivit\u00e4t messen?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 10px; float: left;\" title=\"Viele Zuschauer wollen nur noch Stars sehen\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/robben.jpg\" alt=\"Viele Zuschauer wollen nur noch Stars sehen\" width=\"340\" height=\"267\" \/>Die Attraktivit\u00e4t h\u00e4ngt sicherlich vom Erfolg und der Menge an Stars innerhalb einer Mannschaft ab. Nicht umsonst kaufen Vereine Spieler, die ihren Zenit l\u00e4ngst \u00fcberschritten haben, deren wohlklingende Namen aber positiv auf die Vereine ausstrahlen und Zuschauer anlocken. Dabei entscheidet sich die Nachfrage grunds\u00e4tzlich in Abh\u00e4ngigkeit von Preis und gebotener Qualit\u00e4t \u2013 es mag sein, dass die Qualit\u00e4tskomponente im Fu\u00dfball eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt als der Preis, die Entwicklung der Premier League zeigt aber deutlich, dass der Preis selbst bei h\u00f6chster Qualit\u00e4t von wesentlicher Bedeutung ist: Steigt der Preis, geht die Nachfrage zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Daf\u00fcr fliegen englische Fu\u00dfballfans zum Stadionbesuch nach Deutschland, weil sie ein Wochenende mit Flug und \u00dcbernachtung kaum mehr kostet als ein normales Ligaspiel zuhause.<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Beispiel daf\u00fcr, dass \u00f6konomische Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten im Fu\u00dfball genauso gelten wie \u00fcberall sonst auch: Stimmt die gebotene Leistung nicht mehr, bricht die Nachfrage ein und sucht sich neue Wege.<\/p>\n<p><strong>Der VfL Wolfsburg zeigte in der vergangenen Saison temporeichen Offensivfu\u00dfball und wurde mit einem beeindruckenden Saisonfinale deutscher Meister \u2013 drei Monate sp\u00e4ter begleiten gerade einmal 500 Fans ihre Mannschaft zum Ausw\u00e4rtsspiel nach K\u00f6ln. Nur an Preis und Qualit\u00e4t kann es doch kaum liegen.<\/strong><\/p>\n<p>Nachfrage entsteht nicht \u00fcber Nacht sondern baut sich sukzessive auf. Lassen Sie Wolfsburg noch zehn Jahre auf diesem Niveau spielen und dann wieder in K\u00f6ln antreten \u2013 dann wollen wir doch mal sehen, ob nicht vielleicht ein paar mehr Fans mitfahren werden. Man kann nicht erwarten, dass einer von vielen Fans jahrelang f\u00fcr nicht bundesligatauglich gehaltenen grauen Maus die Herzen zufliegen, nur weil sie mal einen Blumentopf gewonnen hat. Ob Wolfsburg wirklich nicht \u00fcber ausreichendes Fanpotenzial verf\u00fcgt, werden Sie erst sehen k\u00f6nnen, wenn Sie die Entwicklung \u00fcber einige Jahre hinweg betrachten.<\/p>\n<p><strong>Bielefeld, Bochum, Hannover oder Cottbus \u2013 die grauesten M\u00e4use finden Anklang, selbst wenn es nur um einen Platz im Niemandsland der Tabelle geht.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"Die Heimkurve in Hannover\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/h96.jpg\" alt=\"Die Heimkurve in Hannover\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p>Mit Verlaub, aber vergleichen Sie doch mal die Tradition dieser Vereine mit der des VfL Wolfsburg. Diese Vereine haben weder Erfolg noch spielerische Qualit\u00e4t, verf\u00fcgen aber \u00fcber eine bewegte Geschichte und lange Tradition. Eine Beziehung zwischen Vereinen und Fans baut sich \u00fcber einen Zeitraum von vielen Jahren und Jahrzehnten auf. Wenn Sie so wollen, ist Tradition im Fu\u00dfball ein wesentliches Merkmal des Faktors Qualit\u00e4t. Das ist auch der Grund, warum Vereine wie der FC Bayern gehasst und gleichzeitig geliebt werden \u2013 sie mobilisieren ihre Fans, spielen immer vor vollen R\u00e4ngen und bieten dazu noch guten Fu\u00dfball mit vielen bekannten Spielern.<\/p>\n<p><strong>Fans sehen den Unterschied darin, dass man Unternehmen einfach nicht lieben k\u00f6nne. Spieler und Funktion\u00e4re w\u00fcrden so sehr auf Stromlinienform getrimmt, dass Reibungsfl\u00e4chen verloren gingen und Clubs immer austauschbarer w\u00fcrden.<\/strong><\/p>\n<p>Im Maschinen- und Anlagenbau gibt es zahlreiche Unternehmen, die sich durch eine sehr hohe Identifikationswirkung auszeichnen \u2013 das beginnt bei den Eigent\u00fcmern und setzt sich \u00fcber die Manager bis hin zu den Arbeitnehmern fort. Die Aussage, man k\u00f6nne Unternehmen nicht lieben, ist empirisch gesehen falsch. Auch die Zuschauerzahlen sprechen eine deutliche Sprache: Professionelles Management hat Erfolg, die Stromlinienform kommt gut an. Wenn Sie unterstellen, dass die Zuschauer klar bei Sinnen sind, wenn sie ihre Entscheidung \u00fcber den Besuch eines Fu\u00dfballspiels treffen: Was soll an dieser Stromlinienform falsch sein?<\/p>\n<p><strong>Sie f\u00fchrt zu einer deutlichen Ver\u00e4nderung der Zusammensetzung von Zuschauer- und Fangruppen.<\/strong><\/p>\n<p>Der entscheidende Faktor in der Gesamt\u00f6konomie sind immer die Nachfrager \u2013 niemand hat das Recht denen vorzuschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben. Es ist leider ein grunds\u00e4tzliches Dilemma der \u00d6konomie, dass Au\u00dfenstehende besser zu wissen glauben, was gut und was schlecht sei. Dabei kommt es nur auf die Nachfrager an: Wenn sie etwas haben wollen, sollen sie es bekommen \u2013 wenn sie es nicht haben wollen, bleiben sie zuhause und zwingen die Anbieter zum Nachdenken.<\/p>\n<p><strong>Derzeit kursieren zahlreiche Vorschl\u00e4ge zur Umgestaltung der Bundesliga, die fast immer das Ziel haben, die internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu erh\u00f6hen. Mehr Geld und unternehmerische F\u00fchrung, so die Hoffnung der Vereine, bringt gr\u00f6\u00dferen Erfolg. Ist dieses Argument aus volkswirtschaftlicher Perspektive zu halten?<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 10px; float: left;\" title=\"Geld scho\u00df in WOB Tore \" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/THB_6649.jpg\" alt=\"Geld scho\u00df in WOB Tore \" width=\"340\" height=\"308\" \/>Der alte Spruch \u201eGeld schie\u00dft keine Tore\u201c resultiert aus der Vorstellung, dass im Fu\u00dfball relativ wenige Tore fallen und der Zufall eine gr\u00f6\u00dfere Rolle spielt als in Sportarten wie Basketball oder Handball. So teuer Ihre Spieler auch sein m\u00f6gen, so schwer ist es ein Spiel zu gewinnen, wenn Sie sich ein bl\u00f6des Gegentor einfangen. L\u00e4ngerfristig gesehen haben reiche Vereine jedoch deutlich mehr Erfolg als arme Vereine \u2013 die Bundesligatabelle bildet zumindest bei grober Betrachtung auch eine Rangfolge der Budgets ab. Der Zusammenhang zwischen Verf\u00fcgbarkeit von Geld und Erfolg ist \u2013 vielleicht leider \u2013 positiv und in jedem Fall gegeben.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen vom Faktor Zufall, der neben Einsatzbereitschaft, Tagesform und der Unterst\u00fctzung durch das Publikum auch eine Gl\u00fcckskomponente beinhaltet. Nimmt man dem Fu\u00dfball nicht seinen Reiz, wenn man einen Videobeweis einf\u00fchrt, der ausdr\u00fccklich den Gl\u00fccksfaktor au\u00dfer Kraft setzen soll?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ich im Zusammenhang mit Fu\u00dfball von Gl\u00fcck spreche, meine ich nicht die Fehlentscheidungen der Schiedsrichter \u2013 ich denke da eher an den Lattenschuss, der auf der einen Seite ins Tor prallt und auf der anderen Seite eben nicht. Die Einf\u00fchrung technischer Hilfsmittel halte ich insofern f\u00fcr sinnvoll, als Ungerechtigkeiten zu einer gewissen Willk\u00fcr in der Auslegung von Regeln f\u00fchren und f\u00fcr ein Spiel nicht positiv sein k\u00f6nnen. Gl\u00fcck und Verl\u00e4sslichkeit von Entscheidungen sind da kein Widerspruch, sondern passen im Gegenteil ganz gut zusammen.<\/p>\n<p><strong>Dabei sind Fehlentscheidungen oft die spannendsten Elemente eines Fu\u00dfballspiels. Alleine um den Verlust des Stammtischthemas wettzumachen, m\u00fcsste man sich eine ganze Menge Neuerungen einfallen lassen.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"&quot;Nehmen die Fehlentscheidungen auf der einen Seite zu, steigt der Missmut der Fans&quot;\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/ImGespreach\/0910\/berthold\/fahne.jpg\" alt=\"&quot;Nehmen die Fehlentscheidungen auf der einen Seite zu, steigt der Missmut der Fans&quot;\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p>Es gibt nat\u00fcrlich gegenl\u00e4ufige Effekte, da haben Sie v\u00f6llig Recht. Nehmen die Fehlentscheidungen auf der einen Seite zu, steigt der Missmut der Fans und f\u00fchrt \u2013 isoliert betrachtet \u2013 zu negativen Effekten. Auf der anderen Seite nimmt die Identifikation der Fans mit ihren Vereinen zu, wenn vermeintliche oder tats\u00e4chliche Fehlentscheidungen eine ganze Woche lang bei der Arbeit oder an den Stammtischen diskutiert werden k\u00f6nnen. Welcher der beiden Effekte \u00fcberwiegt, ist unklar.<\/p>\n<p><strong>Gibt es andere Bereiche des Fu\u00dfballs, die besser erforscht sind?<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt eine Vielzahl sport\u00f6konomischer Untersuchungen, bei denen der Einfluss von Gehaltsstrukturen auf den Erfolg der Vereine untersucht wurde. Die Erkenntnisse stimmen im Wesentlichen mit denen aus Industrieunternehmen \u00fcberein: Wird die Einkommensverteilung innerhalb der Mannschaften zu ungleich, wirkt sich das negativ auf den Erfolg aus. Andere Arbeiten zeigen, dass Trainerwechsel im Abstiegskampf keinen Einfluss auf den Erfolg einer Mannschaft haben. Leider muss ich aber zugeben, dass uns die Amerikaner weit voraus sind \u2013 im Gegensatz zu ihnen verf\u00fcgen wir nur \u00fcber rudiment\u00e4re Informationen aus unseren Ligen und k\u00f6nnen viele interessante Fragen gar nicht untersuchen. Ich will Ihnen zwei Beispiele nennen, die ich demn\u00e4chst angehen m\u00f6chte: Zum einen w\u00fcrde mich brennend interessieren, wie sich die Unterschiede in der TV-Vermarktung der europ\u00e4ischen Ligen auf die Wettbewerbsf\u00e4higkeit ihrer Vereine in den europ\u00e4ischen Wettbewerben auswirken. Zum anderen w\u00fcrde ich gerne wissen, wie sich die an die TV-Vermarktung anschlie\u00dfenden Finanzausgleichssysteme auf die Qualit\u00e4t der Ligen sowie deren internationale Wettbewerbsf\u00e4higkeit auswirken. Auch hier sucht man vergeblich nach empirischen Untersuchungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"spruchband koeln\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/Halbzeitgespraech\/0910\/berthold\/THB_3875.jpg\" alt=\"spruchband koeln\" width=\"420\" \/><\/p>\n<p><strong>Im Namen der internationalen Wettbewerbsf\u00e4higkeit werden den Fans Opfer abverlangt, die sie nicht immer bringen m\u00f6chten. Ein unsch\u00f6ner H\u00f6hepunkt war die \u00dcbernahme Austria Salzburgs durch Red Bull \u2013 mit einem Handstrich wurden die Vereinsfarben durch Firmeninsignien ersetzt, die Vereinsgr\u00fcndung auf 2005 umdatiert und widerstrebende Fans vor die T\u00fcr gesetzt. M\u00fcssen wir uns an diese Entwicklung gew\u00f6hnen?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Ereignisse sind Tatsachen, die man nicht bestreiten kann \u2013 ob sie die Regel sind oder sein werden, wage ich aber in starkem Ma\u00dfe zu bezweifeln. Ich betrachte diese Situation einmal ganz n\u00fcchtern und fernab von der emotionalen, moralischen oder romantischen Schiene: Wer in einen Fu\u00dfballverein investiert, will sportlichen Erfolg haben und \u2013 sofern er nicht von Sinnen ist \u2013 eine vern\u00fcnftige Rendite erwirtschaften. Da kein Unternehmen Erfolg gegen seine Nachfrager haben kann, kommt den Fans eine zentrale Rolle zu \u2013 sie alleine k\u00f6nnen das Unternehmen zu einer Neuausrichtung zwingen, indem sie das Produkt nicht mehr kaufen. Ich habe zwar keine Zahlen, kann mir aber vorstellen, dass Red Bull aus betriebswirtschaftlicher Sicht einen Fehler begangen hat.<\/p>\n<p><strong>Aus diesen Fehlern scheint man in Hoffenheim und Leipzig gelernt zu haben. Statt sich direkt mit den Fans der Traditionsvereine anzulegen, wurden unbekannte Clubs aus dem Fu\u00dfballniemandsland ausgew\u00e4hlt. Zumindest dort konnte man erst mal keinem auf die F\u00fc\u00dfe treten.<\/strong><\/p>\n<p>Wieder einmal haben wir es mit einem typisch \u00f6konomischen Problem zu tun: Sobald Sie etwas regulieren, wird es Akteure geben, die die gesetzten Regeln umgehen wollen. Ohne die 50+1-Regel m\u00fcssten wir uns gar nicht \u00fcber Konstrukte wie Hoffenheim oder RB Leipzig unterhalten \u2013 diese Vorg\u00e4nge w\u00e4ren in vielen Vereinen normal und das ganze Tohuwabohu w\u00e4re nicht vorhanden. Lassen Sie mich auch diesen Aspekt einmal n\u00fcchtern betrachten: Die Fans wollen, dass ihre Vereine national und international Erfolg haben. Dieser Erfolg ist teuer, da Geld \u00fcber einen mittel- bis langfristigen Zeitraum eben doch Tore schie\u00dft. F\u00fcr die Vereine stellt sich da genauso wie f\u00fcr Unternehmen aus anderen Sektoren die Frage, wie man m\u00f6glichst g\u00fcnstig an Kapital kommt \u2013 es wird fast zwangsl\u00e4ufig passieren, dass die 50+1-Regel ge\u00e4ndert werden muss und ge\u00e4ndert werden wird. Ihre Abschaffung muss nicht einmal gegen die Interessen der Fans gerichtet sein: Sportlicher Erfolg setzt zumindest teilweise finanziellen Erfolg voraus, der sich nur einstellen kann, wenn die Fans das Produkt nachfragen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"spruchband dortmund\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/Halbzeitgespraech\/0910\/berthold\/THB_3893.jpg\" alt=\"spruchband dortmund\" width=\"420\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Vor wenigen Tagen antwortete Uli Hoene\u00df auf den neuesten Vorsto\u00df des Hannover-96-Pr\u00e4sidenten Martin Kind, die Abschaffung der 50+1-Regel mache aus Hannover 96 auch keine bessere Marke.<\/strong><\/p>\n<p>Uli Hoene\u00df ist ein guter Manager, seine Meinungen sind aber oft volatiler als die B\u00f6rsenkurse \u2013 was er heute sagt, kann morgen schon nicht mehr von Belang sein. Wenn Bayern \u00fcber Jahre hinweg nicht entsprechend gewirtschaftet und viel Geld von au\u00dfen bekommen h\u00e4tte, w\u00fcrden Spieler wie Toni und Ribery heute nicht in M\u00fcnchen spielen. Die Aussage, Hannover w\u00fcrde mit mehr Geld auf keinen gr\u00fcnen Zweig kommen, halte ich schlichtweg f\u00fcr falsch \u2013 Bayern hat es doch vorgemacht!<\/p>\n<p><strong>Haben Vereinsfunktion\u00e4re nicht eine v\u00f6llig falsche Vorstellung davon, wie viel ihnen eine Unternehmensbeteiligung bringen k\u00f6nnte?<\/strong><\/p>\n<p>Zumindest eines ist klar: Das Ende der 50+1-Regel w\u00fcrde die heutigen Strukturen v\u00f6llig auf den Kopf stellen. Viele von denen, die heute was zu sagen haben, w\u00fcrden sp\u00e4ter nicht mehr mit am Tisch sitzen \u2013 die Funktion\u00e4re m\u00fcssten verr\u00fcckt sein, wenn sie diesen Status Quo aufgeben w\u00fcrden, von dem sie selbst am meisten profitieren. Die gegenw\u00e4rtigen Bestrebungen resultieren aber weniger aus dem freien Willen der Funktion\u00e4re, als aus dem steigenden Wettbewerbsdruck. Die Premier League hat es vorgemacht und zwingt andere Ligen zu diesen Schritten, selbst wenn sie diese aus eigener Kraft gar nicht gehen wollten.<\/p>\n<p><strong>Jetzt k\u00f6nnte man einwenden, dass die gro\u00dfen Vereine weiterhin mehr Geld bek\u00e4men als die kleinen und doch alles beim Alten bliebe \u2013 bis auf den Unterschied, dass jeder ein mittelgro\u00dfes bis riesiges Opfer bringen m\u00fcsste.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist richtig, dass die Top-Clubs weiterhin mehr Geld bekommen werden als die Abstiegskandidaten, aber trotzdem nur die halbe Wahrheit. Denken Sie an die Frage zur\u00fcck, ob das Bosman-Urteil zu einer Qualit\u00e4tserh\u00f6hung der Spieler und Mannschaften beigetragen hat \u2013 alle beteiligten Ligen und Nationalmannschaften haben profitiert, wenn auch nicht gleich stark. Bezogen auf die Wohlfahrtswirkung ist es v\u00f6llig egal, ob ich den Arbeitsmarkt, den Kapitalmarkt oder den G\u00fctermarkt \u00f6ffne \u2013 alle drei \u00d6ffnungsvorg\u00e4nge sind bezogen auf die Allokation der Ressourcen positiv. Sie haben zwar eine unterschiedliche Verteilungswirkung, ein Nullsummenspiel m\u00fcssen Sie aber auf keinen Fall bef\u00fcrchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"hoeness\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/Halbzeitgespraech\/0910\/berthold\/THB_1494.jpg\" alt=\"hoeness\" width=\"300\" height=\"450\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Sie vertreten die Auffassung, dass sich Fu\u00dfballvereine \u2013 zum Beispiel im Rahmen einer Europaliga \u2013 zunehmend in Richtung der Fernsehunterhaltungsindustrie bewegen werden. Bekommt der Fu\u00dfball nicht langfristig das Problem, ein substituierbares Gut zu werden? Immerhin kann ich dann genauso gut ins Kino gehen oder meine Freundin zum Essen einladen.<\/strong><\/p>\n<p>Dieses Problem sehe ich genauso. Ich teile Ihre Skepsis allerdings noch aus einem weiteren Grund: Wenn man m\u00f6glichst viele Nachfrager haben will, muss diese Nachfrage regional entstehen und wachsen \u2013 es bringt nichts, wenn Sie in Passau im Sessel sitzen und die Spiele in Hamburg stattfinden. Bewegt sich der Fu\u00dfball nun in Richtung TV-Unterhaltung, werden bestimmte Regionen faktisch von der Teilhabe ausgeschlossen. Eine Europaliga w\u00fcrde dazu f\u00fchren, dass hochklassiger Fu\u00dfball in ganzen Regionen nicht mehr physisch stattfinden k\u00f6nnte. Ver\u00f6den jedoch ganze Landstriche, zerf\u00e4llt die Basis des Fu\u00dfballs und damit der Nachfrager.<\/p>\n<p><strong>Haben Vereine und Verb\u00e4nde diese Gefahr erkannt?<\/strong><\/p>\n<p>Ich glaube nicht, dass die etablierten Vereine in Deutschland dieses Problem erkannt haben. Die kommen alle aus Zentren, in denen Fu\u00dfball geballt stattfindet \u2013 selbst Hoffenheim hat mit Frankfurt, Karlsruhe, Mannheim und Stuttgart ein sehr gro\u00dfes Einzugsgebiet. Doch wird sich der FC Bayern mit den Fragen auseinandersetzen, was gerade in Dresden passiert oder ob Rostock den Aufstieg schafft? Die besch\u00e4ftigen sich lieber mit Gegnern wie Chelsea oder Lyon, als sich Gedanken \u00fcber ihre regionale Verwurzelung zu machen. Dabei ist es kein Zufall, dass auch im Fu\u00dfball regionale Konzentrationen stattfinden.<\/p>\n<p><strong>Dennoch beschweren sich die Fans \u00fcber fehlende Spannung. War es vor zehn Jahren noch der H\u00f6hepunkt eines Fanlebens, einmal Manchester, Mailand oder Madrid gesehen zu haben, spielen diese Clubs heute im Zweiwochenrhythmus gegeneinander \u2013 und wenn nicht diese Saison, dann aber ganz sicher wieder in der n\u00e4chsten. Immer \u00f6fter muss die UEFA mit Modifikationen nachhelfen, um das fehlende Kribbeln zur\u00fcck zu gewinnen.<\/strong><\/p>\n<p>Der Fu\u00dfball ist im Gegensatz zu den 1980-er oder 1990-er Jahren nur noch ein Produkt unter vielen. Er steht in viel st\u00e4rkerer Konkurrenz zu anderen Produkten, welche die Nachfrager nachfragen k\u00f6nnen und auch nachfragen wollen. Wenn die Nachfrage weiter anhalten soll, entsteht f\u00fcr den Fu\u00dfball der Druck, jedes Jahr besser und attraktiver zu werden und st\u00e4ndig neue und immer spannendere Ereignisse zu produzieren. Diese neuen Spannungselemente k\u00f6nnen auf Dauer nur erreicht werden, wenn man auf neue Ebenen geht. Heute kann man sich kaum noch vorstellen, dass fr\u00fcher Spiele auf lokaler Ebene die Zuschauer elektrisiert haben \u2013 in Zukunft wird man sich vielleicht gar nicht mehr vorstellen k\u00f6nnen, dass Spiele wie Dortmund gegen Schalke mal jemanden interessiert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"spruchband hoffenheim\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/Halbzeitgespraech\/0910\/berthold\/IMG_7360.jpg\" alt=\"spruchband hoffenheim\" width=\"420\" \/><\/strong><\/p>\n<p><strong>Ist die Luft raus aus der Bundesliga?<\/strong><\/p>\n<p>Sagen wir es mal so: Ein Teil der Fu\u00dfballromantik ist verschwunden und einer n\u00fcchternen Betrachtungsweise gewichen. Die Fans rennen den Vereinen nicht mehr die T\u00fcren ein, sondern w\u00e4gen kritisch ab \u2013 das Angebot ist so gro\u00df geworden, dass sie nicht mehr jeden Bl\u00f6dsinn mitmachen m\u00fcssen. Daf\u00fcr haben andere Variablen in den Pr\u00e4ferenzfunktionen zu sehr an Gewicht gewonnen.<\/p>\n<p><strong>Widmen wir uns gegen Ende wieder einem Kernpunkt der Volkswirtschaft, der Gegen\u00fcberstellung von Gewinnern und Verlieren von Umverteilungsma\u00dfnahmen. Wer h\u00e4tte den gr\u00f6\u00dften Nutzen und wer das Nachsehen, wenn man \u2026<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u2026 die Zentralvermarktung abschaffen w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal k\u00f6nnte man vermuten, es w\u00fcrde sich der klassische Zielkonflikt zwischen Allokation und Verteilung einstellen: Die Einnahmen der gesamten Liga w\u00fcrden sich erh\u00f6hen, die Qualit\u00e4t der Liga und ihrer Vereine zunehmen \u2013 gewinnen w\u00fcrden die ohnehin reichen Vereine, verlieren die armen. Bei genauer Betrachtung glaube ich aber nicht, dass diese Entwicklung in ihrer schwarz-wei\u00df-Form eintreten w\u00fcrde: Der Erfolg der Einzelvermarktung h\u00e4ngt entscheidend von der F\u00e4higkeit des Managements ab, vorhandenes Potenzial zu nutzen \u2013 w\u00e4hrend das Kartell der Zentralvermarktung keine Anreize zum Beschreiten neuer Wege schafft, entstehen Innovationen immer dann, wenn m\u00f6glichst viele unterschiedliche Wege eingeschlagen werden und kleine Akteure die Tr\u00e4gheit der gro\u00dfen ausnutzen. L\u00e4sst sich die Erfahrung der Globalisierung, dass arme L\u00e4nder relativ gesehen zu den reichen viel st\u00e4rker gewinnen, auf den Fu\u00dfball \u00fcbertragen, k\u00f6nnten sich komplett neue Verh\u00e4ltnisse einstellen und die armen Vereine m\u00f6glicherweise st\u00e4rker profitieren als die reichen.<\/p>\n<p><strong>\u2026 die 50+1-Regel au\u00dfer Kraft setzen w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p>Wie schon bei der Zentralvermarktung w\u00fcrden Liga und Vereine absolut gewinnen, w\u00e4hrend es relativ gesehen zu Ungleichverteilungen kommen w\u00fcrde. Absolute Verlierer w\u00e4ren, wenn \u00fcberhaupt, die Fu\u00dfballromantiker.<\/p>\n<p><strong>\u2026 Gehaltsobergrenzen f\u00fcr die Spieler einf\u00fchren w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p>Die Vereine m\u00fcssen den Spielern weniger Gehalt zahlen, als diese m\u00f6glicherweise am Markt durchsetzen k\u00f6nnten \u2013 in den amerikanischen Major Leagues sieht man sehr sch\u00f6n, dass die Clubbesitzer <a href=\"http:\/\/http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=95\">Gehaltsobergrenzen<\/a> einsetzen, um ihren Anteil am Kuchen zu vergr\u00f6\u00dfern. Au\u00dferdem werden die Starspieler durch Handgelder und Seitenzahlungen auch weiterhin deutlich mehr verdienen, w\u00e4hrend der Spielraum f\u00fcr mittelm\u00e4\u00dfige und schlechtere Spieler bei fixer Gehaltsobergrenze kleiner wird. \u00d6konomisch gesprochen haben wir es mit zwei perversen Umverteilungseffekten zu tun: einmal von Arbeitnehmern zu Kapitaleignern und einmal von geringqualifizierten zu hochqualifizierten Arbeitnehmern. Das ist das genaue Gegenteil dessen, was man mit Gehaltsobergrenzen eigentlich erreichen will! Dazu kommt das Problem, dass bei Teamsportarten alle Arbeitnehmer bei der Erstellung des Produktes mitwirken m\u00fcssen: Haben die benachteiligten Wassertr\u00e4ger keine Lust mehr, k\u00f6nnen die Starspieler die f\u00fcr das Produkt notwendige Qualit\u00e4t nicht mehr erreichen.<\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" style=\"margin: 10px; float: right;\" title=\"spiel udine\" src=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/assets\/images\/Interviews\/Halbzeitgespraech\/0910\/berthold\/IMG_6717.jpg\" alt=\"spiel udine\" width=\"350\" height=\"234\" \/>\u2026 eine Europaliga oberhalb der Bundesliga einf\u00fchren w\u00fcrde?<\/strong><\/p>\n<p>Sollte es eine solche Liga geben, w\u00e4ren die Verlierer vor allem diejenigen, die nicht mit von der Partie w\u00e4ren \u2013 die attraktiven Clubs w\u00fcrden nicht mehr auf nationaler Ebene spielen und die Bundesliga w\u00fcrde deutlich verlieren. Das Gef\u00e4lle zwischen den Clubs, die heute in der Champions League spielen und denen, die nicht in der Champions League spielen, w\u00fcrde noch einmal drastisch zunehmen.<\/p>\n<p><strong>Angenommen, Reinhard Rauball w\u00fcrde Sie nach diesem Interview anrufen und um Rat fragen, wie sich die DFL zuk\u00fcnftig positionieren solle \u2013 welche Empfehlung w\u00fcrden Sie ihm geben?<\/strong><\/p>\n<p>Die Bundesliga lebt vom erfolgreichen Abschneiden ihrer Vereine auf internationaler Ebene. Man muss also etwas unternehmen, um die Wettbewerbsf\u00e4higkeit zu st\u00e4rken. Das bedeutet, dass auf der Einnahmeseite der \u00dcbergang von Zentralvermarktung zu Einzelvermarktung und auf der Kapitalseite das Ende der 50+1-Regel angestrebt werden m\u00fcssten. Zudem m\u00fcsste viel st\u00e4rker auf die europaweite \u00d6ffnung der Absatzm\u00e4rkte gedr\u00e4ngt werden, was durch einen Ausbau der Champions League oder eine Europaliga erreicht werden k\u00f6nnte. Sinnvoll ist das alles aber nur, wenn die Fans als Nachfrager diese Entwicklung auch w\u00fcnschen. Auf der anderen Seite stehen all diese Reformen in v\u00f6lligem Gegensatz zu dem, was wir unter Solidarit\u00e4t verstehen: Wir verbessern die Allokation und steigern die Gesamtwohlfahrt, vernachl\u00e4ssigen aber den Aspekt der Verteilung. Man wird nicht umhin kommen, einen Mittelweg zu finden und eben diesen Verteilungsaspekten Rechnung zu tragen. Letztlich wird man das Verh\u00e4ltnis zwischen Wettbewerbsf\u00e4higkeit und Solidarit\u00e4t etwas anders als bisher austarieren, irgendeine Form des Finanzausgleichs aber beibehalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Das Interview erschien zuerst am 2. und 4. September 2009 in <a href=\"http:\/\/www.schwatzgelb.de\/index.php?id=25\">schwatzgelb.de<\/a>. Wir danken f\u00fcr die freundliche Genehmigung, das Interview auch hier ver\u00f6ffentlichen zu d\u00fcrfen.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg08.met.vgwort.de\/na\/f8db51047d224fe783f6398e6b7ef4e1\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>schwatzgelb.de: Als Volkswirt besch\u00e4ftigen Sie sich mit aktuellen Fragen der Wirtschaftsordnung und Sozialpolitik. 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