{"id":16139,"date":"2015-01-01T10:29:34","date_gmt":"2015-01-01T09:29:34","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16139"},"modified":"2015-01-01T11:11:04","modified_gmt":"2015-01-01T10:11:04","slug":"entrepreneurshipproduktivgenossenschaften-als-zeitgemaesse-variante","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16139","title":{"rendered":"Entrepreneurship:Produktivgenossenschaften als zeitgem\u00e4\u00dfe Variante"},"content":{"rendered":"<p>Wer heute \u00fcber Entrepreneurship nachdenkt und sie f\u00f6rdern will, wird nicht unbedingt die Genossenschaften mit ihrer langen Tradition im Auge haben. Doch die vorhandenen Zusammenh\u00e4nge zu sehen, k\u00f6nnte von Vorteil sein. Unter welchen Voraussetzungen Menschen Unternehmer werden und welches institutionelle Umfeld die unselbst\u00e4ndige T\u00e4tigkeit f\u00f6rdert, sind in vielen Facetten h\u00e4ufig untersuchte Themen, ebenso die positiven gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Konsequenzen einer unternehmerfreundlichen Gesellschaft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><b>Entrepreneurship 2020<\/b><\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union hat 2014 einen \u201eEntrepreneurship 2020 Action Plan\u201c ins Leben gerufen. Dieser setzt daran an, dass die EU mehr Unternehmer ben\u00f6tigt, da diese Arbeitspl\u00e4tze und Wachstum schaffen und insgesamt die Wettbewerbsf\u00e4higkeit des Wirtschaftsraumes f\u00f6rdern. Drei S\u00e4ulen sollen das Unternehmertum in der EU f\u00f6rdern: (1) die Integration unternehmerischer Kenntnisse in die schulische Ausbildung, (2) die Erleichterung von Unternehmensgr\u00fcndungen und (3) Existenzgr\u00fcndungsprogramme f\u00fcr potenzielle Unternehmer, die bisher nicht im Fokus standen, also Frauen, Junge, Senioren, Migranten, Arbeitslose (Inclusive Entrepreneurship). Es wird kritisiert, dass sich in der EU nur 37 Prozent der Erwerbst\u00e4tigen vorstellen k\u00f6nnen, selbst\u00e4ndig zu sein, w\u00e4hrend die entsprechenden Prozents\u00e4tze in den USA und China mehr als 50 Prozent betragen.<a title=\"\" href=\"#_edn1\">[i]<\/a><\/p>\n<p><b>Unternehmensgr\u00fcndungen in Deutschland<\/b><\/p>\n<p>Die empirische Grundlage des Aktionsplans und zahlreiche internationale Vergleiche zeigen, dass in Deutschland die Werte deutlich unter dem EU-Durchschnitt liegen. Deutschland ist also kein Existenzgr\u00fcnderland<a title=\"\" href=\"#_edn2\">[ii]<\/a> und zahlreiche wirtschaftspolitische Ma\u00dfnahmen setzen seit Jahren daran an, dies zu \u00e4ndern.<a title=\"\" href=\"#_edn3\">[iii]<\/a> Wer in Deutschland ein Unternehmen gr\u00fcndet, tut dies nicht selten nur deswegen, weil eine unselbst\u00e4ndige T\u00e4tigkeit als Alternative nicht verf\u00fcgbar ist oder die Arbeitslosigkeit droht. Die meisten Gr\u00fcndungen (knapp 80 Prozent) sind \u201eSologr\u00fcndungen\u201c, also Gr\u00fcndungen ohne Gr\u00fcndungspartner, und sie erfolgen aus einer unselbst\u00e4ndigen Besch\u00e4ftigung heraus.<a title=\"\" href=\"#_edn4\">[iv]<\/a><\/p>\n<p><b>Einzelwirtschaftliche Kalk\u00fcle\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 \u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0<\/b><\/p>\n<p>Wenn Arbeitnehmer oder Arbeitslose zu Selbst\u00e4ndigen werden liegen den einzelwirtschaftlichen Kalk\u00fclen Einsch\u00e4tzungen von vermuteten Risiko- und Einkommensprofilen, die Pr\u00e4ferenz f\u00fcr unternehmerische Aktivit\u00e4ten \u2013 der viel zitierte Unternehmergeist \u2013 die Verf\u00fcgbarkeit und die soziale Absicherung von Arbeitspl\u00e4tzen sowie die Existenz von Gr\u00fcndungsideen, der Zugang zu Existenzf\u00f6rderprogrammen und weitere Faktoren zugrunde. In vielen Volkswirtschaften, auch in Deutschland, werden die individuellen Kalk\u00fcle staatlich beeinflusst. Meist liegen besch\u00e4ftigungs- oder sozialpolitische \u00dcberlegungen zugrunde oder es soll das Unternehmertum aus innovations- und ordnungspolitischen Gr\u00fcnden gef\u00f6rdert werden. Zu erinnern sei an die Instrumente der Ich-AG sowie an zahlreiche Gr\u00fcndungsprogramme, die mittels staatlicher F\u00f6rdergelder ihre meist tempor\u00e4re Wirksamkeit entfalten. Dazu kommen diverse subventionierte Gr\u00fcndungsmodelle. Sie alle sollen bewirken, dass Unselbst\u00e4ndige (oder Arbeitslose) zu Selbst\u00e4ndigen werden.<\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften<\/b><\/p>\n<p>Was hat dies alles mit Genossenschaften zu tun? Hier kann nicht auf die Details der genossenschaftlichen Governance eingegangen werden,<a title=\"\" href=\"#_edn5\">[v]<\/a> doch es soll daran erinnert werden, dass Genossenschaften kooperative Unternehmensgr\u00fcndungen sind, die eine Kooperationsrente erm\u00f6glichen, die sich u.a. aus einer Risiko- und Kostenteilung zusammensetzt. Genossenschaften aller Art erm\u00f6glichen es Menschen selbst\u00e4ndig zu werden oder zu bleiben und es sollte nicht vergessen werden, dass ihre Gr\u00fcndung ein Akt der Selbsthilfe ist. Hier soll auf einen besonderen Typ von Genossenschaften eingegangen werden, n\u00e4mlich auf die Produktivgenossenschaften (oder Produktionsgenossenschaften). Dies sind Unternehmen, die eine Wertsch\u00f6pfungskette abdecken, die von den Eigent\u00fcmern gemeinsam bearbeitet wird. Die Eigent\u00fcmer (die Mitglieder) sind also gleichzeitig die Mitarbeiter. Dies stellt den direkten Zusammenhang mit der Thematik dar. Produktivgenossenschaften erm\u00f6glichen es Mitarbeitern Unternehmer zu werden oder sie erm\u00f6glichen es Selbst\u00e4ndigen Unternehmer zu bleiben, um nicht aus dem Erwerbsleben ausscheiden oder unselbst\u00e4ndig werden zu m\u00fcssen. Produktivgenossenschaften sind also marktwirtschaftliche Instrumente zur F\u00f6rderung des Unternehmertums. Selten scheinen sie jedoch in den Informationsmaterialen zum Aufbau selbst\u00e4ndiger Existenzen auf oder werden sie explizit in Existenzgr\u00fcndungsma\u00dfnahmen einbezogen, selbst wenn es um \u201eInclusive Entrepreneurship\u201c geht.<a title=\"\" href=\"#_edn6\">[vi]<\/a><\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften als kooperative Gr\u00fcndungen<\/b><\/p>\n<p>In Produktivgenossenschaften erf\u00e4hrt die genossenschaftliche Leistungsbeziehung eine besondere Auspr\u00e4gung. Das genossenschaftliche Unternehmen erm\u00f6glicht direkt die M\u00f6glichkeit der Einkommenserzielung aus selbst\u00e4ndiger T\u00e4tigkeit. Die wirtschaftliche T\u00e4tigkeit der Eigent\u00fcmer erfolgt direkt im genossenschaftlichen Unternehmen und nicht in einem weiteren Unternehmen, das entlang der Wertsch\u00f6pfungskette vor- oder nachgelagert ist (Vorleistungs-, Beschaffungs-, Vermarktungsgenossenschaften). Aktuell gewinnen solche Gr\u00fcndungen bei freiberuflich t\u00e4tigen Personen zunehmende Bedeutung. Im Weiteren werden einige typische Konstellationen f\u00fcr die Gr\u00fcndung von Produktivgenossenschaften mit konkreten Beispielen vorgestellt. Diese Konstellationen sind weder abschlie\u00dfend noch sind sie trennscharf voneinander abzugrenzen.<\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften zur L\u00f6sung der Unternehmensnachfolge <\/b><\/p>\n<p>Mitarbeiter eines nichtgenossenschaftlichen Unternehmens k\u00f6nnen dieses Unternehmen erwerben und als Genossenschaft weiterf\u00fchren, falls f\u00fcr die Unternehmensnachfolge andere L\u00f6sungen nicht zur Verf\u00fcgung stehen. Zwar entsteht auf diese Weise kein zus\u00e4tzliches Unternehmen, doch zus\u00e4tzliche Unternehmer. Es handelt sich konkret um ein Employee-Buy-Out. Ein bekanntes Beispiel ist eine Berliner Planergemeinschaft, die sich auf Stadt- und Landschaftsplanung, Planungs- und Umweltrecht und mit entsprechenden Projekten verbundene Kommunikation- und Managementaufgaben spezialisiert hat. Auf ihrer Homepage informiert sie: \u201eDie Planergemeinschaft Kohlbrenner eG ist eine eingetragene Genossenschaft und somit eine zukunftsweisende Wirtschaftsform, in der jedes Mitglied unternehmerische Verantwortung \u00fcbernimmt und sich in besonderem Ma\u00dfe mit dem Unternehmen identifiziert.\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn7\">[vii]<\/a> 2012 haben Mitarbeiter das Unternehmen nach jahrelangen Verhandlungen vom Eigent\u00fcmer erworben, um es als Genossenschaft weiterzuf\u00fchren und somit die Existenz des Planungsb\u00fcros sicherzustellen. Die gr\u00f6\u00dfte Herausforderung bestand in der Vereinbarung des Kaufpreises. Die steigende Nachfolgeproblematik hat dies zu einem viel beachteten Modell werden lassen.<\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften als Reaktion auf Unternehmenskrisen<\/b><\/p>\n<p>Im Zusammenhang mit der Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker wurde vor allem in gewerkschaftlichen Kreisen intensiv diskutiert, ob einzelne Filialen von ehemaligen Besch\u00e4ftigten als Genossenschaften weitergef\u00fchrt werden k\u00f6nnten. Zwar kamen diese Projekte nicht \u00fcber das Diskussionsstadium hinaus, da die Vorgaben der Insolvenzordnung schnelles Handeln erfordert und eine komplexe Gemengelage die Herausforderung klar an den Tag brachte, die darin besteht, Kapital aufzubringen, einen Sanierungsplan sowie ein Konzept f\u00fcr eine tragf\u00e4hige Weiterf\u00fchrung vorzulegen. Dies \u00e4ndert nichts daran, dass bei Vorliegen dieser Voraussetzungen eine genossenschaftliche Gr\u00fcndung eine geeignete M\u00f6glichkeit zur Bew\u00e4ltigung der Unternehmenskrise darstellt. Eine erfolgreiche Gr\u00fcndung war die TEA Gesellschaft f\u00fcr Technologie Entwicklung Anwendung eG. Sie wurde 1993 von zwanzig ehemaligen Mitgliedern der Triumph-Adler AG gegr\u00fcndet, als diese beschloss ihren eigenen Entwicklungs- und Produktionsbereich in N\u00fcrnberg zu schlie\u00dfen und die Mitarbeiter entlie\u00df. Die Ingenieure machten sich selbst\u00e4ndig und boten Hard- und Software-L\u00f6sungen an. \u201eHierbei wurde die Rechtsform der Genossenschaft mit Bedacht gew\u00e4hlt, um sowohl die Firma voran zu bringen als auch den Mitarbeitern einen Mehrwert zu bieten. Durch die direkte Beteiligung am Unternehmensergebnis erreichen wir eine hohe Motivation und geringe Fluktuation der Mitarbeiter.\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn8\">[viii]<\/a><\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften als Reaktion auf Branchenkrisen<\/b><\/p>\n<p>Weitere erfolgreiche Genossenschaftsgr\u00fcndungen gingen aus Branchenkrisen hervor und wurden von Mitarbeitern notleidender Unternehmen initiiert und umgesetzt, oft im Umfeld der Dotcom-Krise. Eines der Beispiele ist die TowerByte eG in Jena, die 2003 von Mitarbeitern einer Auffanggesellschaft eines IT-Vorzeigeunternehmens (Intershop Jena) gegr\u00fcndet worden war, die sich im Zuge der Restrukturierung selbst\u00e4ndig gemacht hatten. \u201eDie Mitglieder der TowerByte eG profitieren von den Vorteilen des gro\u00dfen Verbundes, w\u00e4hrend sie sich die Flexibilit\u00e4t kleiner Unternehmen erhalten k\u00f6nnen. Eine unkomplizierte Firmenkultur erm\u00f6glicht ihnen eine gemeinsame Nutzung der vorhandenen Ressourcen und unterst\u00fctzt den aktiven Wissenstransfer. Durch die Zusammenarbeit k\u00f6nnen wir unseren Kunden ein gro\u00dfes Portfolio von Leistungen bieten\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn9\">[ix]<\/a> beschreiben die Mitglieder die Vorteile ihrer Genossenschaft. Die Mitglieder weisen heterogene und komplement\u00e4re Spezialisierungen auf, ihre inhaltliche Klammer stellt der e-Commerce dar. Heute vereint die Genossenschaft insgesamt 28 Mitglieder \u2013 GmbHs, Freiberufler und Einzelunternehmer \u2013, die 300 Mitarbeiter besch\u00e4ftigt und die als Muster f\u00fcr eine erfolgreiche Produktivgenossenschaft und als Blaupause f\u00fcr weitere Gr\u00fcndungen dient.<\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften zur Erlangung gr\u00f6\u00dferer Auftr\u00e4ge<\/b><\/p>\n<p>Einzelunternehmern und Freiberuflern, auch Handwerkern, gelingt es h\u00e4ufig nicht, gr\u00f6\u00dfere Auftr\u00e4ge zu erlangen, die es ihnen erm\u00f6glicht im Wettbewerb zu bestehen und ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. Dies kann entweder von vorneherein ihren Markteintritt verhindern, einen beruflichen Wiedereinstieg nach einer Phase der Arbeitslosigkeit oder einer familienbedingten Abwesenheit vom Arbeitsmarkt erschweren oder ihren Marktaustritt erzwingen. Die unselbst\u00e4ndige Erwerbst\u00e4tigkeit oder die Arbeitslosigkeit stellen dann die Alternativen dar. Vor allem im Dienstleistungsbereich ist dies eine typische Konstellation. Ein Beispiel f\u00fcr eine gelungene genossenschaftliche Reaktion stellt die Produktivgenossenschaft the seed eG dar, die 2005 von freiberuflichen Kreativen \u2013 Grafikdesignern, Multimediaexperten, Marketingspezialisten \u2013 gegr\u00fcndet wurde und ein internationales Netzwerk von 300 freiberuflichen Kreativen aufgebaut hat. Kleine Auftr\u00e4ge von mittelst\u00e4ndischen Unternehmen k\u00f6nnen ebenso angenommen werden wie gro\u00dfe Auftr\u00e4ge, die auf mehrere Mitglieder aufgeteilt werden. In organisationstheoretischer Hinsicht erfolgt eine Konzentration auf die jeweiligen Kernkompetenzen der Mitglieder, den Kunden gegen\u00fcber tritt die Genossenschaft als ein virtuelles Unternehmen auf, das einen einzigen Auftragnehmer f\u00fcr das gesamte arbeitsteilig abgewickelte Projekt darstellt. The seed besteht erfolgreich im Wettbewerb mit gro\u00dfen Agenturen. Ihr Selbstverst\u00e4ndnis: \u201eSie finden bei the Seed keine Nine-to-Five-Karriere-Gestalter, sondern authentische Charaktere mit Sinn f\u00fcr\u2019s Wesentliche. Jeder in der Genossenschaft wei\u00df, warum er hier arbeitet und nicht in der Agentur nebenan. \u2026 Verl\u00e4sslicher, best\u00e4ndiger Gesch\u00e4ftspartner, der wirtschaftlich unabh\u00e4ngig ist und nicht aufgekauft werden kann. \u2026 Eine Unternehmensform, die Kreative und \u2026 Kunden davor sch\u00fctzt von einzelnen Anteilseignern inhaltlich oder stilistisch diktiert zu werden. \u2026 Grundprinzip: Wertsch\u00f6pfung in alle Richtungen anstatt Wert-Absch\u00f6pfung durch Shareholder oder Inhaber\u201c.<a title=\"\" href=\"#_edn10\">[x]<\/a> \u00c4hnliche Beispiele f\u00fcr erfolgreiche Produktivgenossenschaften bestehen von diversen Beratern, IT-Spezialisten, Handwerker, \u00c4rzten u.a.<\/p>\n<p><b>Produktivgenossenschaften zur Bew\u00e4ltigung prek\u00e4rer Arbeitsbedingungen<\/b><\/p>\n<p>Die Ausgangssituation kann noch unvorteilhafter sein. Mehrfach unterbrochene Erwerbsbiografien von Menschen, instabile Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse und prek\u00e4re Arbeitsverh\u00e4ltnisse haben zunehmende Bedeutung gewonnen. Dies korrespondiert mit einer Zunahme der selbst\u00e4ndigen und freiberuflichen T\u00e4tigkeit, die nicht aus Berufung, sondern ausschlie\u00dflich aus der Not heraus gew\u00e4hlt wird, um der Arbeitslosigkeit und der Abh\u00e4ngigkeit vom staatlichen Transfersystem zu entgehen. Solche Gr\u00fcndungsprojekte scheitern jedoch h\u00e4ufig, entweder weil unternehmerisches Knowhow und\/oder ein entsprechendes Startkapital fehlen. In einer solchen Konstellation spricht vieles f\u00fcr eine kooperative Gr\u00fcndung. Ein gelungenes Beispiel aus dieser Kategorie ist die 2009 gegr\u00fcndete Vive Berlin eG, eine Stadtf\u00fchrungsgenossenschaft, deren Mitglieder (und Mitarbeiter) selbst\u00e4ndige und freiberufliche Personen mit unterschiedlichsten Kompetenzen (Architektur, Politikwissenschaft, Geschichte, Kunst, Marketing und Tourismus) sind. Sie beschreiben sich folgenderma\u00dfen: \u201eHeute sind wir eine eingetragene Genossenschaft \u2026 Die Rechtsform der Genossenschaft ist unseres Erachtens die effizienteste Unternehmensstruktur f\u00fcr die Kombination unserer .. F\u00e4higkeiten und Talente und zugleich die weitreichende M\u00f6glichkeit, individuelle Freiheit und kreative Entfaltung zur permanenten Fortentwicklung unserer Angebote zu garantieren. \u2026 Wir sind alle selbst\u00e4ndige Unternehmer, welche die gleichen Vorstellungen sowohl von hochqualitativen Stadtf\u00fchrungen als auch von gemeinschaftlichem Arbeiten teilen. Dadurch, dass alle Kollegen sich in die Genossenschaft aktiv einbringen, entsteht eine sehr hohe pers\u00f6nliche Initiative durch jeden Einzelnen. Jeder arbeitet f\u00fcr sich selbst und gleichzeitig f\u00fcr alle anderen mit.\u201c<a title=\"\" href=\"#_edn11\">[xi]<\/a><\/p>\n<p><b>Was alt ist, muss nicht schlecht sein<\/b><\/p>\n<p>Ausgangspunkt der \u00dcberlegungen war das aktuelle EU-Aktionsprogramm Entrepreneurship 2020 mit der Absicht mehr Unternehmer zu schaffen. So sollen Anreize f\u00fcr die Menschen gesetzt werden, Arbeitsvertr\u00e4ge durch selbst\u00e4ndige T\u00e4tigkeit zu ersetzen, auch indem Mitarbeiter motiviert werden, unternehmerisch t\u00e4tig zu werden. In diesem Beitrag wurde argumentiert, dass ein solcher Prozess nicht nur auf staatlichen F\u00f6rderprogrammen der individuellen Existenzgr\u00fcndung aufgebaut werden sollte. Es steht vielmehr auch ein marktwirtschaftliches auf Selbsthilfe setzendes Instrument f\u00fcr kooperative Gr\u00fcndungen zur Verf\u00fcgung, n\u00e4mlich Produktivgenossenschaften. Sie haben sich in einer \u00fcber 150j\u00e4hrigen Geschichte bew\u00e4hrt, wenngleich sie f\u00fcr eine breitere Bev\u00f6lkerung in Vergessenheit geraten sind, mit Verlierern des Strukturwandels in Verbindung gebracht werden oder durch ihre systemfremde Auspr\u00e4gung in den ehemaligen Zentralverwaltungswirtschaften negativ assoziiert werden. Man denkt zwar an GmbHs, kaum aber an Genossenschaften. Weshalb eigentlich? Die angef\u00fchrten Beispiele sollten zeigen, dass es sich um zeitgem\u00e4\u00dfe organisatorische L\u00f6sungen handelt, die umso mehr Bedeutung gewinnen k\u00f6nnen, je mehr Wertsch\u00f6pfungsketten desintegriert werden, projektorientiert gewirtschaftet wird und die Wissensbestandteile von Prozessen und Leistungen zunehmen. F\u00fcr kooperative Gr\u00fcndungen sprechen dann die Aufteilung von Risiken und Kosten sowie die M\u00f6glichkeit zur Kombination komplement\u00e4rer Kompetenzen und Wissenselemente. F\u00fcr genossenschaftliche Gr\u00fcndungen sprechen zus\u00e4tzlich die Anreizkonsistenz der Identit\u00e4t von Eigent\u00fcmern und Wertsch\u00f6pfer, die fehlende Mindestkapitalanforderung sowie die genossenschaftliche Pflichtpr\u00fcfung, die fehlendes betriebswirtschaftliches Knowhow partiell ersetzen kann. Also: Was alt ist, muss nicht schlecht sein. Daran sollte sich auch die EU in ihrem Unternehmer-Aktionsplan erinnern.<\/p>\n<div>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/ec.europa.eu\/enterprise\/policies\/sme\/entrepreneurship-2020\/index_en.htm\">http:\/\/ec.europa.eu\/enterprise\/policies\/sme\/entrepreneurship-2020\/index_en.htm<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> Vgl. dazu den Global Entrepreneurship Monitor 2013, <a href=\"http:\/\/www.gemconsortium.org\/docs\/download\/3106\">http:\/\/www.gemconsortium.org\/docs\/download\/3106<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Vgl. z. B. das Existenzgr\u00fcndungsprotal des BMWi, <a href=\"http:\/\/www.existenzgruender.de\/\">http:\/\/www.existenzgruender.de\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Vgl. den KfW-Gr\u00fcndungsmonitor 2014, <a href=\"http:\/\/data9.blog.de\/media\/076\/7825076_db570aaed2_d.pdf\">http:\/\/data9.blog.de\/media\/076\/7825076_db570aaed2_d.pdf<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> Vgl. dazu die beiden Blog-Beitr\u00e4ge: Genossenschaften \u00fcbernehmen gesellschaftliche Verantwortung vom 11. M\u00e4rz 2013, <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11831\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11831<\/a> sowie Genossenschaftlicher MemberValue als sympathischer ShareholderValue vom 7. April 2011, <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5839\">http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=5839<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref6\">[vi]<\/a> Vgl. OECD, European Commission (2014): The Missing Entrepreneurs 2014. Policies for inclusive entrepreneurship in Europe, <a href=\"http:\/\/www.oecd.org\/employment\/leed\/inclusive-entrepreneurship.htm\">http:\/\/www.oecd.org\/employment\/leed\/inclusive-entrepreneurship.htm<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref7\">[vii]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.planergemeinschaft.de\/planergemeinschaft-interdisziplin%C3%A4r-erfahren-engagiert\">http:\/\/www.planergemeinschaft.de\/planergemeinschaft-interdisziplin%C3%A4r-erfahren-engagiert<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref8\">[viii]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.tea-eg.de\/index.php?kap=kap00&amp;dat=02&amp;stat=1&amp;indexsuche\">http:\/\/www.tea-eg.de\/index.php?kap=kap00&amp;dat=02&amp;stat=1&amp;indexsuche<\/a>=<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref9\">[ix]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.towerbyte.de\/\">http:\/\/www.towerbyte.de\/<\/a><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref10\">[x]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/communications.theseed.de\/ueber-uns\/gl\">http:\/\/communications.theseed.de\/ueber-uns\/gl<\/a>.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref11\">[xi]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.viveberlintours.de\/de\/ueber-vive-berlin\">http:\/\/www.viveberlintours.de\/de\/ueber-vive-berlin<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer heute \u00fcber Entrepreneurship nachdenkt und sie f\u00f6rdern will, wird nicht unbedingt die Genossenschaften mit ihrer langen Tradition im Auge haben. 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