{"id":16487,"date":"2015-02-15T00:01:20","date_gmt":"2015-02-14T23:01:20","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16487"},"modified":"2015-02-20T13:29:12","modified_gmt":"2015-02-20T12:29:12","slug":"gastbeitragdie-letzte-waffe-helicopter-money","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16487","title":{"rendered":"<small>Gastbeitrag<\/small><br\/>Die letzte Waffe \u2013 Helicopter Money?"},"content":{"rendered":"<p>Es ist noch gar nicht so lange her, da schien die monet\u00e4re Welt noch in Ordnung. Die Inflation war endlich gez\u00e4hmt, Wachstum und Besch\u00e4ftigung gesichert. In Amerika sprach man von der \u201egreat moderation\u201c. Die Wissenschaft f\u00fchrte eine Debatte, was denn nun f\u00fcr diese traumhafte Konstellation verantwortlich sei. Die Notenbanken dank ihrer auf Geldwertstabilit\u00e4t gerichteten Politik galten als hei\u00dfer Kandidat. Oder hatten gro\u00dfe Teile der Welt einfach von einer H\u00e4ufung gl\u00fccklicher Umst\u00e4nde profitiert? Sp\u00e4testens seit dem Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008 herrscht jedoch ein ganz anderes Szenario. Die Geldpolitik stie\u00df in immer mehr L\u00e4ndern an den \u201ezero bound\u201c. Die Senkung der Nominalzinsen findet nun einmal bei Null ihre Grenze, daran \u00e4ndern auch die Versuche mit negativen Einlagenzinsen nichts Entscheidendes.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Damit war jedoch das Arsenal geldpolitischer Instrumente keineswegs ersch\u00f6pft. Seit jeher steht das ganze Spekturm der Offenmarktpolitik zur Verf\u00fcgung. Eine Notenbank kann durch K\u00e4ufe von Verm\u00f6genswerten Geld beinahe unbegrenzt in den Verkehr bringen. Das Spektrum m\u00f6glicher Aktiva reicht von festverzinslichen Wertpapieren, \u00fcber Devisen, bis zu Aktien oder sogar Immobilien. Es ist eine Frage der Zweckm\u00e4\u00dfigkeit, von welchen Optionen die Notenbank Gebrauch machen will. So kann man z.B. mit Fug und Recht fragen, ob es sinnvoll ist, dass eine Notenbank (Mit-)Eigent\u00fcmer von Unternehmen wird.<\/p>\n<p>Zahlreiche Notenbanken haben haupts\u00e4chlich private und \u00f6ffentliche Schuldtitel gekauft. Diese direkt auf die Menge des ausgegebenen Zentralbankgeldes \u2013 \u201equantitative easing\u201c \u2013 gerichteten Ma\u00dfnahmen werden oft auch als \u201eunorthodox\u201c charakterisiert. Von der Sache her geh\u00f6ren sie zum traditionellen \u00c2\u00a0Instrumentenkasten der Geldpolitik \u2013 die Einordnung als \u201eunorthodox\u201c trifft allerdings f\u00fcr den immensen Umfang der Notenbankk\u00e4ufe zu.<\/p>\n<p>Weitgehend Einigkeit herrscht dar\u00fcber, dass die Ma\u00dfnahmen der Fed nach dem Ausbruch der Finanzmarktkrise die Gefahr eines wirtschaftlichen Zusammenbruchs in den Dimensionen der Gro\u00dfen Depression Anfang der drei\u00dfiger Jahre des letzten Jahrhunderts gebannt haben. Hier endet aber auch schon die \u00dcbereinstimmung. \u00dcber die Wirkungen der sp\u00e4teren Runden des \u201equantitative easing\u201c wird heftig gestritten. Es spricht viel daf\u00fcr, dass die weiteren massiven Ank\u00e4ufe von Staatsanleihen einen vermutlich nur geringen Einfluss auf die langfristigen Zinsen gehabt haben. Das endg\u00fcltige Urteil der Jury steht jedoch noch aus.<\/p>\n<p>Die m\u00f6glichen negativen Nebenwirkungen r\u00fccken damit umso mehr in den Vordergrund, vor allem je weniger die Ma\u00dfnahmen zur Belebung der amerikanischen Wirtschaft beigetragen haben. Die amerikanische Notenbank sitzt jedenfalls inzwischen auf einem gewaltigen Berg von Wertpapieren. Es bleibt abzuwarten, welche Auswirkungen der Ausstieg aus dem Kaufprogramm oder ein m\u00f6glicher Verkauf von Wertpapieren auf die Finanzm\u00e4rkte und in deren Gefolge auf die Wirtschaft haben wird. Die Kombination von extrem niedrigen Zinsen und massiver Liquidit\u00e4t d\u00fcrfte jedenfalls \u00c2\u00a0erneut \u00c2\u00a0die Anleger dazu bewegen, gr\u00f6\u00dfere Risiken einzugehen, mit den bekannten Konsequenzen f\u00fcr die Verm\u00f6genspreise.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens seit die EZB ihr Ankaufsprogramm f\u00fcr Wertpapiere bekanntgegeben hat, ist die Diskussion \u00fcber die Wirksamkeit dieser Ma\u00dfnahmen auch in Europa angekommen. Wegen der besonderen institutionellen Umst\u00e4nde des Euroraums, -Kauf von Anleihen der einzelnen Nationalstaaten und des Verbots der monet\u00e4ren Finanzierung-, reichen die m\u00f6glichen Nebenwirkungen hierzulande \u00fcber den rein geldpolitischen Horizont hinaus.<\/p>\n<p>Ein anderes spezifisches Merkmal spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Da nun einmal der Bankkredit im Euroraum in sehr viel h\u00f6herem Ma\u00dfe als in den USA als Finanzierunginstrument im Mittelpunkt steht, richtet sich das Augenmerk darauf, ob die durch den Verkauf von Wertpapieren an die EZB erh\u00f6hte Liquidit\u00e4t die Banken auch veranlassen wird, mehr \u2013 und hoffentlich nicht zu risikobehaftete &#8211; Kredite zu vergeben.<\/p>\n<p>Weltweit hat sich das \u201equantitative easing\u201c weder als Wunderwaffe zur Belebung der Konjunktur noch als Barriere gegen einen allenthalben \u2013 zu Recht oder zu Unrecht \u2013 als gef\u00e4hrlich angesehenen R\u00fcckgang der Inflationsrate erwiesen. Zu der sich ausbreitenden Skepsis tr\u00e4gt nicht zuletzt das Beispiel Japans bei, wo \u00c2\u00a0die Kombination aus jahrelangen massiven monet\u00e4r finanzierten Haushaltsdefiziten alles andere als die erhofften Erfolge erzielt hat. Die Propagandisten einer solchen Politik scheinen jedoch immun gegen die Evidenz solcher Fakten zu sein.<\/p>\n<p>Je mehr das Vertrauen in die bisherigen Ma\u00dfnahmen der Geldpolitik schwindet, desto mehr verbreitet sich die Vorstellung dann m\u00fcsse man eben zu \u201eHelicopter Money\u201c als letztem Mittel greifen. Gemeint ist damit eine direkte Zuteilung von Geld an die Wirtschaftssubjekte, gedacht ist wohl an die privaten Haushalte.<\/p>\n<p>Als Vater dieser Idee wird meist Milton Friedman genannt. Dieser hat in seinem Werk \u201eOptimum Quantity of Money\u201c (1969) ein hypothetisches Beispiel gebracht, in dem ein Hubschrauber Geld in einem Betrag abwirft, der genau der bereits umlaufenden Geldmenge entspricht. Unter der Annahme eines Gleichgewichts mit Vollbesch\u00e4ftigung und ausgelasteten Kapazit\u00e4ten f\u00fchren die zus\u00e4tzlichen Ausgaben der Bev\u00f6lkerung lediglich zu Preissteigerungen. Am Ende des Prozesses haben sich die Preise verdoppelt, sonst hat sich nichts ge\u00e4ndert. Diese vereinfachte Darstellung der Quantit\u00e4tstheorie geht zur\u00fcck auf David Hume, der schon in der ersten H\u00e4lfte des 18. Jahrhunderts ganz \u00e4hnlich argumentiert hat. W\u00e4hrend Hume nat\u00fcrlich nicht an die M\u00f6glichkeit der Verteilung von Geld per Hubschrauber dachte, hat Ben Bernanke, der sp\u00e4tere Chairman der Fed, von dieser M\u00f6glichkeit gesprochen.<\/p>\n<p>In der aktuellen Situation gilt es zwei F\u00e4lle auseinanderzuhalten.<\/p>\n<ul>\n<li>Die Wirkungen einer Erh\u00f6hung der Zentralbankgeldmenge per Hubschrauber kann man theoretisch als \u00e4quivalent ansehen zu einer durch die Notenpresse finanzierten Steuersenkung oder Erh\u00f6hung der Transferzahlungen sowie zu auf diesem Wege finanzierten \u00c2\u00a0Ausgaben f\u00fcr G\u00fcter und Dienste.<\/li>\n<li>Von diesem theoretischen Vergleich zu unterscheiden ist der Vorschlag, Geld tats\u00e4chlich auf diesem Wege per Hubschrauber oder per Scheck direkt an die privaten Haushalte zu verteilen. In einem Beitrag zur Analyse der Geldpolitik der Bank von Japan (1999) spricht Bernanke nicht nur von einem Gedankenexperiment, sondern diskutiert ernsthaft die Vorteile der direkten Verteilung von Geld. Das einzige Argument gegen diese Ma\u00dfnahme l\u00e4ge nach seiner Ansicht in der Bef\u00fcrchtung der B\u00fcrger, die Regierung k\u00f6nnte sp\u00e4ter \u00fcber eine Kopfsteuer den Betrag wieder zur\u00fcckfordern. Als Folge dieser Sorge w\u00fcrden die Haushalte das zus\u00e4tzliche Geld nicht ausgeben, sondern sparen. Es g\u00e4be jedoch keinen Grund, diese Option ernst zu nehmen, oder anders gesagt, die B\u00fcrger w\u00fcrden mit dem zus\u00e4tzlichen Geld tats\u00e4chlich verst\u00e4rkt G\u00fcter und Dienste nachfragen. Warum also \u00fcberhaupt den unsicheren Weg \u00fcber das \u201equantitative easing\u201c gehen und nicht zus\u00e4tzliches Geld, auf welchem Wege auch immer, direkt verteilen? Es geht nicht darum, dass Regierungen Schecks an die Bev\u00f6lkerung verschenken. Wohltaten dieser Art in den verschiedensten Formen geh\u00f6ren zum Alltagsgesch\u00e4ft der Politik. Die Idee des Hubschrauber-Geldes sieht jedoch die Notenbank \u00c2\u00a0in der Rolle des Geldverteilers.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Die monet\u00e4re Finanzierung von Staatsausgaben \u2013 ganz abgesehen von den institutionellen Gegebenheiten des Euroraums \u2013 nimmt die Notenbank ins Schlepptau der Politik, ihre Unabh\u00e4ngigkeit bleibt de facto auf der Strecke.<\/p>\n<p>Kann man sich aber ernsthaft vorstellen, eine Notenbank k\u00f6nne Geld verschenken und in der Zukunft noch Herr der Geldsch\u00f6pfung bleiben? Wenn dieser S\u00fcndenfall erst einmal eingetreten ist, gibt es kein Halten mehr. Tausend Gr\u00fcnde h\u00f6chster Dringlichkeit werden die Notenbank so unter Druck setzen, dass die Notenpresse zum Selbstbedienungsinstrument der Politik degeneriert.<\/p>\n<p>Nicht zwangsl\u00e4ufig, aber doch eine absehbare Folge der Tendenz, von der Geldpolitik immer mehr und am Ende Unm\u00f6gliches zu verlangen, f\u00fchrt zu solchen abstrusen Vorstellungen. Diese \u00fcberhaupt ernsthaft zu diskutieren, ist ein weiterer Beleg f\u00fcr den Verfall ordnungspolitischen Denkens. Man mag sich nicht ausmalen, wohin der Weg f\u00fchrt, wenn sich Notenbanken auch nur auf diese Debatte einlie\u00dfen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Der Beitrag \u201cDie letzte Waffe &#8211; Helicopter Money?\u201c\u009d von Otmar Issing\u00c2\u00a0 erschien am 7. Februar 2015 in der B\u00f6rsen-Zeitung.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist noch gar nicht so lange her, da schien die monet\u00e4re Welt noch in Ordnung. 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