{"id":1654,"date":"2009-10-13T01:09:41","date_gmt":"2009-10-13T00:09:41","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1654"},"modified":"2009-10-11T09:50:09","modified_gmt":"2009-10-11T08:50:09","slug":"fehldiagnose-globale-ueberinvestition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1654","title":{"rendered":"Fehldiagnose: Globale \u00dcberinvestition"},"content":{"rendered":"<p>Infolge der globalen Krise, durch die in Deutschland bisher in erster Linie die exportorientierte Industrie unter enormen Druck kam, wird auch das \u201eGesch\u00e4ftsmodell Deutschland\u201c auf den Pr\u00fcfstand gestellt. Die deutschen Unternehmen sollten \u2013 so die Kritiker \u2013 weniger von der globalen Nachfrage abh\u00e4ngig sein. Die starke Industrie- und Exportorientierung habe sich nicht bew\u00e4hrt und m\u00fcsse korrigiert werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zweifellos hat Deutschland von der st\u00fcrmischen Entwicklung der Weltm\u00e4rkte der vergangenen Jahre in hohem Ma\u00df profitiert. Dank eines Produktportfolios, das zum Bedarf der internationalen Nachfrage passte, konnte Deutschland anders als die meisten entwickelten Industriel\u00e4nder auf den Weltm\u00e4rkten trotz der erfolgreichen Integration vieler neuer L\u00e4nder in die internationale Arbeitsteilung Marktanteile hinzugewinnen. Da nahezu 90 Prozent der deutschen Exporte auf die Industrie entfallen, war der Aufschwung der letzten Jahre eindeutig ein Aufschwung der Industrie. Der \u00fcber viele Jahre zu beobachtende trendm\u00e4\u00dfige R\u00fcckgang des Anteils des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamtwirtschaftlichen Wertsch\u00f6pfung konnte gestoppt werden. Seit Mitte der 1990er-Jahre ist der Industrieanteil sogar wieder leicht gestiegen.<\/p>\n<p>Aber nicht nur die Unternehmen und Besch\u00e4ftigten im industriellen Bereich haben von der deutschen Weltmarktorientierung profitiert. Die Industrie bezieht von anderen Wirtschaftszweigen, insbesondere den Dienstleistungssektoren, mehr Leistungen, als sie dorthin liefert. Vor allem die unternehmensnahen Dienstleistungen konnten vom Erfolg der Industrie auf den Auslandsm\u00e4rkten profitieren. Es ist somit auch aus dieser Perspektive falsch, zu behaupten, die deutsche Wirtschaft sei einseitig auf die weltmarktorientierte Industrie konzentriert, weil \u00fcber den Vorleistungsverbund auch die binnenwirtschaftlich aufgestellten Sektoren vom Erfolg der Industrie beg\u00fcnstigt werden.<\/p>\n<p>Ohne Zweifel ist Deutschland wie auch andere L\u00e4nder, die stark auf dem Weltmarkt vertreten sind, von der aktuellen globalen Krise besonders hart betroffen. Das ist zwangsl\u00e4ufig die Kehrseite einer starken Weltmarktorientierung. Aber rechtfertigt dies, das \u201eDeutsche Gesch\u00e4ftsmodell\u201c als \u00fcberholt und nicht mehr zukunftsf\u00e4hig zu deklarieren? Diese Diagnose tr\u00e4fe zu, wenn die Ursache der globalen Krise nicht Funktionsst\u00f6rungen auf den Finanzm\u00e4rkten w\u00e4ren, sondern realwirtschaftliche Fehlentwicklungen wie etwa globale \u00dcberinvestitionen.<\/p>\n<p>Sicherlich waren die letzten Jahre von wachsenden nationalen Leistungsbilanz-ungleichgewichten gekennzeichnet. Leistungsbilanzungleichgewichte signalisieren \u2013 sofern der Staatshaushalt ausgeblendet wird \u2013 eine Differenz zwischen inl\u00e4ndischer Ersparnis und Inlandsinvestitionen. Leistungsbilanzdefizite spiegeln \u2013 sofern sich Staatsausgaben und Staatseinnahmen entsprechen \u2013 eine Sparl\u00fccke wider. Die inl\u00e4ndischen Ersparnisse reichen nicht aus, um die Investitionen im Inland zu finanzieren. Dies kann als eine \u00dcberinvestition bezeichnet werden. Vor allem in den USA zeigte sich im Vorfeld der Krise ein hohes Leistungsbilanzdefizit und spiegelbildlich ein Kapitalbilanz\u00fcberschuss (Nettokapitalimport). Dagegen wiesen China, Japan, Deutschland und zuletzt auch die rohstoffreichen L\u00e4nder Russland und Saudi-Arabien hohe Leistungsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse und Nettokapitalexporte auf.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf die USA ist festzustellen, dass das Leistungsbilanzdefizit nicht durch eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Investitionst\u00e4tigkeit gepr\u00e4gt war. In der zweiten H\u00e4lfte der 1990er-Jahre war es von einer hohen Investitionst\u00e4tigkeit begleitet, in den letzten Jahren stehen dahinter allerdings ein wachsendes Haushaltsdefizit des Staates und eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Konsumt\u00e4tigkeit: Im Durchschnitt der Jahre 2002 bis 2008 stand dem Leistungsbilanzdefizit von durchschnittlich knapp 650 Milliarden US-Dollar ein Haushaltsdefizit des Staates von knapp 490 Milliarden US-Dollar gegen\u00fcber (Zwillingsdefizit). Auch stellen die Bauinvestitionen in den USA an sich nicht das Problem dar, sondern vielmehr deren \u2013 in Z\u00fcgen kriminelle \u2013 Finanzierung.<\/p>\n<p>Abbildung 1 zeigt die (durchschnittlichen) Spar- und Investitionsquoten f\u00fcr gro\u00dfe Weltregionen vom letzten Tiefpunkt der Weltwirtschaft im Jahr 2002 bis 2008. Zun\u00e4chst ist festzustellen, dass in der Gruppe der fortgeschrittenen L\u00e4nder Investitionen und Sparen nicht nennenswert auseinanderliegen. Definiert man eine \u00dcberinvestition als eine im Vergleich zur nationalen Spart\u00e4tigkeit anhaltend \u00fcberm\u00e4\u00dfige Investitionst\u00e4tigkeit \u2013 die Investitionsquote liegt merklich und andauernd \u00fcber der Sparquote \u2013, dann gab es in dieser Periode hier kein auff\u00e4lliges Ungleichgewicht. Innerhalb dieser Gruppe bestanden gleichwohl nennenswerte Abweichungen zwischen Sparen und Investieren. W\u00e4hrend in den USA eine Sparl\u00fccke vorlag, hatte Deutschland dagegen seine Ersparnisse nicht f\u00fcr Inlandsinvestitionen aufgebraucht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ueberinv1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ueberinv1.png\" alt=\"\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; Zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211;<\/small><\/p>\n<p><small>OE: Osteuropa; FL: Fortgeschrittene L\u00e4nder; LA: Lateinamerika; AF: Afrika; SEL: Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder insgesamt; AS SEL: Asiatische Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder; AS FL: Fortgeschrittene asiatische L\u00e4nder; GUS: Gemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Staaten; MO: Mittlerer Osten<\/small><\/p>\n<p>Die Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4nder weisen insgesamt betrachtet einen Spar\u00fcberschuss auf. Am deutlichsten \u00fcbersteigt die Spart\u00e4tigkeit die Investitionen im Mittleren Osten, in der Gemeinschaft Unabh\u00e4ngiger Staaten und in Asien \u2013 dabei sowohl in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern als auch in den fortgeschrittenen asiatischen Volkswirtschaften. Die einzige Region, in der die Spart\u00e4tigkeit nicht ausgereicht hat, um die Investitionen zu finanzieren, war Osteuropa. Dabei liegt die Investitionsquote in Osteuropa nicht deutlich \u00fcber der in den anderen Weltregionen \u2013 und sie befindet sich sogar deutlich unter der in den asiatischen Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Auch Abbildung 2 spricht eher gegen eine \u00dcberinvestitionsphase in den fortgeschrittenen Volkswirtschaften. Die Investitionsquote dieser L\u00e4ndergruppe lag vielmehr in den letzten Jahren mit rund 21 Prozent um gut 1 Prozentpunkt unter dem Durchschnitt der zweiten H\u00e4lfte der 1990er-Jahre und vor allem deutlich unter dem Durchschnitt der 1980er-Jahre mit 23 Prozent. Dagegen ist der Anteil der Bruttoinvestitionen am BIP in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern seit dem letzten Tiefpunkt der Weltwirtschaft im Jahr 2002 markant angestiegen. W\u00e4hrend die Investitionsquote im Zeitraum 1995 bis 2002 mehr oder weniger stabil bei um die 25 Prozent lag, ist sie bis zum Jahr 2008 fast durchgehend auf \u00fcber 31 Prozent angestiegen. Damit hat sich das Investitionsvolumen in dieser L\u00e4ndergruppe im Zeitraum 2002 bis 2008 mehr als verdreifacht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small><a href=\"\/wordpress\/bilder\/ueberinv2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" src=\"\/wordpress\/bilder\/ueberinv2.png\" alt=\"\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; Zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211;<\/small><\/small><\/p>\n<p>Es stellt sich die Frage, ob dieser beachtliche Investitionsboom in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern \u00fcberm\u00e4\u00dfig war und als eine \u00dcberinvestition, die jetzt Anpassungsprozesse notwendig erscheinen l\u00e4sst, bezeichnet werden kann. Dies w\u00fcrde dann auch die stark auf Investitionsg\u00fcter spezialisierte deutsche Industrie und deren Exportgesch\u00e4ft beeintr\u00e4chtigen. Zun\u00e4chst ist der Anstieg der Investitionsquote in den Schwellen- und Entwicklungsl\u00e4ndern auch vor dem Hintergrund der \u00fcber eine lange Zeit auf niedrigem Niveau stabilen Investitionsquote zu sehen. Unter Konvergenzgesichtspunkten kann diese \u201eStagnationsphase\u201c mehr als ung\u00fcnstig bezeichnet werden. Auch vor dem Hintergrund der gro\u00dfen und weiter wachsenden Bev\u00f6lkerungszahl, des vorher relativ niedrigen Kapitalstocks und der niedrigen Kapitalintensit\u00e4t sowie letztlich auch der Spar\u00fcbersch\u00fcsse wird hier der Diagnose einer \u00dcberinvestitionsphase nicht gefolgt. Vielmehr legen diese Volkswirtschaften mit den Investitionen \u2013 zum Beispiel in Infrastruktur und moderne, ressourcensparende Produktionsanlagen \u2013 den Grundstein f\u00fcr ihr k\u00fcnftiges Wirtschaftswachstum und den globalen Konvergenzprozess.<\/p>\n<p>Zusammenfassend stimmt also schon der Befund einer globalen \u00dcberinvestition nicht, der ein Fragezeichen hinter das deutsche Gesch\u00e4ftsmodell setzen k\u00f6nnte. Hinzu kommt, dass jene, die eine Umorientierung verlangen, ein v\u00f6llig falsches Bild davon haben, wie sich der Strukturwandel auf der Mikroebene vollzieht. Es handelt sich dabei nicht um einen von einer zentralen Stelle planbaren und beliebig konzipierbaren Prozess. Der Strukturwandel ist vielmehr das Ergebnis dezentraler Entscheidungen von Unternehmen und Konsumenten. Wer unter diesen Funktionszusammenh\u00e4ngen ein anderes Gesch\u00e4ftsmodell f\u00fcr Deutschland anstrebt, verlangt eine selektive Strukturpolitik.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Infolge der globalen Krise, durch die in Deutschland bisher in erster Linie die exportorientierte Industrie unter enormen Druck kam, wird auch das \u201eGesch\u00e4ftsmodell Deutschland\u201c auf &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1654\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eFehldiagnose: Globale \u00dcberinvestition\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":30,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,33],"tags":[],"class_list":["post-1654","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-makrooekonomisches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Fehldiagnose: Globale \u00dcberinvestition  - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1654\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Fehldiagnose: Globale \u00dcberinvestition  - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Infolge der globalen Krise, durch die in Deutschland bisher in erster Linie die exportorientierte Industrie unter enormen Druck kam, wird auch das \u201eGesch\u00e4ftsmodell Deutschland\u201c auf &hellip; 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