{"id":1736,"date":"2009-10-17T01:05:16","date_gmt":"2009-10-17T00:05:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1736"},"modified":"2009-10-17T07:29:25","modified_gmt":"2009-10-17T06:29:25","slug":"menschen-oder-mathematik-unfrisierte-gedanken-zur-rhetorik-in-politik-und-oekonomik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1736","title":{"rendered":"Menschen oder Mathematik: Unfrisierte Gedanken zur Rhetorik in Politik und \u00d6konomik"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Man muss sich doch fragen: Machen wir Mathematik oder Politik f\u00fcr die Emotionen der Menschen?\u201c (Klaus Wowereit am 28.9. 2009)<\/p><\/blockquote>\n<p>Klaus Wowereit erkl\u00e4rte am Tag nach der Wahl den Niedergang der SPD und seine Gegnerschaft zu Franz M\u00fcntefering am Beispiel der (von M\u00fcntefering durchgesetzten) Rente mit 67. Es ging ihm nicht um die Sache selbst (was sachlich, \u201emathematisch\u201c daf\u00fcr oder dagegen spricht), sondern um politische Rhetorik (ob oder wie man \u201eemotional\u201c \u00fcber eine Sache spricht). Mir geht es hier auch nicht um die Sache (Rentenreform) selbst, sondern um \u201eRhetorik\u201c \u2013 das absichtsvolle, auf ein \u00dcberzeugen des als relevant erachteten Gegen\u00fcber zielende Sprechen; im Englischen un\u00fcberbietbar kurz: \u201ewordcraft\u201c.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Da das relevante Gegen\u00fcber von \u201ecraft\u201c zu \u201ecraft\u201c ein Anderes ist und dasselbe Gegen\u00fcber in anderen Diskurszusammenh\u00e4ngen auf eine andere Rhetorik anspricht, gibt es auch eine in monopolitischer Konkurrenz befindliche Vielfalt \u201erelevanter M\u00e4rkte\u201c f\u00fcr rhetorisch erfolgversprechende \u00dcberzeugungsarten. Jeweils geht es um einen \u201eMarktplatz der Ideen und Meinungen\u201c \u2013 und jeweils habe ich den Verdacht (oder: die \u2013 in meinem beruflichen \u201eDiskurskontext\u201c durchaus marginalisierte oder gar bemitleidete \u2013 \u201eMeinung\u201c), dass \u201eRhetorik\u201c oder \u201eEmotion\u201c erst das definiert, was relevante \u201eSache\u201c ist: In der Politik, aber auch in der Wirtschaft \u2013 und in der \u00d6konomik, die \u2013 im Prinzip zu Recht \u2013 die \u201eMeinung\u201c vertritt, beide (ja: alle) sozialen Ph\u00e4nomene sachlich erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Die Beobachtung, dass \u201eman\u201c (zwischen, aber auch innerhalb, etablierter Arenen f\u00fcr politische und \u00f6konomische Praxis und sozialwissenschaftliche Theorie) h\u00e4ufig \u201eaneinander vorbei\u201c redet, mag bedauerlich sein. Der Umstand, dass man eine im \u201erelevanten\u201c Kontext durchaus \u201eeigene\u201c Sprache spricht oder Rhetorik w\u00e4hlt, sollte aber wissenschaftlich erkl\u00e4rlich sein. Die spannende Frage nach dem \u201eweshalb?\u201c und \u201ewie sehr\u201c? lese man \u00fcberaus ausf\u00fchrlich gestellt, illustriert und beantwortet bei D. <a href=\"http:\/\/deirdremccloskey.org\/docs\/pdf\/Article_110.pdf\">McCloskey<\/a> nach.<\/p>\n<p><em>Dieser Beitrag entstand am 30.9. 2009. Schade, dass er nicht vor dem 12. Oktober ver\u00f6ffentlicht wurde. Denn ich schrieb (ehrlich)!: Am Rande: ich w\u00e4re nicht \u00fcberrascht, ginge dieses Jahr der Nobelpreis erstmals an eine Frau, da sowohl Salzwasser- noch S\u00fc\u00dfwasser- Technokraten patschnass dastehen. Ich denke da an Elinor Ostrom \u2013als Ordnungs\u00f6konomin \u201esans la lettre\u201c. H\u00e4tte die Akademie noch mehr Mut, g\u00e4be sie den Preis an D. McCloskey \u2013 das w\u00e4re ein echter Schock f\u00fcr die \u00d6konomik, aber vielleicht auch ein kreativer, heilsamer\u2026?<\/em><\/p>\n<p>Zur\u00fcck zur Aussage von Klaus Wowereit (das ist keine SPD-Bashing; in allen Parteien wird \u00e4hnlich gedacht und gehandelt): Die \u201eSache selbst\u201c (Rente mit 67) sei ein schwerer politischer Fehler gewesen, denn hier w\u00fcrde man mit \u201eMathematik\u201c argumentieren, nicht aber \u201edie Emotionen der Menschen\u201c respektieren. Diese Aussage kann man recht unterschiedlich interpretieren:<\/p>\n<p>1)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Politiker wie Wowereit sind irrationale Zyniker. Mit \u201eMathematik\u201c sind wohl die demographischen Fakten gemeint, die versicherungsmathematisch emotionslose Zw\u00e4nge auferlegen. Zynische, verantwortungslose Politik ignoriert oder verdr\u00e4ngt selbst die Gesetze der Mathematik \u2013 und nennt das eine \u201ePolitik f\u00fcr die Menschen\u201c.<\/p>\n<p>2)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Politiker wie Wowereit sind rationale Realisten. Politiker, die (zumal als Regierende) unangenehme Realit\u00e4ten ansprechen oder gar durch unangenehme Reformen \u00e4ndern wollen, gehen ein hohes Risiko ein, nicht (wieder-) gew\u00e4hlt zu werden. Es ist f\u00fcr sie rational, statt dessen Emotionen anzusprechen. Es muss ihnen gelingen, den Eindruck zu erwecken, \u201ef\u00fcr die Menschen\u201c da zu sein, w\u00e4hrend sie f\u00fcr ihren Machterhalt eine Politik f\u00fcr die Interessen des Median- und Wechselw\u00e4hlers betreiben.<\/p>\n<p>Beides (1 und 2) ist letztlich kein Widerspruch. Es kommt auf den \u201eframe\u201c an. Nach dem Ma\u00dfstab \u201ewissenschaftlicher\u201c, \u201e\u00f6konomischer\u201c Rationalit\u00e4t mag (1) gelten. Mithilfe der \u00f6konomischen Theorie der Politik (Public Choice) ist (2) als \u201epolitisch\u201c rational erkl\u00e4rbar. Rhetorik und Emotion triumphiert \u00fcber \u201eMathematik\u201c oder \u00f6konomische Vernunft \u2013 dies gilt zumindest in der Politik und da besonders in der Kommunikation zwischen Politiker und B\u00fcrger. Und in der \u00d6konomik? Auch hierzu zwei Meinungen:<\/p>\n<p>3)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 In der \u00d6konomik triumphieren nicht \u201erhetorische Tricks\u201c, sondern \u201eMathematik\u201c, \u201eFakten\u201c, emotionslose, positive Analyse. Und das ist auch gut so. \u00d6konomik ist objektive Wissenschaft und eine notwendige Gegenmacht zur Irrationalit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t der Politik \u2013 oder der \u201eMenschen\u201c.<\/p>\n<p>4)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 \u00d6konomik ist, auch in ihren formal-mathematischen Modellen, nichts Anderes als eine spezifische Art der \u201eRhetorik\u201c und \u201eMetaphorik\u201c (McCloskey). Mehr noch: die wesentlichen \u201eFakten\u201c oder \u201eDaten\u201c der \u00d6konomik als Sozial- und Verhaltenswissenschaften sind letztlich Erwartungen im Sinne von \u201eMeinungen\u201c der \u201eMenschen\u201c (Hume, Hayek). Und \u201edie Menschen\u201c selbst, deren Zusammenwirken unseren Erkenntnisgegenstand ausmacht, sind keine zweckrationalen Nutzenrechner anhand \u201egegebener Pr\u00e4ferenzen\u201c; sie handeln nach subjektiven, auch inkonsistenten \u201eTheorien\u201c (Caplan), die \u2013 gerade, wenn es \u201ebillig\u201c ist (Kirchg\u00e4ssner) \u2013 auch von wilden Emotionen und Wunschvorstellungen \u201ekontaminiert\u201c sind.<\/p>\n<p>Beides (3 und 4) ist, allem \u201eMethodenstreit\u201c zum Trotze, letztlich kein Widerspruch. Man kann auch emotionslos \u00fcber Emotionen, rational \u00fcber Irrationalit\u00e4ten, positiv \u00fcber Normatives reden. Die moderne \u00d6konomik tut dies auch zunehmend. Besonders gilt das f\u00fcr die moderne \u00d6konomik der Politik (Public Choice). Hier hat man erkannt, dass Rhetorik und Emotionen auszublenden an den \u201eFakten\u201c und der eigenen \u201eRationalit\u00e4t\u201c des Gegenstands, den es illusions- und emotionslos zu analysieren gilt, vorbei zu modellieren hie\u00dfe.<\/p>\n<p>Die aktuelle Krise hat \u00e4hnliche Lektionen f\u00fcr die Markt\u00f6konomik parat. Nicht erst im k\u00fcnstlichen Laborexperiment, auch und gerade im realen Verlauf der Krise ist die Bedeutung von Meinungen, Erwartungen, Emotionen, Irrationalit\u00e4ten, Herdenverhalten usw. wieder \u00fcberdeutlich geworden. Nur im Modell, das immer noch vom mathematisch programmierbaren \u201ehomo oeconomicus\u201c beherrscht wird, ist diese Erkenntnis noch kaum angelangt. <a href=\"http:\/\/www.ifw-members.ifw-kiel.de\/publications\/the-financial-crisis-and-the-systemic-failure-of-academic-economics\/KWP_1489_ColanderetalFinancial%20Crisis.pdf\">Colander et al.<\/a> mussten feststellen: \u201eas the crisis has unfolded, economists had no choice but to abandon their standard models and to produce hand-waving common-sense remedies\u201c.<\/p>\n<p>Bleibt also als letzter Schritt die \u201e\u00d6konomik der \u00d6konomik\u201c selbst. Auch \u00d6konomen sind, ja: Menschen \u2013 mit ihren Erwartungen, Meinungen und Emotionen. Und auch hier geh\u00f6rt zu den Fakten, dass einer selbstkritischen Reform der eigenen Rhetorik die eigene Rationalit\u00e4t des pfadabh\u00e4ngig selbstreferentiell definierten \u201erelevanten Marktes\u201c (Lehrstuhlbesetzungen, refereed journals \u2026) entgegen steht.<\/p>\n<p>Wowereit und wir: der Unterschied ist gar nicht so gro\u00df und erhebend, wenn man die jeweiligen Zweckrationalit\u00e4ten und Zw\u00e4nge kennt. Wowereit hat vielleicht mehr Ahnung von der menschlichen Natur und ihren \u201eanimal spirits\u201c (Keynes, Shiller) als \u201ewir\u201c (naja, nicht wir \u201eAustrians\u201c, aber die \u201eChicago-Boys\u201c) \u00d6konomen. Was sollen wir tun? \u201eWir\u201c k\u00f6nnen und sollen Wowereits Rhetorik (ich wiederhole 1-4):<\/p>\n<p>5)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 als sachlich irrational und sozial sch\u00e4dlich entlarven (normative Konsequenz aus positiver \u00d6konomik), aber auch<\/p>\n<p>6)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 als wahlpolitisch rational nachvollziehend erkl\u00e4ren und ber\u00fccksichtigen (positive Modelle politischer \u00d6konomik).<\/p>\n<p>Ziemlich Analoges gilt aber auch f\u00fcr uns (\u00d6konomen) selbst. Auch wir k\u00f6nnen und sollen uns<\/p>\n<p>7)\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 der eigenen verengten Rationalit\u00e4t und autistischen Rhetorik kritisch bewusst werden. Eine selbstkritische \u00d6konomik der \u00d6konomik selbst w\u00fcrde auch den Akzeptanz- und Nachfrager\u00fcckgang auf vor- und nachgelagerten \u201eM\u00e4rkten\u201c(Studierende, Medien, Politik \u2026) als Signal wahrnehmen, das eigene Angebot zu verbessern und zu diversifizieren. Hier\u00fcber wird inzwischen ja immerhin diskutiert. Vielleicht gelingt es sogar, unsere Emotionen und Rhetorik so zu justieren, dass wir uns weniger untereinander wichtig machen und mehr versuchen, f\u00fcr andere \u2026 \u201edie Menschen\u201c \u2026 wichtig zu werden.<\/p>\n<p>Das ist viel verlangt. Aber es w\u00e4re schon gut so.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Man muss sich doch fragen: Machen wir Mathematik oder Politik f\u00fcr die Emotionen der Menschen?\u201c (Klaus Wowereit am 28.9. 2009) Klaus Wowereit erkl\u00e4rte am Tag &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1736\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eMenschen oder Mathematik: Unfrisierte Gedanken zur Rhetorik in Politik und \u00d6konomik\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":15,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[6,31],"tags":[],"class_list":["post-1736","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alles","category-politisches"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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