{"id":174,"date":"2008-11-03T06:36:53","date_gmt":"2008-11-03T05:36:53","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=174"},"modified":"2008-11-03T06:36:53","modified_gmt":"2008-11-03T05:36:53","slug":"was-super-sarko-von-romulus-lernen-kann","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=174","title":{"rendered":"Was Super-Sarko von Romulus lernen kann"},"content":{"rendered":"<p>Bei Friedrich D\u00fcrrenmatt ist nachzulesen, wie sich der letzte westr\u00f6mische Kaiser Romulus Augustus auf den Ansturm der Skiren und Ostgoten eingerichtet hat. Er hat nicht etwa seine Heerscharen zusammengerufen und die Grenzanlagen befestigt, sondern widmete sich der H\u00fchnerzucht. Seine verschiedenen H\u00fchner benannte er nach gro\u00dfen r\u00f6mischen Kaisern aus der Geschichte und nach Odoaker, dem Heerf\u00fchrer der Skiren, der bereits auf bestem Wege war, mit seinen Truppen das alte westr\u00f6mische Imperium zu erobern. Romolus bemerkte mit Interesse, dass das Huhn Odoaker weitaus leistungsf\u00e4higer im Eierlegen war als alle seine r\u00f6mischen Kaiserh\u00fchner zusammen. Er zog daraus die Konsequenz, sich dem Einmarsch von Odoaker nicht zu widersetzen \u2013 und die Geschichte gab ihm recht. Zwar zerbrach das westr\u00f6mische Imperium, aber unter der Herrschaft von Odoaker in Ravenna erlebte das heutige Italien eine Zeit des Friedens und der wirtschaftlichen Bl\u00fcte. Auch unter Theoderich dem Gro\u00dfen, dem Nachfolger Odoakers und einem gro\u00dfen Verehrer der r\u00f6mischen K\u00fcnste, setzte sich die Bl\u00fctezeit fort. Die Entscheidung von Romolus, sich der H\u00fchnerzucht und nicht der Kriegsf\u00fchrung zu widmen, hat somit offenbar die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt in seinem Lande erh\u00f6ht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Invasoren hei\u00dfen heute nicht mehr Skiren und Goten, sondern Chinesen und Araber. Und sie kommen nicht mehr mit Rammbock und Streitross daher, sondern mit \u00fcppigen Devisenreserven und Staatsfonds.<\/p>\n<p>Allerorten r\u00fcsten sich die alten Industriel\u00e4nder gegen die Invasoren aus den Schwellen- und Rohstoffl\u00e4ndern. So auch Deutschland, wo sich gerade die Novelle des Au\u00dfenwirtschaftsgesetzes, die st\u00e4rkere Handhaben gegen Staatsfonds bietet, auf dem Weg von Kabinettsentwurf zum Gesetzesbeschluss befindet. Eine neue Dimension hat der Abwehrkampf gegen die Auslandsinvasoren allerdings in Frankreich erreicht. Dort betreibt Staatspr\u00e4sident Nicolas Sarkozy die Gr\u00fcndung eines eigenen Staatsfonds, der die franz\u00f6sische Industrie davor sch\u00fctzen soll, von ausl\u00e4ndischen Investoren aufgekauft zu werden. Damit m\u00f6chte er verhindern, dass chinesische, arabische, russische oder andere Staatsfonds die derzeit niedrigen B\u00f6rsenkurse ausnutzen, um sich billig in die franz\u00f6sische Industrie einzukaufen. Die Details sind noch offen, aber die Gr\u00f6\u00dfenordnung des Fonds soll wohl bei einer Kapitalausstattung von 200 Milliarden Euro liegen.<\/p>\n<p>Damit w\u00fcrde der franz\u00f6sische Staatsfonds eine Gr\u00f6\u00dfe aufweisen, die jene des chinesischen Staatsfonds CIC (China Investment Corporation) sogar \u00fcbertrifft. Gr\u00f6\u00dfer w\u00e4ren dann nur noch die Staatsfonds aus den Vereinigten Arabischen Emirate (900 Mrd. US-$), aus Singapur (330 Mrd. US-$), aus Norwegen (322 Mrd. US-$), Saudi Arabien (300 Mrd. US-$) und (je nach Wechselkurs) aus Kuwait (250 Mrd. US-$). Bei all diesen L\u00e4ndern speisen sich die Staatsfonds allerdings aus staatlichen Haushalts\u00fcbersch\u00fcssen, die rentabel auf ausl\u00e4ndischen Kapitalm\u00e4rkten angelegt werden sollen, w\u00e4hrend f\u00fcr Sarkozys Staatsfonds die \u00f6ffentliche Verschuldung erh\u00f6ht werden m\u00fcsste.<\/p>\n<p>In der aktuellen politischen Debatte werden die Staatsfonds als der b\u00f6se Wolf dargestellt, der die gegenw\u00e4rtig niedrigen B\u00f6rsenkurse ausnutzen k\u00f6nnte, um die f\u00fchrenden Industrieunternehmen der westlichen Welt mit Haut und Haaren zu verschlingen. Tats\u00e4chlich w\u00fcrden ihre finanziellen Mittel durchaus daf\u00fcr reichen. Das Anlagevolumen aller Staatsfonds aus den Schwellen- und Rohstoffl\u00e4ndern zusammengenommen wird derzeit auf 3,2 Billionen US-$ gesch\u00e4tzt. Dieser Betrag ist etwa viermal so noch wie die Streubesitz-Marktkapitalisierung aller DAX-Unternehmen (bei einem DAX-Kurs von rund 5000 Punkten). Daraus folgt nat\u00fcrlich nicht, dass die Staatsfonds mit einem Viertel ihrer Mittel alle 30 DAX-Unternehmen aufkaufen k\u00f6nnten, denn daf\u00fcr m\u00fcssten sie auch die nicht im Streubesitz befindlichen Anteile erwerben. Vor allem aber w\u00e4re bei solch einer fiktiven Aktion mit erheblichen Kursspr\u00fcngen zu rechnen, wie es die VW-Aktie unl\u00e4ngst vorgemacht hat.<\/p>\n<p>Gleichwohl kann nat\u00fcrlich kein Zweifel daran bestehen, dass das Anlagevolumen aller Staatsfonds dieser Welt beeindruckend gro\u00df ist, wenn man es mit dem B\u00f6rsenwert der DAX-Unternehmen vergleicht. Noch furchterregender nehmen sich aber die Pensionsfonds aus, die weltweit auf ein Anlagevolumen von 18 Billionen US-$ kommen. Und die Investmentfonds bringen es gar auf gesch\u00e4tzte 21 Billionen US-$, also fast auf den siebenfachen Wert der Staatsfonds. Wenn Sarkozy seine Industrieunternehmen vor dem Ausverkauf ins Ausland sch\u00fctzen will, hat er es also nicht nur mit den von ihm beschworenen Staatsfonds zu tun (zu den Zahlenangaben in diesem Beitrag vgl. Steffen Kern, Sovereign Wealth Funds and Foreign Investment Policies \u2013 an Update. Deutsche Bank Research, International Topics \/ Current Issues, October 22, 2008).<\/p>\n<p>Vor allem aber scheint Super-Sarko entgangen zu sein, dass in der gegenw\u00e4rtigen Finanzkrise das Kernproblem vieler Unternehmen nicht die \u00fcbergro\u00dfe Zahl ausl\u00e4ndischer Investoren ist, sondern im Gegenteil der Mangel an Investoren, die sich mit frischem Eigenkapital an notleidenden Unternehmen des Finanzsektors und zunehmend auch der Realwirtschaft beteiligen. Hochwillkommen waren insbesondere die Beteiligung des Staatsfonds AIDA aus den Vereinigten Arabischen Emiraten an der CITI-Group (4,9 Prozent), das Engagement der GIC aus Singapur ebenfalls an der CITI-Group (4,5 Prozent), die Temasek-Beteiligung aus Singapur an Merrill Lynch (9,9 Prozent), die CIC-Beteiligung an Morgan Stanley (9,9 Prozent), die GIC-Beteiligung an der UBS (9 Prozent), die Temasek-Beteiligung an Barclays (5,2 Prozent) sowie die QIA-Beteiligung aus Katar an der Londoner B\u00f6rse (40,4 Prozent). Insgesamt haben Staatsfonds in den vergangenen sechs Monaten rund 66 Mrd. $ in den krisengesch\u00fcttelten Finanzsektor der Industriel\u00e4nder investiert.<\/p>\n<p>Die vermeintlichen R\u00e4uber, vor denen Sarkozy seine Industrieunternehmen durch Teilverstaatlichung sch\u00fctzen will, erscheinen ihren vermeintlichen Opfern also eindeutig als hochwillkommene Retter. Es ist schwer nachvollziehbar, welchen Nutzen die franz\u00f6sische Wirtschaft daraus ziehen k\u00f6nnte, dass gerade ihr die helfende Hand der Retter verwehrt werden soll.<\/p>\n<p>Wie wird es weitergehen? Die Verschiebung der Gravitationszentren der Weltwirtschaft von den alten Industriel\u00e4ndern zu den Schwellenl\u00e4ndern d\u00fcrfte sich langfristig fortsetzen. Ob sich auch das rasante Wachstum der Staatsfonds fortsetzen wird, erscheint aber fraglich. Denn die Triebkr\u00e4fte der Staatsfonds sind nicht die globalen Wachstumsunterschiede, sondern die globalen Leistungsbilanzungleichgewichte. Bei den Rohstoffexporteuren sind auch k\u00fcnftig hohe Devisen\u00fcbersch\u00fcsse zu erwarten, wenngleich nicht in der H\u00f6he wie noch vor wenigen Monaten vor dem Platzen der Rohstoffpreisblase. Bei China dagegen sind die hohen Devisen\u00fcbersch\u00fcsse vor allem Ausdruck verzerrter Wechselkurse und unterentwickelter interner Absorption. Diese Ungleichgewichte d\u00fcrften auf Dauer kaum Bestand haben, so dass gerade jene Staatsfonds, die Industriepolitikern wie Sarkozy als besonders suspekt erscheinen, die Zeiten ihres besonders rasanten Wachstums wohl eher hinter sich haben.<\/p>\n<p>All dies spricht daf\u00fcr, dem Ansturm der wilden Horden aus Fernost mit einer \u00e4hnlichen Gelassenheit entgegenzusehen wie einst Romulus dem Ansturm der Skiren und Goten.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei Friedrich D\u00fcrrenmatt ist nachzulesen, wie sich der letzte westr\u00f6mische Kaiser Romulus Augustus auf den Ansturm der Skiren und Ostgoten eingerichtet hat. 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