{"id":17451,"date":"2015-06-03T05:16:02","date_gmt":"2015-06-03T04:16:02","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17451"},"modified":"2015-06-03T05:16:02","modified_gmt":"2015-06-03T04:16:02","slug":"griechenland-20rettungsprogramme-in-der-europaeischen-waehrungsunioneine-spieltheoretische-rekonstruktion","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17451","title":{"rendered":"<small>Griechenland (20)<\/small><br\/>Rettungsprogramme in der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion<br\/><font size=3; color=grey>Eine spieltheoretische Rekonstruktion<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Wie kommt es, dass in der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion seit Jahren Rettungsprogramme konzipiert und eingerichtet werden, eine L\u00f6sung des Problems jedoch zumindest f\u00fcr Griechenland keineswegs absehbar ist? Wieso wird eine Strategie fortgesetzt, die offensichtlich gescheitert ist? Im Folgenden wird versucht zu zeigen, dass dies der Logik der Anreizkonstellation geschuldet ist und durch ein einfaches \u201eSpiel\u201c rekonstruiert werden kann.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>1. Das Rettungsprogramm-Spiel<\/strong><\/p>\n<p>Im Folgenden interpretieren wir das Zusammenspiel zwischen \u00fcberschuldeten L\u00e4ndern (hier: Griechenland) und Hilfe leistenden anderen Nationen der Eurozone als \u00f6konomisches Spiel. Dabei blenden wir unvermeidbar einige wichtige Aspekte vollst\u00e4ndig aus: Alle angegebenen Kosten und Nutzen werden interpretiert als Nutzen und Kosten der Politiker der beteiligten Nationen, nicht als Kosten und Nutzen der jeweiligen Volkswirtschaften. Nat\u00fcrlich besteht ein gewisser Zusammenhang zwischen diesen beiden Gr\u00f6\u00dfen, doch k\u00f6nnen sie gerade in Krisenzeiten deutliche Unterschiede aufweisen. Des Weiteren blenden wir alle langfristigen Wachstumseffekte, die durch Konsolidierungs- und strukturelle Anpassungsma\u00dfnahmen erzielt werden k\u00f6nnten, aus. Man k\u00f6nnte dies damit rechtfertigen, dass solche Wachstumseffekte f\u00fcr die n\u00e4chsten Wahlen nur von untergeordneter Bedeutung sind. Betrachtet man etwa Spanien, so f\u00e4llt auf, dass die Anpassungsprogramme inzwischen tats\u00e4chlich wirken: Das Wachstum \u201espringt an\u201c, was die W\u00e4hler jedoch wenig belohnen, indem sie sich zumindest teilweise den links-populistischen Parteien zuwenden. Schlie\u00dflich bleiben auch au\u00dfenpolitische, insbesondere milit\u00e4rstrategische Aspekte, die neuerdings st\u00e4rker betont werden, au\u00dfer Betracht.<br \/>\nDas zu untersuchende Rettungspakete-Spiel weise folgende Struktur auf:<\/p>\n<p>Stufe 1:<br \/>\nDie EU beschlie\u00dft Rettungsma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren oder nicht. Dabei unterstellen wir drei denkbare Verhaltensweisen: (a) Die EU beschlie\u00dft ein Rettungspaket, das sie mit Konsolidierungsauflagen verbindet. Letztere sollen zum Ziel haben, dass das \u00fcberschuldete Land mittelfristig wieder zahlungsf\u00e4hig wird und auf weitere Rettungsma\u00dfnahmen verzichten kann. (b) Als zweite Alternative k\u00f6nnte sich die EU mit Griechenland einigen, dass es einen weitreichenden Schuldenschnitt gibt, der mit einem Austritt Griechenlands aus der W\u00e4hrungsunion (Grexit) gekoppelt wird; (c) Alternative 3 besteht darin, dass man weder Hilfsprogramme einrichtet, noch einem Schuldenerlass zustimmt. Dies f\u00fchrt dann zu einem unfreiwilligen Schuldenerlass, einer Staatsinsolvenz.<\/p>\n<p>Stufe 2:<br \/>\nSollte die EU Alternative (a), das Hilfspaket, gew\u00e4hlt haben, kann sich Griechenland an die vereinbarten Konsolidierungsauflagen halten oder nicht. Sollte die EU Alternative (c) gew\u00e4hlt haben, k\u00f6nnte Griechenland selbst bestimmen, ob es im W\u00e4hrungsverbund bleiben oder einen Grexit vornehmen will. Sollte man sich in Stufe 1 auf den Schuldenerlass mit Grexit geeinigt haben, erfolgt kein weiterer Zug Griechenlands. Abbildung 1 fasst das Spiel in Form eines Baumdiagramms zusammen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/erleigrabb1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"erleigrabb1\" alt=\"erleigrabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/erleigrabb1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Am Ende des Spielbaums finden sich die Auszahlungen (Nutzenindizes) der Politiker. Diese setzen sich aus diversen Nutzen-Kosten-Komponenten zusammen, die im Folgenden erl\u00e4utert werden sollen.<\/p>\n<p>Beginnen wir mit den Nutzenwerten f\u00fcr Griechenland. Der Nutzen griechischer Politiker wird zun\u00e4chst einmal von den unvermeidbaren Konsolidierungsma\u00dfnahmen [latex]K_{Kons}[\/latex] beeinflusst. Diese werden verstanden als Kosten (= negativer Nutzen) solcher Stabilisierungsma\u00dfnahmen, die selbst dann durchgef\u00fchrt werden m\u00fcssten, wenn es einen vollst\u00e4ndigen Schuldenerlass und in der Folgezeit keinen Zugang zum Kapitalmarkt g\u00e4be. In diesem Fall m\u00fcsste die Regierung ihre Ausgaben n\u00e4mlich zumindest vollst\u00e4ndig aus den Einnahmen decken, was bestimmte Einschnitte bei staatlichen Leistungen und damit den Verlust an Popularit\u00e4t zur Folge h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mit [latex]K_{SD}[\/latex] werden die zus\u00e4tzlichen Kosten erfasst, die durch den Schuldendienst verursacht werden. Um entsprechende Zins- und Tilgungsleistungen durchzuf\u00fchren, m\u00fcssen die Konsolidierungsanstrengungen noch weiter versch\u00e4rft werden, was die Kosten f\u00fcr die jeweilige Regierung erh\u00f6ht. Die Gr\u00f6\u00dfe [latex]K_{Debt}[\/latex] kennzeichnet die Kosten, die durch eine weiterhin nicht wirtschaftlich nachhaltige Lage des Staatshaushalts entstehen. Volkswirtschaftlich w\u00e4ren diese Kosten die entscheidende Gr\u00f6\u00dfe, aus Sicht der Politiker gilt das jedoch nur eingeschr\u00e4nkt. Denn solange man die zu Grunde liegende Problematik zwar nicht l\u00f6sen, aber zumindest vertagen kann, suggeriert dies eine vermeintliche Beherrschbarkeit der Lage durch die regierenden Parteien. Je besser sich die Regierung als Krisenmanager in Szene setzen kann, desto geringer fallen die f\u00fcr sie anfallenden Kosten aus. In den Nutzenkomponenten wird dies dadurch zum Ausdruck gebracht, dass wir [latex]K_{Debt}[\/latex] mit dem Faktor [latex]\\delta[\/latex] (mit [latex]0 \\leq \\delta \\leq 1[\/latex]) multiplizieren. Je geringer [latex]\\delta[\/latex], desto besser gelingt es der Regierung, die Imageeinbu\u00dfe andauernd diskutierter Verschuldungsprobleme zu \u00fcberspielen und damit die eigenen Kosten zu senken.<\/p>\n<p>Die Komponente [latex]U_{Kredit}[\/latex]beschreibt den Nutzen, den die Regierung dadurch erzielt, dass sie nach einem massiven Schuldenschnitt oder nach einer Insolvenz dennoch wieder Kredite an den Kapitalm\u00e4rkten erh\u00e4lt. Dieses Szenario ist \u00fcberaus wahrscheinlich, denn ein solcherma\u00dfen entschuldetes Land wird auf absehbare Zeit wieder dazu in der Lage sein, neu aufgenommene Kredite zu bedienen. [latex]U_{fW}[\/latex]kennzeichnet den Nutzen, den Politiker aus einem Grexit und den folgenden flexiblen Wechselkursen realisieren k\u00f6nnen. Flexible Wechselkurse erm\u00f6glichen es den B\u00fcrgern Griechenlands eine interne Abwertung durch eine Wechselkursabwertung zu ersetzen. Eine solche ist mit deutlich geringeren gesellschaftlichen Reibungsverlusten verbunden. F\u00e4llt der Schuldenerlass hinreichend gro\u00df aus, dann w\u00fcrde die griechische Volkswirtschaft (und die Politiker) von flexiblen Wechselkursen eindeutig profitieren, sodass [latex]U_{fW} &gt; 0[\/latex]. Sollte ein Schuldenschnitt nach Insolvenz oder nach Einigung hingegen zu gering ausfallen, w\u00fcrde durch Abwertung der griechischen W\u00e4hrung das Schuldenproblem erneut versch\u00e4rft und UfW k\u00f6nnte sogar negativ ausfallen. Im Folgenden sei jedoch unterstellt, dass ein m\u00f6glicher Schuldenschnitt hinreichend gro\u00df ausfalle und [latex]U_{fW}[\/latex] deshalb immer positiv sei.<\/p>\n<p>Aus Sicht der EU fallen die folgenden Nutzen-Kosten-Komponenten an: [latex]K_{HP}[\/latex] beschreibt die Kosten der Hilfspakete, die Politiker tragen m\u00fcssen, da diese in den Geberl\u00e4ndern nicht popul\u00e4r sind. [latex]K_{Krise}[\/latex] umfasst die Kosten, die aus dem Unmut der B\u00fcrger in den Helferl\u00e4ndern resultieren, dass trotz Rettungspaketen das Verschuldungsproblem ungel\u00f6st bleibt. Der Faktor [latex]\\delta[\/latex] entspricht dabei \u2013 wie oben \u2013 der F\u00e4higkeit der Politiker in den Rettungsl\u00e4ndern, sich als Krisenmanager darzustellen.<\/p>\n<p>[latex]K_{fisk}[\/latex]bildet die Kosten der fiskalischen Belastung bei einem Schuldenschnitt ab, [latex]K_{polit}[\/latex]den Ansehensverlust eines Politikers in einem Retterland bei Scheitern der Rettungsma\u00dfnahmen (Schuldenschnitt oder Insolvenz) und [latex]K_{Imitation}[\/latex] die Kosten des Rettungspolitikers, wenn neben Griechenland auch andere verschuldete L\u00e4nder ihre Haushaltsdisziplin aufgeben und die Verschuldungsproblematik somit au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t. Schlie\u00dflich stellt [latex]U_{Grexit}[\/latex] den (positiven) Nutzen dar, wenn durch den Grexit und das Ausbleiben stets neuer Zahlungsprobleme das Vertrauen in den Euro und seine \u00dcberlebensf\u00e4higkeit wieder zunimmt.<\/p>\n<p>Im Folgenden l\u00f6sen wir das Spiel durch R\u00fcckw\u00e4rtsinduktion. Befindet sich Griechenland im Knoten unten-rechts, wir betrachten also die Lage nach einer \u201eungeordneten\u201c Staatsinsolvenz, wird Griechenland den Grexit vorziehen [latex](-K_{Kons} + K_{Kredite} + U_{fW} &gt; -K_{Kons} + U_{Kredite})[\/latex], da es damit zus\u00e4tzlich in den Genuss der Vorteile flexibler Wechselkurse gelangt. Dies wird in Abbildung 1 dadurch zum Ausdruck gebracht, dass die entsprechende Kante \u201eGrexit\u201c dicker gezeichnet wurde.<\/p>\n<p>Befindet sich Griechenland hingegen im Knoten oben-rechts, so h\u00e4ngt seine Entscheidung von der relativen Gr\u00f6\u00dfe von [latex]K_{SD}[\/latex] und [latex]\\delta K_{Debt}[\/latex] ab. Je h\u00f6her die Belastung durch den Schuldendienst, desto lohnender ist es aus Sicht des Schuldnerlandes, die Krise zu vertagen, also auf weitergehende Konsolidierungsma\u00dfnahmen zu verzichten. Speziell f\u00fcr Griechenland ist es wohl realistisch anzunehmen, dass die politischen Kosten durch den Schuldendienst sehr hoch und die politischen Kosten des Vertagens der Krisenbew\u00e4ltigung vergleichsweise gering anzusetzen sind. In diesem Fall w\u00fcrde sich eine rationale griechische Regierung gegen das Einhalten der Konsolidierungsversprechen entscheiden. Um dies zu kennzeichnen, wurde die entsprechende Kante (\u201eKeine Konsolidierung\u201c) in Abbildung 1 dicker gezeichnet.<\/p>\n<p>Untersucht man nun, wie sich eine rationale EU bei korrekter Antizipation des Verhaltens Griechenlands verhalten w\u00fcrde, so ist folgendes festzustellen: Die Alternativen \u201eSchuldenerlass und Grexit\u201c sowie \u201eKeine Hilfe &amp; Kein Schuldenerlass\u201c f\u00fchren letztendlich zum selben Ergebnis [latex]U_{EU} = -K_{fisk} &#8211; K_{polit} + U_{Grexit} [\/latex]. Aus Sicht der Politiker aus den helfenden L\u00e4ndern d\u00fcrften hierbei insbesondere die politischen Kosten des Scheiterns der Rettungspolitik [latex]K_{polit}[\/latex] stark ins Gewicht fallen. So haben zum Beispiel die deutschen Regierungen stets versprochen, die f\u00fcr die Rettungspakete und den ESM verwendeten Mittel seien sicher in dem Sinn, dass sie zum einen das Verschuldungsproblem l\u00f6sen k\u00f6nnen und zum anderen nicht verloren gehen. Beide w\u00fcrden sich als nicht eingehaltene Versprechen erweisen, was definitiv dem Ansehen der Regierung, h\u00f6chstwahrscheinlich sogar der Reputation der scheinbar unantastbaren Bundeskanzlerin erheblichen Schaden zuf\u00fcgen k\u00f6nnte. Somit bleibt noch die Alternative \u201eHilfspaket\u201c: Sie f\u00fchrt zu einem politischen Nutzen von [latex]U_{EU} = -K_{HP} &#8211; \\delta K_{Krise}[\/latex]. Diese Kosten d\u00fcrften im Vergleich zu einem Eingest\u00e4ndnis einer gescheiterten Rettungspolitik eher gering ausfallen. Solange ein guter Ausgang der Schuldenkrise nicht ausgeschlossen ist, k\u00f6nnen sich insbesondere der deutsche Finanzminister und die Kanzlerin als Krisenmanager darstellen. Sofern diese Einsch\u00e4tzungen korrekt sind, w\u00e4re die rationale Wahl der Geberl\u00e4nder (EU), weitere Hilfspakete mit Konsolidierungsauflagen zu schn\u00fcren, die allerdings nicht zu den gew\u00fcnschten Konsolidierungsma\u00dfnahmen f\u00fchren werden. Im Gleichgewicht w\u00fcrde dann der Pfad \u201eHilfspaket\u201c \u00e2\u2020\u2019 \u201eKeine Konsolidierung\u201c beschritten werden.<\/p>\n<p>Eine entsprechende gleichgewichtige Verhaltensweise muss jedoch keineswegs effizient sein, ganz im Gegenteil! Durch eine immer weitere Vertagung der unvermeidlichen Anpassungsma\u00dfnahmen wird das Ausma\u00df der Krise immer gr\u00f6\u00dfer: Schuldenlast und verlorene Rettungsgelder nehmen im Volumen weiter zu bis irgendwann die Kosten einer weiteren Vertagung der Probleml\u00f6sung gr\u00f6\u00dfer sein werden als die Kosten des Schuldenerlasses. Dieser wird auch mit einem Grexit verbunden sein, durch den die griechische Volkswirtschaft ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit zur\u00fcckgewinnen k\u00f6nnte. Ein Grexit w\u00e4re jedoch auch f\u00fcr die W\u00e4hrungsunion von gro\u00dfer Bedeutung, da ohne ihn vermutlich andere Schuldenstaaten wie Spanien oder Portugal eine gleiche Behandlung fordern w\u00fcrden, was die W\u00e4hrungsunion endg\u00fcltig zusammenbrechen lassen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>2. Warum verlief das Spiel in anderen L\u00e4ndern besser?<\/strong><\/p>\n<p>Nun stellt sich jedoch die Frage, warum Nationen wie Spanien und Portugal eine erheblich konsequentere Konsolidierungspolitik gew\u00e4hlt haben? Zun\u00e4chst einmal ist festzuhalten, dass beide L\u00e4nder eine signifikant geringere, obwohl noch immer zu hohe Schuldenlast aufgewiesen haben. Des Weiteren st\u00f6\u00dft die Konsolidierungspolitik in beiden L\u00e4ndern auf eine deutlich h\u00f6here Zustimmung als in Griechenland. Im Vergleich zu Griechenland fallen damit die aus dem Schuldendienst resultierenden politischen Kosten (weitergehende Reformen) geringer aus, sodass eine Verschiebung der Probleml\u00f6sung vergleichsweise unattraktiv wird und ein neues Gleichgewicht aus einer Kombination von Hilfspaket und Konsolidierung resultiert.<\/p>\n<p>Auch die Option des Verlassens der W\u00e4hrungsunion war f\u00fcr diese Nationen weniger interessant. Zum einen hatte ihre Wettbewerbsf\u00e4higkeit auf Grund eines zuvor gestiegenen Lohnniveaus nicht so stark gelitten wie die Griechenlands, sodass flexible Wechselkurse weniger wichtig, die enge Verbindung zu den anderen europ\u00e4ischen Handelsnationen aber deutlich wichtiger war. Schlie\u00dflich konnte man auf eine relativ schnelle R\u00fcckkehr an die Kapitalm\u00e4rkte hoffen, sodass die Gew\u00e4hrung zeitlich befristeter Hilfsma\u00dfnahmen durchaus sinnvoll und gleichgewichtskonform war.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt besteht darin, dass die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion auch als wiederholtes Spiel betrachtet werden kann. Das oben dargestellte Spiel bildet ein sogenanntes One-shot-Spiel, bei dessen Herleitung des Gleichgewichts unterstellt wird, dass das Spiel nur ein einziges Mal gespielt wird. Gleichgewichte solcher One-shot-Spiele sind immer auch Gleichgewichte, wenn das Spiel wiederholt durchgef\u00fchrt wird. Durch die Wiederholung des Spiels kommen jedoch h\u00e4ufig weitere Gleichgewichte hinzu. Deren wesentliche Charakteristika bestehen darin, dass ineffiziente Gleichgewichte des One-shot-Spiels \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Dies geschieht dadurch, dass es langfristig f\u00fcr alle Parteien besser sein kann, auf kurzfristige eigenn\u00fctzige Ma\u00dfnahmen zu verzichten, um sich damit das kooperative Verhalten der anderen Parteien zu sichern. Weicht jedoch eine Seite vom kooperativen Verhaltensmuster ab, so bedarf es einer Strafe (z.B. der R\u00fcckkehr zum ineffizienten One-shot-Gleichgewicht) durch die anderen Parteien, die egoistische Verhaltensweisen unattraktiv werden l\u00e4sst. Die Strafe muss hinreichend hoch sein, um unkooperative Verhaltensweisen abzuschrecken.<\/p>\n<p>Betrachtet man nun die Europ\u00e4ische W\u00e4hrungsunion, so kann man feststellen, dass sich Staaten wie Spanien und Portugal vor der Finanz- und Wirtschaftskrise fast immer an die (kooperativen) Spielregeln der W\u00e4hrungsunion gehalten haben. Ihr Verhalten war konsequent auf die Realisierung wechselseitiger Kooperationsvorteile ausgerichtet. Durch das Brechen von Konsolidierungsversprechen hatten sie eine Reputation zu verlieren. Ganz anders Griechenland: Seine damalige Regierung hat sich durch gef\u00e4lschte Statistiken in die W\u00e4hrungsunion hineingeschmuggelt und anschlie\u00dfend regelm\u00e4\u00dfig die vereinbarten Spielregeln (z.B. die Neuverschuldungsregel) gebrochen. Die griechische Politikerelite hat sich gegen\u00fcber den anderen Staaten der W\u00e4hrungsunion unkooperativ verhalten und somit keine Reputation zu verlieren. Das Nichteinhalten der Konsolidierungsversprechen sieht daher nur konsequent aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>3. Implikationen<\/strong><\/p>\n<p>Mit Hilfe des oben betrachteten Spiels l\u00e4sst sich das griechische Verhalten in der Schuldenkrise rekonstruieren und es l\u00e4sst sich ebenfalls erkennen, warum die Hilfsma\u00dfnahmen in den unterschiedlichen Nationen so unterschiedliche Konsequenzen nach sich zogen.<\/p>\n<p>Doch was bedeutet dies f\u00fcr die Zukunft? Eigentlich k\u00f6nnte man vermuten, das Rettungsspiel w\u00fcrde so weitergespielt wie in den vergangenen Jahren: Die Geberl\u00e4nder schn\u00fcren Hilfspakete und erhalten im Gegenzug Versprechen, Konsolidierungsma\u00dfnahmen durchzuf\u00fchren. Diese Versprechen w\u00fcrden anschlie\u00dfend von der griechischen Regierung bestenfalls partiell umgesetzt, sodass sich das Schuldenproblem Jahr f\u00fcr Jahr finanzielle Ressourcen verschlingt, ohne einer L\u00f6sung n\u00e4her zu kommen. Vielleicht ist dieses Szenario nach wie vor das wahrscheinlichste. Das merkw\u00fcrdig anmutende Verhalten der neuen griechischen Syriza-Regierung, das den Eindruck erweckt, es g\u00e4be gar kein Verschuldungsproblem bzw. das Problem der griechischen Staatsschulden sei eine Angelegenheit der anderen EWU-Staaten, l\u00e4sst auch andere Wege m\u00f6glich erscheinen.<\/p>\n<p>Unstrittig d\u00fcrfte sein, dass das Zur\u00fcckdrehen der (noch immer nicht ausreichenden) Reformen in Griechenland mit dem gegenw\u00e4rtigen System der marktwirtschaftlich ausgerichteten W\u00e4hrungsunion selbst\u00e4ndiger Staaten inkompatibel ist. Eine Fortf\u00fchrung von Hilfsma\u00dfnahmen ohne Forderung eines hinreichenden Konsolidierungsbeitrags Griechenlands w\u00fcrden andere Staaten mit hoher Verschuldung zum Anlass nehmen, entsprechendes f\u00fcr sich zu fordern. Das w\u00fcrde vermutlich das Ende der W\u00e4hrungsunion einl\u00e4uten. Eine zweite M\u00f6glichkeit ist die Transformation der W\u00e4hrungsunion im Sinne der links- und rechtsextremen Parteien und in Richtung einer stark vermehrten zentralstaatlichen Planung. Es bleibt zu hoffen, dass nicht zuletzt die britischen Exit-Drohungen dergleichen verhindern. Dann bleibt noch der mit einem Schuldenschnitt verbundene Grexit. Dieser k\u00f6nnte der Syriza-Partei die M\u00f6glichkeit er\u00f6ffnen, ihr marktfeindliches Experiment im eigenen Land voranzutreiben. Dies wird f\u00fcr Griechenland vermutlich ein Weg in die Verwaltung des Mangels sein, doch w\u00fcrde dies zumindest auf eigene Rechnung erfolgen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Blog-Beitr\u00e4ge zum Griechenland-Poker:<\/b><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Griechenland (19)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Eine unendliche Geschichte&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Griechenland, Klappe die letzte? Wohl kaum!&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17439\" rel=\"bookmark\">Eine unendliche Geschichte. Griechenland, Klappe die letzte? Wohl kaum!<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17290\">Europa, Marktwirtschaft und Varoufakis. Ist ein Grexit \u201eanti-europ\u00e4isch\u201c?<\/a><\/p>\n<p>Thomas Apolte: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Griechenland (17)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Die griechische Trag\u00f6die&lt;br \/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Warum sich niemand zu handeln traut&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17284\">Die griechische Trag\u00f6die. Warum sich niemand zu handeln traut<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Griechenland (16)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Europa w\u00e4hlt den harten Marktkern des Euros ab&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Ein Drama in f\u00fcnf Akten&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17170\">Die EWU verwahrlost ordnungspolitisch. Ein Drama in f\u00fcnf Akten<\/a><\/p>\n<p>Jan Schnellenbach: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Griechenland (15)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Kann man verlorene Steuermoral wieder aufbauen?&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Ein (nicht nur) griechisches Problem&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17119\">Kann man verlorene Steuermoral wieder aufbauen? Ein (nicht nur) griechisches Problem<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17109\">Allein gegen Alle. Griechenland spielt weiter Vabanque. <\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Griechenland (13)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Die EWU am Scheideweg&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Permanente Transfers oder tempor\u00e4rer Grexit?&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16967\">Die EWU am Scheideweg. Permanente Transfers oder tempor\u00e4rer Grexit?<\/a><\/p>\n<p>Juergen B. Donges: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16935\">Griechische Man\u00f6ver in der Eurozone. Droht aus Spanien \u00e4hnliches Ungemach?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16894\">Briefe in die griechische Vergangenheit. Giannis Varoufakis: Abgezockt oder unf\u00e4hig?<\/a><\/p>\n<p>Wolf Sch\u00e4fer: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16864\">Mit \u201eGewissheit\u201c im Euro. Das strategische Spiel der Griechen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16670\">Immer \u00c4rger mit Griechenland. Ein Pyrrhus-Sieg der \u201cInstitutionen\u201c\u009d?<\/a><\/p>\n<p>Dieter Smeets: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16687\">Nach der Rettung ist vor der Rettung. Griechenland und kein (Rettungs-)Ende!<\/a><\/p>\n<p>Roland Vaubel: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16626\">Sch\u00e4ubles Scherbenhaufen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16600\">Trojanisches Pferd. Der Brief des Giannis Varoufakis<\/a><\/p>\n<p>Uwe Vollmer: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16535\">Scheidung auf griechisch. Wie realistisch ist der \u201cGrexit\u201c\u009d?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16544\">Was erlauben Griechenland? Schwach wie Flasche leer<\/a><\/p>\n<p>Dieter Smeets: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16520\">Poker um Griechenland<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16470\">Sie kamen, sahen und verloren. Haben sich Alexis Tsipras und Giannis Varoufakis verzockt?<\/a><\/p>\n<p>Thomas Apolte: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=16445\">Hexenmeister und Reformer. Was Varoufakis von Balcerowicz lernen kann. <\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie kommt es, dass in der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion seit Jahren Rettungsprogramme konzipiert und eingerichtet werden, eine L\u00f6sung des Problems jedoch zumindest f\u00fcr Griechenland keineswegs absehbar &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17451\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<small>Griechenland (20)<\/small><br \/>Rettungsprogramme in der Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion<br \/><font size=3; color=grey>Eine spieltheoretische Rekonstruktion<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":71,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,8,10,1766],"tags":[636,1809,1914],"class_list":["post-17451","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgmeines","category-europaisches","category-fiskalisches","category-industrieoekonomisches","tag-ewu","tag-grexit","tag-rettungsprogramm-spiel"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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