{"id":17793,"date":"2015-08-09T06:52:54","date_gmt":"2015-08-09T05:52:54","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17793"},"modified":"2015-08-28T17:21:51","modified_gmt":"2015-08-28T16:21:51","slug":"die-griechische-krankheitmehr-markt-und-weniger-staat-sind-die-richtige-medizin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17793","title":{"rendered":"Die griechische Krankheit<br><font size=3; color=grey>Wettbewerb ist die beste Medizin<\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201cGrant me chastity and continence, but not yet.\u201c\u009d <\/em>(St. Augustinus von Hippo Regius)<\/p><\/blockquote>\n<p>Ein extrem hoher staatlicher Schuldenstand und ein anhaltend schwaches wirtschaftliches Wachstum sind Symptome f\u00fcr \u00f6konomische Fehlentwicklungen. Sie deuten darauf hin, dass ein Land \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse lebt. Das ist auch in Griechenland so. Die fiskalischen und monet\u00e4ren Rettungspakete der Troika haben nicht geholfen. Sie haben nur an Symptomen kuriert. Der Patient wurde narkotisiert, das Problem wurde nicht gel\u00f6st, ganz im Gegenteil. Es hat sich weiter versch\u00e4rft. Das war keine Hilfe zur Selbsthilfe. Helfen kann nur ein anderer \u00f6konomischer Lebenswandel. Auch ein gro\u00dfer Schuldenschnitt ist keine L\u00f6sung, wenn der alte Schlendrian weiter geht. Wirtschaftlich kommt Griechenland nur wieder auf die Beine, wenn es \u00f6konomisch w\u00e4chst. Ohne Konsumverzicht heute ist das nicht m\u00f6glich. Das schlie\u00dft aus, weiter \u00fcber die wirtschaftlichen Verh\u00e4ltnisse zu leben. Und es reicht trotzdem nicht. Dazu kommen muss ein intensiverer Wettbewerb auf G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkten. Die Verhandlungen der Quadriga mit Griechenland sollten sich vor allem darauf konzentrieren, die sklerotisierten griechischen G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte zu \u00f6ffnen. Marktwirtschaftliche Strukturreformen sind das \u201eA und O\u201c. Es ist schwer vorstellbar, dass sich die sozialistische Regierung Tsipras darauf wirklich einlassen wird.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Griechische Wachstumsschw\u00e4che<\/strong><\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Kieler \u00d6konom Herbert Giersch hat vor fast 40 Jahren den ebenso popul\u00e4ren wie treffenden Begriff der Euro-Sklerose gepr\u00e4gt. Dahinter verbirgt sich ein grundlegender institutioneller Mismatch in Europa. Ver\u00e4nderte wirtschaftliche Gegebenheiten und existierendes institutionelles Arrangement passen oft nicht mehr zusammen. Ein Paradebeispiel daf\u00fcr ist Griechenland. Es leidet seit langem unter fortschreitender institutioneller Sklerose. Kein Wunder, dass die Wirtschaft nur sehr langsam w\u00e4chst. Das ist nicht erst seit der Euro-Krise der Fall. Der Niedergang fing schon viel fr\u00fcher an. Das f\u00e4llt auf, wenn man das wirtschaftliche Wachstum zerlegt. Wie stark eine Volkswirtschaft w\u00e4chst, h\u00e4ngt vom Mengen- und Qualit\u00e4tswachstum der Produktionsfaktoren ab. Die Rate des wirtschaftlichen Wachstums des BIP pro Kopf l\u00e4sst sich in die Wachstumsrate der Arbeitsstundenproduktivit\u00e4t und die Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf zerlegen. Schon seit Anfang der 70er Jahre w\u00e4chst das BIP pro Kopf in Griechenland langsamer. Es ist in weltweit guter Gesellschaft der reichen, industrialisierten L\u00e4nder. Der zweite Abschwung setzte um die Jahrtausendwende ein. Seit der Einf\u00fchrung des Euro schmierte das Wachstum des BIP pro Kopf in Griechenland ab. Erholt hat es sich bisher nicht.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/BLOG_GRE1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"BLOG_GRE1\" alt=\"BLOG_GRE1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/BLOG_GRE1.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Das Wachstum der Arbeitsstundenproduktivit\u00e4t gibt einen ersten Hinweis, warum es seit der Jahrtausendwende zu dieser Entwicklung kam. Mit dem Euro schw\u00e4chte sich das Produktivit\u00e4tswachstum in Griechenland ab. Die Finanzkrise im Jahre 2007 und die sp\u00e4tere Euro-Krise ab dem Jahre 2010 trugen dazu bei, dass das Trendwachstum der Arbeitsproduktivit\u00e4t gegen Null tendierte. Mit dazu bei, trug dreierlei: Die Qualit\u00e4t der Arbeit wuchs kaum noch und die Vertiefung des Kapitalstocks trat auf der Stelle. Der wichtigste Grund ist aber das seit langem extrem schwache Wachstum der griechischen totalen Faktorproduktivit\u00e4t. Sie war schon lange vor der Jahrtausendwende negativ, erholte sich bis zum Jahr 2000 leicht und st\u00fcrzte dann regelrecht ab. Ob die Einf\u00fchrung des Euro der Grund war, ist noch ungekl\u00e4rt. Das Wachstum der totalen Faktorproduktivit\u00e4t entwickelt sich fast \u00fcberall in reichen L\u00e4ndern seit diesem Zeitpunkt sehr schwach. Der Tiefpunkt der Entwicklung der totalen Faktorproduktivit\u00e4t wurde mit der Euro-Krise ab dem Jahr 2010 erreicht. Das Trendwachstum der totalen Faktorproduktivit\u00e4t schrumpfte im Jahr 2011 um \u00fcber 2 %. Seither hat es sich, trotz der gewaltigen fiskalischen und monet\u00e4ren Rettungspakete, die der IWF, die Euro-Gruppe und die EZB schn\u00fcrten, nicht mehr erholt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/BLOG_GRE2.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"BLOG_GRE2\" alt=\"BLOG_GRE2\" src=\"\/wordpress\/bilder\/BLOG_GRE2.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Das Wachstum in Griechenland brach aber auch ein, weil die Menge der eingesetzten Arbeit deutlich schrumpfte. Das kann man an der sinkenden Trendwachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf erkennen. Sie reduzierte sich wiederum seit der Jahrtausendwende deutlich. Finanz- und Euro-Krise beschleunigten diese Entwicklung. Der Tiefpunkt wurde im Jahr 2012 erreicht. Seither \u00e4nderte sich nichts zum Guten. Die Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf l\u00e4sst sich in die Ver\u00e4nderung der Besch\u00e4ftigungs- und Erwerbsquote und der Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Erwerbst\u00e4tigem zerlegen. Es liegt auf der Hand, dass die schlechte Performance auf den Arbeitsm\u00e4rkten ein wichtiger Faktor war. Die extrem hohe Massenarbeitslosigkeit in Griechenland, die \u00fcber ein Viertel der Erwerbst\u00e4tigen arbeitslos machte, war die treibende Kraft. Die Besch\u00e4ftigungsquote ging signifikant zur\u00fcck. Das ist in starkem Ma\u00dfe der Finanz- und Euro-Krise geschuldet. Allerdings entwickelte sich auch die Erwerbsquote schon l\u00e4nger negativ. Aber auch hier verst\u00e4rkte die Zwillingskrise die Entwicklung. Die Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Erwerbst\u00e4tigem lieferte keinen Beitrag zur r\u00fcckl\u00e4ufigen Wachstumsrate der Arbeitsstunden pro Kopf. Sie entwickelt sich relativ konstant und zeigt seit langem kaum Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Substantielle Strukturreformen<\/strong><\/p>\n<p>Wirtschaftliches Wachstum ist kein Schicksal. Es f\u00e4llt nicht wie Manna vom Himmel. Private wirtschaftliche Akteure und politische Entscheidungstr\u00e4ger haben es in der Hand. Ein Ansatzpunkt ist die Arbeitsproduktivit\u00e4t. Alles, was Investitionen in Realkapital stimuliert, vermehrt Humankapital bildet und neues technisches Wissen schafft, kann helfen. Die Initiatoren investiver Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen privat oder staatlich sein. Investitionen erh\u00f6hen allerdings nicht per se die Produktivit\u00e4t. Das f\u00e4llt auf M\u00e4rkten, wo der Wettbewerb schwach ist, nicht so schnell auf. Kein Wunder, dass staatliche Investitionen oft wenig produktiv sind. Die Produktion pro Arbeitsstunde w\u00e4chst, wenn mehr investiert wird und ausreichend Konkurrenz auf den Absatzm\u00e4rkten herrscht. In Griechenland investieren seit langem weder die Privaten noch der Staat genug. Die unsichere wirtschaftliche und politische Lage schreckt private Investoren ab. Der Vorschlag der Quadriga, st\u00e4rker den Konsum und weniger die Investitionen zu besteuern, geht in die richtige Richtung. Und der griechische Staat verwendet seine Einnahmen vor allem f\u00fcr konsumtive (soziale) Zwecke. Investive Aktivit\u00e4ten geraten so seit Jahren ins Hintertreffen. Die Forderung der Quadriga den (Sozial-)Staat zu reformieren und verst\u00e4rkt zu privatisieren, ist richtig. Die anvisierten Erl\u00f6se der Privatisierung von 50 Mrd. Euro sind allerdings v\u00f6llig illusorisch.<\/p>\n<p>Ein weiteres Hemmnis f\u00fcr das Wachstum der Produktivit\u00e4t ist der schwache Wettbewerb auf griechischen G\u00fcter- und Dienstleistungsm\u00e4rkten. Darauf deutet die Entwicklung der Gewinnquote hin. Die Nettogewinnquote ist h\u00f6her als anderswo. Im internationalen Vergleich ist die unbereinigte Quote \u201eobsz\u00f6n\u201c hoch. Allerdings ist auch der Anteil der Selbst\u00e4ndigen in Griechenland h\u00f6her. Die so bereinigte Nettogewinnquote ist international trotzdem noch au\u00dferordentlich hoch. Das gilt nicht nur im Vergleich mit Deutschland, den USA und UK. Es trifft auch f\u00fcr die Euro-12-L\u00e4nder zu. Auf den griechischen Absatzm\u00e4rkten scheint der Wettbewerb nicht gerade zu toben. Offensichtlich ist der Zugang zu den M\u00e4rkten erheblich beschr\u00e4nkt. Vielf\u00e4ltige staatliche Regulierungen, wild wuchernde B\u00fcrokratien und eine grassierende Vetternwirtschaft dominieren. Es herrscht ein Zustand des \u201ecrony capitalism\u201c. So kommt Griechenland wirtschaftlich auf keinen gr\u00fcnen Zweig. Um international wieder wettbewerbsf\u00e4hig zu werden, m\u00fcssen die Preise f\u00fcr griechische Produkte sp\u00fcrbar sinken. Das tun sie aber, trotz stark gesunkener L\u00f6hne, bisher nur sehr widerwillig. Hier m\u00fcssen die strukturellen Reformen ansetzen. Das h\u00e4tte einen weiteren Vorteil. Der Reformprozess wird in Griechenland eher akzeptiert, wenn G\u00fcter- und Dienstleistungsm\u00e4rkte zeitgleich mit den Arbeitsm\u00e4rkten dereguliert werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/BLOG_GRE3.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"BLOG_GRE3\" alt=\"BLOG_GRE3\" src=\"\/wordpress\/bilder\/BLOG_GRE3.png\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Mit einem Wachstumsschub ist auch dann zu rechnen, wenn das Wachstum der Arbeitsstunden pro Kopf sp\u00fcrbar steigt. Ein signifikanter Abbau der Arbeitslosigkeit ist schon auf kurze Sicht die beste Therapie. Die Besch\u00e4ftigungsquote wird steigen. Mehr Wettbewerb auf den Arbeitsm\u00e4rkten wirkt auch wachstumspolitisch Wunder. Die Vorschl\u00e4ge der Quadriga gehen in die richtige Richtung. Betriebsn\u00e4here Lohn- und Tarifverhandlungen, ein nicht so strenger K\u00fcndigungsschutz und eine weniger offene Steuer- und Abgabenschere sind sinnvoll. Damit sich allerdings die Steuer- und Abgabenschere schlie\u00dft, m\u00fcssen die staatlichen Haushalte konsolidiert werden. Die Staatsquote muss sinken. Eine Reform der gro\u00dfz\u00fcgigen Fr\u00fchverrentung z\u00e4hlt dazu. Mit einer st\u00e4rker \u00e4quivalenzorientierten flexiblen Altersgrenze und geringeren Steuern und Abgaben wird sich auch das Wachstum der Arbeitsstunden pro Erwerbst\u00e4tigen beschleunigen. L\u00e4ngerfristig ist auch eine steigende Erwerbsquote hilfreich. Ein sp\u00e4terer, flexibler geregelter Renteneintritt ohne zus\u00e4tzliche finanzielle Belastungen der Rentenversicherung und ein fr\u00fcherer Einstieg ins Berufsleben wirken der seit l\u00e4ngerem sinkenden, vor allem demographisch bedingten Erwerbsquote ebenso entgegen, wie eine weiter steigende Erwerbsquote der Frauen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Griechenland wandelt am Rande des Abgrundes. Die Gefahr ist gro\u00df, dass es abst\u00fcrzt, \u00f6konomisch und politisch. Besserung ist erst in Sicht, wenn es nicht weiter \u00fcber seine Verh\u00e4ltnisse lebt. Notwendig ist eine Reorganisation von Staat und Wirtschaft. In Griechenland muss wieder eine marktwirtschaftliche Ordnung installiert werden. Handlung muss wieder mit Haftung korrespondieren. Verkrustete M\u00e4rkte m\u00fcssen dem Wettbewerb ge\u00f6ffnet werden. Ein durch und durch korrupter Staat muss neu organisiert werden. Die elende Vetternwirtschaft muss ein Ende haben. Nur ein so runderneuerter Staat kann einen ad\u00e4quaten Ordnungsrahmen installieren. Erst in diesem Umfeld wird nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum wieder m\u00f6glich. Eine Rettungspolitik, die nur an Symptomen kuriert und die Probleme mit dem Geld der Anderen zukleistert, ist zum Scheitern verurteilt. Das gesellschaftliche und politische Umfeld ist allerdings nicht so, dass marktwirtschaftliche Reformen eine reale Chance h\u00e4tten. Die Faszination sozialistischer Ideen ist in Athen ungebrochen. Der Markt und die Deutschen sind weiter Hassobjekte. Es ist deshalb wohl besser, Griechenland steigt aus der EWU aus und schl\u00e4gt sich k\u00fcnftig auf eigene Faust \u00f6konomisch durch.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201cGrant me chastity and continence, but not yet.\u201c\u009d (St. Augustinus von Hippo Regius) Ein extrem hoher staatlicher Schuldenstand und ein anhaltend schwaches wirtschaftliches Wachstum sind &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17793\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDie griechische Krankheit<br \/><font size=3; color=grey>Wettbewerb ist die beste Medizin<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,33,1219,876],"tags":[556,57,743,167],"class_list":["post-17793","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaisches","category-makrooekonomisches","category-strukturelles-alles","category-wachstumspolitisches","tag-berthold","tag-griechenland","tag-strukturreformen","tag-wachstum"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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