{"id":18020,"date":"2015-09-23T00:01:40","date_gmt":"2015-09-22T23:01:40","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18020"},"modified":"2017-08-08T16:33:39","modified_gmt":"2017-08-08T15:33:39","slug":"plurale-oekonomik-2was-ist-richtig-an-der-kritik-heterodoxer-oekonomen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18020","title":{"rendered":"<small>Plurale \u00d6konomik (2)<\/small><br\/>Was ist richtig an der Kritik heterodoxer \u00d6konomen?"},"content":{"rendered":"<p>Anfang September 2015 wurde an der Universit\u00e4t M\u00fcnster die Jahrestagung des Vereins f\u00fcr Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Volkswirte, durchgef\u00fchrt. Neben der eigentlichen Vereinskonferenz wurde zeitgleich eine von den Medien durchaus beachtete \u201eKonkurrenztagung\u201c des Netzwerks Plurale \u00d6konomik (im Folgenden: NPl\u00d6) organisiert. Ein Grund daf\u00fcr sei, dass der Verein ihm keine Sessions zur eigenen Organisation bereitstellt, so das Netzwerk in einem Positionspapier.<a title=\"\" href=\"#_ftn1\">[1]<\/a> Unabh\u00e4ngig davon, ob bzw. inwieweit der Verein f\u00fcr Socialpolitik anderen Organisationen bei der Verbreitung ihrer Ans\u00e4tze helfen sollte, liegt der eigentliche Dissens jedoch eher in der Frage, wie man eine hochwertige Wissenschaft definiert. In diesem Punkt kritisiert das NPl\u00d6 nicht ausschlie\u00dflich die Vereinsf\u00fchrung, sondern die Mehrheit der \u00d6konomen, die vom Netzwerk dem sogenannten \u201eMainstream\u201c \u2013 verstanden als mehrheitlich akzeptierte Forschungsausrichtung \u2013 zurechnet werden. Deshalb wollen wir uns im Folgenden mit der Frage auseinandersetzen, wie berechtigt die Anliegen des NPl\u00d6 sind und welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Zu diesem Zweck soll zun\u00e4chst gekl\u00e4rt werden, was man unter dem Begriff der Mainstream-\u00d6konomik inhaltlich verstehen kann. Anschlie\u00dfend wird die Grundsatzkritik des NPl\u00d6, wie sie im offenen Brief aus dem Jahr 2012 (<a href=\"http:\/\/brief.plurale-oekonomik.de\/\">http:\/\/brief.plurale-oekonomik.de\/<\/a>) zum Ausdruck kommt, zusammengefasst und einer kritischen Analyse unterzogen. Welche Konsequenzen aus Sicht des Autors dieses Blog-Beitrags hieraus zu ziehen sind, wird abschlie\u00dfend diskutiert.<\/p>\n<p><strong>1.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Was ist eigentlich der Mainstream?<\/strong><\/p>\n<p>Schon bei dieser trivial klingenden Frage ergeben sich gro\u00dfe Probleme, da der volkswirtschaftliche Mainstream von unterschiedlichen Wissenschaftlern durchaus sehr unterschiedlich abgegrenzt wird. Meines Erachtens d\u00fcrfte weitgehend unstrittig sein, dass der gesamte Literaturkomplex, der auf dem Modell des Allgemeinen Walrasianischen Gleichgewichts aufbaut, zum Mainstream geh\u00f6rt. Hierunter versteht man unter anderem eine Modellierungstechnik, die auf Annahmen der vollkommenen Rationalit\u00e4t, eines materiell ausgerichteten Eigennutzstrebens und des Fehlens jeglicher Marktmacht basiert. Ebenfalls zum Mainstream geh\u00f6rig d\u00fcrften die Anwendungen der Gleichgewichtskonzepte der traditionellen Spieltheorie (Nash-Gleichgewichte sowie deren Verfeinerungen) sein. Hierzu z\u00e4hlt auch der Gro\u00dfteil der modernen theoretischen Industrie\u00f6konomik, die M\u00e4rkte mit unvollkommenem Wettbewerb untersucht. In der Makro\u00f6konomik d\u00fcrfte die umfangreiche Modellwelt der dynamischen stochastischen Allgemeinen Gleichgewichtsmodelle (mit und ohne Preisstarrheiten) dazu geh\u00f6ren. Aus methodischer Sicht ist diesen Ans\u00e4tzen gemein, dass sie prim\u00e4r aus mathematisch formulierten Gleichgewichtsmodellen bestehen. Dar\u00fcber hinaus sollte der Fairness halber betont werden, dass diese theoretischen Bestandteile des Mainstreams in den vergangenen 20 Jahren durch eine immer st\u00e4rkere Betonung der empirischen \u00dcberpr\u00fcfung und \u2013 im Hinblick auf wirtschaftspolitische Ma\u00dfnahmen \u2013 Evidenzbasierung erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>Wesentlich weniger deutlich ist, ob die Verhaltens\u00f6konomik und die experimentelle Wirtschaftsforschung ebenfalls zur Mainstreamtheorie zu z\u00e4hlen sind. Einerseits besch\u00e4ftigt sich die Verhaltens\u00f6konomik mit wirtschaftlichen Verhaltensweisen, die oftmals vom theoretischen Rationalverhalten abweichen. Dabei bedient sie sich h\u00e4ufig der Methode \u00f6konomischer Labor- und Feldexperimente. Da aus diesem Theoriekomplex durchaus deutliche Kritik an den oben erw\u00e4hnten Gleichgewichtsans\u00e4tzen (insb. der Spieltheorie) ge\u00fcbt und neue Konzepte wie die der sozialen Pr\u00e4ferenzen eingef\u00fchrt wurden, k\u00f6nnte man diesen Bereich der volkswirtschaftlichen Forschung durchaus als nicht zum Mainstream geh\u00f6rend einordnen. Andererseits wurden viele der gewonnenen Einsichten in die Gleichgewichtsanalyse traditioneller Herkunft integriert, sodass eine Mainstream-Zuordnung ebenfalls m\u00f6glich ist. Im Folgenden ordne ich diesen Themenkomplex dem Mainstream zu, da er meines Erachtens heute nicht mehr umstritten, sondern allgemein akzeptiert ist und in allen wesentlichen Zeitschriften ber\u00fccksichtigt wird.<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Einsch\u00e4tzung ergibt sich f\u00fcr die (Neue) Institutionen\u00f6konomik, die als Kritik am Mainstream begonnen hat und schlie\u00dflich \u2013 zumindest in einigen wichtigen Bereichen \u2013 vom Mainstream aufgenommen wurde. Die Bedeutung von Institutionen \u2013 verstanden als Regeln (Gesetze, Vertr\u00e4ge, \u2026) und ihre Durchsetzungsmechanismen \u2013 wird heute kaum noch bestritten. Diskutiert wird noch, inwieweit die Unvollkommenheit der Rationalit\u00e4t sowie die damit verbundenen Such- und Lernprozesse explizit mit in die Analyse aufgenommen werden k\u00f6nnen bzw. m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Mainstream-\u00d6konomik in der hier vorgenommenen Abgrenzung weist eine Vielzahl gro\u00dfer Erkl\u00e4rungserfolge auf. Die auf der mikro\u00f6konomischen Theorie basierende Allokationstheorie hat sich in jahrzehntelanger Anwendung \u00fcberaus bew\u00e4hrt und d\u00fcrfte f\u00fcr das heutige Wirtschaftsverst\u00e4ndnis unverzichtbar sein. Experimentelle Untersuchungen zu wettbewerblichen Verbrauchsg\u00fcterm\u00e4rkten haben die Standardtheorie ebenfalls in bemerkenswertem Ausma\u00df best\u00e4tigt (dies gilt allerdings nicht f\u00fcr Verm\u00f6gensm\u00e4rkte). Dar\u00fcber hinaus dient das Allgemeine Walrasianische Gleichgewicht auch als theoretischer Referenzpunkt f\u00fcr das Aufdecken von \u201eMarktversagen\u201c: Abweichungen vom Modellideal machen verst\u00e4ndlich, warum die reale Welt durch soziale Dilemmata (etwa das Umweltproblem, verursacht durch externe Effekte) gekennzeichnet ist. Die Integration verhaltens- und institutionen\u00f6konomischer Ans\u00e4tze hat dar\u00fcber hinaus den Aussagebereich der Mainstream\u00f6konomik erheblich erweitert. Trotz der v\u00f6llig unbestrittenen Unvollkommenheit des Mainstream-Lehrgeb\u00e4udes wird somit deutlich, dass dieses viel zu bieten hat. Was also st\u00f6rt nun die pluralen \u00d6konomen?<\/p>\n<p><strong>2.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Die Kritik der pluralen \u00d6konomen<\/strong><\/p>\n<p>Die Besprechung der Kritik orientiert sich am bereits erw\u00e4hnten offenen Brief des NPl\u00d6 und diskutiert zun\u00e4chst drei Aspekte, die meines Erachtens weitgehend verfehlt sind, und endet mit einem wichtigen Punkt, in dem die Kritiker vermutlich recht haben.<\/p>\n<p><strong>2.1.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Kritik 1: Verfehlte Marktgl\u00e4ubigkeit<\/strong><\/p>\n<p>\u201eJahrzehntelanger Glaube an die selbstregulierenden Kr\u00e4fte des Marktes [\u2026] haben nicht nur unser Fach in eine Sackgasse gef\u00fchrt [\u2026]\u201c (Offener Brief 2012, S. 1). Eine solche Kritik vermittelt den Eindruck, dass eine positive Einsch\u00e4tzung freier Marktprozesse Ausgangspunkt, \u201eGlaube\u201c, und nicht das Ergebnis der Analyse seien. Dies ist jedoch falsch. Die grunds\u00e4tzlich positive Einsch\u00e4tzung der Marktprozesse durch die Klassiker, Neoklassiker und heutige \u00d6konomen basiert keineswegs auf einem Glaubensbekenntnis, sondern ist das Ergebnis langer Erfahrung und theoretischer \u00dcberlegungen.<\/p>\n<p>Die pluralen \u00d6konomen kritisieren somit das <i>Ergebnis<\/i> (eines Teils) der Mainstream-Forschung, jedoch nicht die Analyse selbst. Dies ist aus mehreren Gr\u00fcnden fragw\u00fcrdig: Erstens haben Marktprozesse in erheblichem Umfang dazu beigetragen, Wohlstand in die Welt zu bringen. In den letzten zwanzig Jahren l\u00e4sst sich zum Beispiel ein gro\u00dfer Anteil der Verringerung der bittersten Armut damit erkl\u00e4ren, dass sich China zumindest partiell den Marktmechanismen zugewandt hat!<\/p>\n<p>Zweitens ist es wenig \u00fcberzeugend das Ergebnis einer Theorie anzugreifen, nur weil es dem eigenen Vorurteil widerspricht. Drittens existieren auch Forschungsprogramme innerhalb der Heterodoxie \u2013 die international g\u00e4ngige Bezeichnung f\u00fcr Ans\u00e4tze, die vom Mainstream abweichen \u2013, die weitaus mehr Vertrauen in Marktprozesse haben als gro\u00dfe Teile des Mainstreams. Zu nennen w\u00e4ren hier die \u00d6sterreichische Schule und der Ordoliberalismus. Erstere wird auf den Webseiten des NPl\u00d6 sogar explizit genannt, Letztere w\u00e4re eigentlich hinzuzuf\u00fcgen, da zumindest der moderne Ordoliberalismus inhaltlich und methodisch signifikant vom Mainstream abweicht. Viertens kann nicht davon die Rede sein, dass die Beitr\u00e4ge, die in den wichtigsten Mainstream-Zeitschriften publiziert wurden, einseitig auf die Selbstregulierungskr\u00e4fte des Marktes vertrauen. Ganz im Gegenteil: Die Anzahl der Mainstream-Anh\u00e4nger einer permanent aktiven Geld- und Fiskalpolitik d\u00fcrfte \u00e4hnlich gro\u00df sein wie die der Skeptiker.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich somit feststellen, dass der Vorwurf einer verfehlten Marktgl\u00e4ubigkeit des Mainstreams schlicht und einfach falsch ist und wohl nur eine ideologische Grundhaltung der Verfasser des offenen Briefes offenbart.<\/p>\n<p><strong>2.2.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Kritik 2: Der Mainstream als geistige Monokultur<\/strong><\/p>\n<p>Auf Seite 1 des offenen Briefs findet sich die folgende Einsch\u00e4tzung: \u201eDer Schwerpunkt der derzeitigen Lehre und Forschung liegt auf Varianten neoklassischer Grundmodelle. F\u00fcr Forschung und Lehre jenseits dieser Spielarten ist an deutschen Universit\u00e4ten zu wenig Platz. Diese \u201egeistige Monokultur\u201c schr\u00e4nkt die \u00f6konomische Analyse ein und macht sie fehleranf\u00e4llig.\u201c Dass der <i>Schwerpunkt<\/i> der Forschung und Lehre auf der Vermittlung der Inhalte der Mainstream-\u00d6konomik liegt, d\u00fcrfte doch schon fast definitionsgem\u00e4\u00df sinnvoll sein. Welcher Hochschullehrer k\u00f6nnte es verantworten, die Studierenden in einen Studiengang zu locken, der die Studierenden nicht dazu in die Lage versetzt, die Standard-Inhalte der eigenen Disziplin zu beherrschen?<\/p>\n<p>Dem Mainstream dar\u00fcber hinaus eine geistige Monokultur vorzuwerfen, ist einigerma\u00dfen befremdlich. Wie schon oben erw\u00e4hnt, sind die Positionen innerhalb der Makro\u00f6konomik \u00fcberaus kontrovers und umstritten. Doch auch im Bereich der Mikro\u00f6konomik finden sich methodisch und inhaltlich \u00fcberaus verschiedene Ans\u00e4tze zur Erkl\u00e4rung volkswirtschaftlicher Fragestellungen, wie durch die Lekt\u00fcre der Fachzeitschriften zweifelfrei festgestellt werden kann.<\/p>\n<p><strong>2.3.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Kritik 3: Fehlende Selbstreflexion<\/strong><\/p>\n<p>\u201eZu oft werden die grundlegenden Annahmen der Volkswirtschaftslehre weder explizit dargelegt noch hinterfragt. Dabei sind diese Annahmen oft nicht nur deskriptiver, sondern auch normativer Natur. [\u2026] Ihre Reflexion ist ein notwendiger Teil wissenschaftlichen Arbeitens\u201c (S. 2 des offenen Briefs).<\/p>\n<p>Mir ist nicht klar, wie die Verfasser des Briefs zu dieser Aussage (insb. dem ersten Satz) kommen. Die grundlegenden Annahmen werden mit den Studierenden bereits im Grundstudium intensiv diskutiert, St\u00e4rken und Schw\u00e4chen der Standardmethoden (insbesondere der Neoklassik) werden so gut wie nur m\u00f6glich dargelegt. Dass nun in der Forschung solche Fragen nicht permanent auf dieselbe Weise abgearbeitet werden, erscheint mir nur als das Vermeiden \u00fcberfl\u00fcssiger und langweiliger Wiederholungen.<\/p>\n<p>Ebenfalls nicht zustimmen kann ich der folgenden Aussage (S. 2 des Briefs): \u201eBesonders die Mathematisierung der \u00d6konomik f\u00fchrt zu einer Verschleierung der Werturteile.\u201c Im Gegenteil: Die Formulierung eines Ma\u00dfstabs dient der vollst\u00e4ndigen Offenlegung der Bewertungskriterien. Nimmt man etwa die ungewichtete Summe aus Produzenten- und Konsumentenrente als Bewertungskriterium, so ist offensichtlich, dass Verteilungsaspekte (zwischen Produzenten und Konsumenten oder auch innerhalb der Konsumentengruppe) ausgeblendet werden. Klarer kann man eine solche Position nicht darlegen!<\/p>\n<p>Des Weiteren wird ein Defizit bei der Ber\u00fccksichtigung historischer und kultureller Rahmenbedingungen konstatiert. Dies d\u00fcrfte f\u00fcr eine Vielzahl von Modellen sicher zutreffen, insbesondere wenn sie eher kurz- oder mittelfristige Entwicklungen auf konkreten M\u00e4rkten zum Gegenstand haben. In vielen F\u00e4llen w\u00fcrden diese kurzfristig wenig reagiblen Gr\u00f6\u00dfen hier nur einen moderaten Einfluss aufweisen. Bei Fragen der langfristigen Entwicklung hat nicht zuletzt die Neue Institutionen\u00f6konomik dazu beigetragen, dass die geforderten Variablen st\u00e4rker ins Zentrum der Forschung ger\u00fcckt wurden.<\/p>\n<p><strong>2.4.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Fehlende Offenheit<\/strong><\/p>\n<p>Der abschlie\u00dfend zu diskutierende Kritikpunkt l\u00e4sst sich zwar nicht w\u00f6rtlich aus dem Brief des NPl\u00d6 ablesen, doch scheint er mir implizit enthalten zu sein. Oben wurde versucht zu zeigen, dass der Vorwurf der geistigen Monokultur im Hinblick auf die vielf\u00e4ltigen Entwicklungen innerhalb der Volkswirtschaftslehre unzutreffend ist. Eine andere Frage ist jedoch, wie <i>offen<\/i> die Scientific Community f\u00fcr alternative Methoden des Erkenntnisgewinns ist. Dies gilt vor allem f\u00fcr Fragen der mathematischen Formalisierung von Theorien.<\/p>\n<p>M.E. kann man den Pluralisten zustimmen, dass die Akzeptanz nicht-mathematischer Beitr\u00e4ge derzeit sehr gering ist und vermutlich eine Selektionsverzerrung zu Ungunsten nicht-formaler Theorien vorliegt. Ohne jeden Zweifel hilft die Mathematik, bestimmte Gedanken klarer und eindeutiger zu formulieren. Es gibt jedoch keinen guten Grund daf\u00fcr, warum man nicht auch auf andere Art und Weise neue und wichtige Erkenntnisse gewinnen k\u00f6nnen sollte.<\/p>\n<p>Offenheit f\u00fcr andere Muster des wissenschaftlichen Vorgehens bedeutet nat\u00fcrlich auch einen gr\u00f6\u00dferen Aufwand, insbesondere bei der Lekt\u00fcre der entsprechenden Beitr\u00e4ge, die nicht selten in Buchform publiziert werden. Um hier Zugangsbarrieren abzubauen, w\u00e4re es sinnvoll, die Ausbildung der \u00d6konomen um wenigstens drei Aspekte zu erg\u00e4nzen. Vorlesungen zur Wissenschafts- bzw. Erkenntnistheorie, zur Dogmengeschichte und zur Wirtschaftsgeschichte sollten wieder einen festen Platz in den Curricula finden.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt, der im Rahmen der Mainstream\u00f6konomik m\u00f6glicherweise \u00fcberrepr\u00e4sentiert ist, ist die Gleichgewichtsanalyse. Erneut ist es mir wichtig zu betonen, dass die Gleichgewichtsanalyse f\u00fcr viele Fragestellungen der Allokationstheorie unverzichtbar ist. Andererseits ist es m.E. unm\u00f6glich die Funktionsweise von M\u00e4rkten zu verstehen, wenn man sich auf komparativ-statische Analysen beschr\u00e4nkt. Wie Hayek (1945) und Mises (1940) eindr\u00fccklich dargelegt haben, ist der Preis- und Marktmechanismus gerade <i>au\u00dferhalb<\/i> des Gleichgewichtszustands von gr\u00f6\u00dfter Bedeutung. W\u00fcrde einmal ein Gleichgewicht erreicht \u2013 und bliebe es dauerhaft bestehen \u2013 k\u00f6nnte man M\u00e4rkte vielleicht sogar durch Planungsbeh\u00f6rden ersetzen. Da die Welt jedoch permanenten \u00c4nderungen und Neuerungen ausgesetzt ist, bedarf es des Markt<i>prozesses<\/i> als Such- und Entdeckungsverfahren gerade deshalb, weil sich die Welt st\u00e4ndig au\u00dferhalb von Gleichgewichtszust\u00e4nden befindet.<\/p>\n<p>Unterstellt man\u2013 wie ein Gro\u00dfteil der Literatur \u2013, dass sich die Welt permanent in (tempor\u00e4ren) Gleichgewichten befindet, erliegt man schnell der Illusion, Marktergebnisse durch staatliche Intervention noch verbessern zu k\u00f6nnen. Dabei \u00fcbersieht man regelm\u00e4\u00dfig, dass dadurch der das Gleichgewicht suchende Marktprozess in seiner Wirksamkeit beeintr\u00e4chtigt wird. In der illusion\u00e4ren Hoffnung, durch Interventionen einen vollkommenen Idealzustand (First-best-Optimum) zu realisieren, bewirkt man letztlich Verschwendung von Ressourcen und erzeugt langfristig Krisen und verfehlt sogar ein Third-best-Optimum.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches lie\u00dfe sich auch f\u00fcr die Analyse von Wirtschaftskrisen formulieren. Es ist mir bis heute schleierhaft, wie man die Periode der vergangenen Finanz- und Wirtschaftskrise als (stochastisch dynamisches Allgemeines) Gleichgewicht (mit oder ohne Preisstarrheiten) rekonstruieren will. Nichts war zu jener Zeit im Gleichgewicht, Erwartungen wurden regelm\u00e4\u00dfig entt\u00e4uscht (auch die der erfolgreichsten wissenschaftlichen \u00d6konomen!) und wirtschaftliches Handeln glich mehr einem Stochern im Nebel als einer (verz\u00f6gert) optimalen Anpassung an exogene Schocks. Orientierung gaben dabei vor allem Preis\u00e4nderungen, die durch den Markt als Lern- und Anpassungsprozess erzeugt wurden.<\/p>\n<p><strong>3.\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0\u00c2\u00a0 Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Nimmt man den offenen Brief des NPl\u00d6 als Grundlage f\u00fcr dessen Position, so muss man feststellen, dass die meisten Kritikpunkte \u00fcberzogen formuliert wurden oder gar falsch sind. Das bedeutet aber nicht, dass das Aufbegehren dieser deutschen Heterodoxen v\u00f6llig unbegr\u00fcndet ist. Insbesondere im Hinblick auf die Offenheit gegen\u00fcber Methoden, die sich nicht einer formalen Gleichgewichtstheorie bedienen, lassen sich Defizite erkennen. Dar\u00fcber hinaus ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass sich das Problem zuk\u00fcnftig noch versch\u00e4rft: Eine Kombination aus verringerter Anzahl von volkswirtschaftlichen Lehrst\u00fchlen und der Neubesetzung der verbliebenen Lehrst\u00fchle mit zunehmend spezialisierten Mainstream-Wissenschaftlern hat das Interesse an und die Offenheit f\u00fcr alternative Methoden beeintr\u00e4chtigt.<\/p>\n<p>Hinzu kommt die Wirkung der Anreizentlohnung f\u00fcr Hochschullehrer. Es d\u00fcrfte stimmen, dass diese zu einem st\u00e4rkeren Streben nach Publikationen in referierten Fachzeitschriften f\u00fchrt; und das ist sicher nicht schlecht. Doch muss verstanden werden, dass solche Publikationen deutlich leichter fallen, wenn man sich auf ein sehr kleines Feld des Mainstreams spezialisiert und dort kontinuierlich winzige Neuerungen einstreut. Jede Publikation z\u00e4hlt! Grundlegende Betrachtungen oder Diskussionen bleiben dann den Granden der Disziplin in Festvortr\u00e4gen vorbehalten. Auf diese Weise errichtet man High-Tech-Geb\u00e4ude, die m\u00f6glicherweise auf einem wackligen Fundament stehen.<\/p>\n<p>Wenn man die unzureichende methodische Offenheit der Mainstream-\u00d6konomik als Problem akzeptiert, dann bieten sich insbesondere zwei Ma\u00dfnahmen zur Verbesserung der Lage an:<\/p>\n<ol>\n<li>Die regelm\u00e4\u00dfige Verankerung von Lehrveranstaltungen zu Wissenschaftstheorie, Dogmengeschichte und Wirtschaftsgeschichte in den Curricula der volkswirtschaftlichen Studieng\u00e4nge k\u00f6nnte dazu beitragen, das Bewusstsein f\u00fcr alternative Forschungswege zu sch\u00e4rfen. Gleichzeitig w\u00fcrde dies auch die Absolventen unserer Studieng\u00e4nge zu reiferen und kritischeren Experten werden lassen, selbst wenn dies auf Kosten anderer wertvoller Lehrveranstaltungen geht. Der Grenzertrag dieser Erkenntnisse d\u00fcrfte gr\u00f6\u00dfer sein als der so mancher hochspezialisierter Vorlesung.<\/li>\n<li>Wir ben\u00f6tigen gr\u00f6\u00dfere Fakult\u00e4ten mit mehr Hochschullehrern. Je kleiner eine Fakult\u00e4t ist, desto gr\u00f6\u00dfer f\u00e4llt der Anteil der Mainstreamaktivit\u00e4ten aus. Schlie\u00dflich sollten die Studierenden vor allem die wesentlichen Bestandteile der \u201egeltenden\u201c Lehre erlernen, um mit ihren sp\u00e4teren Kollegen mithalten zu k\u00f6nnen. Die Universit\u00e4t Mannheim, eine der erfolgreichsten volkswirtschaftlichen Fakult\u00e4ten des deutschsprachigen Raums, weist derzeit 21 Professuren f\u00fcr VWL auf. Die VWL-Fakult\u00e4t der Harvard University listet 43 Professoren auf. Hinzu kommt dann noch eine nicht geringe Zahl von Volkswirten an der Business School. Bei einer solchen Fakult\u00e4tsgr\u00f6\u00dfe bleibt auch deutlich mehr Platz f\u00fcr Vertreter der heterodoxen \u00d6konomik.<\/li>\n<\/ol>\n<p><b>Literatur<\/b><\/p>\n<p>Hayek, F.A. von (1945), \u201eThe Use of Knowledge in Society\u201c, <i>American Economic Review<\/i>, Bd. 35, S. 519-530.<\/p>\n<p>Mises, Ludwig von (1940): <i>National\u00f6konomie. Theorie des Handelns und Wirtschaftens<\/i>. Editions Union: Genf.<\/p>\n<div>\n<hr align=\"left\" size=\"1\" width=\"33%\" \/>\n<div>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.plurale-oekonomik.de\/fileadmin\/user_upload\/Plurale_Erg%C3%A4nzung_M%C3%BCnster_2015_-_Hintergrund_und_Problemkontext.pdf\">https:\/\/www.plurale-oekonomik.de\/fileadmin\/user_upload\/Plurale_Erg%C3%A4nzung_M%C3%BCnster_2015_-_Hintergrund_und_Problemkontext.pdf<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p id=\"post-17969\">Christian Schubert: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Plurale \u00d6konomik (1)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;\u201ePluralismus\u201c in der VWL: Bewegt Euch!\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17969\" rel=\"bookmark\">\u201ePluralismus\u201c in der VWL: Bewegt Euch!<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang September 2015 wurde an der Universit\u00e4t M\u00fcnster die Jahrestagung des Vereins f\u00fcr Socialpolitik, der Vereinigung der deutschsprachigen Volkswirte, durchgef\u00fchrt. 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