{"id":18033,"date":"2015-09-29T16:57:50","date_gmt":"2015-09-29T15:57:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033"},"modified":"2015-09-30T15:12:01","modified_gmt":"2015-09-30T14:12:01","slug":"chance-oder-lastwie-wir-die-fluechtlinge-integrieren-muessen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033","title":{"rendered":"Chance oder Last?<br\/><font size=3; color=grey>Wie wir die Fl\u00fcchtlinge integrieren m\u00fcssen<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr einiges Aufsehen hat das Interview des gr\u00fcnen T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeisters Boris Palmer in der Tageszeitung gesorgt, in dem er sagte: \u201eDerzeit sind \u00fcber 70 Prozent der Fl\u00fcchtlinge junge M\u00e4nner, die ganz andere Vorstellungen von der Rolle der Frauen, der Religion, Meinungsfreiheit, Homosexualit\u00e4t oder Umweltschutz in der Gesellschaft haben als wir Gr\u00fcne. Machen wir uns nichts vor: Die Aufgabe ist riesig.\u201c Seine Parteifreundin Katrin G\u00f6ring-Eckardt bedauerte den aus ihrer Sicht fehlenden Mut Palmers, einen Mut, den es brauche, um die Herausforderungen des Fl\u00fcchtlingsproblems anzunehmen und als Chance zu sehen. Ganz in diesem Sinne wird verschiedentlich auf die demographische Entwicklung in Deutschland hingewiesen, deren Folgen die Zuwanderung abmildern k\u00f6nne. Also doch eine Chance?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die meisten von uns werden bereits ahnen, dass die einfache Arithmetik hinter der demographischen Chance ihre T\u00fccken haben kann, und die hat sie auch. Aber darum soll es hier nicht gehen, denn bisher haben wir keinerlei Einfluss auf die Altersstruktur, das Geschlecht sowie die sprachlichen, fachlichen und sonstigen Kompetenzen der Zuwanderer. Sie sind nun einmal so da, wie sie sind, und selbst wenn es k\u00fcnftig zu einer irgendwie \u201egeordneten\u201c Zuwanderung kommen sollte \u2013 was immer das konkret bedeuten soll \u2013, so werden wir bis dahin wohl eine gut siebenstellige Zahl an zus\u00e4tzlichen Menschen bei uns haben. Da bleibt uns gar nichts anderes als diese Menschen zu nehmen, wie sie sind, und die eingetretene Situation durch eine kluge Integrationspolitik so gut wie m\u00f6glich in eine Chance zu wenden und so wenig wie m\u00f6glich zu einer Last werden zu lassen. Halten wir hierzu erst einmal ein paar relevante Erkenntnisse fest:<\/p>\n<ol>\n<li>Zwischen dem Ende der 1950er und dem Ende der 1960er Jahre sind rund sechs Millionen Menschen aus der DDR und aus Osteuropa in die junge Bundesrepublik gefl\u00fcchtet. Dennoch sank w\u00e4hrend dieser Zeit die Zahl der Arbeitslosen von zun\u00e4chst \u00fcber zwei Millionen auf unter 100.000. Der Grund war ein damals noch sehr flexibler Arbeitsmarkt und \u2013 man mag es h\u00f6ren wollen oder nicht \u2013 niedrige L\u00f6hne, die wie ein Staubsauger alle zuwandernden Arbeitskr\u00e4fte absorbierten.<\/li>\n<li>Die erste Welle der deutschst\u00e4mmigen Auswanderer aus Osteuropa und der ehemaligen UdSSR kam mit durchaus nicht immer perfektem Deutsch in unser Land. Hinzu kamen ab den 1960er Jahren sogenannte Gastarbeiter, zun\u00e4chst aus Italien, Spanien, Portugal und dem ehemaligen Jugoslawien. Deren Deutsch war in der Regel nicht existent. Dennoch fielen die Kinder und erstrecht die Enkel fast aller dieser Zuwanderer nach kurzer Zeit bereits durch keine sprachlichen Defizite und nicht einmal durch einen Akzent mehr auf, und praktisch alle waren nach einer Generation im Wesentlichen vollst\u00e4ndig integriert.<\/li>\n<li>Bei den sp\u00e4teren Wellen der deutschst\u00e4mmigen Zuwanderer ist die Sache nicht mehr so eindeutig. Es haben sich zum Teil eigene Sub-Gesellschaften entwickelt, innerhalb derer man ein soziales Umfeld hatte, ohne deutsch sprechen oder lernen zu m\u00fcssen, und so wurde den Zuwanderern und deren Kindern ein Teil des Drucks zum Lernen der Sprache genommen. Aus den daraus folgenden sprachlichen Merkmalen entwickelten sich bei diesen Menschen Ausgrenzungskriterien und teilweise handfeste Stigmata im privaten wie im beruflichen Leben. So entstand ein Teufelskreis aus eigener Abgrenzung und fremder Ausgrenzung. Noch pr\u00e4gnanter war diese Entwicklung bei den Einwanderern aus der T\u00fcrkei.<\/li>\n<li>Es wird mit Recht moralisch beanstandet, wenn Menschen mit sprachlichen Defiziten oder sonstigen Merkmalen des Andersseins Diskriminierungen erleben m\u00fcssen. Dennoch stellen wir fest, dass diese Merkmale meist auf beiden Seiten Segregation erzeugen: Abgrenzung gegen\u00fcber dem neuen Umfeld hier, Ausgrenzung der Neuen dort. Das hei\u00dft, die Zuwanderer werden von der Gesellschaft nicht unterschiedslos angenommen, sie nutzen aber auch die M\u00f6glichkeit, unter sich zu bleiben, was ja verst\u00e4ndlich ist, wenn ihnen im vertrauten Umfeld ein Teil des Drucks auf Anpassung, Spracherwerb und nat\u00fcrlich auch die Erfahrung der Zur\u00fcckweisung genommen wird.<\/li>\n<li>Weiterhin stellen wir aber fest, dass die Abgrenzungstendenzen auf beiden Seiten auf der individuellen Ebene nicht einmal sehr stark sein m\u00fcssen, um auf der Gesellschaftsebene dann doch gro\u00dfe Wirkungen zu entfalten. Ber\u00fchmt ist in diesem Zusammenhang das Beispiel des Nobelpreistr\u00e4gers Thomas Schelling, in dem zwei Gruppen von je 32 Personen mit einem je eigenen Gruppenmerkmal auf einer schachbrettartig geordneten Fl\u00e4che verteilt werden, wobei jede Person nur einen relativ milden Abgrenzungswunsch hat: dass n\u00e4mlich zumindest die Mehrheit der Nachbarn das jeweils eigene Merkmal aufweist \u2013 also so ist, wie sie selbst. Wenn nun alle Personen auf dem Schachbrett solange wandern, bis diese Bedingung erf\u00fcllt ist, dann werden die beiden Personenkreise am Ende vollst\u00e4ndig voneinander getrennt in je eigenen Ghettos leben. Dieses Ergebnis ist drastisch, es folgt aber aus einer gar nicht drastischen, sondern sogar einer eher milden Neigung zur Abgrenzung, das aber in Verbindung mit einer ebenso unerbittlichen wie unab\u00e4nderlichen mathematischen Logik. Das alles rechtfertigt nat\u00fcrlich keine Diskriminierung, aber bevor wir hier urteilen, empfiehlt sich ein selbstkritischer Blick in den Spiegel mit der Frage, wo denn wir selbst unser soziales Umfeld suchen. Und wer hier frei von jedwedem auch milden Abgrenzungswunsch ist, der d\u00fcrfte eine seltene Ausnahmeerscheinung sein.<\/li>\n<li>Ob jemand die Grundlagen einer freiheitlichen Verfassung respektiert oder nicht, ist nicht in erster Linie eine Frage des kulturellen, sondern vor allem eine des sozialen Hintergrundes. Eine Reihe von Studien weist darauf hin, dass Gesellschaften mit einem demographisch bedingt hohen Anteil junger M\u00e4nner zwischen 15 und 25 vergleichsweise konfliktanf\u00e4lliger sind. Wenn man nach der Ursache sucht, so st\u00f6\u00dft man auf den Grad an gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Integrationsf\u00e4higkeit der jeweiligen Gesellschaft. Das hei\u00dft: Gesellschaften mit einem hohen Anteil junger M\u00e4nner sind nicht per se konfliktanf\u00e4lliger, sondern sie sind es, wenn sich die Betroffenen mit Blick auf ihren beruflichen und sozialen Aufstieg aus irgendwelchen Gr\u00fcnden einem \u201eclosed shop\u201c gegen\u00fcber sehen, ihnen also der Zutritt verwehrt wird. Denn junge Menschen entwickeln einen unb\u00e4ndigen Willen, sich einen solchen Aufstieg zu erm\u00f6glichen \u2013 sei es auf offiziellem oder wenn n\u00f6tig auch auf inoffiziellem Wege, und der m\u00e4nnliche Teil unter ihnen geht dabei im Durchschnitt deutlich robuster und zugleich emotionaler vor.<\/li>\n<li>Daraus folgt: Wer immer diesen Menschen einen inoffiziellen Weg zu einem wie immer gearteten inoffiziellen Aufstieg bietet \u2013 gern nat\u00fcrlich verbunden mit einem einfachen Weltbild, aus dem sich der fehlende Zugang zum offiziellen Weg erkl\u00e4rt \u2013 hat mit solchen jungen M\u00e4nnern leichte Beute. In dieser wie in vielerlei anderer Hinsicht unterscheiden sich Neonazi-Karrieren von Salafisten-Karrieren nur unwesentlich. Der versperrte Zugang zum offiziellen Karriereweg kann viele Gr\u00fcnde haben, die von einem individuellen Mangel an F\u00e4higkeiten \u00fcber die schon beschriebenen Segregationseffekte bis hin zu allgemein gegen\u00fcber der nachwachsenden Generation abgeschotteten Arbeitsm\u00e4rkten reichen. So ist es kein Wunder, was in der arabischen Welt geschieht: Diese Gesellschaften befinden sich in einer demographischen \u00dcbergangsphase mit einem hohen Anteil junger M\u00e4nner. Zugleich weisen sie institutionell verkrustete und dysfunktionale Arbeitsm\u00e4rkte sowie von Korruption und Vetternwirtschaft durchzogene Verwaltungen auf mit der Folge hoher zweistelliger Arbeitslosenquoten. Unter solchen Bedingungen ist produktive Schattenwirtschaft noch die harmloseste pers\u00f6nliche Ersatz-Karriereoption. Eine Karriere als K\u00e4mpfer f\u00fcr die gro\u00dfe islamische Sache hat so gesehen aber weit mehr Sex-Appeal.<\/li>\n<li>Der Nobelpreistr\u00e4ger James Heckman hat ausf\u00fchrlich belegt, dass Bildung eine Eigenschaft ist, die umso leichter zu erwerben ist, je mehr man davon bereits hat. Das gilt nicht nur, aber auch f\u00fcr den Spracherwerb. Die Grundlagen f\u00fcr einen erfolgreichen Bildungsweg werden daher bereits im fr\u00fchesten Kindesalter gelegt. Wer dort ein breites Fundament erhalten hat, kann daran sp\u00e4ter jederzeit andocken, kann Wissen mit anderem Wissen verkn\u00fcpfen und auf diese Weise sein Bildungsniveau progressiv entwickeln. Die Folge: Sp\u00e4testens ab dem Pubert\u00e4tsalter sind die Weichen gestellt und entstandene Vers\u00e4umnisse sind gar nicht mehr oder nur noch mit extrem hohem Aufwand auszugleichen. Wer bis ins junge Erwachsenenalter ein nur geringes Bildungsniveau und schwache Sprachfertigkeiten erworben hat, wird in seinem Leben in aller Regel nie wieder zu den Menschen mit h\u00f6heren Bildungsniveaus aufschlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Man k\u00f6nnte diese acht Punkte zum Anlass nehmen, die These von der Chance der Zuwanderung mit Blick auf die Demographie in Deutschland sogleich zu verwerfen. Aber darum kann es hier nicht gehen, denn die Menschen sind da, und es werden in jedem Falle noch viele dazukommen. Es ist auch nicht so, dass alle diese Zuwanderer entweder eine Belastung oder eine Chance sein werden. Es werden sich viele Zuwanderer hervorragend integrieren. Sie werden die Chance erhalten und wahrnehmen, hier in Deutschland sozial und wirtschaftlich zum Nutzen aller aufzusteigen. Aber es wird umgekehrt leider auch viele geben, f\u00fcr die eher das Gegenteil zutrifft. Worauf es also ankommt ist, die Dinge so zu gestalten, dass wir am Ende m\u00f6glichst viele von jenen haben werden, auf die eher das erste zutrifft, und m\u00f6glichst wenige von jenen, auf die eher das zweite zutrifft. Aber was ist hierzu zu tun?<\/p>\n<ol>\n<li>Wir m\u00fcssen uns bestimmte Klischees \u00fcber \u201emultikulti\u201c von beiden Seiten her abschminken. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen fremde Kulturen eine Bereicherung sein, aber nat\u00fcrlich k\u00f6nnen sie umgekehrt auch bedrohlich wirken. Ob sie aber das eine sind oder das andere, h\u00e4ngt fast ausschlie\u00dflich davon ab, ob sich die kulturelle Vielfalt unter strikter Wahrung (des Vorrangs) der verfassungsm\u00e4\u00dfigen Spielregeln der freiheitlichen, demokratischen und toleranten Gesellschaft abspielt. Wenn das so ist, werden wir uns an der kulturellen Vielfalt erfreuen und bereichern k\u00f6nnen, wenn es aber nicht so ist, kann die kulturelle Vielfalt zum \u00f6konomischen und sozialen Sprengstoff werden. Um zu erkl\u00e4ren, warum die Menschen aus den islamischen L\u00e4ndern bisher schwieriger zu integrieren waren, brauchen wir keinen direkten Zugriff auf deren Kultur, denn es gibt keinen vern\u00fcnftigen Grund, warum man seinen islamischen Glauben nicht im Rahmen einer freiheitlichen Gesellschaft leben k\u00f6nnte. Die Effekte sind vielmehr indirekt: Kulturelle Unterschiede neigen dazu, die beschriebenen Segregationseffekte auszul\u00f6sen, das treibt die Neigung zur Parallelgesellschaft an, innerhalb derer Ersatzkarrieren f\u00fcr junge Leute entstehen, und diese Parallelgesellschaften neigen wiederum dazu, feindlich gegen\u00fcber der offiziellen Gesellschaft zu sein und dieser ihre eigenen Regelwerke entgegenzustellen. Diesen Teufelskreis gilt es zu durchbrechen. Dazu brauchen wir gewiss keine Leitkultur, schon gar keine, die sich mit einer vermeintlichen religi\u00f6sen \u00dcberlegenheit mit Blick auf die freiheitliche Verfassung schm\u00fcckt. Denn das treibt den Teufelskreis nur weiter an. Aber mit ebensolcher Deutlichkeit d\u00fcrfen wir keinerlei Intoleranz im Gewande kultureller Besonderheiten im Namen der kulturellen Vielfalt dulden. Wir m\u00fcssen vielmehr die Bedingungen daf\u00fcr schaffen, dass die Spielregeln der freiheitlichen Gesellschaft von allen gleicherma\u00dfen respektiert werden, und dann ist es egal, was sich darunter abspielt. Nur: Wie schaffen wir das?<\/li>\n<li>Wir m\u00fcssen bei den Zuwanderern und vor allem bei deren Kindern sehr schnell und sehr fr\u00fch alles daran setzen, dass sie offenen Zugang zu Sprache, Bildung, Arbeit und Gesellschaft haben und dass wir umgekehrt einer Abschottung ihrerseits entgegenwirken. Letzteres gilt vor allem auch f\u00fcr die Kinder der Fl\u00fcchtlinge, denn auf die wird es ankommen, wenn wir uns in zwei Jahrzehnten ansehen, ob Integration gelungen ist. Wenn diese Kinder zu jungen Erwachsenen mit guten, wenn nicht akzentfreiem Deutsch, mit einem mindestens durchschnittlichen Bildungsabschluss und mit ebensolchen beruflichen und sozialen Aufstiegsperspektiven herangewachsen sind, dann werden sie nicht anders als die Nicht-Zuwanderer bereit sein, die Grundlagen unserer freiheitlichen Verfassung zu respektieren. \u00d6konomisch gesehen w\u00e4re alles andere viel zu teuer f\u00fcr sie. Wem das zu naiv klingt, dem sei die abgeschw\u00e4chte Version empfohlen: Je mehr solcher junger Erwachsene es geben wird und je besser diese Eigenschaften auf diese jungen Erwachsenen zutreffen, desto weniger von ihnen werden sich den Bauernf\u00e4ngern der Welt anschlie\u00dfen und statt dessen die Wege beschreiten, die ihnen unsere freiheitliche Gesellschaft bietet.<\/li>\n<li>Daher gilt: Wer immer hierher kommt, muss zuerst die Sprache und parallel dazu die nicht verhandelbaren Spielregeln der freien Gesellschaft erlernen. Warum sollten Zuwanderer also nicht erst einmal sechs Monate lang \u00fcberhaupt gar nichts anderes tun als das? Und warum sollte man damit nicht sofort nach Ankunft beginnen, und zwar zumindest f\u00fcr alle, deren Bleibewahrscheinlichkeit eine gewisse H\u00f6he aufweist. Nat\u00fcrlich kostet das, aber es ist eine Investition mit hohen Ertr\u00e4gen, nicht nur f\u00fcr die Zuwanderer, sondern auch f\u00fcr uns. Der Multi-Kulti-Ansatz vergangener Tage weist eine solche Strategie des Erlernens grundlegender Konventionen \u2013 zu denen auch die Sprache geh\u00f6rt \u2013 als kulturimperialistisch zur\u00fcck, aber er erliegt damit einem fatalen Irrtum. Viele Multi-Kulti-Vertreter haben diesen Irrtum bis heute nicht \u00fcberwunden. Dagegen vermittelt ein richtig verstandener Multi-Kulti-Ansatz diese Konventionen gerade deshalb, weil nur mit ihnen kulturelle Vielfalt friedlich und in gegenseitiger Achtung \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich wird. Die Konventionen stehen dem nicht entgegen, sondern sie sind ganz im Gegenteil die Grundlage davon. Eigentlich sollten wir das bereits seit den Schriften von John Locke wissen.<\/li>\n<li>Die Kinder der Zuwanderer m\u00fcssen \u2013 soweit das immer m\u00f6glich ist \u2013 in \u00e4hnlicher Weise in die Gesellschaft integriert werden wie seinerzeit die Kinder der ersten Einwandererwelle von Russlanddeutschen oder sogenannten Gastarbeitern. Hierzu muss den Eltern wiederum die Einhaltung aller damit verbundenen Regeln abverlangt werden \u2013 egal ob es um den Religionsunterricht, den Sportunterricht, die Evolutionstheorie oder Sexualkunde im Biologieunterricht oder was auch immer geht. Hier darf es keine Unterschiede und keine Toleranz gegen\u00fcber der Abgrenzung geben, und zwar von keiner Seite. Denn solcherlei Toleranz ist eine Toleranz gegen\u00fcber der Intoleranz und damit in Wahrheit der Totengr\u00e4ber des gegenseitigen Respekts. Laut, heftig und \u00f6ffentlich kann und darf \u00fcber Unterrichtsinhalte gestritten werden. Aber was am Ende gilt, das muss dann f\u00fcr alle gleicherma\u00dfen gelten.<\/li>\n<li>Was bei Kindern bei guter Bildungspolitik weitgehend gelingen k\u00f6nnte, wird bei den jungen Erwachsenen auch unter besten Bedingungen nur sehr unvollkommen m\u00f6glich sein: Sie werden unsere Sprache kaum je perfekt oder gar akzentfrei beherrschen, sie werden h\u00e4ufiger Akzeptanzprobleme mit den Spielregeln unserer Gesellschaft haben und sie werden \u2013 so sie mit einem geringeren Bildungsniveau zu uns kommen \u2013 ihren geringeren Bildungsstand nicht einmal unter optimalen Bedingungen je ausgleichen k\u00f6nnen. Man wird sie dennoch dazu motivieren m\u00fcssen, sich so gut wie m\u00f6glich zu integrieren, nicht zuletzt, damit sie die Integration ihrer Kinder in unsere Gesellschaft unterst\u00fctzen. Das aber geht nicht allein und nicht einmal in erster Linie durch gute Worte. Man muss ihnen die Integration erleichtern und damit die Attraktivit\u00e4t der Nicht-Integration verringern. Dazu bedarf es neben dem m\u00f6glichst guten Spracherwerb vor allem eines offenen Zugangs zum Arbeitsmarkt. Hier aber haben vor allem die Gering-Qualifizierten ohnehin schon Probleme. Und nun mag man es h\u00f6ren wollen oder nicht: Eine Integration ist unter Wahrung von L\u00f6hnen, die bei Nicht-Zuwanderern als markt\u00fcblich gelten, schlechterdings unm\u00f6glich. Die ersten Gewerkschafter haben schon den Kampf gegen \u201eLohndr\u00fcckerei\u201c angek\u00fcndigt, so zum Beispiel ver.di Chef Frank Bsirske. Aber ein Verbot von Lohnzugest\u00e4ndnissen kommt in aller Regel einem Arbeitsverbot f\u00fcr Zuwanderer gleich, und nichts ist mit Blick auf fast alle hier angesprochenen Fragen schlimmer als ein Arbeitsverbot: Es l\u00e4uft im Prinzip auf eine Nicht-Integrations-Garantie hinaus.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Leider ist der letzte Punkt \u00f6ffentlich so gut wie nicht zu vermitteln, und es steht zu bef\u00fcrchten, dass die Integration der Fl\u00fcchtlinge vor allem an diesem Punkt scheitern wird. Aber wenn wir uns an die Staubsaugerwirkung des Arbeitsmarktes in den 1950er Jahren erinnern, die innerhalb einer Dekade sechs Millionen Zuwanderer plus zwei Millionen einheimischer Arbeitsloser absorbiert hat, und wenn wir umgekehrt an die ghettoisierten Jugendlichen in den Pariser Vorst\u00e4tten von heute denken, die praktisch au\u00dferhalb der offiziellen Wirtschaft und Gesellschaft stehen, dann wird deutlich, um was es hier geht. Und wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, dann kommen wir auch an diesem Punkt nicht vorbei: An jeder Ecke h\u00f6ren wir in diesen Tagen den Ruf nach der Solidarit\u00e4t, dem Mitgef\u00fchl und nicht zuletzt auch nach der Opferbereitschaft gegen\u00fcber den Fl\u00fcchtlingen. Zu diesen ehrenwerten Motiven, die aus dem Herzen kommen, muss sich aber eine Einsicht gesellen, die uns der Verstand sagt, und die lautet: Wenn alle Fl\u00fcchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden sollen, dann wird das nicht ohne Folgen f\u00fcr das Lohnniveau bleiben k\u00f6nnen \u2013 f\u00fcr das der Fl\u00fcchtlinge nicht und auch nicht f\u00fcr das der Nicht-Fl\u00fcchtlinge.<\/p>\n<p>Gelingt die Integration in den Arbeitsmarkt, dann werden die L\u00f6hne sinken und auf absehbare Zeit auch nicht schnell wieder ansteigen k\u00f6nnen \u2013 was bekanntlich noch nichts \u00fcber das Einkommen sagt, denn es ist allemal besser, wenn der Staat etwas zum Einkommen dazugibt als wenn er alles zahlt und die Empf\u00e4nger au\u00dferhalb der Gesellschaft stehen, weil sie keinen Job und damit in der Regel auch keine Br\u00fccke zur inl\u00e4ndischen Gesellschaft haben. Daher gilt umgekehrt: Wird der Lohneffekt der Arbeitsmarktintegration blockiert, dann wird auch die Arbeitsmarktintegration selbst blockiert. Dann aber wird auch die Integration in die Gesellschaft nicht gelingen, und es wird in der Konsequenz die Akzeptanz der Spielregeln unserer Gesellschaft verringert. Es wird das Sprachverm\u00f6gen nicht gef\u00f6rdert, es wird die Ghettoisierung vorangetrieben, und schlie\u00dflich wird sich alles das dann auch auf die nachfolgende Generation der Fl\u00fcchtlingskinder auswirken. Und dann werden wir Fl\u00fcchtlingsstadtteile haben, die ganz eigenen Gesetzen folgen und in denen Menschen leben, die weder ein Interesse noch eine Chance dazu haben, am Leben der Mehrheit teilzuhaben. In der Mehrheitsgesellschaft wiederum werden wir es dann erneut mit jenen zu tun bekommen, die die kulturelle Vielfalt als Bedrohung empfinden, und das wird kein Wunder sein, weil wir dann n\u00e4mlich jene Bedingungen geschaffen haben, die kulturelle Vielfalt nicht zur Chance, sondern zur Last werden l\u00e4sst.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr einiges Aufsehen hat das Interview des gr\u00fcnen T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeisters Boris Palmer in der Tageszeitung gesorgt, in dem er sagte: \u201eDerzeit sind \u00fcber 70 Prozent &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eChance oder Last?<br \/><font size=3; color=grey>Wie wir die Fl\u00fcchtlinge integrieren m\u00fcssen<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":22,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[414,24,8],"tags":[1984,1981,1891,2003,705],"class_list":["post-18033","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-bildung","category-demographisches","category-europaisches","tag-asyl","tag-fluechtlinge","tag-integration","tag-multi-kulti","tag-zuwanderung"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Chance oder Last?Wie wir die Fl\u00fcchtlinge integrieren m\u00fcssen - Wirtschaftliche Freiheit<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Chance oder Last?Wie wir die Fl\u00fcchtlinge integrieren m\u00fcssen - Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"F\u00fcr einiges Aufsehen hat das Interview des gr\u00fcnen T\u00fcbinger Oberb\u00fcrgermeisters Boris Palmer in der Tageszeitung gesorgt, in dem er sagte: \u201eDerzeit sind \u00fcber 70 Prozent &hellip; \u201eChance oder Last?Wie wir die Fl\u00fcchtlinge integrieren m\u00fcssen\u201c weiterlesen\" \/>\n<meta property=\"og:url\" content=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033\" \/>\n<meta property=\"og:site_name\" content=\"Wirtschaftliche Freiheit\" \/>\n<meta property=\"article:published_time\" content=\"2015-09-29T15:57:50+00:00\" \/>\n<meta property=\"article:modified_time\" content=\"2015-09-30T14:12:01+00:00\" \/>\n<meta name=\"author\" content=\"Thomas Apolte\" \/>\n<meta name=\"twitter:card\" content=\"summary_large_image\" \/>\n<meta name=\"twitter:label1\" content=\"Verfasst von\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data1\" content=\"Thomas Apolte\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:label2\" content=\"Gesch\u00e4tzte Lesezeit\" \/>\n\t<meta name=\"twitter:data2\" content=\"15\u00a0Minuten\" \/>\n<script type=\"application\/ld+json\" class=\"yoast-schema-graph\">{\"@context\":\"https:\/\/schema.org\",\"@graph\":[{\"@type\":\"Article\",\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033#article\",\"isPartOf\":{\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18033\"},\"author\":{\"name\":\"Thomas Apolte\",\"@id\":\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/#\/schema\/person\/3b36691204a293818fa3afb1ea0ce724\"},\"headline\":\"Chance oder Last? 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