{"id":18066,"date":"2015-10-06T08:57:18","date_gmt":"2015-10-06T07:57:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18066"},"modified":"2015-10-06T08:57:18","modified_gmt":"2015-10-06T07:57:18","slug":"neuer-paternalismus-in-der-praxisunspektakulaer-aber-trotzdem-problematisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18066","title":{"rendered":"Neuer Paternalismus in der Praxis<br\/><font size=3; color=grey>Unspektakul\u00e4r, aber trotzdem problematisch<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Das Social and Behavioral Sciences Team (SBST) der amerikanischen Bundesregierung bem\u00fcht sich, \u00e4hnlich wie eine k\u00fcrzlich f\u00fcr das Bundeskanzleramt rekrutierte Gruppe, die Regierung mit verhaltens\u00f6konomischem und psychologischem Wissen zu unterst\u00fctzen. Die Amerikaner sind dabei deutlich vom Forschungsprogramm des sogenannten \u201eliberalen Paternalismus\u201c inspiriert. Diesem geht es darum, durch eine gezielte Gestaltung von Entscheidungssituationen die betroffenen Individuen zu solchen Entscheidungen zu bewegen, die der paternalistische Planer f\u00fcr richtig h\u00e4lt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Vor wenigen Wochen hat das SBST seinen Jahresbericht ver\u00f6ffentlicht, der einige Einblicke in die Arbeit der Verhaltenswissenschaftler gibt. Interessant ist, da\u00df zun\u00e4chst darauf hingewiesen wird, da\u00df es bei den bisherigen Ans\u00e4tzen des SBST um einen \u201eproof of concept\u201c geht. Man will zeigen, da\u00df verhaltens\u00f6konomisch fundierte Politik grunds\u00e4tzlich funktioniert. Was daraus folgt, wird man sehen. Es sei aber an die Aussage von Bundesjustizminister Heiko Maas erinnert, der zu Beginn dieses Jahres sagte, da\u00df er diese Methode f\u00fcr die Politik interessant f\u00e4nde und jetzt einfach einmal ausprobieren wolle. Die politischen Praktiker haben ein neues Spielzeug, und jetzt wollen sie damit spielen.<\/p>\n<p>Die Anwendungsf\u00e4lle, die man im Jahresbericht des SBST findet, sind daher bisher auch nicht besonders spektakul\u00e4r, denn es geht ja nur um ein \u201eproof of concept\u201c. Dennoch erlauben sie es bereits, einige Probleme des Ansatzes zu illustrieren. Ein Beispiel: Zivile Angestellte der amerikanischen Bundesregierung werden automatisch mit Unterzeichnung des Arbeitsvertrages in einen Sparplan f\u00fcr ihre Altersvorsorge aufgenommen, k\u00f6nnen aber herausoptieren, wenn sie wollen. Milit\u00e4rangeh\u00f6rige dagegen werden nicht automatisch aufgenommen, k\u00f6nnen aber hineinoptieren, wenn sie wollen. Die Folge ist, da\u00df im April 2015 87% der zivilen und 42% der milit\u00e4rischen Angestellten tats\u00e4chlich Mitglied waren.<\/p>\n<p>Nun wurden die \u00fcbrigen 58% der Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen, die bisher nicht Mitglied waren, in verschiedene Gruppen unterteilt. Eine Gruppe erhielt gar keine Erinnerungsnachricht, alle anderen Gruppen erhielten unterschiedlich gestaltete E-Mails, die sie an die M\u00f6glichkeit des Sparplans erinnern sollten. Von denen, die gar keine Mails erhielten, haben sich dennoch 1,14% im Mai 2015 in den Sparplan eingeschrieben. Von denen, die eine neutrale Standardmail erhielten, haben es 1,56% nachgeholt. Und von denen, die das vom SBST so genannte \u201eTop-Treatment\u201c erfahren haben, waren es 2,1%.<\/p>\n<p>Der (eher qualitativ als quantitativ) interessante Sprung ist derjenige von der Standard-Mail zum \u201eTop-Treatment\u201e. Es kann ja tats\u00e4chlich sein, da\u00df jemand, der einen anstrengenden Arbeitstag hat, das Hineinoptieren in den Sparplan vergi\u00dft, obwohl er diesen eigentlich f\u00fcr sinnvoll h\u00e4lt. Daher ist eine neutrale Erinnerungsmail zweifellos hilfreich und d\u00fcrfte kaum zu beanstanden sein. Die gl\u00fccklichen Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen im \u201eTop-Treatment\u201c erhielten dagegen, wie der Jahresbericht auf Seite 7 es formuliert, \u201eemails that incorporated behavioral insights\u201c. In diesen wurde versucht, mit verhaltens\u00f6konomischen und psychologischen Erkenntnissen eine Entscheidungsarchitektur zu schaffen, die viele Empf\u00e4nger dazu bringt, sich f\u00fcr den Sparplan einzuschreiben.<\/p>\n<p>Nun kann man angesichts einer Differenz von 0,54 Prozentpunkten zu den Empf\u00e4ngern der Standardmail eigentlich gelassen abwinken und die Geschichte wegen Irrelevanz begraben, aber es bleibt eben doch ein prinzipieller Einwand: Woher wissen die Mitglieder des SBST, da\u00df der Ansatz, m\u00f6glichst viele Individuen zur Mitgliedschaft zu bewegen, richtig ist?<\/p>\n<p>Wenn wir nochmal zur\u00fcck zur Ausgangssituation springen, dann sehen wir, da\u00df sowohl die 87% der zivilen Angestellten als auch die 42% der Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen einem Status-quo-Bias unterliegen. Die einen m\u00fc\u00dften etwas tun, um aus dem System herauszukommen. Vielleicht wollen einige von ihnen das eigentlich, vielleicht w\u00e4re es besser f\u00fcr sie, etwa weil sie selbst das Geld erfolgreicher anlegen k\u00f6nnten, oder weil sie eigentlich eine h\u00f6here Pr\u00e4ferenz f\u00fcr aktuellen Konsum haben. Aber sie sind eben tr\u00e4ge. Die anderen m\u00fc\u00dften ebenso etwas tun, um in das System hineinzukommen, und vielleicht wollen einige von ihnen eigentlich genau dies, aber auch sie sind zu tr\u00e4ge, den Papierkram zu erledigen.<\/p>\n<p>Schon dem Studiendesign des SBST liegt ein Vorurteil zugrunde, das nirgends begr\u00fcndet wird. Das Vorurteil lautet: Unser bundesstaatlicher Sparplan ist nicht nur gut, er ist sogar f\u00fcr alle gut, und wir m\u00fcssen so viele Individuen wie m\u00f6glich dazu bringen, mitzumachen. W\u00fcrde man dagegen die verhaltens\u00f6konomische Forschung zum Status-quo-Bias ernst nehmen, dann m\u00fc\u00dfte man auch an die zivilen Angestellten Mails verschicken mit der Erinnerung daran, da\u00df sie auch herausoptieren k\u00f6nnen, wenn sie wollen. Dann k\u00f6nnte man sehen, ob die 87% nicht auch ein wenig abschmelzen. Und auch diese Gruppe k\u00f6nnte zur Kontrolle ein \u201eTop-Treatment\u201c erhalten, in dem ihr der Ausstieg aus dem System so schmackhaft wie m\u00f6glich gemacht wird, etwa indem auf gro\u00dfartige alternative Anlagem\u00f6glichkeiten auf dem Finanzmarkt hingewiesen wird.<\/p>\n<p>Das Problem mit der aktuellen Welle verhaltens\u00f6konomisch inspirierter Politik ist oft gar nicht so sehr das Instrumentarium an und f\u00fcr sich. Das Problem sind die versteckten Werturteile, die nicht selten reine Ideologie sind und auf einer Anma\u00dfung von Wissen durch die paternalistischen Planer beruhen. Wir wissen, was gut f\u00fcr Dich ist: Spare mehr und spare in unseren Systemen, esse weniger und esse Gem\u00fcse, abonniere mehr \u00d6kostrom, und fahre Dein Auto so langweilig und beschleunigungsarm, da\u00df Du am Lenkrad auch noch einen <i>nudge<\/i> zum Wachbleiben brauchst! Manche dieser Dinge m\u00f6gen f\u00fcr einzelne B\u00fcrger pers\u00f6nlich erstrebenswert erscheinen. F\u00fcr einen liberalen Rechtstaat allerdings liegt die Definition und politische Durchsetzung eines vorbildlichen Lebensstils weit jenseits der Grenzen seiner legitimen Aufgaben.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Social and Behavioral Sciences Team (SBST) der amerikanischen Bundesregierung bem\u00fcht sich, \u00e4hnlich wie eine k\u00fcrzlich f\u00fcr das Bundeskanzleramt rekrutierte Gruppe, die Regierung mit verhaltens\u00f6konomischem &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18066\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eNeuer Paternalismus in der Praxis<br \/><font size=3; color=grey>Unspektakul\u00e4r, aber trotzdem problematisch<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":37,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1210,40],"tags":[957,81,2007],"class_list":["post-18066","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-paternalistisches","category-wissenschaftstheoretisches","tag-nudging","tag-paternalismus","tag-verhaltensoekonomik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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