{"id":18072,"date":"2015-10-12T18:28:15","date_gmt":"2015-10-12T17:28:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18072"},"modified":"2015-10-13T12:41:12","modified_gmt":"2015-10-13T11:41:12","slug":"vermeintliche-koenigswege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18072","title":{"rendered":"Vermeintliche K\u00f6nigswege<br\/><font size=3; color=grey>Industrie oder Dienstleistungen?<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><strong>Es gibt verschiedene Wege zum Wohlstand. L\u00e4nder mit einem vergleichsweise hohen Dienstleistungsanteil haben keinen Wohlstandsvorsprung. Auch beim Strukturwandel ist kein eindeutiges Vorteilsmuster f\u00fcr Dienstleistungs- oder Industrie\u00f6konomien zu erkennen. Politisch gew\u00fcnschter Strukturwandel \u2013 egal in welche Richtung \u2013 birgt die Gefahr einer leeren Versprechung.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Nachgang zur globalen Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise, die vor sieben Jahren ihren H\u00f6hepunkt durchlebte, haben sich auch die politischen Orientierungen in vielen Bereichen erheblich verschoben. Dies gilt zum Teil auch f\u00fcr Fragen des Strukturwandels. Vor der Krise war der Weg in die Dienstleistungs\u00f6konomie f\u00fcr viele \u00d6konomen und Politiker nahezu alternativlos. Die Entzauberung einiger Dienstleistungsm\u00e4rkte durch die Finanzmarktkrise hat offensichtlich eine Neuorientierung ausgel\u00f6st. So soll es auch nach den Vorstellungen der EU-Kommission in der EU zu einer Reindustrialisierung kommen und der Industrieanteil soll auf 20 Prozent ansteigen. W\u00e4hrend dies wenige L\u00e4nder (z. B. Deutschland, die Tschechische und Slowakisch Republik, Ungarn und Slowenien) mit Blick auf den Anteil des Verarbeitenden Gewerbes bereits heute schaffen, sind andere L\u00e4nder (z.B. Griechenland, Luxemburg, Frankreich) davon weit entfernt.<\/p>\n<p>Wie sinnvoll ist so ein Ziel? Normative Empfehlungen in Richtung einer bestimmten Wirtschaftsstruktur m\u00fcssen zumindest den Beweis f\u00fchren, dass es den entsprechenden Volkswirtschaften langfristig besser geht. Damit stellt sich die Frage, ob in den letzten beiden Dekaden die Dienstleistungs- oder Industrie\u00f6konomien eine bessere Wohlstandsposition oder im Zeitverlauf h\u00f6here Wohlstandsgewinne aufweisen konnten. Im Folgenden werden kurz vier Indikatoren und deren Zusammenhang mit dem Dienstleistungsanteil und dessen Ver\u00e4nderung vorgestellt.<\/p>\n<p><strong>Einkommen<\/strong>: Mit diesem Indikator kann die These \u00fcberpr\u00fcft werden, ob Dienstleistungs\u00f6konomien ein h\u00f6heres Wohlstandsniveau aufweisen \u2013 oder ob sie im Gefolge der Tertiarisierung st\u00e4rkere Einkommenszuw\u00e4chse verbuchen konnten. In der zugrundeliegenden Untersuchungsgruppe von 22 L\u00e4ndern gibt es keinen klar erkennbaren Zusammenhang zwischen dem Tertiarisierungsgrad und der Einkommensh\u00f6he. Au\u00dferdem konnten die L\u00e4nder mit der st\u00e4rksten Tertiarisierung in den letzten beiden Dekaden keine signifikant h\u00f6heren Einkommenszuw\u00e4chse realisieren.<\/p>\n<p><strong>Arbeitslosigkeit<\/strong>: Damit kann gezeigt werden, ob die Arbeitsmarktmobilit\u00e4t in den Dienstleistungsl\u00e4ndern h\u00f6her ist und diese im Gegensatz zu den L\u00e4ndern, die st\u00e4rker von der Industrie gepr\u00e4gt sind, weniger unter struktureller Arbeitslosigkeit leiden. Zudem kann unter Wachstumsgesichtspunkten konstatiert werden, dass bei niedrigerer Arbeitslosigkeit das Produktionspotenzial infolge eines st\u00e4rkeren Besch\u00e4ftigungswachstums st\u00e4rker expandiert. Anhand der harmonisierten Arbeitslosenquote zeigt sich ebenfalls kein Vorteil der Dienstleistungs\u00f6konomien. Mit Blick auf die Arbeitslosigkeit ergibt sich ebenfalls kein Befund, der f\u00fcr einen bestimmten Verlauf des Strukturwandels spricht: Einerseits konnten L\u00e4nder mit einem vergleichsweise niedrigen Dienstleistungsanteil \u2013 und einem spiegelbildlich h\u00f6heren Industrieanteil \u2013 ihre Arbeitslosigkeit zur\u00fcckf\u00fchren. Das gilt zum Beispiel f\u00fcr Deutschland und Norwegen. Andererseits hat ein \u00fcberdurchschnittlicher Bedeutungsgewinn der Dienstleistungsbereiche das Entstehen zus\u00e4tzlicher Arbeitslosigkeit in einigen L\u00e4ndern, zu denen auch Luxemburg geh\u00f6rt, nicht verhindert.<\/p>\n<p><strong>Investitionen<\/strong>: Mit dem Anteil der Bruttoanlageinvestitionen am nominalen Bruttoinlandsprodukt kann eine Bewertung vorgenommen werden, wie stark die einzelnen L\u00e4nder Vorsorge f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Wachstumspotenzial, die Produktivit\u00e4t und schlie\u00dflich den k\u00fcnftigen Wohlstand treffen. Zudem kann hier unterstellt werden, dass st\u00e4rker industriebasierte Volkswirtschaften eine h\u00f6here Kapitalintensit\u00e4t aufweisen \u2013 weil die Industrieproduktion im Vergleich zur Dienstleistungswirtschaft einen h\u00f6heren Sachkapitaleinsatz erwarten l\u00e4sst. Dementsprechend d\u00fcrften die Abschreibungen und somit auch die Bruttoinvestitionen in den industriestarken L\u00e4ndern h\u00f6her sein. Der Zusammenhang zwischen der H\u00f6he des Dienstleistungsanteils und der H\u00f6he der Investitionsquote f\u00e4llt st\u00e4rker aus als bei den ersten beiden Indikatoren. Dies kann neben dem Strukturwandel an einer Reihe von Faktoren \u2013 wie zum Beispiel den Beeintr\u00e4chtigungen durch die globale Finanzmark- und Staatsschuldenkrise \u2013 liegen. Gleichwohl stellt sich die Frage, ob und wie stark die Unterschiede im Strukturwandel die Ver\u00e4nderungen der Investitionsquote erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Diese war in \u00d6sterreich, Deutschland, im Vereinigten K\u00f6nigreich, den Niederlanden sowie in Irland \u00e4hnlich hoch zur\u00fcckgegangen \u2013 obwohl diese L\u00e4nder beim Strukturwandel deutlich unterschiedliche Wege aufweisen.<\/p>\n<p><strong>Volatilit\u00e4t<\/strong>: Industriel\u00e4nder gelten als anf\u00e4lliger f\u00fcr Konjunkturkrisen. In der Tat ist die Wertsch\u00f6pfung im Industriebereich deutlich volatiler als im Servicesektor. Industriewaren sind handelbare Produkte mit einem oftmals sehr hohen Exportanteil. Das macht sie f\u00fcr die Wechsellagen der Weltwirtschaft empfindlicher. Dagegen kennt ein Teil der Dienstleistungen \u2013 etwa im Staats-, Gesundheits- und Bildungsbereich \u2013 keine oder kaum Konjunktur. Gleichwohl darf nicht ignoriert werden, dass die letzte gro\u00dfe Rezession im Kern eine Dienstleistungskrise war. Die Krise der Jahre 2008 und 2009 nahm ihren Anfang im Banken- und Immobilienbereich. Diese Probleme \u2013 vor allem die Kreditklemmen in vielen L\u00e4ndern \u2013 beeintr\u00e4chtigten schlie\u00dflich den globalen Investitionszyklus und infizierten auf diesem Weg die Industrieunternehmen. Mit Blick auf die Entwicklung in 22 fortgeschrittenen Volkswirtschaften zeigt sich zum einen kein Vorteil der Dienstleistungs\u00f6konomien hinsichtlich einer geringeren konjunkturellen Schwankungsanf\u00e4lligkeit. Auch hier gibt es sowohl in der Gruppe der Dienstleistungsl\u00e4nder als auch dort, wo die Industrie eine h\u00f6here Bedeutung einnimmt, jeweils L\u00e4nder mit einer h\u00f6heren und niedrigeren Volatilit\u00e4t. Zum anderen gibt es ebenfalls keinen klaren Zusammenhang zwischen der Richtung des Strukturwandels und der Schwankungsh\u00f6he des realen Bruttoinlandsprodukts. Dienstleistungen sch\u00fctzen nicht vor Schwankungen und Industriel\u00e4nder sind nicht per se volatiler.<\/p>\n<p>Diese Fakten zeigen, dass L\u00e4nder mit einem vergleichsweise hohen Dienstleistungs- oder Industrieanteil offensichtlich keinen Wohlstandsvorsprung haben. Auch beim Strukturwandel ist kein eindeutiges Vorteilsmuster f\u00fcr Dienstleistungs- oder Industrie\u00f6konomien zu erkennen. Die vorliegenden Befunde machen deutlich, dass es offensichtlich verschiedene Wege zum Wohlstand gibt \u2013 und nicht den alleine seelig machenden K\u00f6nigsweg. \u201eTertiarisierung f\u00fcr alle\u201c war fr\u00fcher eine falsche Orientierung f\u00fcr die einzelnen L\u00e4nder. Ebenso kann heute eine \u201eRe-Industrialisierung f\u00fcr alle\u201c eine leere Versprechung sein. Diese staatlich initiierten Entwicklungsmuster \u00fcbersehen, wie stark die historisch gepr\u00e4gten Wirtschaftsstrukturen \u2013 wie sie zum Beispiel die stark im Banken- und Versicherungsbereich aufgestellten L\u00e4nder Luxemburg und das Vereinigte K\u00f6nigreich, die vergleichsweise stark auf die Industrie ausgerichtete Wirtschaft in Deutschland, der Schweiz und \u00d6sterreich oder das ressourcenbasierte Norwegen aufweisen \u2013 die Wettbewerbsf\u00e4higkeit und den Wohlstand mitbestimmen. Unterschiedliche Wirtschaftsstrukturen spiegeln auch die gewachsene internationale Spezialisierung und Arbeitsteilung und die Faktorausstattungen der jeweiligen Volkswirtschaften wider. Die wirtschaftliche Entwicklung einer Volkswirtschaft h\u00e4ngt davon ab, ob sie ihr Produktportfolio den Gegebenheiten des Marktes anpassen kann und damit im Strukturwandel erfolgreich ist. Das gilt unabh\u00e4ngig davon, in welche Richtung dieser geht. So trivial es auch klingen mag, die Produktionsfaktoren eines Landes m\u00fcssen sowohl in der Dienstleistungs- als auch in der Industrie\u00f6konomie immer wieder in effiziente Verwendungen gelenkt werden. Das spricht f\u00fcr staatliche Rahmenbedingungen, die l\u00e4nderspezifische Unterschiede ber\u00fccksichtigen und nicht einebnen.<\/p>\n<p>Vielmehr steht zu bef\u00fcrchten, dass bei der Verfolgung von politisch gew\u00fcnschten K\u00f6nigswegen schnell der Ruf nach industriepolitischen F\u00fcllh\u00f6rnern laut wird. Die Liste der ordnungspolitischen Einw\u00e4nde ist alt: Anma\u00dfung von Wissen seitens derer, die wissen m\u00fcssen oder wollen, wohin sich die Wirtschaft zu entwickeln hat; Verschwendung von Steuergeldern bei gleichzeitiger Diskriminierung der nicht beg\u00fcnstigten Wirtschaftsbereiche, die letztlich daf\u00fcr mit Steuergeldern zahlen m\u00fcssen; m\u00f6gliche Fehlallokationen von Produktionsfaktoren bei gleichzeitigen \u00dcberkapazit\u00e4ten und Versorgungsengp\u00e4ssen an anderer Stelle.<\/p>\n<p>Der Beitrag basiert auf folgenden Artikeln:<br \/>\nGr\u00f6mling, Michael, 2015, Viele Wege zum Wohlstand, in: FAZ, Nr. 211, S. 16<br \/>\nGr\u00f6mling, Michael, 2014, L\u00e4sst sich der Aufstieg von Nationen mit dem sektoralen Strukturwandel erkl\u00e4ren?, in: ifo Schnelldienst, 67. Jg., Nr. 14, S. 3\u20137<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt verschiedene Wege zum Wohlstand. L\u00e4nder mit einem vergleichsweise hohen Dienstleistungsanteil haben keinen Wohlstandsvorsprung. 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