{"id":18093,"date":"2015-10-10T08:30:58","date_gmt":"2015-10-10T07:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18093"},"modified":"2015-10-10T08:38:02","modified_gmt":"2015-10-10T07:38:02","slug":"ordnungspolitischer-kommentarwir-brauchen-eine-bildungsoffensiveohne-gezielte-unterstuetzung-bleiben-nicht-nur-die-fluechtlinge-unter-ihren-moeglichkeiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18093","title":{"rendered":"<small>Ordnungspolitischer Kommentar<\/small><br\/>Wir brauchen eine Bildungsoffensive<br\/><font size=3; color=grey>Ohne gezielte Unterst\u00fctzung bleiben nicht nur die Fl\u00fcchtlinge unter ihren M\u00f6glichkeiten<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Um das Potenzial der vielen leistungsf\u00e4higen Fl\u00fcchtlinge zu nutzen, wird man sich in den wenigsten F\u00e4llen auf die reine Arbeitsvermittlung beschr\u00e4nken k\u00f6nnen. Vielmehr werden massive Anstrengungen in der Bildungs- und Integrationspolitik erforderlich sein, um den besonderen Umst\u00e4nden fremdsprachlicher Menschen aus anderen Kulturkreisen gerecht zu werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Eine nach arbeitsmarktpolitischen Erw\u00e4gungen gesteuerte Migration w\u00fcrde sowohl Sprachkenntnisse als auch Qualifikationsprofile der Antragsteller zu wesentlichen Auswahlkriterien erheben. \u00d6konomen analysieren in diesem Kontext die im Saldo zu erwartenden Be- oder Entlastungseffekte f\u00fcr die einheimische Wohnbev\u00f6lkerung, die unter anderem von der f\u00fcr die Einwanderer zu erwartenden Erwerbsbiografie samt Steuer- und Beitragszahlungen einerseits und Leistungsbez\u00fcgen andererseits abh\u00e4ngen. Bez\u00fcglich der Asylsuchenden stellt sich die Frage nach ihrer Integration allerdings g\u00e4nzlich anders. Ihre Qualifikations- bzw. Bildungsstruktur ist \u00e4u\u00dferst heterogen und aus guten Gr\u00fcnden eben nicht durch arbeitsmarktpolitische Erw\u00e4gungen des Aufnahmelands selektiert.<br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Eine Vermengung der beiden Themenkreise birgt die Gefahr, als \u00f6konomische Argumentation f\u00fcr eine Versch\u00e4rfung des Asylrechts missverstanden zu werden. Schlie\u00dflich erscheint es unzweifelhaft, dass die Zuwanderung von gesuchten Arbeitskr\u00e4ften f\u00fcr die bisherige Wohnbev\u00f6lkerung mit weniger Kosten und h\u00f6heren Steuer- und Beitragseinnahmen verbunden w\u00e4re, als die Zuwanderung von Menschen, deren Integration in den deutschen Arbeitsmarkt unabsehbar ist. Sofern das Asylrecht aus humanit\u00e4ren Gr\u00fcnden nicht in Frage gestellt wird, ist dabei allerdings nicht gestaltbar, wer zuwandert, sondern nur ob und mit welchen Ma\u00dfnahmen den Asylsuchenden eine Perspektive geboten wird, ihre vorhandenen Qualifikationen zu nutzen bzw. in absehbarer Zeit m\u00f6glichst gute Arbeitsmarktqualifikation zu erreichen. Investitionen in die Zuwanderer lohnen sich aus \u00f6konomischer Perspektive nicht erst dann, wenn dadurch eine im Saldo absolute Besserstellung der einheimischen Wohnbev\u00f6lkerung zu erwarten w\u00e4re, sondern bereits dann, wenn die Zuwanderer dadurch geringere Kosten oder h\u00f6here Ertr\u00e4ge erwarten lassen, als wenn man entsprechende Bem\u00fchungen unterl\u00e4sst.<\/p>\n<p><strong>Die Herausforderungen<\/strong><br \/>\nDie auf nicht \u00fcberpr\u00fcften freiwilligen Angaben beruhenden Befragungsergebnisse des Bundesamts f\u00fcr Migration und Fl\u00fcchtlinge vermitteln eine grobe Idee der Herausforderungen und Chancen: Von den zwischen Januar und August 2015 insgesamt 105.000 befragten Asylsuchenden \u00fcber 20 Jahren gaben 16,6 % an, eine Universit\u00e4t oder Fachhochschule besucht zu haben, 17,5 % ein Gymnasium und 29,7 % eine Mittelschule. Immerhin fast ein Drittel gab an, keine oder nur eine Grundschule besucht zu haben. Der Gro\u00dfteil der Schutzsuchenden spricht kein Deutsch, einige sind nicht mit dem lateinischen Alphabet vertraut. Die meisten Zuwanderer werden schnell in der Lage sein, ihren Alltag zu bew\u00e4ltigen und einfache T\u00e4tigkeiten auszu\u00fcben. Um qualifizierte Berufe auszu\u00fcben, braucht es jedoch weitaus gr\u00f6\u00dfere Anstrengungen. Fast 29 % der Personen, die im ersten Halbjahr 2015 in Deutschland einen Asylantrag stellten, waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, die zu gut qualifizierten Fachkr\u00e4ften ausgebildet werden k\u00f6nnten \u2013 wenn sich etwas in unseren Schulen \u00e4ndert. Denn bisher ist unser Schulsystem nicht gut auf Sch\u00fcler mit anderem kulturellen und fremdsprachlichen Hintergrund vorbereitet. Laut Bericht des Beauftragten der Bundesregierung f\u00fcr Migration vom Oktober 2014 sind ausl\u00e4ndische Sch\u00fcler noch immer weit \u00fcberrepr\u00e4sentiert in den Hauptschulen (27,5 % der ausl\u00e4ndischen Sch\u00fcler gegen\u00fcber 10,6 % der deutschen Sch\u00fcler) und bei denjenigen, die die Schule ohne einen Abschluss verlassen (11,6 % gegen\u00fcber 5,4 %). An Gymnasien sind sie hingegen deutlich unterrepr\u00e4sentiert (24,5 % gegen\u00fcber 48,9 %).<\/p>\n<p>Ohne entschlossene Ma\u00dfnahmen droht Deutschland, auch die neuen Zuwanderer und ihre Kinder in gro\u00dfem Ma\u00dfe in geringqualifizierte T\u00e4tigkeiten abzudr\u00e4ngen.<\/p>\n<p><strong>Die Chancen<\/strong><br \/>\nDoch die Herausforderung birgt auch gro\u00dfe Chancen: Im Zuge der jetzt erforderlichen Ma\u00dfnahmen k\u00f6nnten Strukturen entstehen, die nicht nur das Bildungspotenzial der Fl\u00fcchtlinge erschlie\u00dfen, sondern auch die Chancen f\u00fcr alle Kinder und Jugendlichen mit \u00e4hnlichen Problemen erh\u00f6hen. Deutschland hat seit Jahrzehnten verschlafen, auf die Probleme einer gro\u00dfen Zahl von Kindern und Jugendlichen systematisch zu reagieren. Die mangelhafte Anpassung unseres Bildungssystems auf die heterogenere Struktur der Sch\u00fcler trifft nicht nur Fl\u00fcchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Dasselbe gilt f\u00fcr viele Kinder deutscher Aussiedler aus Russland und f\u00fcr t\u00fcrkischst\u00e4mmige Jugendliche, f\u00fcr die Kinder der B\u00fcrgerkriegsfl\u00fcchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien sowie f\u00fcr die Kinder der Arbeitsmigranten aus Rum\u00e4nien und Bulgarien. Laut Mikrozensus 2012 wies jedes dritte in Deutschland lebende Kind unter 15 Jahren einen Migrationshintergrund auf. F\u00fcr sie alle erwachsen Chancen aus der aktuellen Herausforderung, die zu einem geeigneten Zeitpunkt eine mediale und politische Aufmerksamkeit schafft.<\/p>\n<p>Zugleich muss man vor diesem Hintergrund Ideen widersprechen, die eine Privilegierung oder Diskriminierung der Fl\u00fcchtlinge beinhalten w\u00fcrden. Die Einf\u00fchrung des gesetzlichen Mindestlohns hat die Besch\u00e4ftigungschancen f\u00fcr mit besonderen Vermittlungshemmnissen k\u00e4mpfende Arbeitslose sicher nicht erh\u00f6ht. Ausnahmen d\u00fcrften sich aber keinesfalls auf eine einzelne Gruppe beschr\u00e4nken. Die Vorrangpr\u00fcfung bei der Entscheidung \u00fcber Antr\u00e4ge auf Arbeitserlaubnis erschwert Nicht-EU-Ausl\u00e4ndern die Aufnahme einer Besch\u00e4ftigung und kann insgesamt in Frage gestellt werden. Eine Ausnahme nur f\u00fcr spezielle Gruppen m\u00fcsste jedoch gut begr\u00fcndet werden, etwa mit deren hoher Bleibewahrscheinlichkeit.<\/p>\n<p><strong>Eckpunkte und Kriterien<\/strong><br \/>\nZur Verbesserung der Integrationschancen der Zuwanderer gibt es unz\u00e4hlige Ansatzpunkte, die hier nicht er\u00f6rtert werden k\u00f6nnen. Zur systematischen Durchforstung und Bewertung der M\u00f6glichkeiten erscheinen jedoch folgende allgemeine \u00dcberlegungen hilfreich.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der politischen Bem\u00fchungen um schnellere Entscheidungsverfahren erscheint eine Differenzierung zwischen Fl\u00fcchtlingen mit einer relativ hohen und solchen mit einer nur sehr geringen Bleibewahrscheinlichkeit pragmatisch. Allerdings sollte keine gr\u00f6\u00dfere Angst vor \u201eunn\u00f6tigen\u201c Bildungsanstrengungen Raum greifen. Sofern entsprechende Strukturen etabliert werden, halten sich die zus\u00e4tzlichen Kosten f\u00fcr einzelne Teilnehmer in Grenzen. Sollten Asylsuchende in den Genuss eines Sprachkurses kommen, bevor sie Deutschland aus eigener Entscheidung oder gezwungener Ma\u00dfen doch wieder verlassen, erscheint dies weniger bedauerlich, als wenn umgekehrt Hunderttausenden der Zugang zu integrations- und sprachf\u00f6rdernden Ma\u00dfnahmen verwehrt wird, weil ihr Rechtsstatus noch nicht gekl\u00e4rt ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr Fragen der Integration ist es unerl\u00e4sslich, m\u00f6glichst fr\u00fchzeitig zu ermitteln, \u00fcber welche Bildungsabschl\u00fcsse und Berufserfahrungen die ankommenden Fl\u00fcchtlinge verf\u00fcgen, welche Sprachkenntnisse sie mitbringen und welche besonderen Begleitumst\u00e4nde, wie beispielsweise physische und psychische gesundheitliche Beeintr\u00e4chtigungen, ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Bei Fl\u00fcchtlingen mit Bleiberecht muss im zweiten Schritt eine regionale Zuteilung erreicht werden, die geeignete Integrationsma\u00dfnahmen erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Erste Schritte zur kulturellen und sprachlichen Integration m\u00fcssen m\u00f6glichst schnell nach der Zuwanderung erfolgen. Viele Asylsuchende sind voller Tatendrang und fest entschlossen, ihre Chancen wahrzunehmen. Diese Motivation muss unterst\u00fctzt und gef\u00f6rdert werden. Eine zu lange Unt\u00e4tigkeit f\u00fchrt hingegen h\u00e4ufig zu Entw\u00f6hnungs- und Resignationseffekten sowie in eine lethargische Haltung, aus der sich nicht jeder wieder zu befreien wei\u00df.<\/p>\n<p>Die Teilnahme an Sprach- und Integrationskursen sollte nicht freigestellt, sondern eine selbstverst\u00e4ndliche Pflicht sein. Dabei geht es nicht nur um den Spracherwerb, sondern zugleich auch um eine Vermittlung der Grundwerte, die diese freiheitliche Gesellschaft auszeichnen, das Land attraktiv f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge machen und deren Verst\u00e4ndnis wesentlich f\u00fcr eine Integration ist.<\/p>\n<p>Um die Chancen zu nutzen, die die Zuwanderung gebildeter oder bildungsf\u00e4higer Zuwanderer er\u00f6ffnen, gilt es, geeigneten Kandidaten die Kenntnisse zu vermitteln, die f\u00fcr h\u00f6here Schulbesuche, Ausbildungen, Studium und qualifizierte T\u00e4tigkeiten erforderlich sind. Dazu sind nicht nur langj\u00e4hrig begleitende Kurse und Unterst\u00fctzungsangebote zur allgemeinen Sprachf\u00f6rderung erforderlich. F\u00fcr Sch\u00fcler, die im Elternhaus keine hinreichende Unterst\u00fctzung zur Erledigung der Hausaufgaben erfahren, m\u00fcssen auch Angebote einer qualitativ hochwertigen Hausaufgaben- und Lernzeitenbetreuung geschaffen werden.<\/p>\n<p>Die angemahnten Bem\u00fchungen bed\u00fcrfen der Aufwendung zus\u00e4tzlicher Mittel. Die Belastung der Schulen mit neuen Aufgaben ohne eine vorherige Erh\u00f6hung der zur Verf\u00fcgung stehenden Mittel w\u00fcrde andernfalls die Schwierigkeiten versch\u00e4rfen, denen die Schulen schon heute gegen\u00fcberstehen.<\/p>\n<p>Deutschlands wirtschaftliche Lage ist ausgesprochen gut, die Besch\u00e4ftigung und die Steuereinnahmen erreichen Rekordst\u00e4nde, der \u00fcberwiegende Teil der deutschen Wahlb\u00fcrger steht den Zuwanderern offen gegen\u00fcber. Wir schaffen das. Wenn wir wollen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Dieser Text ist auch als Ausgabe Nr. 10\/2015 der Reihe <a href=\"http:\/\/www.iwp.uni-koeln.de\/fileadmin\/contents\/dateiliste_iwp-website\/publikationen\/OK\/OK_10_2015.pdf\">Ordnungspolitischer Kommentar<\/a> des Instituts f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und des Otto-Wolff-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsordnung erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um das Potenzial der vielen leistungsf\u00e4higen Fl\u00fcchtlinge zu nutzen, wird man sich in den wenigsten F\u00e4llen auf die reine Arbeitsvermittlung beschr\u00e4nken k\u00f6nnen. 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