{"id":18238,"date":"2015-11-04T00:01:00","date_gmt":"2015-11-03T23:01:00","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18238"},"modified":"2015-11-03T18:46:21","modified_gmt":"2015-11-03T17:46:21","slug":"ordnungspolitischer-kommentarverhaltensforscher-im-kanzleramtnicht-nur-wirksam-sondern-auch-transparent-regieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18238","title":{"rendered":"<small>Ordnungspolitischer Kommentar<\/small><br\/>Verhaltensforscher im Kanzleramt<br\/><font size=3; color=grey>Nicht nur wirksam, sondern auch transparent regieren<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Vor ungef\u00e4hr einem Jahr hat das Bundeskanzleramt drei ungew\u00f6hnliche Stellen ausgeschrieben: Gesucht wurden Forscher verschiedener Fachrichtungen, die die Bundesregierung dabei unterst\u00fctzen sollen \u201ewirksam zu regieren\u201c. Presseberichten zufolge haben Anfang des Jahres neue Mitarbeiter, die alle einen psychologischen oder verhaltenswissenschaftlichen Hintergrund haben, die Arbeit im Bundeskanzleramt aufgenommen. Zeit sich zu fragen: Was genau machen diese Leute dort eigentlich?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Informationen zu der T\u00e4tigkeit dieses Beraterteams werden bislang nur sehr begrenzt \u00f6ffentlich. Verschiedene Andeutungen vermitteln jedoch eine Ahnung davon, was sich die Bundesregierung von ihrem Team verspricht. So verwies der stellvertretende Regierungssprecher Georg Streiter vergangenes Jahr auf die wissenschaftliche Erkenntnis, dass \u201eviele Menschen so handeln, dass es ihren eigenen Interessen widerspricht\u201c. Vor diesem Hintergrund sei es Aufgabe des Teams, im Rahmen der Strategie \u201ewirksam regieren\u201c verhaltens\u00f6konomische Techniken auszuprobieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Verhaltens\u00f6konomische Erkenntnisse in der politischen Praxis<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In den letzten Jahren hat sich die Politik in vielen L\u00e4ndern die Erkenntnisse von Verhaltensforschern zu Nutze gemacht. So gibt es beispielsweise in den USA das \u201eSocial and Behavioral Sciences Team\u201c, in D\u00e4nemark ein \u201eMind Lab\u201c und in Gro\u00dfbritannien das \u201eBehavioural Insights Team\u201c. Letzteres wird von britischen Medien auch als \u201eNudge Unit\u201c bezeichnet. Gew\u00e4hlt wurde dieser Name in Anlehnung an das Buch \u201eNudge \u2013 wie man kluge Entscheidungen anst\u00f6\u00dft\u201c von Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein. Deren Kernbotschaft ist, dass sich Menschen h\u00e4ufig nicht rational verhalten w\u00fcrden und dass bereits kleine Ver\u00e4nderungen einer Entscheidungssituation (\u201eNudges\u201c) helfen k\u00f6nnten, irrationales Verhalten zu vermeiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Grundlage f\u00fcr solche Thesen sind verhaltens\u00f6konomische Forschungsergebnisse. Verhaltens\u00f6konomen versuchen herauszufinden, inwiefern Individuen systematisch anders handeln, als es in den meisten \u00f6konomischen Modellen angenommen wird. Und tats\u00e4chlich lassen sich weitverbreitete Verhaltensmuster aufdecken, die \u2013 zumindest auf den ersten Blick \u2013 nicht unbedingt dem entsprechen, was man von vollst\u00e4ndig rationalen Individuen erwarten w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00e4ufig diskutiert wird beispielsweise die Wirkung von \u201eDefaults\u201c, also bestimmten Standards, die das Verhalten beeinflussen. Als Beispiel dient die Organspende: Wissenschaftler haben dokumentiert, dass der Anteil der Bev\u00f6lkerung, der f\u00fcr eine Organspende zur Verf\u00fcgung steht, meist bei \u00fcber 90% liegt, wenn all diejenigen automatisch Spender sind, die nicht ausdr\u00fccklich widersprochen haben. Ist die Gesetzeslage in einem Land hingegen so, dass ein Organspendeausweis ausgef\u00fcllt werden muss, um zum Spender zu werden, ist der Anteil deutlich niedriger. So wird er beispielsweise f\u00fcr Deutschland auf 12% gesch\u00e4tzt. Wenn man nicht unterstellt, dass sich die Pr\u00e4ferenzen hinsichtlich der Organspende in diesem Ma\u00dfe unterscheiden, scheinen Defaults starke Auswirkungen auf individuelle Entscheidungen zu haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein weiteres Beispiel ist das Sparverhalten bei der privaten Altersvorsorge. Es gibt Hinweise, dass viele Menschen mehr sparen w\u00fcrden, wenn sie zu einem fr\u00fchen Zeitpunkt einmal entscheiden m\u00fcssten, wie viel sie zuk\u00fcnftig sparen wollen, als wenn sie jeden Tag eine neue Sparentscheidung treffen. Diese Inkonsistenz wird auf eine \u00fcberm\u00e4\u00dfig hohe Wertsch\u00e4tzung f\u00fcr heutigen Konsum gegen\u00fcber sp\u00e4terem Konsum zur\u00fcckgef\u00fchrt. Die amerikanische Regierung schreibt einen Teil ihrer Mitarbeiter automatisch in freiwillige Sparpl\u00e4ne f\u00fcr die Altersvorsorge ein. Diese sparen mehr als andere Mitarbeiter. Auch hierbei ist der Default relevant: W\u00e4hrend die einen von sich aus aktiv dem Sparplan beitreten k\u00f6nnen, erfordert f\u00fcr die anderen der Austritt eine aktive Handlung.<br \/>\nMan mag sich in diesen Verhaltensmustern mehr oder weniger wiederfinden \u2013 Tatsache ist, dass sie sich in der Realit\u00e4t beobachten lassen. So bezweifeln auch die wenigsten \u00d6konomen, dass sich Menschen nicht immer so verhalten, wie es ein einfaches Modell des \u201ehomo oeconomicus\u201c erwarten lassen w\u00fcrde \u2013 auch diejenigen nicht, die dennoch von der N\u00fctzlichkeit des Konzeptes \u00fcberzeugt sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Weniger klar ist jedoch, was aus den beobachteten Verhaltensmustern gefolgert werden kann: Ist es vielleicht f\u00fcr viele Menschen mit sehr viel Anstrengung verbunden, \u00fcber existenzielle Fragen nachzudenken und einen Organspendeausweis auszuf\u00fcllen? Dann k\u00f6nnte es rational sein, darauf zu verzichten. F\u00e4llt es einigen eventuell aus moralischen Gr\u00fcnden schwerer aktiv \u201eNein\u201c als \u201eJa\u201c zur Organspende zu sagen? Dann w\u00e4re es nicht einfach festzustellen, was die eigentliche Pr\u00e4ferenz ist. Oder handeln manche am Ende wirklich entgegen der eigenen Pr\u00e4ferenzen? M\u00f6gliche Erkl\u00e4rungen gibt es viele.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>W\u00fcnschenswerte Hilfestellung oder gef\u00e4hrliche Manipulation?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Dem \u201elibert\u00e4ren Paternalismus\u201c, wie Sunstein und Thaler ihr Konzept auch nennen, liegt die Annahme zugrunde, dass Menschen sich tats\u00e4chlich in vielen Situationen nicht zu ihrem eigenen Besten verhalten. Bef\u00fcrworter des \u201eNudging\u201c raten deshalb dazu, solche Situationen so umzugestalten, dass \u201ebessere\u201c Entscheidungen leichter fallen. Zumal man den B\u00fcrgern ja keine bestimmte Entscheidung aufzwingen w\u00fcrde, wenn man lediglich kleine Hilfestellungen gibt. Zugrunde gelegt werden dabei die Pr\u00e4ferenzen, die der Mehrheit der Bev\u00f6lkerung unterstellt werden. So werden beispielweise Strategien entwickelt, die bei einer gesunden Ern\u00e4hrung, einem sportlichen Lebensstil oder eben der Altersvorsorge helfen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Unterstellung, dass Menschen ihren eigenen Pr\u00e4ferenzen zuwiderhandeln, vertr\u00e4gt sich allerdings schlecht mit einem liberalen Menschenbild: Solange man davon ausgeht, dass jeder selbst am besten wei\u00df, welche Bed\u00fcrfnisse und W\u00fcnsche er hat, fehlt schlicht der Ma\u00dfstab, um ein bestimmtes Verhalten irrational zu nennen. Kritiker des libert\u00e4ren Paternalismus lehnen deshalb eine Manipulation des Verhaltens ab. Ob man ein gesundheitsbewusstes, sportliches und sparsames Leben f\u00fchren wolle, m\u00fcsse jedem selbst \u00fcberlassen sein. Niemand k\u00f6nne sich anma\u00dfen, dies f\u00fcr andere zu entscheiden. Zudem sei nicht gesagt, dass mit der Manipulation ausschlie\u00dflich das Ziel verfolgt wird, die B\u00fcrger in deren eigenem Sinne zu beeinflussen. Vielmehr best\u00fcnde die Gefahr, dass die Manipulation im Dienste der Interessen anderer erfolgt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Das vielleicht interessanteste Argument der Bef\u00fcrworter des libert\u00e4ren Paternalismus lautet, dass die Beeinflussung des Verhaltens in vielen F\u00e4llen unvermeidbar sei. So gibt es beispielsweise Anhaltspunkte daf\u00fcr, dass Menschen in Entscheidungssituationen tendenziell die erste Option w\u00e4hlen, die ihnen angeboten wird. Dies kann f\u00fcr die Auswahl zwischen mehreren Gerichten in der Kantine aber auch f\u00fcr ein b\u00fcrokratisches Formular gelten. Erst angesichts dieser Unvermeidbarkeit ergebe sich die Notwendigkeit, verhaltens\u00f6konomische Erkenntnisse in staatliches Handeln zu integrieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Nun k\u00f6nnte man argumentieren, dass man \u2013 selbst wenn dies f\u00fcr manche Entscheidungssituationen gilt \u2013 zumindest Defaults durch offene Fragen ersetzen sollte: Warum nicht einfach jeden B\u00fcrger fragen, ob er Organspender sein m\u00f6chte und eine Antwort erzwingen? Doch auch damit scheint man nicht auf der sicheren Seite zu sein: Studien weisen darauf hin, dass manche Menschen eine Abneigung gegen Entscheidungen als solche haben. Der Zwang eine Entscheidung zu treffen k\u00f6nnte also gegebenenfalls am Ende einige schlechter stellen als der Default.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Transparenz sollte oberste Priorit\u00e4t haben<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">In einer Demokratie dr\u00e4ngt sich die Frage auf, welche L\u00f6sungen sich die B\u00fcrger von ihren Politikern in solchen Situationen w\u00fcnschen. Denkbar scheint sowohl, dass einige kleine Hilfestellungen begr\u00fc\u00dfen w\u00fcrden, als auch dass die Mehrheit jegliche Manipulation des Verhaltens ablehnt. M\u00f6glich w\u00e4re es schlie\u00dflich auch, per Zufallsgenerator zu entscheiden, welche Option in einem Formular als erstes genannt wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Damit die verschiedenen Meinungen im politischen Prozess Ber\u00fccksichtigung finden k\u00f6nnen, m\u00fcsste die Regierung den Einsatz verhaltens\u00f6konomischer Erkenntnisse in jedem Einzelfall zur Diskussion stellen. W\u00e4re die Arbeit der verhaltenswissenschaftlichen Beraterteams vollst\u00e4ndig transparent, w\u00e4re es m\u00f6glich, sich \u00fcber dessen Rolle eine Meinung zu bilden und diese im politischen Prozess zum Ausdruck zu bringen. Eine st\u00e4rkere Transparenz w\u00fcrde zudem die Wahrscheinlichkeit verringern, dass jemand entgegen seiner Pr\u00e4ferenzen von einem Default beeinflusst wird. So w\u00fcrde auch die Gefahr sinken, dass die Manipulation zum Instrument fremder Interessen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die neue Strategie der Bundesregierung, \u201ewirksam zu regieren\u201c, erscheint als solche kaum verwerflich. Wenn dabei zuk\u00fcnftig verhaltens\u00f6konomische Erkenntnisse eingesetzt werden sollen, muss das weder unbedingt jeder gut noch unbedingt jeder schlecht finden. Damit jedoch diese Haltungen zum Ausdruck gebracht und damit einzelne Ma\u00dfnahmen und die damit verbundenen Ziele kritisch hinterfragt werden k\u00f6nnen, sollte eine solche Strategie transparent und \u00fcberpr\u00fcfbar sein. Zuk\u00fcnftig w\u00fcnschenswert w\u00e4ren also mehr Informationen als die Andeutungen, die sich bislang zur Arbeit der Verhaltensforscher im Bundeskanzleramt finden lassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Dieser Text ist zugleich als Ausgabe Nr. 11\/2015 der Reihe <a href=\"http:\/\/www.iwp.uni-koeln.de\/publikationen\/ordnungspolitischer-kommentar\/\">Ordnungspolitischer Kommentar <\/a>des Instituts f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und des Otto-Wolff-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsordnung erschienen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Blog-Beitr\u00e4ge zum Thema:<\/strong><\/p>\n<p id=\"post-18066\">Jan Schnellenbach: <a title=\"Permanent Link: Neuer Paternalismus in der Praxis&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Unspektakul\u00e4r, aber trotzdem problematisch&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18066\" rel=\"bookmark\">Neuer Paternalismus in der Praxis. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Unspektakul\u00e4r, aber trotzdem problematisch<\/span><\/a><\/p>\n<p id=\"post-18051\">Christian Schubert: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Gastbeitrag&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;\u201eMehr Psychologie wagen!\u201c&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Warum eine psychologisch informierte VWL gute Argumente gegen staatlichen Interventionismus liefert&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18051\" rel=\"bookmark\">\u201eMehr Psychologie wagen!\u201c <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Warum eine psychologisch informierte VWL gute Argumente gegen staatlichen Interventionismus liefert<\/span><\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor ungef\u00e4hr einem Jahr hat das Bundeskanzleramt drei ungew\u00f6hnliche Stellen ausgeschrieben: Gesucht wurden Forscher verschiedener Fachrichtungen, die die Bundesregierung dabei unterst\u00fctzen sollen \u201ewirksam zu regieren\u201c. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18238\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<small>Ordnungspolitischer Kommentar<\/small><br \/>Verhaltensforscher im Kanzleramt<br \/><font size=3; color=grey>Nicht nur wirksam, sondern auch transparent regieren<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":218,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1210,2050],"tags":[81,2007],"class_list":["post-18238","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-paternalistisches","category-verhaltensoekonomisches","tag-paternalismus","tag-verhaltensoekonomik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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