{"id":18328,"date":"2015-11-19T06:37:29","date_gmt":"2015-11-19T05:37:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18328"},"modified":"2015-11-19T06:49:35","modified_gmt":"2015-11-19T05:49:35","slug":"das-verbot-gewerbsmaessiger-sterbehilfeeine-antwort-auf-hartmut-kliemt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18328","title":{"rendered":"<small>Sterbehilfe (2)<\/small><br\/>Das Verbot gewerbsm\u00e4\u00dfiger Sterbehilfe<br\/><font size=3; color=grey>Eine Antwort auf Hartmut Kliemt<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Der amerikanische \u00d6konom Tyler Cowen schreibt regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber \u201e<a href=\"http:\/\/marginalrevolution.com\/?s=markets+in+everything\">markets in everything<\/a>\u201c\u009d. Er zeigt dann anhand vieler Beispiele, da\u00df, wo immer es eine zahlungskr\u00e4ftige Nachfrage gibt, fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch Anbieter auftauchen. M\u00e4rkte bilden sich spontan heraus, das ist ihre St\u00e4rke.<\/p>\n<p>Andererseits ist das nat\u00fcrlich auch ein Problem, denn diese spontanen M\u00e4rkte bilden sich auch dort, wo die Gesellschaft sie, oft aus guten Gr\u00fcnden, lieber nicht sehen m\u00f6chte. Ob harte Drogen, Kriegswaffen, oder noch Schlimmeres, die M\u00e4rkte sind da. Sie sind informal und oft versteckt, aber es gibt sie.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Regierungen, die den Handel mit einem Gut oder einer Dienstleistung verbieten, erreichen n\u00fcchtern betrachtet zwei Dinge: Sie erh\u00f6hen erstens die Transaktionskosten der Nutzung des betreffenden Marktes, so da\u00df die gehandelte Menge zur\u00fcckgeht und die Preise steigen. Und zweitens senden sie ein Signal in die Gesellschaft: Was auf diesen informalen M\u00e4rkten passiert, ist unerw\u00fcnscht. Wer sich dort bewegt und erwischt wird, mu\u00df mit juristischen Strafen und gesellschaftlicher \u00c4chtung rechnen.<\/p>\n<p>K\u00fcrzlich <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18259\">kritisierte auf diesem Blog Hartmut Kliemt die neuen Regelungen zur aktiven Sterbehilfe<\/a>, die das kommerzielle, gewerbsm\u00e4\u00dfige Angebot von Sterbehilfe unter Strafe stellen. Der wesentliche Kritikpunkt ist dabei, da\u00df das neue Gesetz es auch denjenigen \u00c4rzten, die aktive Sterbehilfe mit ihrem individuellen Gewissen vereinbaren k\u00f6nnten, verbiete, ein solches Angebot zu machen. Das sei, so Hartmut Kliemt, \u201e moralische Selbstherrlichkeit und mangelnder Respekt vor den \u00dcberzeugungen anderer\u201c\u009d.<\/p>\n<p>Das Argument der moralischen Selbstherrlichkeit w\u00e4re zutreffend, wenn es keine \u00fcber die individuelle Gewissensentscheidung hinausgehenden guten Gr\u00fcnde f\u00fcr das Verbot gewerbsm\u00e4\u00dfer Sterbehilfe g\u00e4be. Wenn also der Staat hier tats\u00e4chlich tief in die Privatsph\u00e4re seiner B\u00fcrger intervenieren w\u00fcrde, ohne da\u00df dies durch das Ziel gerechtfertigt w\u00e4re, damit ein erhebliches gesellschaftliches \u00dcbel zu verhindern. Ob das der Fall ist, kann aus \u00f6konomischer Sicht aber nur beantwortet werden, indem man sich die Anreize anschaut, die von alternativen Regelordnungen gesetzt werden.<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Kaube hat in der Frankfurter Allgemeinen vom 5. November ein Argument zur Sterbehilfe gebracht, das mir so stichhaltig erscheint, da\u00df ich den entsprechenden Abschnitt ausnahmsweise einmal vollst\u00e4ndig zitieren will:<\/p>\n<p><i>Das Argument derer, die aus dem Selbstbestimmungsrecht von Personen eine Straffreiheit von organisierter Beihilfe zum Selbstmord ableiten, beruht auf einem Denkfehler. Die Gesellschaft bestehe aus freien Individuen, sagen sie. Aber das Problem beim assistierten Selbstmord ist ja gerade, dass manche von der Freiheit zum Suizid, die sie haben, ohne Hilfe nicht Gebrauch machen k\u00f6nnen oder wollen. Freiheit als Recht zu behandeln, wo sie niemand anderem schadet, geh\u00f6rt zum Kern einer liberalen Ordnung. Doch wer einen anderen braucht, um sich selbst zu t\u00f6ten, hat freiwillig oder unfreiwillig den Umkreis schlichter Entgegensetzungen von freiheitlichem und rechtlich zustimmungspflichtigem Handeln verlassen. Dann geht der Tod der Lebensm\u00fcden, auf den sie mit einer merkw\u00fcrdigen Formulierung \u201eein Recht\u201c\u009d zu haben beanspruchen, eben nicht mehr nur sie selbst etwas an. (<a href=\"http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/debatten\/sterbehilfe-kein-wille-geschehe-13894295.html\">Quelle<\/a>)<\/i><\/p>\n<p>Man kann sich dieser Schlu\u00dffolgerung auch aus einer anderen Richtung ann\u00e4hern. Es gibt kein Staatsziel der Maximierung von Lebensjahren. In einer liberalen Gesellschaft kann jeder B\u00fcrger mit seinem Leben tun, was er m\u00f6chte, solange er damit niemand anderem schadet. Er kann sein Leben durch Risikosportarten gef\u00e4hrden, durch Rauchen oder durch ungesunde Ern\u00e4hrung, oder er kann, wenn er seines Lebens \u00fcberdr\u00fcssig ist, auch Suizid begehen. Sobald wir \u00fcber aktive Sterbehilfe sprechen, gehen wir aber den Schritt von der Souver\u00e4nit\u00e4t des einzelnen B\u00fcrgers hin zu einem Vertragsverh\u00e4ltnis zwischen zumindest zwei Personen. Wir betreten einen, wie auch immer gearteten, Markt.<\/p>\n<p>Im Fall einer legalisierten aktiven Sterbehilfe ist der Staat im Spiel. Er erlaubt einen Vertragsschlu\u00df und setzt diesen Vertrag durch, er senkt auf diesem besonderen Markt die Transaktionskosten und erleichtert seine Nutzung. Das ist die eine, selbstvers\u00e4ndliche Seite, die von den Bef\u00fcrwortern legaler Sterbehilfe ja auch explizit gewollt ist. Die andere Seite ist aber, da\u00df es gar nicht anders geht, als da\u00df der Staat damit die aktive Sterbehilfe aus ihrer moralischen Ambivalenz herausholt, sein Plazet gibt und ein eindeutiges Signal in die Gesellschaft sendet: Das ist schon in Ordnung, vielleicht sogar erw\u00fcnscht. Wird ein bisher informaler Markt in die Legalit\u00e4t geholt, so beeinflu\u00dft dies notwendigerweise auch die gesellschaftliche Wahrnehmung der auf diesem Markt gehandelten G\u00fcter und Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Man sollte nat\u00fcrlich stets vorsichtig sein mit der Prognose, da\u00df man sich mit einer bestimmten politischen Entscheidung auf eine absch\u00fcssige Ebene begibt, auf der man problematischen Fernwirkungen entgegen rutscht, aber in diesem Fall gibt es zumindest Erfahrungen aus anderen L\u00e4ndern. Die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2015\/18\/sterbehilfe-liberalisierung-niederlande-hausarzt\/seite-4\">Euthanasie-Kultur, die sich etwa in den Niederlanden herausbildet<\/a>, erscheint durchaus be\u00e4ngstigend. Die straffreie T\u00f6tung von Neugeborenen und Kindern ist unter gewissen Umst\u00e4nden inzwischen m\u00f6glich, die legale Sterbehilfe f\u00fcr Gesunde, aber Lebensm\u00fcde wird diskutiert (in Belgien ist man da <a href=\"http:\/\/www.focus.de\/politik\/ausland\/sterbehilfe-wegen-selbstmordwunsch-sie-ist-24-jahre-gesund-und-will-sterben-und-die-aerzte-helfen-ihr-dabei_id_4781156.html\">schon einen Schritt weiter<\/a>). Und vor allem wandelt sich der Umgang der B\u00fcrger mit der Option Sterbehilfe; zunehmend wird an Schwerstkranke die Erwartung herangetragen, der Sache doch ein Ende zu machen. Es entwickelt sich mit der Zeit eine Routine: <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/gesundheit\/diagnose\/sterbehilfe-studien-bilanz-der-todeswuensche-in-belgien-und-holland-a-1047585.html\">die Nachfrage steigt, die Quote der Genehmigungen ebenso<\/a>.<\/p>\n<p>Die bisher vorhandene, nat\u00fcrlich zugegeben sp\u00e4rliche Erfahrung mit legaler Sterbehilfe ist also so, da\u00df man zumindest die Gefahr nicht ganz von der Hand weisen kann, da\u00df mit der Etablierung eines legalen Marktes f\u00fcr Sterbehilfe ein gesellschaftlicher Wandel ausgel\u00f6st werden kann, der zu dem f\u00fchrt, was Johannes Paul II. eine \u201e<a href=\"http:\/\/w2.vatican.va\/content\/john-paul-ii\/de\/encyclicals\/documents\/hf_jp-ii_enc_25031995_evangelium-vitae.html\">Kultur des Todes<\/a>\u201c\u009d nannte. Es geht hier eben nicht einfach nur um individuelle Autonomie oder Vertragsfreiheit, sondern um eine Lockerung des T\u00f6tungsverbotes. Es ist egal, wie vorsichtig man dieses Verbot lockern m\u00f6chte \u2013 wenn man es tut, wagt man immer ein gef\u00e4hrliches Spiel mit den tief sitzenden Wurzeln unserer Zivilisation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der amerikanische \u00d6konom Tyler Cowen schreibt regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber \u201emarkets in everything\u201c\u009d. 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