{"id":18430,"date":"2015-12-23T00:01:31","date_gmt":"2015-12-22T23:01:31","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18430"},"modified":"2015-12-23T06:44:51","modified_gmt":"2015-12-23T05:44:51","slug":"ordnungspolitischer-kommentarverschenken-oder-verkaufenwie-gemeinnuetzige-organisationen-mit-den-kleiderspenden-umgehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18430","title":{"rendered":"<small>Ordnungspolitischer Kommentar<\/small><br\/>Verschenken oder verkaufen?<br\/><font size=3; color=grey>Wie gemeinn\u00fctzige Organisationen mit den Kleiderspenden umgehen<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Im Zuge der Fl\u00fcchtlingskrise und gerade auch in der Weihnachtszeit haben viele Menschen das Bed\u00fcrfnis, etwas Gutes zu tun. Kleiderspenden sind dabei ein beliebtes Mittel. \u00dcber neun Kilogramm spendet jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr. Dabei scheinen die meisten davon auszugehen, dass zumindest Hilfsorganisationen die gesammelten Kleider direkt an Bed\u00fcrftige verschenken. Dem ist nicht so: Auch gemeinn\u00fctzige Organisationen verkaufen einen Gro\u00dfteil der Kleiderspenden an kommerzielle Verwerter. Viele Menschen reagieren verunsichert, wenn sie vom Weiterverkauf erfahren, und stellen sich die Frage, ob sie mit ihrer Spende \u00fcberhaupt etwas Gutes tun. W\u00e4re es nicht besser, wenn die Organisationen die Spenden verschenken? Oder sollte man sogar lieber ganz auf die Spende verzichten?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Warum Kleider gespendet werden<\/strong><\/p>\n<p>Welche Motive hinter den Spenden liegen, mag von Spender zu Spender unterschiedlich sein. Die einen spenden zurzeit m\u00f6glicherweise, um den Fl\u00fcchtlingen in Deutschland oder Menschen in Entwicklungsl\u00e4ndern zu helfen. Die anderen wollen vielleicht Ressourcen schonen oder spenden ihre Kleidung einfach aus Gewohnheit. Es ist jedenfalls verst\u00e4ndlich, wenn es die Menschen beunruhigt, dass bspw. das Deutsche Rote Kreuz 2013 nur etwa 5 % der gesammelten Kleider kostenlos an Bed\u00fcrftige verteilt hat. Es ist zwar anzunehmen, dass sie durch den h\u00f6heren Bedarf der Fl\u00fcchtlinge zurzeit mehr Kleidung kostenlos abgeben. Einen Gro\u00dfteil der Spenden verkaufen jedoch sowohl kommerzielle als auch gemeinn\u00fctzige Organisationen an Verwertungsunternehmen. Diese sortieren die Altkleider zun\u00e4chst und verkaufen die tragbaren Kleider (sch\u00e4tzungsweise 30 &#8211; 60 %) anschlie\u00dfend weiter, u. a. in afrikanische L\u00e4nder. Der Rest geht z. B. an Recyclingunternehmen. Der Unterschied zwischen gemeinn\u00fctzigen Organisationen und kommerziellen Kleidersammlern besteht somit haupts\u00e4chlich in der Verwendung der Gewinne.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der Verkauf der Kleiderspenden ist effizient<\/strong><\/p>\n<p>Aus Sicht der Spender muss es jedoch nicht unbedingt verwerflich sein, dass auch Hilfsorganisationen nur einen kleinen Teil der abgegebenen Kleidungsst\u00fccke kostenlos verteilen. So ist zum einen die Spendenbereitschaft so gro\u00df, dass Fl\u00fcchtlinge oder andere Hilfsbed\u00fcrftige in Deutschland nur einen Bruchteil der Kleidung ben\u00f6tigen. Zum anderen entsprechen die gespendeten Kleidungsst\u00fccke nicht immer dem Bedarf der Hilfesuchenden, da z. B. Kleidergr\u00f6\u00dfen nicht \u00fcbereinstimmen. F\u00fcr den \u00dcberschuss m\u00fcssten die Organisationen daher auf jeden Fall andere Verwendungsm\u00f6glichkeiten finden.<\/p>\n<p>Nun k\u00f6nnte man argumentieren, dass die gemeinn\u00fctzigen Organisationen die Altkleider, die in Deutschland nicht gebraucht werden, direkt an Bed\u00fcrftige in Entwicklungsl\u00e4ndern verteilen sollen. Aber auch hier stellt sich die Frage, ob die Menschen in Syrien oder in den Fl\u00fcchtlingslagern die Kleidung \u00fcberhaupt brauchen. Vielleicht w\u00e4ren die Menschen zwar dankbar \u00fcber die Kleidung. Wenn sie jedoch die Wahl h\u00e4tten, w\u00fcrden sie etwas anderes bevorzugen (z. B. sauberes Wasser oder Hygieneartikel). Bei einem Verkauf k\u00f6nnen die Organisationen die Einnahmen theoretisch gezielter f\u00fcr das verwenden, was die Menschen tats\u00e4chlich ben\u00f6tigen. So hat das Deutsche Rote Kreuz 2013 durch den Verkauf der Kleiderspenden einen \u00dcberschuss von 13,5 Millionen Euro erzielt. Mit dem Erl\u00f6s und sonstigen Spendengeldern finanziert es dann bspw. die Verteilung von Hilfspaketen an ankommende Fl\u00fcchtlinge auf den griechischen Inseln. Es kann somit durchaus effizient sein, wenn die Organisationen die Kleidung verkaufen. Im Unterschied zu der direkten Verwendung von Kleiderspenden, k\u00f6nnen die Spender allerdings nicht mehr selber entscheiden, wem sie womit helfen. Wenn ein Spender eigentlich den Fl\u00fcchtlingen in seinem Heimatort mit einem warmen Mantel helfen will und zus\u00e4tzlich mit anderen Projekten der Organisation nicht einverstanden ist, wird er den Verkauf der Kleiderspenden nicht bef\u00fcrworten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Auswirkungen des Altkleiderimports auf die Konsumenten in Afrika<\/strong><\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich ist es f\u00fcr die Spender relevant zu wissen, welche Auswirkungen der Verkauf der Spenden auf die L\u00e4nder hat, die die Altkleider importieren, z. B. afrikanische Staaten. Vielleicht schadet der Verkauf ja sogar den Menschen, denen ein Teil der Spender eigentlich helfen will. Aus Sicht der Konsumenten von Altkleidern in afrikanischen L\u00e4ndern ist diese Bef\u00fcrchtung zun\u00e4chst zu verneinen. Da die Altkleider bei den Konsumenten sehr beliebt sind und sie sich somit freiwillig f\u00fcr den Kauf entscheiden, ist in einem ersten Schritt davon auszugehen, dass sie von dem Verkauf profitieren. Im Umkehrschluss bedeutet ein geringeres Angebot an Altkleidern, dass die Konsumenten attraktive Angebote verlieren und somit ein Gro\u00dfteil der Bev\u00f6lkerung negativ betroffen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Neben dem Argument der effizienteren Verwendbarkeit der Erl\u00f6se aus dem Verkauf der Spenden, gibt es noch eine weitere Begr\u00fcndung, die gegen eine kostenlose Verteilung der Kleiderspenden an die afrikanischen Bev\u00f6lkerungen sprechen k\u00f6nnte. So wird bef\u00fcrchtet, dass zumindest eine dauerhafte und massenhafte Verteilung der Kleidung eine sch\u00e4dliche Erwartungshaltung der afrikanischen Bev\u00f6lkerungen an den Westen f\u00f6rdert. Diese Erwartungshaltung k\u00f6nnte zum einen das ohnehin bestehende Abh\u00e4ngigkeitsgef\u00fchl vieler Afrikaner gegen\u00fcber den westlichen L\u00e4ndern st\u00e4rken und zum anderen k\u00f6nnte es die Handlungsanreize der Beschenkten verringern. Dies w\u00e4re z. B. der Fall, wenn sich die Menschen darauf verlassen, Kleidung geschenkt zu bekommen und sich nicht mehr selbst f\u00fcr den Erwerb verantwortlich f\u00fchlen &#8211; auch wenn sie die M\u00f6glichkeiten dazu h\u00e4tten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Auswirkungen auf die Textilproduzenten in Afrika<\/strong><\/p>\n<p>Sowohl der Verkauf als auch das kostenlose Verteilen der Altkleider hat jedoch nicht nur Einfluss auf die Konsumenten der importierenden L\u00e4nder, sondern auch auf die Textilproduzenten und die dort potenziell besch\u00e4ftigten Arbeitnehmer. Denn die importierte gebrauchte Kleidung steht in Konkurrenz zu den heimischen Erzeugnissen. Aus diesem Grund haben mehrere L\u00e4nder in Afrika den Import von Altkleidern verboten bzw. diskutieren solche Verbote. Grundlage f\u00fcr dieses Handeln ist der Zusammenbruch der afrikanischen Textilindustrie in den 1990er Jahren, welcher haupts\u00e4chlich auf die Erlaubnis des Imports von Altkleidern und auf die gleichzeitige Liberalisierung des Handels mit Neuware zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. Vor diesem Hintergrund stellt sich somit erneut die Frage, ob der Import der Kleiderspenden sch\u00e4dlich ist (egal, ob diese verkauft oder verschenkt werden) und ob die Spender somit besser von ihrer Spende absehen sollten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Auswirkungen eines Importstopps<\/strong><\/p>\n<p>Vermutlich w\u00fcrde sich die Textilindustrie nicht automatisch erholen, wenn Deutschland und andere westliche L\u00e4nder keine gebrauchten Kleider mehr in die afrikanischen Staaten verkaufen. Denn nur weil kein Altkleiderhandel mehr stattfindet, steigt nicht automatisch der Verkauf von Kleidung aus einheimischer Produktion. Falls z. B. der Import von neuwertiger Kleidung weiterhin erlaubt ist, k\u00f6nnte es auch zu steigenden Importen aus Asien kommen. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Produzenten in Bangladesch oder Indien aufgrund besserer Rahmenbedingungen (z. B. niedrigere L\u00f6hne und Stromkosten) g\u00fcnstiger produzieren als die afrikanische Konkurrenz. Gewinnen w\u00fcrden dann nicht die afrikanischen Produzenten und Arbeitnehmer, sondern die Anbieter aus Asien.<\/p>\n<p>Wenn daher einige L\u00e4nder das Ziel haben, ihre Textilindustrie zu f\u00f6rdern, hilft ein Importstopp von Altkleidern alleine vermutlich nicht. Zus\u00e4tzlich m\u00fcssten die Staaten Importverbote oder h\u00f6here Z\u00f6lle auf Textilimporte einf\u00fchren. Um zuk\u00fcnftig erfolgreich zu sein, m\u00fcssten sich in einigen L\u00e4ndern vermutlich auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern. Denn das Ziel solcher Schutzma\u00dfnahmen ist es, die Industrie eines Landes nur so lange vor internationaler Konkurrenz abzuschirmen, bis diese wettbewerbsf\u00e4hig ist. Ob solche Ma\u00dfnahmen von den afrikanischen L\u00e4ndern ergriffen werden und inwieweit dieses Vorgehen tats\u00e4chlich erfolgsversprechend w\u00e4re, l\u00e4sst sich nicht ohne weiteres absch\u00e4tzen. Jedenfalls haben die Spender in Deutschland darauf keinen Einfluss. Kleidung nicht mehr zu spenden, um die afrikanische Textilindustrie zu f\u00f6rdern, ist somit nicht zielf\u00fchrend. Es entzieht aber den Organisationen bedeutende Mittel zur Finanzierung von humanit\u00e4ren Hilfsaktionen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Ob die Spender den Verkauf abgegebener Kleidungsst\u00fccke durch gemeinn\u00fctzige Organisationen guthei\u00dfen, h\u00e4ngt daher vor allem davon ab, wem sie mit ihrer Spende wodurch helfen wollen. Solange die Spender mit der Verwendung der Erl\u00f6se durch die Organisationen einverstanden sind, erscheint der Verkauf in vielen F\u00e4llen die effizienteste Art die Spenden einzusetzen. Mit den Gewinnen k\u00f6nnen die Hilfsorganisationen zus\u00e4tzliche Projekte umsetzen und ihre Aufgaben besser erf\u00fcllen. Um Irritationen zu vermeiden, w\u00e4re es jedoch f\u00f6rderlich, wenn sie den Umgang mit den Kleiderspenden und die Verwendung der Einnahmen kommerzieller Verwertung deutlicher kommunizieren. Kleidung an Hilfsorganisationen zu spenden, die andernfalls weggeworfen werden w\u00fcrde, bleibt jedenfalls die sinnvollste Verwendung dieser Kleidungsst\u00fccke. Dagegen ist die Spende von Kleidung, die man ansonsten selber noch eine Zeitlang tragen w\u00fcrde, nicht immer die zielf\u00fchrendste M\u00f6glichkeit zu helfen. Stattdessen sollte man sich dann vielleicht \u00fcberlegen, ob eine Geldspende nicht hilfreicher w\u00e4re.<\/p>\n<p><strong>Hinweis:<\/strong> Dieser Text ist zugleich als <a href=\"http:\/\/www.iwp.uni-koeln.de\/fileadmin\/contents\/dateiliste_iwp-website\/publikationen\/OK\/OK_12_2015.pdf\">Ausgabe Nr. 12\/2015 <\/a>der Reihe Ordnungspolitischer Kommentar des Instituts f\u00fcr Wirtschaftspolitik an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln und des Otto-Wolff-Instituts f\u00fcr Wirtschaftsordnung erschienen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Zuge der Fl\u00fcchtlingskrise und gerade auch in der Weihnachtszeit haben viele Menschen das Bed\u00fcrfnis, etwas Gutes zu tun. 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