{"id":18475,"date":"2015-12-12T00:01:15","date_gmt":"2015-12-11T23:01:15","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18475"},"modified":"2015-12-11T18:44:40","modified_gmt":"2015-12-11T17:44:40","slug":"nobelpreisempirie-ernst-nehmender-nobelpreis-fuer-angus-deaton","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18475","title":{"rendered":"<small>Nobelpreis<\/small><br\/>Empirie ernst nehmen<br\/><font size=3; color=grey>Der Nobelpreis f\u00fcr Angus Deaton<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>In der \u00d6konomie gibt es viele Theorien, die sich breiter Zustimmung erfreuen und in Lehrb\u00fcchern schon als gesichertes Wissen dargestellt werden. Dabei liefern empirische \u00dcberpr\u00fcfungen dieser Theorien durchaus widerspr\u00fcchliche Resultate. Ein gutes Beispiel ist die private Ersparnisbildung von Haushalten, eine enorm wichtige Gr\u00f6\u00dfe, da die private Ersparnis Investitionen erm\u00f6glicht und auch den privaten Konsum beeinflusst, der wiederum von gro\u00dfer konjunktureller Bedeutung ist. Mit den Theorien von den Nobelpreistr\u00e4gern Modigliani und Friedman wird erkl\u00e4rt, dass der private Konsum nicht vom laufenden Einkommen, sondern vom Lebenseinkommen (nach Modigliani) bzw. dem permanenten Einkommen (nach Friedman) abh\u00e4ngt. Kurzfristige \u00c4nderungen des Einkommens (wie z.B. eine Bonuszahlung, Arbeitslosigkeit, oder eine tempor\u00e4re Steuersenkung) sollte dementsprechend kaum den Konsum beeinflussen, wohl aber die private Ersparnis, die dann zur Konsumgl\u00e4ttung genutzt wird. Das ist alles h\u00f6chst plausibel und liefert interessante empirische Vorhersagen: z.B. sollten st\u00e4rker wirtschaftlich wachsende L\u00e4nder h\u00f6here Sparquoten aufweisen, da dort die Lebenseinkommen h\u00f6her sind und Haushalte mehr sparen m\u00fcssen, um diesen wachsenden Lebensstandard im Alter zu sichern. Und L\u00e4nder, in denen Haushalte zumeist privat f\u00fcr das Alter vorsorgen m\u00fcssen sollten h\u00f6here Sparquoten ausweisen als umlagefinanzierte Rentensysteme wie das in Deutschland.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Angus Deaton, Professor f\u00fcr Volkswirtschaftslehre an der Universit\u00e4t Princeton, USA, hat sich in seiner Forschung zum Beispiel mit diesen Fragen empirisch besch\u00e4ftigt. In seinem Buch Understanding Consumption analysiert er Haushaltsdaten aus verschiedenen L\u00e4ndern, um die eben diskutierten Theorien empirisch zu \u00fcberpr\u00fcfen. Diese Arbeit ist exemplarisch f\u00fcr seine Vorgehensweise: Es werden theoretisch fundierte \u00f6konometrische Modelle aufgestellt, die den verschiedenen Theorien entsprechen, und anhand von Mikrodaten aus verschiedenen L\u00e4ndern sorgf\u00e4ltig \u00fcberpr\u00fcft. Er stellt fest, dass Konsum- und Sparverhalten viel komplexer ist und nicht mit den oben genannten Theorien in Einklang gebracht werden kann. Insbesondere h\u00e4ngt das Sparverhalten zu einem bestimmten Zeitpunkt viel st\u00e4rker vom derzeitigen Einkommen ab als die Theorien vorhersagen w\u00fcrden. Konsumgl\u00e4ttung findet nur recht wenig statt und das Sparverhalten in unterschiedlichen L\u00e4ndern l\u00e4sst sich nicht mit den Theorien in Einklang bringen. Zum Beispiel sparen Deutsche, Italiener, und Japaner viel mehr als theoretisch vorhergesagt und Amerikaner zu wenig und auch der Einfluss von Wachstum auf das Sparverhalten ist viel weniger klar als die Lebenszyklushypothese suggeriert. Das Buch endet wie viele der Arbeiten von Deaton mit der Aussage, dass wir das empirische Verhalten von Haushalten viel weniger gut verstehen als unsere (durchaus plausiblen) theoretischen Modelle suggerieren.<\/p>\n<p>Dies gilt nicht nur f\u00fcr das Verhalten von Haushalten. In anderen empirischen Untersuchungen hat er festgestellt, dass unsere theoretischen Modelle auch nicht wirklich in der Lage sind, die Entwicklung von Rohstoffpreisen zu erkl\u00e4ren (geschweige denn vorherzusagen). In all diesen F\u00e4llen hat Deaton damit wichtige Anregungen geliefert, lieb gewonnene theoretische Modelle zu \u00fcberarbeiten. Im Fall von Konsum und Ersparnis haben beispielsweise vor allem verhaltens\u00f6konomische Modelle in letzter Zeit sich damit besch\u00e4ftigt, die von Deaton genannten Ungereimtheiten zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ein zweiter wichtiger Beitrag von Deaton ist seine Arbeit zu empirischen Nachfragemodellen. Diese ben\u00f6tigt man, um Einkommens- und Preiselastizit\u00e4ten berechnen zu k\u00f6nnen. Hier war der zentrale Beitrag von Deaton (in gemeinsamen Arbeiten mit John Muellbauer von Oxford) \u00f6konometrische Modelle zu entwickeln, die \u00fcberhaupt mit der Theorie konsistent sind. Vorher wurden viel einfacher, aber theoretisch nicht plausible Modelle, gesch\u00e4tzt. Seine sogenannten Almost Ideal Demand Systems sind seither der Standard in der Literatur geworden und werden in Arbeiten in der VWL aber besonders auch in der Agrar\u00f6konomie angewandt.<\/p>\n<p>Ein wichtiger weiterer Verdienst von Deaton ist, dass er erheblich in die Erhebung von neuen Haushaltsdaten, vor allem auch in Entwicklungsl\u00e4ndern, investiert hat. Er war einer der geistigen V\u00e4ter der so genannten Living Standards Measurement Surveys, mit denen die Weltbank in den 1980er Jahre anfing, vergleichbare Haushaltsstichproben in Entwicklungsl\u00e4ndern zu erheben. Er schrieb auch die Handb\u00fccher und Textb\u00fccher, wie man solche Daten erhebt und danach analysiert, was unz\u00e4hlige Datenerhebungen vor allem in Entwicklungsl\u00e4ndern seitdem beeinflusst hat. Sein 1997 Buch ,Analysis of Micro Data\u201c\u02dc ist ein Standardlehrbuch geworden, in dem die Analyse dieser Haushaltsstichproben gelehrt wird.<\/p>\n<p>Erst mithilfe dieser Haushaltsdaten aus Entwicklungsl\u00e4ndern k\u00f6nnen wissen wir etwas \u00fcber Armut und Ungleichheit in Entwicklungsl\u00e4ndern sagen. Und nur mit diesen Daten k\u00f6nnen wir Analysen zum Haushaltsverhalten in Entwicklungsl\u00e4ndern anstellen und auch \u00fcber L\u00e4nder hinweg vergleichen. Das hat die entwicklungs\u00f6konomische Forschung enorm bef\u00f6rdert und vor allem der seit den 90er Jahren dominanten empirisch-orientierten mikro-basierten Entwicklungsforschung den Weg bereitet. Diese Forschung liefert auch die Grundlagen f\u00fcr evidenzbasierte Entwicklungspolitik. Gerade in Institutionen wie der Weltbank hat dies enorme Wirkungen gehabt. Ein erheblicher Teil Politikberatung der Weltbank zum Beispiel zum Thema Armutsreduktion in Entwicklungsl\u00e4ndern ist ohne die Analyse von Mikrodaten, f\u00fcr die Deaton in der Weltbank den Weg bereitet hat, undenkbar.<\/p>\n<p>In gewisser Weise f\u00e4llt Angus Deaton etwas aus dem Rahmen der typischen Nobelpreistr\u00e4ger in \u00d6konomie. Die meisten Preistr\u00e4ger wurden f\u00fcr neue zentrale theoretische Erkenntnisse ausgezeichnet, die eine neue Sicht auf die \u00d6konomie erlaubt haben und sich als besonders wichtig erwiesen haben. Die wenigen eher empirisch orientierten Preistr\u00e4ger wurden entweder f\u00fcr die Entwicklung von anspruchsvollen \u00f6konometrischen Methoden (wie z.B. McFadden, Engle, oder Granger) oder bestimmte substantielle Erkenntnisse (wie Ostrom oder Kahnemann) ausgezeichnet. Deaton passt nicht gut in dieses Raster. Er ist weder ein reiner Methodenentwickler, noch l\u00e4sst sich sein Beitrag auf ein oder zwei bahnbrechende substantielle Erkenntnisse reduzieren. Stattdessen steht er f\u00fcr einen bestimmten Ansatz in der \u00f6konomischen Forschung insgesamt. Sein Credo ist, dass wir viel mehr Augenmerk darauf verwenden sollten, unsere Theorien rigorosen empirischen Tests zu unterziehen. Dazu ben\u00f6tigen wir anspruchsvolle \u00d6konometrie, verl\u00e4ssliche Daten (vor allem auch auf der Haushaltsebene), hervorragende theoretische Erkenntnisse, um daraus empirisch belastbare Hypothesen zu entwickeln, und ein Gesp\u00fcr f\u00fcr die wichtigen wissenschaftlichen und wirtschaftspolitischen Fragestellungen. Es ist gut zu sehen, dass eine solche fundierte empirische \u00d6konomie nun auch mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wird.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Den ganzen Beitrag k\u00f6nnen sie in der <a href=\"http:\/\/elibrary.vahlen.de\/10.15358\/0340-1650-2015-12-698\/empirie-ernst-nehmen-der-nobelpreis-fuer-angusdeaton-jahrgang-44-2015-heft-12?page=1\">WiSt (2015), Heft 12 <\/a>nachlesen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der \u00d6konomie gibt es viele Theorien, die sich breiter Zustimmung erfreuen und in Lehrb\u00fcchern schon als gesichertes Wissen dargestellt werden. 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