{"id":18626,"date":"2016-01-09T00:01:16","date_gmt":"2016-01-08T23:01:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18626"},"modified":"2016-01-08T18:03:37","modified_gmt":"2016-01-08T17:03:37","slug":"die-werte-der-wirtschaft-7wettbewerb-jenseits-der-grenzmoral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18626","title":{"rendered":"<small>Die Werte der Wirtschaft (7)<\/small><br>Wettbewerb jenseits der Grenzmoral"},"content":{"rendered":"<p>Das Jahr 2015 war kein gutes Jahr f\u00fcr den Respekt, der unserer gemeinsamen Werteordnung entgegengebracht wird. Nach dem Betrug des ADAC bei der Verleihung des Preises \u201eGelber Engel\u201c im Vorjahr 2014 haben sich in diesem Jahr insbesondere Volkswagen und der Deutsche Fu\u00dfballbund als S\u00fcnder ertappen lassen, die in erheblichem Umfang unsere Werteordnung missachtet haben. Man fragt sich, warum diese Institutionen dies n\u00f6tig hatten \u2013 ein Existenzkampf im intensiven Wettbewerb erkl\u00e4rt die Notwendigkeit der Missachtung wohl kaum. Denn alle drei genannten Institutionen hatten vor den Skandalen an sich ein gutes Image; und sie hatten und haben eine marktf\u00fchrende Stellung inne, ohne dass ein wirtschaftlicher Abw\u00e4rtstrend erkennbar gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Was k\u00f6nnen wir von unseren Institutionen einfordern?<\/strong><\/p>\n<p>Unsere Gesellschaft darf und muss von ihren Institutionen erwarten k\u00f6nnen, dass sie immer im Rahmen unserer Werteordnung agieren. Dies gilt f\u00fcr staatliche Institutionen genauso wie f\u00fcr privatwirtschaftliche Unternehmen, und es gilt f\u00fcr Verb\u00e4nde genauso wie f\u00fcr Vereine. Moralisches Handeln soll dabei den Normalfall aller Handlungen darstellen. Moralisches Handeln beinhaltet, die von der Mehrheit einer Gesellschaft akzeptierten Normen und Werten zu beachten und sich danach zu verhalten, um der Gesellschaft respektive anderen Gesellschaftsmitgliedern nicht zu schaden. F\u00fcr den Einzelnen kann das Agieren innerhalb dieser Werteordnung oft widerspr\u00fcchlich zum Eigeninteresse sein. Es bedeutet zus\u00e4tzliche Investitionen oder Verzicht auf bestimmte, moralisch nicht legitimierte Handlungen. Moralisches Handeln kann in dieser Interpretation durchaus bedeuten, sich zum Wohlwollen anderer in den eigenen Zielen und Interessen einzuschr\u00e4nken. Die Gier des Einzelnen wird zur\u00fcckgestellt zum Wohle aller. Dies kann und wird oft verpflichtend gemacht durch die Formulierung von Gesetzen. Die von einer Gesellschaft entwickelte Moral ist die Grundlage dieser Gesetze, welche die Freiheit des Einzelnen einschr\u00e4nken und doch gleichzeitig sch\u00fctzen sollen. Die Gesetze einer Gesellschaft dienen als Ordnungsrahmen dazu, bestimmtes unmoralisches Handeln zu verhindern. Von unseren Institutionen k\u00f6nnen und d\u00fcrfen wir erwarten, dass sie sich an diese Gesetze halten.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>K\u00f6nnen wir unsere Institutionen zu moralischem Handeln zwingen?<\/strong><\/p>\n<p>Auch Wettbewerbsprozesse in der freien Marktwirtschaft werden von einem solchen Ordnungsrahmen flankiert. Dieser Rahmen besteht einerseits aus der Verfassung und den Gesetzen, andererseits wird der Rahmen jedoch zus\u00e4tzlich durch die in der Gesellschaft anerkannten Normen und Werte gebildet. Wer nicht innerhalb dieses Ordnungsrahmens agiert, soll entweder bei Gesetzesversto\u00df durch die Staatsgewalt bestraft oder\/und bei Missachtung der herrschenden Normen und Werte durch die Ablehnung der Gesellschaft sanktioniert werden. Den Anreiz, sich entgegen des Eigeninteresses an die herrschenden Normen und Werte einer Gesellschaft zu halten, kann man also auf die Vermeidung von Strafen und Sanktionen durch Gesellschaft und Staat zur\u00fcckf\u00fchren (Homann \/Blome-Drees, 1992; Horn, 1996).<\/p>\n<p>Der Mainstream der Literatur der Wirtschaftsethik geht nun davon aus, dass moralisches Handeln sich durch die Verankerung von Normen und Werten in gesetzlichen Rahmenbedingungen erzwingen l\u00e4sst. Normen werden gesetzlich festgeschrieben, quasi als Spielregeln festgelegt. Jeder Marktteilnehmer erh\u00e4lt dann die M\u00f6glichkeit, frei zu agieren unter der Bedingung, sich an die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu halten. Die Rahmenordnung wiederum soll Anreize f\u00fcr die Unternehmen setzen, die moralisches Verhalten belohnen. Homann nennt die Rahmenordnung den systematischen Ort der Moral (Homann, 2002; Homann, 2007). Doch k\u00f6nnen solche festgeschriebenen Gesetze nur allseits akzeptierte Mindeststandards darstellen; quasi eine Untergrenze des moralischen, des gesellschaftlich akzeptierten Handelns bilden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Wie agiert der Grenzmoralist?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Institution oder ein Unternehmen, das innerhalb des Gesetzesrahmens die Grenzen der Werteordnung zu seinen Gunsten auslotet, dabei jedoch am Rande und nicht entgegen der Normen und Werte der Gesellschaft handelt, l\u00e4sst sich als Grenzmoralist bezeichnen. Der Grenzmoralist verh\u00e4lt sich also gesetzlich gerade noch korrekt, ethisch ist sein Verhalten jedoch trotzdem fragw\u00fcrdig \u2013 es geschieht eben hart an der Grenze des gerade noch Erlaubten. Der Grenzmoralist zieht seinen Vorteil nicht daraus, dass er f\u00fcr die Gesellschaft etwas Wertvolles herstellt, sondern daraus, dass er vom allseits akzeptieren Wertecanon weiter abweicht als andere. Je n\u00e4her dabei die Grenze zum unmoralischen Handeln r\u00fcckt, desto kosteng\u00fcnstiger und damit erfolgsversprechender werden f\u00fcr den Grenzmoralisten seine Handlungen, da die Investitionen in die Einhaltung von Normen und Werten zum Wohle der Gesellschaft immer weiter abgesenkt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Durch geringere Investitionen spart der Grenzmoralist in seinen Ausgaben, was positiv auf seine Gesamtkosten zur\u00fcckf\u00e4llt \u2013 sei es, dass er weitere Investitionen in eine qualitativ bessere Abgasvermeidung oder weitere Investitionen innerhalb eines fairen Wettbewerbs um die Vergabe eines Weltmeisterschaftsturniers einsparen kann. Damit produziert er kosteng\u00fcnstiger als der moralisch einwandfrei nach den herrschenden Normen und Werten produzierende Konkurrent. Ist der Wettbewerb intensiv und der Preisdruck hoch, wird dieser Unterschied in den Kosten (zumindest in der ceteris paribus Betrachtung) den Ausschlag geben, dass das moralisch einwandfrei handelnde Unternehmen vom Markt verdr\u00e4ngt wird oder sein Produktionsverhalten an jenes des Grenzmoralisten anpasst, indem es ebenfalls die von der Gesellschaft gew\u00fcnschten Normen und Werte ignoriert. Da alle Unternehmen unter Wettbewerbsdruck als Grenzmoralist handeln m\u00fcssen, muss f\u00fcr den Grenzmoralisten daraus nicht einmal ein Gewinn entstehen. Etwaige Zusatzkosten f\u00fcr die Einhaltung von Moral bewirken daher im Wettbewerb Verluste. Das moralisch agierende Unternehmen wird bestraft. Es ist jedoch nicht einmal so, dass der Grenzmoralist davon profitiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/michneuabb1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"michneuabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/michneuabb1.png\" alt=\"michneuabb1\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p><em>In der Grafik sind die stilisierten Durchschnitts- und Grenzkosten eines moralisch agierenden Unternehmens (MA) sowie die stilisierten Durchschnitts- und Grenzkosten eines Grenzmoralisten (GM) dargestellt. Bei Konkurrenz setzen die Grenzmoralisten den Marktpreis (p*) fest. Sie werden von der Konkurrenzsituation gezwungen, im Minimum der Durchschnittskosten zu produzieren und einen Preis in H\u00f6he ihres Durchschnittskostenminimums zu akzeptieren. Der moralisch agierende Akteur muss den Aufpreis f\u00fcr die Einhaltung der herrschenden Normen und Werte zahlen, sein Durchschnittskostenminimum liegt folglich h\u00f6her. Zum herrschenden Marktpreis macht er Verluste.<\/em><\/p>\n<p>Die Crux des Wettbewerbsprozesses tritt hier klar in Erscheinung: Moralisches Verhalten oberhalb der Grenzmoral wird wegkonkurriert. Nun ist es durchaus m\u00f6glich, dass es dabei vor allem bei gro\u00dfen Institutionen ob ihres Bekanntheitsgrades zu Sch\u00e4den an der Reputation und damit zu negativen Konsequenzen auf den M\u00e4rkten kommt. Folglich versuchen diese Institutionen zumeist, sich nicht zu nah an der gesetzlich vorgeschriebenen Grenze zu orientieren oder zumindest eine Art Feigenblatt zwischen sich und die Grenze des eben noch Erlaubten zwischenzuschieben. Gro\u00dfe Institutionen verf\u00fcgen \u00fcber Marktmacht, sie nutzen den f\u00fcr sie eben nicht so intensiven Wettbewerb aus, um sich von der Grenzmoral soweit fernzuhalten, dass ihre Handlungen kein gesellschaftliches Unbehagen und damit keine Reputationssch\u00e4digungen ausl\u00f6sen. Liegt bez\u00fcglich ihrer Handlungen eine asymmetrische Informationsverteilung vor, so dass die Gesellschaft \u00fcber die Distanz des Handelns der Institutionen zur moralischen Grenze nicht informiert ist, f\u00e4llt die Einhaltung von Distanz zur moralischen Grenze aber offensichtlich sehr schwer, weil sie wiederum dem eigennutzorientieren Verhalten oft diametral gegen\u00fcbersteht. Es ist dann aber nicht der Wettbewerbsprozess, der die Unternehmen an die Grenze moralischen Handelns r\u00fcckt \u2013 es sind eher ihre Motive, seien es Eigennutz, Gier oder Machtstreben, der Erhalt von Arbeitspl\u00e4tzen oder andere intrinsische Beweggr\u00fcnde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Was aber geschieht, wenn die Gesetze \u2013 also die fest vorgeschriebene Moral \u2013 nicht entsprechend kontrolliert und etwaige Verst\u00f6\u00dfe nicht entsprechend sanktioniert werden? <\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis ist dann oft eine Unterschreitung der Grenze und ein Agieren jenseits der Grenzmoral; und wenn diese Handlungen aufgedeckt werden, wird gerne als Entschuldung auf den Wettbewerbsprozess verwiesen: So geschieht es in der \u00f6ffentlichen Meinung zu den Vorg\u00e4ngen beim DFB rund um die Vergabe der WM 2006, wo die implizite Rechtfertigung f\u00fcr mutma\u00dfliche Korruptionsvorg\u00e4nge darin besteht, dass ja alle Mitbewerber um WM-Vergaben nur auf diese Weise erfolgreich sein konnten; und so geschieht es auch bei VW, wo unterstellt wird, dass realit\u00e4tsferne Kontrollen auf dem Pr\u00fcfstand dazu anhalten, dass auch andere Mitbewerber nahe oder jenseits der Grenzziehung agieren. Schlimm ist es, wenn die \u00f6ffentliche Meinung einer Gesellschaft dies akzeptiert; wenn diese Handlungen also nicht auf die Reputation der Institutionen nachhaltig abf\u00e4rben. Denn dann werden Handlungen jenseits der Grenzmoral den Institutionen als gesellschaftlich akzeptabel erscheinen. Die Folgen f\u00fcr die Rahmenordnung als Ort der Moral sind weitreichend: Nicht einmal die Rahmenordnung kann ein Ort der Moral sein, wenn sie nicht von der \u00f6ffentlichen Meinung einer Gesellschaft ausreichende R\u00fcckendeckung erh\u00e4lt. Daf\u00fcr aber sind ein kollektiver \u00f6ffentlicher Aufschrei und vor allem eine kollektive Abstrafung in beiden genannten F\u00e4llen deutlich zu leise respektive zu gering. 2015 war insofern wahrhaftig kein gutes Jahr f\u00fcr den Respekt, den wir unserer Werteordnung entgegenbringen.<\/p>\n<h4>Literatur<\/h4>\n<ol>\n<li>Homann, K. \/ Blome-Drees, F. (1992): Wirtschafts- und Unternehmensethik, G\u00f6ttingen.<\/li>\n<li>Homann, K. (2002): Vorteile und Anreize: Zur Grundlegung einer Ethik der Anreize, T\u00fcbingen.<\/li>\n<li>Homann, K. (2007): Ethik in der Marktwirtschaft, M\u00fcnchen.<\/li>\n<li>Horn, K. I., (1996): Moral und Wirtschaft, T\u00fcbingen.<\/li>\n<li>Neumann, M. (2012): Corporate Citizenship durch Lobbyaktivit\u00e4t: Wie k\u00f6nnen Unternehmen das Vertrauen der Menschen in die Marktwirtschaft st\u00e4rken?, in: Behrends, S. et al., Jahresband des Fachbereis Wirtschaft, Berlin S. 149-165<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahr 2015 war kein gutes Jahr f\u00fcr den Respekt, der unserer gemeinsamen Werteordnung entgegengebracht wird. 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