{"id":18862,"date":"2016-02-25T06:59:21","date_gmt":"2016-02-25T05:59:21","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18862"},"modified":"2016-02-25T07:06:09","modified_gmt":"2016-02-25T06:06:09","slug":"teilkrankschreibung-skandinavisches-modell-als-moegliche-kostenbremse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18862","title":{"rendered":"Teilkrankschreibung<br\/><font size=3; color=grey>Skandinavisches Modell als m\u00f6gliche Kostenbremse<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Unbestritten ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Sozialversicherungssystems die Krankenversicherung. In ihr bildet das Krankengelt ein Element, das den Arbeitnehmer im Krankheitsfall und damit verbundener Arbeitsunf\u00e4higkeit vor einer finanziellen Notlage sch\u00fctzen soll. Wenn ein gesetzlich-versicherter Arbeitnehmer erkrankt, zahlt zun\u00e4chst der Arbeitgeber f\u00fcr sechs Wochen das normale Gehalt. Anschlie\u00dfend wird der Arbeitgeber von seiner Pflicht entlassen und die Krankenkasse des gesetzlich Versicherten kommt fortan f\u00fcr ihn auf. Dabei bemisst sich das Krankengeld am bisherigen Verdienst des Arbeitnehmers. Es betr\u00e4gt 70 Prozent des letzten Bruttoverdienstes, aber nicht mehr als 90 Prozent vom Nettoverdienst (\u00c2\u00a7 47 SGB V). Hiervon gehen dann ebenfalls die Arbeitnehmeranteile der Sozialversicherung ab und der verbleibende Betrag wird dem Empf\u00e4nger gutgeschrieben. Ein System, das nicht auf Almosen basiert, sondern auf den berechtigten sowie erworbenen Anspr\u00fcchen aus den Einzahlungen der Beitragszahler. Nichtsdestoweniger stellt es einen erheblichen Kostenblock in unserem Sozialstaat dar und geh\u00f6rt entsprechend von Zeit zu Zeit auf seine Reformbed\u00fcrftigkeit \u00fcberpr\u00fcft.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Gerne wird bei m\u00f6glichen Reformen im Sozialversicherungssystem der Blick auf die skandinavischen L\u00e4nder gerichtet \u2013 h\u00e4ufig zum Schrecken neoliberal gesinnter Zeitgenossen, die eine weitere Expansion des Sozialstaates bef\u00fcrchten. Bei der aktuell diskutierten Reform des Krankengeldes k\u00f6nnte aber selbst ihnen das skandinavische Modell der Teilkrankschreibung gefallen.<\/p>\n<p>Aufgrund des auf den ersten Blick drastischen Kostenanstieges f\u00fcr das Krankengeld deutscher Arbeitnehmer sah sich der deutsche Gesundheitsminister Gr\u00f6he \u2013 wahrscheinlich dank sanften Nachdrucks der Krankenversicherer \u2013 gen\u00f6tigt, ein Gutachten in Auftrag zu geben, um die m\u00f6glichen Ursachen zu identifizieren. Im Ergebnis kann man eigentlich Entwarnung geben. So ist der wesentliche Teil des Kostenanstiegs \u2013 bis auf einen Rekordwert von 10,6 Milliarden Euro im Jahr 2014 \u2013 auf die positive Entwicklung am Arbeitsmarkt zur\u00fcckzuf\u00fchren. Neben einer gestiegenen Anzahl an sozialversicherungspflichtigen Arbeitspl\u00e4tzen sowie h\u00f6heren Durchschnittseinkommen, sorgt ebenfalls die bessere Integration \u00e4lterer Arbeitnehmer am Erwerbsleben f\u00fcr die Steigerungen beim Krankengeld. Ein Mehr an sozialversicherungspflichtigen Erwerbst\u00e4tigen sorgt dabei unter der Annahme, dass die Krankenquote gleich bleibt, automatisch zu einer h\u00f6heren Fallzahl von Krankengeldbeziehern, ergo mehr Ausgaben f\u00fcr das Krankengeld. Da sich das Krankengeld als prozentualer Anteil des Gehaltes berechnet, f\u00fchren h\u00f6here Lohnabschl\u00fcsse automatisch zu h\u00f6heren Anspr\u00fcchen aus dem Krankengeld, die sich die Versicherten schlie\u00dflich durch h\u00f6here Beitr\u00e4ge an die Krankenversicherung verdient haben. Weiterhin erkranken \u00e4ltere Arbeitnehmer tendenziell h\u00e4ufiger und vor allem l\u00e4nger als ihre j\u00fcngeren Kollegen, was ebenfalls zu h\u00f6heren Fallzahlen beim Krankengeld f\u00fchrt. Da diese Gruppe i. d. R. aufgrund ihrer Berufserfahrung h\u00f6here Lohnanspr\u00fcche erzielt, haben sie ebenfalls verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig hohe Anspr\u00fcche auf Krankengeld. Den Mehrausgaben der Krankenversicherer stehen also gestiegene Einnahmen gegen\u00fcber. Weiterhin sorgt die derzeitige Entwicklung am Arbeitsmarkt f\u00fcr Einsparungen in anderen Bereichen des Sozialsystems wie etwa beim Arbeitslosengeld oder der Fr\u00fchrente. Es handelt sich also letztlich um eine Konsequenz der guten Besch\u00e4ftigungslage, und der Anstieg f\u00fcr Krankengeld ist per se kein Grund zur Beunruhigung.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es gute Gr\u00fcnde, das aktuelle System des Krankengeldes auf den Pr\u00fcfstand zu stellen, schlie\u00dflich profitieren von eventuellen Kosteneinsparungen c. p. alle Beitragszahler und: das Sozialversicherungssystem muss den Herausforderungen der Zukunft gerecht werden. Das von Gesundheitsminister Hermann Gr\u00f6he in Auftrag gegebene Gutachten des Sachverst\u00e4ndigenrates zur Begutachtung der Entwicklungen im Gesundheitswesen zeigte nun die oben genannte Kostenentwicklung f\u00fcr das Krankengeld. Selbst wenn der Sachverst\u00e4ndigenrat die positiven Trends am Arbeitsmarkt als wesentlichen Treiber f\u00fcr die Mehrausgaben identifiziert, sieht er doch einen Handlungsbedarf und orientiert sich dabei am skandinavischen Modell der Teilkrankschreibung.<\/p>\n<p>Anders als im deutschen Modell, bei dem ein Arbeitnehmer entweder zu 100 Prozent oder gar nicht krankgeschrieben ist, nimmt man bei der Teilkrankschreibung eine Abstufung vor. Eine Differenzierung zwischen 25, 50, 75 und 100 Prozent Krankschreibung mit einer entsprechend angepassten Wochenarbeitszeit, je nach Art und Intensit\u00e4t der Erkrankung sowie der Berufung, erscheint angemessen. Dabei wird f\u00fcr die geleisteten Arbeitsstunden weiterhin der \u00fcbliche Lohn gezahlt und f\u00fcr die \u201ekrankgeschriebene\u201c Zeit wird das geringere Krankengeld mit dem bisherigen prozentualen Anteil vom Bruttolohn als Leistung geboten. Neben diesen finanziellen Vorteil f\u00fcr den Arbeitnehmer und den Kosteneinsparpotentialen der Krankenkassen bietet das Modell f\u00fcr alle involvierten Parteien weitere Vorteile, wenn es auch einige Kritik an dem Reformvorschlag gibt.<\/p>\n<p>Arbeitgeber k\u00f6nnten eher auf ihre Produktivkr\u00e4fte zur\u00fcckgreifen und die fachliche Qualifikation des (teil-)erkranken Mitarbeiters nutzen. Dies ist v. a. dann von besonderer Bedeutung, wenn dieser federf\u00fchrend an Projekten seines Arbeitgebers involviert ist und sich andere bzw. neue Mitarbeiter erst m\u00fchselig einarbeiten m\u00fcssten. Damit werden ebenfalls die Arbeitskollegen entlastet, und schlie\u00dflich bleibt der Teilkrankgeschriebene im Tagesgesch\u00e4ft, was gerade bei langwierigen Erkrankungen eine sp\u00e4tere vollst\u00e4ndige Integration in den Arbeitsalltag erheblich erleichtert. Zudem sind die sozialen Kontakte am Arbeitsplatz sowie die Gewissheit, einer sinngebenden T\u00e4tigkeit nachzugehen, bei diversen, insbesondere psychischen Erkrankungen wie Depression dem Heilungsprozess meist sehr zutr\u00e4glich. Zwar w\u00e4re die genannte Personengruppe mit einer vollen Arbeitszeit in ihrem labilen Zustand m\u00f6glicherweise schnell \u00fcberfordert, aber eine verk\u00fcrzte Arbeitszeit hingegen k\u00f6nnte f\u00fcr die Betroffenen ein St\u00fcck Therapie sein. Gleichzeitig w\u00fcrde diese Vorgehensweise vor sp\u00e4terer \u00dcberlastung bei einem rapiden 100%igen-Widereinstieg in den Arbeitsalltag bewahren. Diesbez\u00fcgliche Erfahrungen mit dem Hamburger Modell, das bereits heute den stufenweisen Wiedereinstieg ins Berufsleben regelt, und der skandinavischen Teilkrankschreibung best\u00e4tigen die erleichterte Re-Integration der betroffenen Arbeitnehmer.<\/p>\n<p>Kritiker des skandinavischen Modells der Teilkrankschreibung sehen in ihm vor allem den Versuch, Gesundheitsausgaben auf Kosten der Patienten einzusparen und Druck auf die Arbeitnehmer auszu\u00fcben. Ihrer Meinung nach m\u00fcssten sich Arbeitnehmer nach diesem Modell umso mehr vor Ihrem Chef und Kollegen rechtfertigen, wenn Sie krankgeschrieben werden. Diskussionen, ob nicht ein wenig mehr gearbeitet werden k\u00f6nnte und das Schachern um Prozentpunkte, w\u00e4ren am Arbeitsplatz und in den Arztpraxen eine m\u00f6gliche Folge. Insbesondere den \u00c4rzten w\u00fcrde die undankbare Aufgabe zukommen, den Gesundheitszustand ihrer Patienten differenzierter einzusch\u00e4tzen und etwas zu operationalisieren, was man kaum konkret festlegen kann. Weiterhin m\u00fcsste die Teilkrankschreibung noch st\u00e4rker als im bisherigen Modell zwischen unterschiedlichen Berufsgruppen und den entsprechenden physischen sowie psychischen Anforderungen im Arbeitsalltag differenzieren. Neben der \u00dcberforderung der \u00c4rzteschaft bef\u00fcrchten viele ein neues B\u00fcrokratiemonster, das wom\u00f6glich mehr Kosten verursacht als es einspart. Sollte sich der Reformvorschlag tats\u00e4chlich durchsetzen, ist deshalb auf einen unb\u00fcrokratischen, schnellen und einfachen Weg der Teilkrankschreibung zu dr\u00e4ngen, sodass sich dieses Szenario nicht best\u00e4tigt. Zu denken w\u00e4re hierbei etwa an ein zus\u00e4tzliches K\u00e4stchen auf der Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung, wo der Arzt eine Abstufung vornehmen kann und welche der Versicherte wie bisher den entsprechenden Stellen vorlegen muss.<\/p>\n<p>Prinzipiell soll das Modell auf Freiwilligkeit beruhen. D.h., ein Patient solle nur im einvernehmlichen Gespr\u00e4ch mit seinem Arzt nicht zu 100 Prozent krankgeschrieben werden. Sicher ein zu begr\u00fc\u00dfender Einwand der Bef\u00fcrworter, allerdings wenden die Gegner hier ein, dass der mehr oder minder hohe implizite Druck auf die Arbeitnehmer diese ggf. n\u00f6tigt, mehr zu arbeiten, als es ihrem Genesungsprozess zutr\u00e4glich w\u00e4re. Jedoch solle auf diesen Umstand besonders Acht gegeben werden, und Patienten mit einer hochinfekti\u00f6sen Erkrankung sollen selbstverst\u00e4ndlich auch weiterhin dem Arbeitsplatz fern bleiben. M\u00f6glicherweise k\u00f6nnte ein B\u00fcroangestellter in einem derartigen Szenario eingeschr\u00e4nkt von zu Hause aus E-Mails beantworten oder andere, wenig belastende B\u00fcroaufgaben in eingeschr\u00e4nkten zeitlichen Umfang t\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Die Erfahrungen aus Skandinavien und dem Hamburger-Modell sprechen eindeutig f\u00fcr die Einf\u00fchrung der Teilkrankschreibung. Bei der konkreten Ausgestaltung m\u00fcssen dabei allerdings m\u00f6glichst geringe b\u00fcrokratische H\u00fcrden etabliert und sozialpolitische Bedenken ernst genommen werden. Gleichzeitig m\u00fcssen sich die Kritiker bewusst werden, dass ein ungerechtfertigtes \u201eKrankfeiern\u201c ebenso wenig sozial ist, wie die \u00dcberforderung von gesunden sowie kranken Arbeitnehmern. Letztlich bleiben Reformen im Gesundheitswesen immer ein tempor\u00e4rer Trial-and-Error-Prozess, der immer wieder neu ausgestaltet werden muss. Die Teilkrankschreibung stellt hierbei ein probates Mittel dar, um einen zu hohen Kostenanstieg im Gesundheitssektor zu d\u00e4mpfen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unbestritten ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Sozialversicherungssystems die Krankenversicherung. 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