{"id":1887,"date":"2009-10-19T05:51:52","date_gmt":"2009-10-19T04:51:52","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1887"},"modified":"2009-10-19T05:51:52","modified_gmt":"2009-10-19T04:51:52","slug":"nobelpreis-iizum-nobelpreis-von-elinor-ostrom-eine-halb-persoenliche-arie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=1887","title":{"rendered":"<small>Nobelpreis II:<\/small><br\/>Zum Nobelpreis von Elinor Ostrom \u2013 eine halb-pers\u00f6nliche Arie"},"content":{"rendered":"<p>Wenn jemand eine Ehrung wie die eines Nobelpreises erh\u00e4lt, dann kann er sich \u00fcber einen Mangel an Freunden kaum beklagen. Selbst jene, die den Geehrten oder die Geehrte vielleicht nur wenig kennen, neigen dazu, die Beziehung als ziemlich intensiv darzustellen. Deshalb m\u00f6chte ich vorab klarstellen, dass der folgende in manchen Belangen recht pers\u00f6nlich gehaltene Beitrag keineswegs nahe legen will, dass ich Elinor Ostrom besser und n\u00e4her kennen w\u00fcrde, als dies de facto der Fall ist. Es trifft nur zuf\u00e4llig zu, dass ich im Jahre 1987\/1988 Mitglied der gleichen von Reinhard Selten geleiteten Forschergruppe am Zentrum f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Forschung der Universit\u00e4t Bielefeld war, der auch Elinor Ostrom angeh\u00f6rte. Sie verfasste in diesem Jahr im wesentlichen ihre Grundlagenstudie \u201eGoverning the Commons\u201c (dt. Die Verfassung der Allmende), die sie nach der Ver\u00f6ffentlichung im Jahre 1990 international weit bekannt machen und schlie\u00dflich wesentlich mit zum Nobelpreis f\u00fchren sollte. Nachdem ich Elinor Ostrom zwischenzeitlich einmal an ihrem Institut in Bloomington besuchte und ab und an e-mails mit ihr austauschte, hatte ich in diesem Sommer das Vergn\u00fcgen, wieder eine Woche mit ihr auf Reisen durch Deutschland zu verbringen. Zun\u00e4chst hielt sie einen Vortrag an der Frankfurt School of Finance &amp; Management, dann die f\u00fcnft\u00e4gigen Wittgenstein-Vorlesungen an der Universit\u00e4t Bayreuth und sp\u00e4ter, nachdem sie f\u00fcr eine Woche in die USA \u201ezur\u00fcckged\u00fcst\u201c war, eine Laudatio auf Reinhard Selten angesichts der Verleihung des Dr. h.c. an diesen der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen. Die Energie dieser sechsundsiebzigj\u00e4hrigen Dame, die unerm\u00fcdlich t\u00e4tig ist, kann man nur mit Staunen zur Kenntnis nehmen und muss sich dann anstrengen, einigerma\u00dfen mitzuhalten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Elinor Ostrom hat sich mit ihrer schier unerm\u00fcdlichen Energie mit Organisationsformen menschlicher Kooperation befasst, die allgemein gesprochen irgendwo zwischen Markt und Staat stehen. So wie ihr Mit-Laureat Oliver Williamson auf den Spuren von Coase die Frage untersucht, wie Firmen als nicht-staatliche aber doch auch nicht-marktliche Entit\u00e4ten in das Gesamtbild einer von rationalem Individualverhalten ausgehenden \u00f6konomischen Analyse passen, so untersucht Elinor Ostrom im gleichen Rahmen eines Rationalwahlansatzes \u201espontane\u201c Formen der Kooperation insbesondere in der Kollektivgutversorgung. Diese Kooperationsformen gehen weder auf explizite bilaterale Vertr\u00e4ge zwischen Individuen zur\u00fcck \u2013 jedenfalls nicht in ihren wesentlichen Bestandteilen \u2013 noch werden sie vom Staat zentral \u201eerzwungen\u201c. Insbesondere mit Bezug auf sogenannte Allmenden \u2013 z.B. die Gemeindewiese, auf die grunds\u00e4tzlich jeder Bauer sein Vieh treiben darf, ohne dass man ich vom Zugang ausschlie\u00dfen d\u00fcrfte \u2013 vertritt Ostrom die These, dass Gruppen menschlicher Individuen die \u00dcbernutzung selbst\u00e4ndig und autonom ohne die externe helfende Hand des Staates verhindern k\u00f6nnen. Ihr Denken steht sowohl \u00dcberlegungen (etwa von Hugo Preu\u00df) zum klassischen deutschen Genossenschaftswesen als auch dem bei uns ebenfalls nach wie vor recht popul\u00e4ren Subsidiarit\u00e4tsgedanken (etwa im Sinne von Oswald von Nell-Breuning) nahe. Ostrom glaubt an die F\u00e4higkeit der Selbstorganisation ohne staatlichen Eingriff und daran, dass der Staat allenfalls als ultima ratio und h\u00f6chst gef\u00e4hrliches Instrument bem\u00fcht werden sollte.<\/p>\n<p>Bezieht man das zuvor Gesagte auf den zu Recht ber\u00fchmten Aufsatz von Garrett Hardin \u201eThe Tragedy of the Commons\u201c (Science 1968), so werden fundamentale Bez\u00fcge aber auch Unterschiede sichtbar. Die Analyse von Hardin, dass es eine Tendenz gibt, Allmenden zu \u00fcbernutzen, obschon es im Interesse jedes einzelnen Nutzers w\u00e4re, diese \u00dcbernutzung zu verhindern, ist nach Auffassung von Ostrom zutreffend. Wenn jeder Bauer sein Vieh frei auf die Gemeindewiese zum Grasen senden kann, dann wird er bei jedem Tier, das er auf die Wiese sendet, nur die Folgen f\u00fcr das von ihm besessene Vieh betrachten und nicht die Folgen, die f\u00fcr andere durch die \u00dcbernutzung entstehen. Wenn die Fischer auf\u2019s Meer fahren, dann wissen sie durchaus, dass die Fangt\u00e4tigkeit der Fischer insgesamt die Regenerationsf\u00e4higkeit der Fischbest\u00e4nde \u00fcberschreiten kann. Sie wissen aber auch, dass der Fisch, den sie nicht fangen, ziemlich sicher von einem anderen an Land gezogen werden wird. Dar\u00fcber hinaus ist ihnen klar, dass ihr eigener Verzicht auf zus\u00e4tzliche F\u00e4nge nur die anderen dazu einladen wird, nicht zu verzichten. Keiner der Fischer kann die anderen mit der Strategie bedrohen, mehr zu fangen, falls diese nicht ebenso wie er auf den Fang verzichten. Denn keiner der Fischer ist so bedeutsam, dass sein individuelles Handeln, den kollektiven \u00dcberfischungsgrad so stark beeinflusst, dass es f\u00fcr andere sp\u00fcrbar w\u00fcrde. Alle handeln unter Bedingungen der individuellen Insignifikanz. Trotzdem ist ihr Handeln kollektiv signifikant, indem es die Erneuerung einer an sich erneuerbaren Ressource verhindert. Durch individuell rationales Verhalten geraten sie in einen Zustand, an dessen Verhinderung jeder ein rationales Interesse hat.<\/p>\n<p>Hardin hatte aus dem geschilderten Sachverhalt die Konklusion gezogen, dass Allmenden unweigerlich einer tragischen Tendenz zur \u00dcbernutzung ausgesetzt seien. Soweit stimmt Ostrom zu. Nach Hardin l\u00e4sst sich die \u00dcbernutzung nur durch private Ausschlussrechte, wie etwa Privateigentum an Seen mit der M\u00f6glichkeit zum Ausschluss vom Seezugang oder aber durch den zentralen Staatseingriff und staatliche Regulierungen verhindern. Dieser letzteren Folgerung stimmt Elinor Ostrom nicht zu. Mit ihren vielen empirischen Studien dazu, wie es nicht-staatlichen Institutionen gelungen ist, Allmende-Probleme auf der Basis freiwilliger Zusammenarbeit und Kontrolle zu regeln, hat sie ihre Auffassung belegt. Das Material, das sie aus Feldstudien und Laborexperimenten (insbesondere mit James Walker) zusammengetragen hat, ist \u00fcberzeugend und auch von ihr \u00fcberzeugend theoretisch aufbereitet worden. Was ihr nicht gelingen konnte, ist eine konsequente Einbettung in den Rationalwahlansatz der \u00d6konomen. Sie geh\u00f6rt insoweit eher in den Rahmen einer sozialwissenschaftlich und insbesondere sozialpsychologisch modifizierten Theorietradition, wie sie in Deutschland insbesondere von Hans Albert methodologisch immer gefordert und von Reinhard Selten im Rahmen seiner Konzeptionen beschr\u00e4nkter Rationalit\u00e4t ebenfalls bef\u00fcrwortet wurde. Insoweit sind die \u00d6konomen mit der Nobelpreisverleihung einen gro\u00dfen Schritt auf dem Weg zur Anerkennung der Notwendigkeit realistischer Verhaltensannahmen vorangekommen. Dazu m\u00f6chte ich eine vielleicht aufschlussreiche Geschichte aus pers\u00f6nlicher Erfahrung beisteuern.<\/p>\n<p>Im Jahre 1987\/1988 veranstaltete der sp\u00e4tere und bislang einzige deutsche Nobelpreistr\u00e4ger f\u00fcr Wirtschaftswissenschaften, Reinhard Selten, ein einj\u00e4hriges Forschungsjahr am Zentrum f\u00fcr interdisziplin\u00e4re Forschung der Universit\u00e4t Bielefeld zum Thema \u201eGame theory in the behavioral sciences\u201c. Diese im wahren Sinne interdisziplin\u00e4re Forschungsgruppe brachte Mathematiker, \u00d6konomen, Politikwissenschaftler, einen Philosophen und vor allem auch viele Biologen zusammen. Neben bekannten Spieltheoretikern wie Werner G\u00fcth, Erik van Damme oder Akira Okada geh\u00f6rten der Gruppe auch weniger formalwissenschaftlich ausgerichtete Sozialtheoretiker wie Elinor Ostrom und ich selbst an. Wir beiden fanden sehr schnell eine Gemeinsamkeit heraus. Die Arbeiten des Politikwissenschaftlers Michael Taylor hatten uns n\u00e4mlich beide wesentlich beeindruckt und beeinflusst. Taylor hatte das so genannte Folktheorem der Spieltheorie aus dem formalwissenschaftlichen Theoriehimmel geholt und auf grundlegende politiktheoretische Fragen angewandt.<\/p>\n<p>Dieses Theorem besagt im wesentlichen, dass in potentiell unendlich oft wiederholten Interaktionen &#8212; Interaktionen also, f\u00fcr die man kein festes Ende kennt &#8212; eine Vielzahl zus\u00e4tzlicher Gleichgewichte m\u00f6glich wird, die im Falle endlicher Wiederholung beziehungsweise nur einfacher Interaktion nicht existieren. Insbesondere im Falle des klassischen Gefangenendilemmas, bei dem es nur ein einziges Gleichgewicht in dominanten Strategien gibt, dass in beidseitiger Defektion besteht, hilft auch &#8212; jedenfalls nach spieltheoretischer Standardauffassung &#8212; die endliche Wiederholung dieses Spiels zur F\u00f6rderung der Kooperation nichts. Wenn es sich in der letzten Runde aufgrund dominanter Strategien nicht lohnt, zu kooperieren, dann lohnt es sich auch in der vorletzten Runde nicht. Denn man wei\u00df ja, dass in der letzten Runde nicht kooperiert werden wird aufgrund der Tatsache, dass es immer besser ist, nicht zu kooperieren, gleichg\u00fcltig was der andere tut. Daher kann man f\u00fcr die letzte Runde durch eigene Kooperation in der vorletzten Runde nichts positives mehr bewirken. Die Strategie, in der letzten und auch in der vorletzten Runde nicht zu kooperieren, ist dominant. Wenn aber dieses Argument f\u00fcr die beiden letzten Runden der Interaktion gilt, so auch f\u00fcr die vorausgehende und jede andere dieser vorausgehende Runde. Das Folk Theorem besagt nun, das dann, wenn es kein bekanntes Ende der Interaktion gibt, die vorangehende Logik nicht anwendbar ist. Es gibt eine unendliche Vielfalt von mit zukunftsgewandter Rationalit\u00e4t vereinbaren Gleichgewichten in \u201eSuperspielstrategien\u201c.<\/p>\n<p>Die technisch orientierten Spieltheoretiker haben den skizzierten Sachverhalt als weit gehend negative Nachricht empfunden. Sie bekamen es aufgrund der unendlichen Vielfalt von Gleichgewichten mit versch\u00e4rften Problemen der so genannten Gleichgewichtsauswahl zu tun. Das war unangenehm, wenn sie f\u00fcr unendlich wiederholte Spiele eindeutige L\u00f6sungen in Form von Gleichgewichten ausw\u00e4hlen wollten. Da die Theorie der Gleichgewichtsauswahl im Jahre 1987\/1988 Konjunktur hatte und mit Reinhard Selten gleichsam deren Champion als Organisator des Projektes vor Ort war, wurde die mit dem Folk-Theorem verbundene, f\u00fcr die Spieltheorie eher problematische Seite ziemlich stark in den Vordergrund gehoben. F\u00fcr die Sozialtheoretiker, die weniger an den formalen Problem der Gleichgewichtsauswahl orientiert waren, enthielt das Theorem jedoch eine wesentlich positive Botschaft, die von Michael Taylor besonders betont wurde: Rationale Kooperation ist selbst in Dilemmasituationen ohne externe beziehungsweise zentrale Erzwingungsgewalten m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Hardins Folgerung, dass man den Staat oder staatlich durchgesetzte Eigentumsrechte braucht, um solche Probleme zu l\u00f6sen, ist nicht zwingend. Anarchische Selbstorganisation ist rational m\u00f6glich. Weil Kooperation auch unter rationalen Akteuren m\u00f6glich ist, kann es Ordnung ohne Staat geben. Sogenanntes Marktversagen muss auch unter strategisch rationalen Individuen keineswegs zwingend den Ruf nach dem Staatseingriff begr\u00fcnden.<\/p>\n<p>Es war kein Zufall, dass das 1976 erschienene Buch von Taylor den Titel \u201eAnarchy and Cooperation\u201c trug. F\u00fcr z\u00f6gerliche \u201eArchisten\u201c (z\u00f6gernde Staatsbef\u00fcrworter) wie mich und insbesondere auch Elinor Ostrom war das Buch von gro\u00dfer Bedeutung. Hier gab es Antworten auf das Problem der Erzeugung sozialer Ordnung, die von den wenig \u00fcberzeugenden klassischen soziologischen Antworten verschieden waren, indem sie der Tatsache systematisch Rechnung trugen, dass menschliche Akteure auf Anreize reagieren und nicht nur intrinsischen Motiven folgen. Insoweit hatten wir den gleichen Ausgangspunkt. Ich habe mich an dem Problem der sozialen Ordnung im Rahmen des Rationalwahlansatzes festgebissen und mich weiterhin mit den M\u00e4ngeln des Homo oeconomicus Modells befasst. Elinor Ostrom hat das Problem zugunsten empirischer Studien und der Frage, was denn wirklich in der Welt passiert, zur Seite geschoben. Sie hat gefragt, wie und mit welchen Mechanismen die realen gesellschaftlichen Ordnungsstrukturen selbst angesichts von Allmendeproblem m\u00f6glich sind. Ich fand 1987\/1988, dass Ostroms empirische Untersuchungen sehr interessant waren, aber zu dem theoretischen Problem der sozialen Ordnung nicht direkt beitrugen. Elinor Ostrom wollte sich von der reinen Lehre der Rationalwahlans\u00e4tze in der empirischen Forschung und einer daran anschlie\u00dfenden theoretischen Verallgemeinerung nicht abhalten lassen. Nicht nur, weil sie f\u00fcr ihr unbeirrbares Vorgehen mit dem Nobelpreis gew\u00fcrdigt wurde, sondern weil es sich inhaltlich als richtig erwiesen hat, kann man nur feststellen, dass sie Recht behalten hat. Gratulation!<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn jemand eine Ehrung wie die eines Nobelpreises erh\u00e4lt, dann kann er sich \u00fcber einen Mangel an Freunden kaum beklagen. 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