{"id":18878,"date":"2016-02-21T14:27:18","date_gmt":"2016-02-21T13:27:18","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18878"},"modified":"2016-02-21T14:27:18","modified_gmt":"2016-02-21T13:27:18","slug":"overboarding-financial-expert-frauenquote-co-deutsche-aufsichtsraete-auf-der-suche-nach-dem-new-normal","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18878","title":{"rendered":"Overboarding, Financial Expert, Frauenquote &#038; Co.<br\/><font size=3; color=grey>Deutsche Aufsichtsr\u00e4te auf der Suche nach dem \u201eNew Normal\u201c<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als das Old Boys Network die Deutschland AG einer Oligarchie vergleichbar beherrschte! Die F\u00fchrungselite begegnete sich in fr\u00f6hlicher Kooptation von Vorstands- und Aufsichtsratsmandaten getreu dem Motto: \u201eEine Kr\u00e4he hackt der anderen kein Auge aus\u201c (Wolfgang Gerke, 2002). Die wechselseitige Beteiligung zwischen den Gro\u00dfkonzernen sicherte im Zusammenspiel mit dem Depotstimmrecht der Banken eine praktisch unangreifbare Machtbasis f\u00fcr die Protagonisten, die \u00fcber Kritik seitens verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig weniger Aktion\u00e4re und Autorit\u00e4ts-H\u00e4retiker in den Medien allenfalls m\u00fcde l\u00e4chelten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bei b\u00f6rsennotierten Gro\u00dfkonzernen wird die Schnittmenge vermittelbarer Netzwerkmitglieder angesichts der Gesamtanforderungen an den Aufsichtsrat b\u00f6rsennotierter Aktiengesellschaften immer kleiner. Noch vergleichsweise harmlos erscheint die Anforderung des \u00c2\u00a7 100 Abs. 5 AktG, dass mindestens ein unabh\u00e4ngiges Mitglied \u00fcber Sachverstand auf den Gebieten Rechnungslegung oder Abschlusspr\u00fcfung haben bzw. im Szene-Slang ein \u201eFinancial Expert\u201c sein muss. Deutlich einschneidender ist die Frauenquote von mindestens 30% f\u00fcr Aufsichtsr\u00e4te von Gesellschaften, die dem Mitbestimmungsgesetz unterliegen (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14622\">hier<\/a>). Eher schlagend werden die Besetzungsprobleme allerdings durch das \u2013 nat\u00fcrlich wiederum neuhochdeutsch zu betitelnde \u2013 \u201eOverboarding\u201c. L\u00e4sst das Aktiengesetz noch bis zu 10 konzernfremde Aufsichtsratsmandate zu (ein Vorsitz wird dabei doppelt gez\u00e4hlt), soll gem\u00e4\u00df Ziff. 5.4.5 des Deutschen Corporate Governance Kodex die Obergrenze bei drei Mandaten liegen. Au\u00dferdem wird dort ausdr\u00fccklich ein ausreichendes Zeitbudget f\u00fcr die mit der \u00dcbernahme eines Aufsichtsratsmandats verbundenen Pflichten angemahnt.<\/p>\n<p>Wegen des Empfehlungscharakters dieser Regelung und der auch ansonsten \u00fcberschaubaren Bedeutung des Kodex (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13040\">hier<\/a>), d\u00fcrfte sich eigentlich wenig Anlass f\u00fcr deutliche Ver\u00e4nderungen gegeben. Trotzdem scheint die Aufnahme derart selbstverst\u00e4ndlicher Vorgaben in den Kodex gerade einigen angels\u00e4chsischen Investoren eine Steilvorlage zu geben, zumindest einzelne der bisherigen Netzwerker aus einem Teil der Aufsichtsr\u00e4te zu dr\u00e4ngen bzw. ihre (Wieder-)Wahl zu erschweren. Hinzu kommt, dass bei systemrelevanten Kreditinstituten in der Nachbearbeitung der Finanzkrise noch strengere Regeln gesetzlich fixiert wurden. So l\u00e4sst \u00c2\u00a7 25d KWG f\u00fcr aktive Gesch\u00e4ftsleiter als Kontrolleure nur zwei externe Mandate zu und allgemein d\u00fcrften in solchen Instituten nur Aufsichtsr\u00e4te t\u00e4tig werden, die nicht mehr als vier Aufsichtsratsmandate wahrnehmen. Ebenfalls in \u00c2\u00a7 25d KWG wird immerhin die Sachkunde, Aus- und Fortbildung von Aufsichtsr\u00e4ten adressiert, die sich f\u00fcr Nichtfinanzinstitute wiederum nur als Empfehlung in Abschnitt 5.4.5 findet.<\/p>\n<p>Sollte man angesichts all dessen nun jammern oder jubeln? Ist die Selbstreflexion der amtierenden Netzwerker\/innen eine hinreichende Basis f\u00fcr den zu erf\u00fcllenden Anforderungskatalog deutscher Aufsichtsr\u00e4te? Ist das Ausweichen auf bisherige Au\u00dfenseiter wirklich zwangsl\u00e4ufig mit einem Qualit\u00e4tsverlust des vielleicht wichtigsten Corporate Governance Gremiums in deutschen Aktiengesellschaften verbunden oder wird frisches Blut verkrustete Strukturen aufbrechen? Droht zudem die Aufweichung der ach so langfristigen Ausrichtung deutscher Unternehmen, wenn angels\u00e4chsische Heuschrecken als Antwort auf Overboarding &amp; Co. gr\u00f6\u00dferen Einfluss gewinnen, oder wird sich dann mehr wohlverstandener Shareholder Value durchsetzen, der bekanntlich alle Cash Flows bis zum Sankt Nimmerleins-Tag ber\u00fccksichtigt und damit die nachhaltigste aller denkbaren Betrachtungsweisen darstellt?<\/p>\n<p>Selbst und gerade eine noch so teutonische Perspektive kann nicht verleugnen, dass die Geschichte nicht nur Vorbildliches in Sachen deutsche Aufsichtsr\u00e4te kennt \u2013 vielmehr ist die Liste \u00fcberlieferter Skandale lang und macht nur einen Bruchteil der zwangsl\u00e4ufig schwer sch\u00e4tzbaren Dunkelziffer aus (Wenger, 1996). Nat\u00fcrlich sind die Verh\u00e4ltnisse andernorts nicht zwangsl\u00e4ufig besser, aber Vertreter anglophoner Anleger, die ganz nebenbei die internationale Diversit\u00e4t im Gremium st\u00e4rken, werden den Status quo deutscher Gro\u00dfkonzerne nicht so schnell und umfassend \u00fcber den Haufen werfen, dass der nationale Notstand ausgerufen werden muss. \u00c4hnliches gilt hinsichtlich der Menge hierzulande qualifizierter Bewerber f\u00fcr gegebenenfalls frei werdende Aufsichtsratspl\u00e4tze: Es ist beispielsweise schizophren, einerseits das hohe Lied auf den deutschen Mittelstand zu singen und andererseits nicht ernsthaft dar\u00fcber nachzudenken, welches Reservoir an geeigneten K\u00f6pfen f\u00fcr entsprechende Mandate hier zur Verf\u00fcgung steht. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das Aufsichtsrats-Establishment eher den Kontrollverlust \u00fcber die eigene \u201eCommunity\u201c und deren Usancen f\u00fcrchtet als \u00fcber die zu beaufsichtigenden Vorst\u00e4nde, aus denen es sich ja sinnigerweise selbst zu einem erheblichen Teil rekrutiert.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich kann es an einigen Stellen Probleme geben, doch ist dabei Differenzierung angesagt. Die Einschr\u00e4nkung der maximalen Mandatszahl l\u00e4sst den Betroffenen beispielsweise offen, welche Stellen sie annehmen bzw. ablehnen, w\u00e4hrend die Frauenquote die Kandidatenauswahl sinnlos beschr\u00e4nkt und gegebenenfalls zu einer \u201eUmkehrdiskriminierung\u201c f\u00fchrt (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14622\">hier<\/a>). Die fundamentale Schlagseite der legislativen Programmatik zur Corporate Governance liegt letztlich in einer unzureichenden Ber\u00fccksichtigung Anleger- und gesellschaftsrechtlichen Minderheitenschutzes (<a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11032\">hier<\/a>). W\u00e4hrend in Sachen Compliance eine Regulierungslawine losgetreten wurde (Knoll, 2015), muss man als Kleinaktion\u00e4r schon froh sein, wenn der ohnehin unzureichende Rechtsschutz nicht noch weiter aufgeweicht wird.<\/p>\n<p>Insofern k\u00f6nnte der Kampf gegen Overboarding sogar ein kleiner Lichtblick sein, wenn das eine oder andere frei werdende Mandat von einer Person besetzt w\u00fcrde, f\u00fcr die solche Klein(st)aktion\u00e4re nicht nur n\u00fctzliche Idioten sind. Die Erfahrung lehrt uns indessen, keine allzu gro\u00dfen Hoffnungen zu hegen, denn h\u00e4ufig wurden die wenigen vern\u00fcnftigen Grunds\u00e4tze letztlich entgegen ihrer eigentlichen Bestimmung umgesetzt. Ob das alte Problem schon aus Zeitgr\u00fcnden \u00fcberforderter Aufsichtsr\u00e4te \u00fcberhaupt nennenswert reduziert wird, ist damit ex ante genauso offen wie die Frage, welche neuen Probleme man sich damit einkaufen wird. Der Gesamteffekt m\u00f6glicher \u00c4nderungen in der Besetzung deutscher Aufsichtsr\u00e4te wird zwar ex post erkennbar werden, aber f\u00fcr den Privatanleger am deutschen Aktienmarkt auch \u00fcberschaubar bleiben. Gro\u00dfe Sorgen sind also ebenso wenig angebracht wie \u00fcberzogene Erwartungen an den \u201eNew Normal\u201c oder in den Worten von Karl Kraus: \u201eDie Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst!\u201c<\/p>\n<p><strong>Literatur:<\/strong><\/p>\n<p>Wolfang Gerke, Editorial der DBW 1\/2002, S. 1-3<\/p>\n<p>Leonhard Knoll, ZRFC \u2013 Risk, Fraud &amp; Compliance, 10. Jg. (2015), S. 150-155.<\/p>\n<p>Ekkehard Wenger, Wirtschaftsdienst, 76. Jg. (1996), S. 175-180<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was waren das noch f\u00fcr Zeiten, als das Old Boys Network die Deutschland AG einer Oligarchie vergleichbar beherrschte! 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