{"id":18955,"date":"2016-03-23T15:02:49","date_gmt":"2016-03-23T14:02:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18955"},"modified":"2016-03-23T15:02:49","modified_gmt":"2016-03-23T14:02:49","slug":"fokus-auf-die-marktwirtschaftargumente-gegen-eine-ueberfrachtung-der-vgr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18955","title":{"rendered":"Fokus auf die Marktwirtschaft<br\/><font size=3; color=grey>Argumente gegen eine \u00dcberfrachtung der VGR<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Innovationen erscheinen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen oftmals nicht rechtzeitig und vollst\u00e4ndig. Vielmehr sind dort nur die negativen Substitutionseffekte sichtbar. Ist dies jedoch ein Marktph\u00e4nomen, dann sollte sich dies auch in einer schw\u00e4cheren Marktproduktion und Produktivit\u00e4t sowie in einem engeren Verteilungsspielraum zeigen. Um die mit der digitalen Revolution entstehenden privaten neuen G\u00fctern und die damit verbundenen Wohlstandseffekte zu ber\u00fccksichtigen, bietet sich eine gesonderte Analyse in einer Satellitenrechnung an. Damit kann eine \u00dcberfrachtung des wichtigen BIP-Konzepts verhindert werden.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><em><strong><!--more--><\/strong><\/em><\/p>\n<p>Das Produktivit\u00e4tswachstum hat in vielen L\u00e4ndern in den letzten Jahren stark nachgelassen (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18906\">hier<\/a>). Viele vermuten mit ganz unterschiedlichen Argumenten, dass diese Schw\u00e4che ein bleibender Zustand, also eine s\u00e4kulare Stagnation darstellen kann. In diesem Kontext wird auch angef\u00fchrt, dass m\u00f6glicherweise die makro\u00f6konomischen Rechenwerke nicht gut genug sind, um das Wirtschaftsleben und seine Ver\u00e4nderungen ad\u00e4quat zu erfassen. Ist die Produktivit\u00e4tsschw\u00e4che letztlich nur die Folge eines \u201estatistical mismeasurements\u201c? Vor allem wird in diesem Zusammenhang vermutet, dass die gro\u00dfen Produktions- und Produktivit\u00e4tseffekte der sogenannten Digitalen Revolution nicht (ausreichend) erfasst werden. Eigentlich w\u00e4ren wir demnach viel besser als es uns die Statistiken ausweisen.<\/p>\n<p>Das Problem, dass neue G\u00fcter und insbesondere Basistechnologien zu statistischen Verzerrungen bei der Produktions- und Produktivit\u00e4tsentwicklung f\u00fchren k\u00f6nnen, wurde bereits prominent von Robert Solow im Jahr 1987 mit dem h\u00e4ufig zitierten Satz &#8222;You can see the computer age everywhere but in the productivity statistics.&#8220; artikuliert. Die zunehmende Produktion und Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien w\u00e4hrend der New Economy-Phase in der zweiten H\u00e4lfte der 1990er Jahre warfen bereits eine Reihe von statistischen Messproblemen auf. In den letzten Jahren hat diese Diskussion neuen Auftrieb infolge der Digitalen Revolution bekommen (siehe Gr\u00f6mling, 2016).<\/p>\n<p>Neue G\u00fcter, die damit verbundene Produktion sowie der damit einhergehende Strukturwandel sind oftmals \u00fcber einen bedeutsamen \u00dcbergangszeitraum mit den herk\u00f6mmlichen Klassifikationen nicht sichtbar. Besonders bei Informationsg\u00fctern mit Netzwerkcharakter kann es zu einen abrupten Umkippeffekt kommen. Wird eine kritische Masse erreicht, dann kann der Verbrauch in einem relativ kurzen Zeitraum in hohem Ma\u00df von einem bisherigen auf ein neues Gut umschwenken. Als ein potenzielles Beispiel k\u00f6nnen die Nutzung eines gebundenen und kostenpflichtigen VGR-Buches einerseits und die kostenlose Nutzung von Internetbeitr\u00e4gen zur VGR (z.B. Wikipedia-Eintr\u00e4ge) genannt werden. Sobald die technischen Voraussetzungen \u2013 z. B. Computer, Smartphones, permanenter Internetzugang \u2013 eine entsprechende Verbreitung haben, kann ein solcher Substitutions- und Umkippprozess in Gang kommen.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Produktions- und Produktivit\u00e4tsmessung hat dieses Ph\u00e4nomen merkliche Auswirkungen, falls aufgrund der statistischen Klassifikationen und von Erhebungsproblemen nur die herk\u00f6mmlichen G\u00fcter erfasst werden. W\u00e4hrend einerseits die Nutzung der neuen G\u00fcter (z.B. Internetartikel zur VGR) nicht in den Produktionsstatistiken erscheint, schl\u00e4gt sich andererseits dort aber der Produktionsr\u00fcckgang der fr\u00fcher etablierten G\u00fcter (VGR-B\u00fccher) vollst\u00e4ndig negativ nieder. Dieser Mess-Bias hat nicht nur Auswirkungen auf das Niveau und die Struktur der Entstehungs-, Verwendungs- und Einkommensseite der gesamtwirtschaftlichen Leistung, also des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Auch die Wachstumsraten des BIP insgesamt und seiner Teilbereich k\u00f6nnen vor allem in den \u00dcbergangsphasen solcher technologischer Neuerungen verzerrt werden \u2013 mit den entsprechenden Auswirkungen auf die Produktivit\u00e4tsmessung.<\/p>\n<p>Beim marktlichen Leistungsaustausch zwischen Unternehmen, d\u00fcrfte grunds\u00e4tzlich eine statistische Messung m\u00f6glich und somit eine Untererfassung der Produktion generell vermeidbar sein. Als Beispiele k\u00f6nnen mit Blick auf die Digitalisierung entsprechende IT- oder R&amp;D-Leistungen im Umfeld des betrieblichen Internets der Dinge genannt werden. F\u00fcr diese Leistungen gibt es Preise und Ums\u00e4tze. Sie k\u00f6nnen in den VGR als Wertsch\u00f6pfung und Vorleistung ausgewiesen werden. Das gleich gilt im Prinzip auch f\u00fcr den Leistungsaustausch zwischen Unternehmen und privaten Haushalten. Hier wird zwar ein herk\u00f6mmliches Gut (gebundenes VGR-Buch) durch ein neues Gut (kostenpflichtiger Download des digitalen VGR-Buches) substituiert. Beide Leistungen werden jedoch zu Marktpreisen bewertet und k\u00f6nnen statistisch als Wertsch\u00f6pfung und als Konsum erfasst werden. Freilich ist bei digitalen Leistungen auch die Preismessung stark gefordert, vor allem um den permanenten Qualit\u00e4tsverbesserungen ad\u00e4quat Rechnung zu tragen.<\/p>\n<p>Eine statistische und \u00f6konomische Herausforderung stellt vor allem die kostenlose Bereitstellung von G\u00fctern durch Konsumenten f\u00fcr Konsumenten dar. Werden dabei Marktleistungen zwischen Unternehmen und Endverbrauchern substituiert, dann entspricht dies \u00fcberspitzt einem Abgleiten von gesamtwirtschaftlichen Leistungen in die Schattenwirtschaft. Als Beispiel kann die kostenlose Nutzung von privat erstellten digitalen Dienstleistungen im Internet (wie z.B. Musik, Spiele, Lexika, Beratung) genannt werden. Mit der herk\u00f6mmlichen Messung in den VGR werden zwar die zur Nutzung notwendige (einmalige) Anschaffung der Hardware (z.B. Smartphone oder Computer) sowie die (monatliche) Nutzungsgeb\u00fchr f\u00fcr den Internetzugang sowie etwaige Ausgaben f\u00fcr die Werbung im Internet erfasst. Die tats\u00e4chlich genutzten, meist kostenlosen Daten und Dienste erscheinen jedoch kaum, meistens \u00fcberhaupt nicht im gemessenen Konsum sowie entsprechend auf der Entstehungs- und Einkommensseite. In einer Reihe von F\u00e4llen werden vielmehr nur die das BIP mindernden Substitutionswirkungen erfasst.<\/p>\n<p>Als Beispiel kann die Sharing-economy genannt werden. Auf Basis der neuen Kommunikationstechnologien k\u00f6nnen private Konsumenten erheblich einfacher (langlebige) Gebrauchsg\u00fcter gemeinsam nutzen. F\u00fcr diese Leistungen, die zweifellos f\u00fcr alle Beteiligten eine Wohlfahrtssteigerung bedeuten, werden keine marktm\u00e4\u00dfige Besch\u00e4ftigung, Einkommen, Wertsch\u00f6pfung und Konsum ausgewiesen. Vielmehr kann es dazu kommen, dass aufgrund der effizienteren Nutzung der bestehenden G\u00fcterbest\u00e4nde (z.B. Fahrzeugflotte oder Werkzeuge) die K\u00e4ufe und die Produktion von neuen G\u00fctern (PKW oder Bohrmaschinen) zur\u00fcckgehen. Positiv zu Buche schlagen die K\u00e4ufe von Hardware (z.B. Smartphones) zur Nutzung dieser Dienstleistungen. M\u00f6glicherweise werden dazu in Zukunft (private) digitale Zahlungsmittel eingesetzt, um die privaten Tauschleistungen jenseits der etablierten monet\u00e4ren Sph\u00e4re zu vollziehen.<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund einer nicht ausreichenden Erfassung von neuen G\u00fctern infolge der Digitalisierung wurden bereits Verfahren entwickelt, um den Wert dieser Leistungen zu sch\u00e4tzen. Zum Beispiel wird eine Konsumentenrente f\u00fcr Internetleistungen ermittelt. Oder auf Basis von Opportunit\u00e4tskosten sollen R\u00fcckschl\u00fcsse auf den Wert dieser Leistungen und den entsprechenden Konsum gewonnen werden.<\/p>\n<p>Es gibt durchaus gute Gr\u00fcnde daf\u00fcr, den Wert von privaten Dienstleistungen, die durch die Digitale Revolution erst m\u00f6glich werden, zu erfassen und nicht zu ignorieren. Diese digitalen Leistungen erh\u00f6hen die Wohlfahrt in einem Land, was jedoch in den VGR nicht oder kaum sichtbar wird. Damit wird das Niveau, die Struktur und die Ver\u00e4nderungen der gesamtwirtschaftlichen Leistungen nicht mehr ad\u00e4quat widergegeben. Das BIP und andere VGR-Gr\u00f6\u00dfen verl\u00f6ren dann an \u00f6konomischer Aussagekraft f\u00fcr Konjunktur-, Struktur- und Verteilungsanalysen.<\/p>\n<p>Dies stimmt m\u00f6glicherweise, aber nur auf den ersten Blick:<\/p>\n<ol>\n<li><strong>Zur\u00fcckdr\u00e4ngen von Marktfakten<\/strong>: Die angesprochenen Modellsch\u00e4tzungen bieten zun\u00e4chst einmal eine Ann\u00e4herung an die wahrgenommene Realit\u00e4t. Bei ihrer Integration in die VGR gilt allerdings zu bedenken, dass damit das Gewicht der modellbasierten Komponenten und der Modellgehalt der VGR insgesamt weiter ansteigt. Tats\u00e4chliche Beobachtungen und Informationen \u00fcber messbare Marktaktivit\u00e4ten verlieren relativ an Bedeutung. Dies war bei einer Reihe von bisherigen VGR-Revisionen der Fall und f\u00fchrte dazu, dass die VGR teilweise an Aussagekraft f\u00fcr Konjunkturanalysen einb\u00fc\u00dfte (Br\u00fcmmerhoff\/Gr\u00f6mling, 2012).<\/li>\n<li><strong>Artifizielle Einkommen<\/strong>: Jeder m\u00f6glicherweise gut begr\u00fcndbare Eingriff in eine Teilrechnung erfordert entsprechende Anpassungen in den anderen Teilrechnungen der VGR. Mit einem zus\u00e4tzlichen digitalen Konsum entstehen im Systemzusammenhang auch entsprechende VGR-Einkommen, die m\u00f6glicherweise in der Realit\u00e4t nicht leicht oder \u00fcberhaupt nicht zu interpretieren sind. Die VGR-Generalrevision von 2005 und dabei das neue Konzept zur Messung von Finanzserviceleistungen (FISIM) hatte markante Auswirkungen auf die funktionelle Einkommensverteilung und ihre Interpretation (Br\u00fcmmerhoff\/Gr\u00f6mling, 2012). Eine k\u00fcnftige Einarbeitung von bestimmten digitalen Leistungen kann mit vergleichbaren Effekten auf die Einkommensrechnung einhergehen und f\u00fcr entsprechende Irritationen bei der Einkommensinterpretation sorgen. Definition und H\u00f6he der makro\u00f6konomischen Einkommen entfernen sich dann m\u00f6glicherweise weiter von der Realit\u00e4t.<\/li>\n<li><strong>Nachlassende Produktions- und Marktorientierung:<\/strong> Inlandsprodukt und Nationaleinkommen sind explizit keine direkten Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr den Wohlstand, sondern vorwiegend f\u00fcr die gesamtwirtschaftliche Marktproduktion und die damit verbundenen Markteinkommen. Dieses spielt wiederum f\u00fcr den Wohlstand eine gro\u00dfe Rolle (Enquete-Kommission, 2013). Ein umfassender Produktionsbegriff in den VGR soll dem Tatbestand Rechnung tragen, dass eine (besteuerbare) Entlohnung in Geld f\u00fcr die entsprechenden Arbeits- und Unternehmensleistungen stattfindet. Auch mit Blick auf die Einarbeitung der digitalen \u00d6konomie in die VGR sollte die Entlohnung in Geld und die damit verbundene Marktorientierung dominieren. Nur die faktisch entstandenen Einkommen sind f\u00fcr viele wirtschaftspolitische Fragestellungen \u2013 z. B. im Bereich der Besteuerung oder Schuldentragf\u00e4higkeit \u2013 relevant. Das gleiche gilt auch f\u00fcr das Abstecken von makro\u00f6konomischen Verteilungsspielr\u00e4umen. Letztlich stehen nur die Produktion, die Produktivit\u00e4t und die Einkommen, die im marktlichen und marktnahen (z.B. Staat und private Organisationen ohne Erwerbszweck) Bereich realisiert werden, zur Disposition. Konsum-, Wertsch\u00f6pfungs- und Einkommens\u00e4quivalente, die in Ermangelung von tats\u00e4chlichen Informationen \u00fcber Modelle berechnet werden, werfen vermutlich zus\u00e4tzliche Probleme auf. So wichtig gute und umfassende Informationen \u00fcber einen m\u00f6glicherweise wachsenden Teil der digitalen \u00d6konomie f\u00fcr die Belange der Wohlfahrtsmessung sind, so problematisch k\u00f6nnen sie f\u00fcr wirtschafts- und verteilungspolitische Analysen und Schlussfolgerungen sein.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Insbesondere die \u00dcbergangsphase von technologischen Neuerungen, vor allem in Zeiten von sogenannten Umkippeffekten, kann mit merklichen D\u00e4mpfeffekten auf die Produktion und die Produktivit\u00e4t einhergehen. W\u00e4hrend ein Teil der neuen G\u00fcter nicht in den VGR erscheint, sind dort aber vor allem die negativen Substitutionseffekte voll sichtbar. Wenn die digitale Revolution zur teilweisen Substitution von Marktleistungen durch privat erbrachte Leistungen f\u00fchrt, dann sollte sich dies auch entsprechend in einer schw\u00e4cheren Marktproduktion und der darauf basierenden Produktivit\u00e4t zeigen. Der sich im Marktprozess ergebende Verteilungsspielraum wird dann eben auch enger. Um die mit den neuen G\u00fctern verbundenen Wohlstandseffekte zu ber\u00fccksichtigen, bietet sich eine gesonderte Analyse in einer Satellitenrechnung zur VGR an. Diese w\u00fcrde dann versuchen, den im Nicht-Marktbereich entstehenden Wohlstand zu quantifizieren. Hier k\u00f6nnen auch mit den neuen Berechnungsmethoden wichtige Erfahrungen gewonnen werden. Die Kombination beider Betrachtungsweisen w\u00fcrde dann differenziert die gesamte Wohlstandsposition ergeben. Vor allem w\u00fcrde eine \u00dcberfrachtung und Schw\u00e4chung des wichtigen BIP-Konzepts verhindert werden.<\/p>\n<p><strong>Quellen<\/strong>:<br \/>\nBr\u00fcmmerhoff, Dieter \/ Gr\u00f6mling, Michael, 2012, \u00d6konomische Auswirkungen von VGR-Revisionen, in: AStA \u2013 Wirtschafts- und Sozialstatistisches Archiv, Vol. 6, Hefte 3\u20134, S. 133\u2013148<\/p>\n<p>Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualit\u00e4t, 2013, Abschlussbericht Projektgruppe 2 \u201eEntwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands- bzw. Fortschrittsindikators, Deutscher Bundestag, Kommissionsdrucksache 17(26)87, Berlin<\/p>\n<p>Gr\u00f6mling, Michael, 2016, Digitale Revolution \u2013 eine neue Herausforderung f\u00fcr die Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen?, in: Wirtschaftsdienst, Nr. 2, S. 135\u2013139<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Innovationen erscheinen in den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen oftmals nicht rechtzeitig und vollst\u00e4ndig. Vielmehr sind dort nur die negativen Substitutionseffekte sichtbar. 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