{"id":19003,"date":"2016-03-25T09:40:43","date_gmt":"2016-03-25T08:40:43","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19003"},"modified":"2016-03-25T09:50:08","modified_gmt":"2016-03-25T08:50:08","slug":"ungleichheit-heute-31an-was-orientiert-sich-der-staat-bei-umverteilung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19003","title":{"rendered":"<small>Ungleichheit heute (31)<\/small><br\/>An was orientiert sich der Staat bei der Umverteilung?"},"content":{"rendered":"<p>Die Marktungleichheit hat in den vergangenen Jahrzehnten in den meisten OECD-Staaten deutlich zugenommen. Abbildung 1 zeigt diese Entwicklung beispielhaft f\u00fcr Schweden, Deutschland und die USA. Trotz substanzieller Unterschiede in der Ausgestaltung der sozialen Sicherungssysteme sowie verschiedener institutioneller Gegebenheiten ist die Ungleichheit der Markteinkommen und ihre Ver\u00e4nderung \u00fcber die Zeit in allen drei L\u00e4ndern vergleichbar. Diese Entwicklung scheint eine Vielzahl von L\u00e4ndern gleicherma\u00dfen zu betreffen, was darauf hindeutet, dass international zu beobachtende Ph\u00e4nomene wie der technische Fortschritt oder die Globalisierung eine wichtige Rolle spielen. Abbildung 1 verdeutlicht zudem, dass sich die Ungleichheit der Nettoeinkommen, also der Einkommen nach Steuern und Transfers, trotz mittelfristiger Schwankungen aktuell wieder auf dem Niveau von 1960 befindet. Zunehmende Umverteilungsaktivit\u00e4ten des Staates wirken der wachsenden Ungleichheit der Markteinkommen offensichtlich entgegen, weshalb sich die Nettoungleichheit in der langen Frist kaum ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Hinsichtlich des Umfangs der Umverteilung existieren jedoch zwischen den drei L\u00e4ndern infolge heterogener Pr\u00e4ferenzen deutliche Unterschiede. W\u00e4hrend die USA im Vergleich zur Mehrzahl der europ\u00e4ischen Nationen weniger umverteilen, ist die Umverteilung in Schweden innerhalb der letzten Jahrzehnte auf ein im internationalen Vergleich sehr hohes Niveau gestiegen. Auch in Deutschland ist Umverteilung in betr\u00e4chtlichem Umfang zu beobachten, f\u00e4llt allerdings etwas geringer aus als in Schweden. Hinzu kommt, dass in demokratischen L\u00e4ndern Umverteilung als zentraler Wettbewerbsparameter des politischen Betriebs fungiert. Umverteilungsma\u00dfnahmen werden von politischen Entscheidungstr\u00e4gern gezielt dazu eingesetzt, W\u00e4hlergruppen zu beg\u00fcnstigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kol1f.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"US GDP\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kol1f.png\" alt=\"US GDP\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Eine theoretische Verbindung zwischen Marktungleichheit und Umverteilung entwickelten Meltzer und Richard bereits 1981. Demnach f\u00fchrt eine h\u00f6here Ungleichheit der Markteinkommen in einem Mehrheitswahlrecht zu h\u00f6herer Umverteilung, wenn der Abstand zwischen dem Durchschnittseinkommen und dem Einkommen des Medianw\u00e4hlers, der entscheidenden W\u00e4hlergruppe in einer Demokratie, zunimmt. Als Konsequenz fordert der Medianw\u00e4hler mehr staatliche Umverteilung, da er davon st\u00e4rker profitiert. Weitere gesellschaftliche Gruppen, wie z.B. Top-Einkommensbezieher bzw. untere Einkommen, beeinflussen der Theorie zufolge die H\u00f6he der staatlichen Umverteilung nur in geringem Ma\u00dfe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Theorie eine Vielzahl von Erkl\u00e4rungsmustern \u00fcber die Ursachen der Umverteilung im politischen Prozess hervorgebracht hat, ist die Empirie in vielen der Fragen gespalten. Die Studien von Gr\u00fcndler und K\u00f6llner (<a href=\"http:\/\/www.wiwi.uni-wuerzburg.de\/fileadmin\/12010400\/DP_132.pdf\">2015<\/a>) und Berthold, Gr\u00fcndler und K\u00f6llner (<a href=\"http:\/\/archiv.wirtschaftsdienst.eu\/jahr\/2016\/13\/was-treibt-staatliche-umverteilung\/\">2016<\/a>) untersuchen deshalb die empirischen Determinanten, an denen sich der Staat bei Umverteilungsaktivit\u00e4ten orientiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Umverteilung in der OECD<\/strong><\/p>\n<p>Um die Analyse der Bestimmungsgr\u00fcnde staatlicher Umverteilung f\u00fcr ein m\u00f6glichst breites L\u00e4ndersample durchf\u00fchren zu k\u00f6nnen, muss sich die Auswahl der Umverteilungsvariablen an Daten orientieren, die f\u00fcr eine Vielzahl an Staaten verf\u00fcgbar sind. Die \u201eStandardized World Income Inequality Database\u201c (SWIID) v5 vom Oktober 2014 durch Solt (2009, <a href=\"http:\/\/myweb.uiowa.edu\/fsolt\/papers\/Solt2014.pdf\">2016<\/a>) stellt vergleichbare und harmonisierte Daten zur Markt- und Nettoungleichheit f\u00fcr 174 L\u00e4nder zwischen 1960 und 2013 bereit. Mithilfe des \u201ePre-Post-Approach\u201c kann damit die H\u00f6he der Umverteilung als Differenz der Gini-Koeffizienten vor und nach Steuern und Transfers berechnet werden. Das Ma\u00df beinhaltet die reine Ver\u00e4nderung der Ungleichheit, unabh\u00e4ngig davon, mit welchen Mitteln diese Ver\u00e4nderung erreicht wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kol2f.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"US GDP\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kol2f.png\" alt=\"US GDP\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Abbildung 2 zeigt die L\u00e4nder mit dem h\u00f6chsten und dem geringsten Umfang an Umverteilung innerhalb der OECD-Mitgliedstaaten f\u00fcr den Zeitraum zwischen 2010 und 2013. Im Durchschnitt reduzieren die verteilungspolitischen Aktivit\u00e4ten der OECD-Mitgliedstaaten die Marktungleichheit im angegebenen Zeitraum um rund 16,35 Gini-Punkte. Die heterogenen Sozialsysteme f\u00fchren jedoch zu einer starken Streuung in der H\u00f6he der Umverteilung zwischen den L\u00e4ndern (Standardabweichung: 5,96 Gini-Punkte). Am geringsten ist die Umverteilung in Chile, S\u00fcdkorea und der T\u00fcrkei. In diesen L\u00e4ndern f\u00fchrt die Sozialpolitik lediglich zu einer Reduktion der Marktungleichheit um rund 2,5 Gini-Punkte. Auch die Schweiz (12,18 Gini-Punkte), die USA (13,17) und Australien (15,65) verteilen weniger um als die OECD-L\u00e4nder im Durchschnitt.<\/p>\n<p>In der Gruppe der L\u00e4nder mit dem h\u00f6chsten Ma\u00df an Umverteilung finden sich vor allem die skandinavischen L\u00e4nder Schweden (24,24), D\u00e4nemark (22,51) und Finnland (21,49). Deutschland belegt in dieser Betrachtung den vierten Rang und liegt mit einer Ungleichheitsreduktion von 21,72 Gini-Punkten nur unwesentlich hinter Irland (26,07).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Ergebnisse<\/strong><\/p>\n<p>Worauf lassen sich die teils deutlichen Unterschiede in der H\u00f6he der staatlichen Umverteilungsaktivit\u00e4ten zur\u00fcckf\u00fchren? Abbildung 3 zeigt die Basisergebnisse von Gr\u00fcndler und K\u00f6llner (<a href=\"http:\/\/www.wiwi.uni-wuerzburg.de\/fileadmin\/12010400\/DP_132.pdf\">2015<\/a>, 2016) f\u00fcr ein Panel aus 126 L\u00e4ndern zwischen 1960 und 2013.<\/p>\n<p>Die Meltzer-Richard-Hypothese kann empirisch eindeutig best\u00e4tigt werden. H\u00f6here Marktungleichheit f\u00fchrt zu einem signifikant h\u00f6heren Niveau an Umverteilung. Au\u00dferdem kann ein positiver und signifikanter Einfluss der Mittelklasse auf die H\u00f6he der Umverteilung beobachtet werden. Politische Entscheidungstr\u00e4ger orientieren sich bei Umverteilungsaktivit\u00e4ten augenscheinlich stark an der Mittelklasse. Diese Aussage ist sowohl f\u00fcr eine enge Definition der Mittelklasse, die lediglich das 3. Quintil umfasst, als auch f\u00fcr eine weite Definition (2.-4. Quintil) g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus \u00fcben die Top-1%-Einkommen einen negativen und hoch signifikanten Einfluss auf den Umfang der Umverteilung aus. Top-Einkommensbezieher verf\u00fcgen offensichtlich au\u00dferhalb des Wahlprozesses \u00fcber weitere M\u00f6glichkeiten der Beeinflussung politischer Entscheidungstr\u00e4ger. \u00dcber indirekte Kan\u00e4le, wie z.B. Spenden oder die Unterst\u00fctzung politischer Kampagnen, betreiben obere Einkommen Vetternwirtschaft bzw. rent-seeking, um finanzielle Belastungen durch zus\u00e4tzliche Umverteilungsaktivit\u00e4ten zu reduzieren. Die Ergebnisse f\u00fcr die unteren Einkommen (\u201eUntere 10%\u201c) und die Arbeitslosigkeit zeigen einen umfangsm\u00e4\u00dfig sehr geringen sowie insignifikanten marginalen Effekt. Dies verdeutlicht, dass Politiker sich in Umverteilungsfragen kaum an der Situation der geringen Einkommen bzw. der Arbeitssuchenden orientieren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kol3f.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"US GDP\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kol3f.png\" alt=\"US GDP\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Abbildung 3 zeigt auch, dass es demokratische L\u00e4nder sind, die signifikant mehr umverteilen. In Nicht-Demokratien existieren von Seiten der Bev\u00f6lkerung augenscheinlich geringere Sanktionsmechanismen, z.B. in Form einer Abwahl der Regierung, weshalb Politiker weniger stark auf Forderungen aus der Bev\u00f6lkerung eingehen m\u00fcssen. Zus\u00e4tzlich ist festzustellen, dass die H\u00f6he der Umverteilung im Zeitablauf sehr persistent ist. Entsprechend wird Umverteilung in einer Periode auch entscheidend von der Umverteilung in der Vorperiode beeinflusst.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Gef\u00fchlte Ungleichheit<\/strong><\/p>\n<p>Das Meltzer-Richard-Theorem legt nahe, dass die Umverteilung umso h\u00f6her ist, je ungleicher die Markteinkommen verteilt sind. Eine hohe Marktungleichheit schl\u00e4gt sich in den Pr\u00e4ferenzen der W\u00e4hler f\u00fcr Umverteilung nieder, was im Medianw\u00e4hlermodell schlie\u00dflich zu einer Zunahme der verteilungspolitischen Aktivit\u00e4ten des Staates f\u00fchrt. Bei der Bildung der Pr\u00e4ferenzen werden sich die W\u00e4hler jedoch in den wenigsten F\u00e4llen an objektiven Daten orientieren. Vielmehr ist hier die wahrgenommene Ungleichheit entscheidend. Wie eine Vielzahl j\u00fcngerer Studien zeigt, sind diese Wahrnehmungen oftmals verzerrt (siehe Cruces et al., 2013, <a href=\"http:\/\/www.iwkoeln.de\/studien\/iw-trends\/beitrag\/judith-niehues-subjektive-ungleichheitswahrnehmung-und-umverteilungspraeferenzen-175257\">Niehues, 2014<\/a> und <a href=\"http:\/\/diskussionspapiere.wiwi.uni-hannover.de\/pdf_bib\/dp-526.pdf\">Engelhardt und Wagener, 2014<\/a>).<\/p>\n<p>In Anlehnung an <a href=\"http:\/\/diskussionspapiere.wiwi.uni-hannover.de\/pdf_bib\/dp-526.pdf\">Engelhardt und Wagener (2014)<\/a> lassen sich verschiedene subjektive Ungleichheitsma\u00dfe auf Basis von l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Mikro-Datens\u00e4tzen berechnen. Einsch\u00e4tzungen zum eigenen Status finden sich f\u00fcr eine Vielzahl der OECD-L\u00e4nder im \u201eInternational Social Survey Programme\u201c (ISSP) sowie f\u00fcr ein breiteres Sample im \u201eWorld Value Survey\u201c (WVS).<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kol4f.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"US GDP\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kol4f.png\" alt=\"US GDP\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Vergleicht man die tats\u00e4chliche mit der wahrgenommenen Ungleichheit, so l\u00e4sst sich das Ausma\u00df der Fehleinsch\u00e4tzung der Individuen berechnen. Abbildung 4 zeigt jeweils die OECD-L\u00e4nder mit der geringsten und der h\u00f6chsten Differenz aus gef\u00fchlter und realer Ungleichheit. Zieht man die Daten aus dem ISSP heran, so zeigt sich, dass die Nettoungleichheit von den Individuen in allen L\u00e4ndern deutlich zu niedrig eingesch\u00e4tzt wird. W\u00e4hrend der Mittelwert der tats\u00e4chlichen Ungleichheit in der OECD bei 30,73 Gini-Punkten liegt, betr\u00e4gt die gef\u00fchlte Ungleichheit im Schnitt lediglich 15,6 Gini-Punkte im ISSP bzw. 27,41 Gini-Punkte im WVS. Die Unterschiede in der Messung der gef\u00fchlten Ungleichheit sind auf Unterschiede in der Fragestellung und dem Erhebungsumfang zur\u00fcckzuf\u00fchren. An den L\u00e4nderrankings der Fehleinsch\u00e4tzung \u00e4ndert sich zwischen ISSP und WVS allerdings wenig. Besonders in den skandinavischen L\u00e4ndern Finnland, Norwegen, D\u00e4nemark und Schweden liegt die gef\u00fchlte Ungleichheit relativ nahe an der tats\u00e4chlichen Ungleichheit. Auch in den mittelosteurop\u00e4ischen Staaten Slowenien, Slowakei und Tschechien sch\u00e4tzen sich die Individuen relativ gut ein. Deutschland rangiert in dieser Betrachtung im oberen Mittelfeld. In der Liste der Nationen mit hoher Differenz aus tats\u00e4chlicher und gef\u00fchlter Ungleichheit finden sich vor allem die angels\u00e4chsischen Nationen USA, Gro\u00dfbritannien und Australien, sowie die mediterranen Volkswirtschaften Spanien, Italien und Portugal.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kol5f.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"US GDP\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kol5f.png\" alt=\"US GDP\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die aktuelle Welle des \u201eEuropean Social Survey\u201c (ESS) erm\u00f6glicht zudem einen direkten Vergleich zwischen der wahrgenommenen und der tats\u00e4chlichen Einkommensverteilung in den einzelnen L\u00e4ndern. Abbildung 5 zeigt die Ergebnisse beispielhaft f\u00fcr Finnland, \u00d6sterreich, Frankreich und die Schweiz. Es wird deutlich, dass auch die Einsch\u00e4tzungen bez\u00fcglich der Einkommensverteilung stark verzerrt sind. Individuen sehen sich selbst eher in der Mitte der Einkommensverteilung, w\u00e4hrend sich nur wenige Befragte in den Einkommensdezilen 1-3 bzw. 8-10 positionieren. Die Realit\u00e4t weist hingegen deutlich mehr Personen in diesen Einkommensklassen aus.<\/p>\n<p>Welche Konsequenz ergibt sich durch diese Fehleinsch\u00e4tzungen auf die Umverteilung? Die Abbildungen 2 und 4 deuten darauf hin, dass gerade die Nationen, in denen die Differenz von gef\u00fchlter und tats\u00e4chlicher Ungleichheit am gr\u00f6\u00dften ist, auch die Staaten mit der geringsten Umverteilung sind. Sind sich die Individuen also der H\u00f6he der Ungleichheit im Land gewahr, steigt die Nachfrage nach Umverteilung, was im politischen Prozess zu st\u00e4rkeren verteilungspolitischen Aktivit\u00e4ten f\u00fchrt. Dies stellt ein weiteres Indiz f\u00fcr das Meltzer-Richard-Theorem dar.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang wird noch deutlicher, wenn die Umverteilungswirkung der gef\u00fchlten Ungleichheit im Rahmen der vorgestellten Panel-Sch\u00e4tzung analysiert wird. Abbildung 6 zeigt die marginalen Effekte der Marktungleichheit und der gef\u00fchlten Ungleichheit auf die Umverteilung.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/kol6f.png\"><img decoding=\"async\" class=\"aligncenter\" title=\"US GDP\" src=\"\/wordpress\/bilder\/kol6f.png\" alt=\"US GDP\" width=\"400\" \/><\/a><br \/>\n<small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Der Effekt der Ungleichheit auf die Umverteilung ist umso h\u00f6her, je st\u00e4rker sich die Individuen der Ungleichheit bewusst sind. Damit l\u00e4sst sich ein Baustein identifizieren, der zur Erkl\u00e4rung der in der Einleitung dargestellten Unterschiede der Verteilungsaktivit\u00e4ten zwischen Schweden, Deutschland und den USA beitragen kann (Abbildung 1). Betrachtet man nur den Meltzer-Richard-Effekt, so st\u00fcnde zu vermuten, dass die vergleichbare Marktungleichheit der L\u00e4nder zu einem \u00e4hnlichen Grad an Umverteilung f\u00fchrt. Tats\u00e4chlich ist die Umverteilung in den L\u00e4ndern allerdings stark unterschiedlich. Blickt man hingegen auf die gef\u00fchlte Ungleichheit aus Abbildung 4, so kann man erkennen, dass sich die Individuen in Schweden der inl\u00e4ndischen Ungleichheit wesentlich st\u00e4rker bewusst sind, als etwa Personen in Deutschland oder insbesondere den USA. <a href=\"http:\/\/diskussionspapiere.wiwi.uni-hannover.de\/pdf_bib\/dp-526.pdf\">Engelhardt und Wagener (2014)<\/a> zeigen \u00fcberdies, dass in den USA nicht nur die Ungleichheit, sondern auch die soziale Mobilit\u00e4t wesentlich zu positiv eingesch\u00e4tzt wird. Wenn die Individuen an ein hohes Ma\u00df an Chancengleichheit glauben, dann wird die Nachfrage nach Umverteilung gering sein \u2013 auch wenn die tats\u00e4chlichen Aufstiegschancen im internationalen Vergleich eher gering sind.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Um der wachsenden Marktungleichheit entgegenzuwirken, ist das Ausma\u00df der Umverteilung in den entwickelten Volkswirtschaften in den letzten Jahrzehnten deutlich angestiegen. Der von Meltzer und Richard (1981) beschriebene theoretische Zusammenhang kann in der zugrundeliegenden Untersuchung f\u00fcr entwickelte Volkswirtschaften empirisch eindeutig beobachtet werden. Der Effekt f\u00e4llt \u00fcberdies st\u00e4rker aus, wenn anstelle der tats\u00e4chlichen Ungleichheit gef\u00fchlte Ungleichheitsma\u00dfe verwendet werden. Sind sich die Individuen der Ungleichheit der Einkommen bewusst, so steigt die Nachfrage nach staatlicher Intervention, was sich im politischen Prozess in einem h\u00f6heren Umfang an Umverteilung niederschl\u00e4gt. Diese Beobachtung liefert damit eine Erkl\u00e4rung, warum in entwickelten Staaten trotz \u00e4hnlicher Entwicklung der Markteinkommen unterschiedliche Umverteilungspolitiken zu beobachten sind. Zus\u00e4tzlich orientieren sich staatliche Entscheidungstr\u00e4ger in Umverteilungsfragen auch an Top-Einkommensbeziehern, die \u00fcber indirekte Kan\u00e4le ihr Interesse nach weniger Umverteilung geltend machen. Der geringe Effekt, der von den unteren Einkommensschichten und der Arbeitslosigkeit ausgeht, kann auf zweierlei hindeuten. Entweder spielen die Bezieher geringer Einkommen f\u00fcr den Staat bei Umverteilung eine untergeordnete Rolle, oder die Umverteilung ist wenig treffsicher. In beiden F\u00e4llen ist das distributive Ergebnis suboptimal.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Cruces, G., Perez-Truglia, R. und M. Tetaz (2013): Biased Perceptions of income distribution and preferences for redistribution: Evidence from a survey experiment, <em>Journal of Public Economics<\/em>, 98, 100-112.<\/p>\n<p>Berthold, N., Gr\u00fcndler, K. und K\u00f6llner, S. (2016): Was treibt staatliche Umverteilung?, <em>Wirtschaftsdienst<\/em>, 96(Sonderheft), S. 32-37 (siehe <a href=\"http:\/\/archiv.wirtschaftsdienst.eu\/jahr\/2016\/13\/was-treibt-staatliche-umverteilung\/\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Meltzer, A.H. und S.F. Richard (1981): A Rational Theory of the Size of Government, <em>Journal of Political Economy<\/em>, 89(5), 914-927.<\/p>\n<p>Solt, F. (2009): Standardizing the World Income Inequality Database, <em>Social Science Quarterly<\/em>, 90(2), 231-242.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge der Serie <em>\u201cUngleichheit heute\u201c\u009d<\/em>:<\/strong><\/p>\n<p id=\"post-17994\">Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Ungleichheit heute (30)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Ungleichheit, Umverteilung und Mobilit\u00e4t&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Besteht wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf?&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17994\" rel=\"bookmark\">Ungleichheit, Umverteilung und Mobilit\u00e4t<br \/>\n<span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Besteht wirtschaftspolitischer Handlungsbedarf?<\/span><\/a><\/p>\n<p>Marcus Fraa\u00df: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;Ungleichheit heute (29)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Verm\u00f6gensmobilit\u00e4t&lt;br \/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Sind wir noch selbst unser Gl\u00fcckes Schmied?&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=17039\" rel=\"bookmark\">Verm\u00f6gensmobilit\u00e4t. Sind wir noch selbst unser Gl\u00fcckes Schmied?<\/a><\/p>\n<p>Marcus Fraa\u00df: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15933\">Beamte und Selbstst\u00e4ndige \u2013 die Stars der Verm\u00f6gensverteilung. Welche Personengruppen besitzen das h\u00f6chste Verm\u00f6gen?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15790\">Warum wird nicht noch viel mehr umverteilt?<\/a><\/p>\n<p>Marcus Fraa\u00df: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15623\">Die Treiber der Verm\u00f6gensungleichheit. Warum besitzen 10 % der Bev\u00f6lkerung mehr als die H\u00e4lfte des Verm\u00f6gens?<\/a><\/p>\n<p>Thomas Apolte: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15529\">Lohngef\u00e4lle und Bildung in der offenen Gesellschaft<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15366\">Wie ungleich ist die Welt? Mythen, Fakten und Politik<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15065\">Rettet den Kapitalismus vor den Kapitalisten. Thomas Piketty auf den Spuren von Karl Marx.<\/a><\/p>\n<p>Marcus Fraa\u00df: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15057\">Wie ungleich ist die Verm\u00f6gensverteilung in Deutschland? Noch ungleicher als die Einkommensverteilung<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14886\">Staatliche Umverteilung und soziale Mobilit\u00e4t. Eine verteilungspolitische Fata Morgana?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14754\">Die \u201cGreat Gatsby\u201c\u009d-Kurve. Mehr als politische Progaganda?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13583\">Des L\u00e4ba isch koin Schlotzer. Ein bedingungsloses Grundeinkommen ist grober Unfug.<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13983\">Bildung hilft, die Ungleichheit zu reduzieren<\/a><\/p>\n<p>Mustafa Coban: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13302\">Kombil\u00f6hne versus Working Poor. Der Kampf gegen Armut und Arbeitslosigkeit<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12684\">Geldpolitik und Ungleichheit. Machen Notenbanken die Welt ungleicher?<\/a><\/p>\n<p>Rainer Hank: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13021\">Ungleichheit und Gerechtigkeit: Was hat das miteinander zu tun?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12673\">Ungleichheit und Krisen<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12107\">\u201cReichtum ist distributive Umweltverschmutzung\u201c\u009d. H\u00f6here Steuern oder mehr Wettbewerb?<\/a><\/p>\n<p>Klaus Gr\u00fcndler: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=12214\">Ungleichheit und Wachstum<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11892\">Der amerikanische Traum \u2013 Bremst Ungleichheit die soziale Mobilit\u00e4t?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11933\">Der Staat pfl\u00fcgt die Verteilung um <\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11584\">Die Ungleichheit wird m\u00e4nnlicher<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11656\">Krieg der Modelle. Technologie oder Institutionen?<\/a><\/p>\n<p>Michael Gr\u00f6mling: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11703\">Einkommensverteilung \u2013 Vorsicht vor der Konjunktur!<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11140\">Die deutsche \u201cMitte\u201c\u009d ist stabil. Wie lange noch?<\/a><\/p>\n<p>Eric Thode: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11396\">Die Mittelschicht schrumpft \u2013 Wo liegt der Handlungsbedarf?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11388\">Geringe Stundenl\u00f6hne, kurze Arbeitszeiten. Treiben Frauen die Ungleichheit?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=11133\">Deutschland wird ungleicher. Was sagt die Lohnverteilung?<\/a><\/p>\n<p>Simon Hurst: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10879\">Der Staat strapaziert die Schweizer Mittelschicht<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=10851\">Einkommensungleichheit in OECD-L\u00e4ndern. Wo stehen wir?<\/a><\/p>\n<p>Norbert Berthold: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=98\">Ungleichheit, soziale Mobilit\u00e4t und Humankapital<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Marktungleichheit hat in den vergangenen Jahrzehnten in den meisten OECD-Staaten deutlich zugenommen. 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