{"id":19069,"date":"2016-04-12T18:16:49","date_gmt":"2016-04-12T17:16:49","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19069"},"modified":"2023-08-08T14:45:57","modified_gmt":"2023-08-08T13:45:57","slug":"blogdialogder-druck-in-richtung-transferunion-wird-immer-staerkerwaehrungsexperte-otmar-issing-im-wist-interview","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19069","title":{"rendered":"<small>BlogDialog<\/small><br\/>Der Druck in Richtung Transferunion wird immer st\u00e4rker<br\/><font size=3; color=grey>W\u00e4hrungsexperte Otmar Issing im Wist-Interview<\/font>"},"content":{"rendered":"<p><em>Prof. Dr. Otmar Issing war als Direktoriumsmitglied und Chefvolkswirt der Europ\u00e4ischen Zentralbank einer der Wegbereiter des Euro. Vor seiner Berufung zur Notenbank war er Professor an der Universit\u00e4t W\u00fcrzburg und Mitglied des Sachverst\u00e4ndigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Im Mai 2006 schied Issing turnusm\u00e4\u00dfig aus dem EZB-Direktorium aus und \u00fcbernahm zwei Jahre sp\u00e4ter den Vorsitz der Expertengruppe Neue Finanzarchitektur. Der geb\u00fcrtige W\u00fcrzburger ist Gr\u00fcndungsherausgeber dieser Zeitschrift und feiert im M\u00e4rz seinen 80. Geburtstag.<\/em><\/p>\n<p><em>Herr Professor Issing, eine Frage vorneweg: Sind Sie noch ein treuer Leser der WiSt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Otmar Issing:<\/strong> Mit meinem leider fr\u00fch verstorbenen Kollegen Erwin Dichtl habe ich die WiSt gegr\u00fcndet. Das erste Heft erschien vor \u00fcber 44 Jahren im Januar 1972. Die Zeitschrift war und ist eine wirkliche Innovation. Ich erinnere mich noch gut daran, dass mir damals zwei renommierte Kollegen erbost mitteilten, dass sie sich von mir nicht vorschreiben lie\u00dfen, wie sie ihren Beitrag verfassen sollten, n\u00e4mlich f\u00fcr Studenten verst\u00e4ndlich. Als ich dann im Oktober 1990 zur Bundesbank ging, habe ich mich schweren Herzens von diesem Projekt verabschiedet. Mit Norbert Berthold habe ich aber einen Nachfolger gefunden, bei dem die Zeitschrift in besten H\u00e4nden ist. In jedem neuen Heft finde ich interessante Beitr\u00e4ge zu einer Vielfalt von Themen.<\/p>\n<p><em>Derzeit gibt es weltweit unz\u00e4hlige politische und wirtschaftliche Krisenherde. Welche beunruhigen Sie am meisten und warum?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Nach dem Fall der Mauer und des Eisernen Vorhangs schien f\u00fcr viele die Zeit immerw\u00e4hrenden \u00c2&nbsp;Friedens und Wohlstands ausgebrochen. Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama sprach mit dem Sieg von Demokratie und Marktwirtschaft vom Ende der Geschichte. Diese Aussage hat sich als Illusion erwiesen. Rund um den Erdball herrschen Kriege und wirtschaftliche Probleme.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Man hat den Eindruck, dass die globalen Unsicherheiten im letzten Jahrzehnt zugenommen haben. Was sind Ihrer Meinung nach die Ursachen daf\u00fcr?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Die geopolitischen Spannungsfelder haben an Breite und Intensit\u00e4t tats\u00e4chlich dramatisch zugenommen. Der islamistische Terrorismus bedroht die ganze Welt.<\/p>\n<p><em>Kommen wir zur \u00d6konomie. Was halten Sie davon, die Cash-Zahlungen zu begrenzen, um der Terrorismusfinanzierung Einhalt zu gebieten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing: <\/strong>Ich halte den Vorschlag, die Barzahlungen der H\u00f6he nach zu beschr\u00e4nken f\u00fcr puren Aktionismus. Das hilft weder gegen den Terrorismus noch gegen kriminelle Aktivit\u00e4ten.<\/p>\n<p><em>Durch die Globalisierung sind die M\u00e4rkte enger miteinander verbunden als jemals zuvor. Wie sch\u00e4tzen Sie die Gefahr ein, dass dieser stets als Segen angepriesene Vorteil mehr und mehr zum Bumerang wird?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Die Globalisierung hat hunderte von Millionen Menschen aus bitterer Armut befreit. Gerade in den reichen L\u00e4ndern f\u00fchlen sich jedoch breite Schichten in ihrem Wohlstand bedroht. Im wachsenden Widerstand gegen das transatlantische Handelsabkommen TTIP offenbaren sich \u00f6konomisch gesehen vorwiegend irrationale \u00c4ngste.<\/p>\n<p><em>Wie kann man noch mehr Menschen weltweit von der Faszination offener M\u00e4rkte begeistern?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing: <\/strong>Begeistern ist zu viel verlangt. Aber die Vorteile eines m\u00f6glichst freien Handels\u00c2&nbsp; lassen sich schon erkl\u00e4ren \u2013 vorausgesetzt es besteht die Bereitschaft zur rationalen Diskussion.<\/p>\n<p><em>Viele L\u00e4nder \u00e4chzen unter dem extrem gefallenen \u00d6lpreis, andere profitieren im starken Ma\u00dfe. Was bedeutet der Preisverfall f\u00fcr die gesamte Weltwirtschaft?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Per Saldo sollte der niedrige \u00d6lpreis wie ein gewaltiges Konjunkturprogramm auf die Weltwirtschaft wirken. Schlie\u00dflich profitieren gerade die bev\u00f6lkerungsreichsten L\u00e4nder wie China und Indien, aber auch viele Industriel\u00e4nder wie Deutschland vom billigen \u00d6l. Allerdings stellen die Verwerfungen in den F\u00f6rderl\u00e4ndern ein erhebliches Gegengewicht dar.<\/p>\n<p><em>Auch die Devisenm\u00e4rkte sind in j\u00fcngerer Zeit ordentlich durcheinander geraten. Welche W\u00e4hrungen werden sich in Zukunft behaupten?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Ich werde mich auf meine alten Tage nicht aufs Glatteis von Wechselkursprognosen begeben. Der Dollar wird jedoch auf absehbare Zeit seine f\u00fchrende Position behaupten und der Euro wird weiter den zweiten Platz einnehmen. Wann die chinesische W\u00e4hrung eine dem gro\u00dfen Potential des Landes entsprechende Rolle spielen wird, l\u00e4sst sich im Moment nicht vorhersagen.<\/p>\n<p><em>Zuletzt hat der gesamte chinesische Markt genau wie die W\u00e4hrung geschw\u00e4chelt. Teils heftige Reaktionen auf den Finanzm\u00e4rkten haben nicht lange auf sich warten lassen. Inwieweit hat Sie das \u00fcberrascht?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> \u00dcberrascht hat mich eher, wie lange es gedauert hat, bis sich fundamentale Schw\u00e4chen des chinesischen Modells aus politischer Diktatur und \u201egeplanter\u201c Marktwirtschaft offenbart haben.<\/p>\n<p><em>Wie beurteilen Sie vor dem Hintergrund der Wechselkursentwicklung und Konjunktureinbr\u00fcche das Vorgehen der wichtigsten Notenbanken?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Hier stehen vor allem die Gelpolitik der Fed und EZB im Vordergrund. Die erste vorsichtige Zinserh\u00f6hung der amerikanischen Notenbank und die Ank\u00fcndigung einer eher noch expansiveren Geldpolitik durch die EZB haben ihre Ursachen in unterschiedlichen Erwartungen \u00fcber die Konjunkturentwicklung jenseits und diesseits des Atlantiks. Die Aussichten sprechen nach Ansicht der beiden Notenbanken f\u00fcr ein anhaltend st\u00e4rkeres Wachstum in den USA.<\/p>\n<p><em>Nicht zuletzt der EZB wird vorgeworfen, dass Sie sich l\u00e4ngst \u00fcber Geb\u00fchr von fiskalischen Motiven leiten l\u00e4sst. Inwiefern ist dieser Vorwurf heute berechtigt?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Anders als die Notenbanken in den USA und Gro\u00dfbritannien kauft die EZB Anleihen einzelner Mitgliedstaaten. Die Spreads, also die Zinsunterschiede zwischen den Anleihen der einzelnen Mitgliedstaaten, sind wegen der Interventionen der EZB sehr viel kleiner, als es einer Bonit\u00e4tseinsch\u00e4tzung auf Grund der staatlichen Verschuldung entspr\u00e4che. Der fiskalische Effekt l\u00e4sst sich kaum bestreiten.<\/p>\n<p><em>Wie l\u00e4sst sich das Dilemma in der derzeitigen Situation der Eurozone l\u00f6sen, eine einheitliche Geldpolitik f\u00fcr so unterschiedliche Volkswirtschaften wie Deutschland oder Griechenland zu betreiben?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Dieses Dilemma ist nicht l\u00f6sbar. Es kann nur eine einheitliche Geldpolitik f\u00fcr den einheitlichen W\u00e4hrungsraum geben: One size has to fit all. Dieses Prinzip galt von Anfang an. Es liegt an der nationalen Wirtschaftspolitik, sich diesen Bedingungen anzupassen, nicht zuletzt durch eine stabilit\u00e4tsgerechte Finanz- und Lohnpolitik.<\/p>\n<p><em>\u00dcber einen Grexit wird bereits seit einigen Jahren diskutiert. Momentan wanken die Griechen wieder betr\u00e4chtlich. Was spricht daf\u00fcr, dass ein Austritt noch verhindert werden kann?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Das liegt in erster Linie in der Hand der Griechen. Mit einer im Kern wirtschaftsfeindlich eingestellten Regierung wird das Land gewiss nicht aus der anhaltenden Krise herausfinden.<\/p>\n<p><em>Zuletzt ebenfalls deutlich gestiegen ist die Gefahr eines Brexits, also ein Austritt Gro\u00dfbritanniens aus der Europ\u00e4ischen Union. Warum f\u00fcrchten ihn \u00d6konomen und Politiker gleicherma\u00dfen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Mit einem Brexit w\u00fcrde die EU eine wichtige Stimme im Kampf gegen \u00dcberregulierung und Zentralisierung verlieren. Ich zweifle sehr, ob sich die von den EU-Gegnern erhofften Vorteile in Gro\u00dfbritannien einstellen w\u00fcrden. Das Gegenteil d\u00fcrfte der Fall sein.<\/p>\n<p><em>Welche Ursachen der Eurokrise sind auf politisches Versagen zur\u00fcckzuf\u00fchren?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> An erster Stelle ist die unverantwortliche Lohnpolitik zu nennen. Wenn beispielsweise die Lohnst\u00fcckkosten in Portugal in den ersten acht Jahren der W\u00e4hrungsunion um nicht weniger als 30 Prozent im Vergleich zu Deutschland gestiegen sind, dann muss man sich \u00fcber schwache Exporte, steigende Importe, eine sich stetig verschlechternde Leistungsbilanz und schlie\u00dflich dramatisch zunehmende Arbeitslosigkeit nicht wundern. \u00c4hnliche Entwicklungen waren auch in Griechenland oder Spanien zu beobachten. Die Missachtung der Regeln des Stabilit\u00e4ts- und Wachstumspakts in zahlreichen L\u00e4ndern hat ebenfalls zur krisenhaften Entwicklung beigetragen. Deutschland und Frankreich haben dabei 2003\/04 eine unr\u00fchmliche Rolle gespielt, weil sie selbst gegen den Pakt versto\u00dfen haben.<\/p>\n<p><em>Weshalb sollten wir eine Politische Union anstreben?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Die W\u00e4hrungsunion ist derzeit wohl weiter denn je von einer Politischen Union entfernt. Diese bleibt allenfalls eine Vision f\u00fcr die fernere Zukunft. In der Fl\u00fcchtlingskrise treffen unterschiedliche nationale Interesse besonders hart aufeinander. Statt Illusionen nachzujagen, sollte sich die Politik auf das Bewahren des Erreichten konzentrieren und dem Zug in Richtung weitere Zentralisierung Einhalt gebieten.<\/p>\n<p><em>Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir eine Transferunion noch verhindern k\u00f6nnen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Der Druck in Richtung Transferunion wird immer st\u00e4rker. Gegenw\u00e4rtig liefert die Auseinandersetzung um eine europ\u00e4ische Einlagenversicherung ein anschauliches Beispiel. Deutschland steht im Widerstand ziemlich alleine da, darf sich aber im eigenen Interesse und letztlich dem der Gemeinschaft nicht beirren lassen. F\u00fcr Transfers zwischen den Mitgliedschaften bedarf es der Legitimierung durch den demokratischen Prozess. Und das hei\u00dft letztlich der Verantwortung vor den B\u00fcrgern, denen sich die Regierungen in Wahlen stellen m\u00fcssen. Es ist eine f\u00fcr die Integration in Europa verh\u00e4ngnisvolle Tendenz zu beobachten, diese in einer Demokratie fundamentalen Voraussetzungen zumindest auszuh\u00f6hlen.<\/p>\n<p><em>Wie w\u00fcrde es uns im Jahr 2016 Ihrer Meinung nach in Europa ohne eine gemeinsame W\u00e4hrung ergehen?<\/em><\/p>\n<p><strong>Issing:<\/strong> Diese Frage l\u00e4sst sich wie alle sogenannten \u201ewith or without\u201c Situationen kaum befriedigend beantworten. Entsprechend gehen die Meinungen auch weit auseinander.<\/p>\n<p><em>Was ist Ihre pers\u00f6nliche Vermutung?<\/em><\/p>\n<p>Das Interview f\u00fchrte <a href=\"http:\/\/www.reden-rieger.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">J\u00f6rg Rieger<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Das ganze Interview mit Otmar Issing k\u00f6nnen Sie im <a href=\"http:\/\/elibrary.vahlen.de\/10.15358\/0340-1650-2016-4\/wist-wirtschaftswissenschaftliches-studium-jahrgang-45-2016-heft-4#select-about-row\">Heft 4 (2016)<\/a> der WiSt nachlesen.<\/p>\n<p>&#8222;<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/vg02.met.vgwort.de\/na\/d54135094f2f42cfbbc84254faf3778e\" width=\"1\" height=\"1\" alt=\"\"><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prof. Dr. Otmar Issing war als Direktoriumsmitglied und Chefvolkswirt der Europ\u00e4ischen Zentralbank einer der Wegbereiter des Euro. 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