{"id":19134,"date":"2016-04-23T00:01:14","date_gmt":"2016-04-22T23:01:14","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19134"},"modified":"2026-02-24T07:04:59","modified_gmt":"2026-02-24T06:04:59","slug":"zuckersteuer-in-grossbritannien-ziel-und-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19134","title":{"rendered":"Zuckersteuer in Gro\u00dfbritannien<br\/><font size=3; color=grey>Ziel und Wirkung<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz dieses Jahres hat sich die britische Regierung entschlossen, es L\u00e4ndern wie Frankreich, Ungarn und Mexiko gleichzutun und eine Steuer auf zuckerhaltige Getr\u00e4nke einzuf\u00fchren. Vergleichbare Regelungen bzgl. der Besteuerung von in Verruf geratenen Lebensmitteln wurden zuvor in skandinavischen L\u00e4ndern getroffen, jedoch mit bislang durchwachsenen Ergebnissen. Eine detaillierte \u00dcbersicht \u00fcber verschiedene nationale Regelungen bzgl. der Besteuerung von zucker- bzw. fetthaltigen Lebensmitteln findet sich <a href=\"http:\/\/www.wcrf.org\/int\/policy\/nourishing-framework\/use-economic-tools\">hier<\/a>.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Aus \u00f6konomischer Sicht handelt es sich bei den getroffenen Ma\u00dfnahmen vermeintlich um Lenkungssteuern. Selbst wenn die Zahllast wie im Falle der britischen \u201eZuckersteuer\u201c die Hersteller zuckerhaltiger Getr\u00e4nke leisten m\u00fcssen, wird \u00fcber kurz oder lang die eigentliche Traglast einer derartigen Besteuerung auf den Verbraucher abgew\u00e4lzt werden. Das erkl\u00e4rte Ziel ist der erzieherische Eingriff in das Konsumverhalten der Verbraucher, indem diese \u00fcber Preismechanismen dergestalt beeinflusst werden, dass sie eine \u201egesunde\u201c Ern\u00e4hrungsweise adaptieren. Auf den ersten Blick ist diese Logik nachvollziehbar, schlie\u00dflich verursachen Fettleibigkeit und mit ihr assoziierte Zivilisationskrankheiten einen immensen volkswirtschaftlichen Schaden. Laut dem britischen Finanzminister belaufen sich die j\u00e4hrlichen Gesundheitsausgaben f\u00fcr Fettleibigkeit und damit einhergehende Erkrankungen wie etwa Diabetes und koronare Herzkrankheiten allein in Gro\u00dfbritannien auf etwa 27 Milliarden britische Pfund. Verst\u00e4ndlich, dass diese Last auf das Gesundheitswesen zu Aktionismus seitens der Regierung verf\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Um den steigenden Gesundheitsausgaben in Verbindung mit \u00dcbergewicht und Adipositas entgegenzuwirken, plant die britische Regierung nun die besagte Steuer auf zuckerhaltige Getr\u00e4nke. Ab 2018 soll auf Getr\u00e4nke mit mehr als 5g Zucker pro 100ml eine progressive Steuer erhoben werden, die sich nach dem Zuckergehalt bemisst. Nach derzeitigen Pl\u00e4nen sollen die mit der Steuer generierten Einnahmen von sch\u00e4tzungsweise 500 Millionen britischen Pfund in den Ausbau von Schulsportprogrammen investiert werden.<\/p>\n<p>Unterst\u00fctzt wird die britische Regierung dabei von Seiten diverser Gesundheitsaktivisten und einigen wissenschaftlichen Untersuchungen. So sch\u00e4tzt ein Forscherteam um Graham MacGregor, dass eine Reduzierung von 40 % des Zuckergehaltes ges\u00fc\u00dfter Getr\u00e4nke im Laufe von 5 Jahren zu einer erheblichen Reduzierung des Aufkommens an \u00dcbergewicht und Fettleibigkeit und der damit verbundenen Zivilisationskrankheiten in Gro\u00dfbritannien f\u00fchren w\u00fcrde (<a href=\"http:\/\/www.sciencedirect.com\/science\/article\/pii\/S2213858715004775\">hier<\/a>). Jedoch sind diese Aussagen sehr vorsichtig zu behandeln: So wird in der Studie angenommen, dass eine Verminderung der durchschnittlichen Kalorienzufuhr von etwas \u00fcber 30 kcal pro Tag und Person erzielt wird. Neben der Tatsache, dass dieser Wert f\u00fcr den durchschnittlichen Verbraucher ohnehin schon fast vernachl\u00e4ssigbar ist, bleiben weitere Effekte in der Kalkulation unber\u00fccksichtigt. M\u00f6glicherweise f\u00fchrt eine h\u00f6here Energiezufuhr insbesondere durch aufputschende Genussmittel wie Energiedrinks gleichzeitig zu einem h\u00f6heren Aktivit\u00e4tslevel oder einer besseren Schilddr\u00fcsenfunktion, was sogleich den Kalorienverbrauch wieder ankurbeln und somit eine moderate Zuckerzufuhr ausgleichen kann (<a href=\"http:\/\/raypeat.com\/\">hier<\/a>). Entscheidend ist, dass Krankheitsbilder, die mit \u00dcbergewicht und Adipositas in Zusammenhang stehen, keine singul\u00e4ren L\u00f6sungen haben, da die Problematik viele Faktoren einschlie\u00dft. Denn im Gegensatz zu anderen Lenkungssteuern wie etwa auf Tabakwaren oder Alkohol, wo bereits geringe Mengen entsprechender Produkte prinzipiell sch\u00e4dliche Wirkungen haben, ist Zucker nicht zwingend sch\u00e4digend \u2013 genauso wenig wie Fett oder Salz. Man kann bis auf wenige Ausnahmen wie etwa Transfette einzelne Lebensmittelkategorien nicht grunds\u00e4tzlich an den Pranger stellen und als Ursache der aktuellen Zivilisationskrankheiten ausmachen. Fette, Kohlenhydrate und Salz \u2013 alles Ansatzpunkte f\u00fcr potentielle Lenkungssteuern \u2013 sind wichtige Bestandteile der menschlichen Ern\u00e4hrung, und nur ein \u00dcberma\u00df an Konsum f\u00fchrt zu den bekannten Problemen. Man m\u00fcsste also theoretisch das <em>\u00dcberma\u00df<\/em> an Konsum besteuern und nicht den grunds\u00e4tzlichen Konsum. Nat\u00fcrlich ist dies nicht m\u00f6glich. Zudem ist es h\u00f6chst b\u00fcrokratisch, datenschutzrechtlich fragw\u00fcrdig und der jeweils geeignete Konsum hochgradig individuell.<\/p>\n<p>\u00dcbergewicht und Adipositas sowie die damit verbundenen Zivilisationskrankheiten stehen vielmehr im Zusammenhang mit einer ganzen Reihe von Lebensstilentw\u00fcrfen, genetischen und epigenetischen Faktoren und nat\u00fcrlichen Umweltbedingungen wie etwa der Verf\u00fcgbarkeit von bezahlbaren Sportangeboten und gesunden Lebensmitteln. Zucker ist hierbei nur ein Glied in einer ganzen Kette aus Einflussfaktoren. Es ist auch wenig einsichtig, warum bspw. ein Triathlet als Hochleistungssportler pl\u00f6tzlich neben der ohnehin erhobenen Mehrwertsteuer eine zus\u00e4tzliche Steuer auf seine Fl\u00fcssignahrungsmittel mit Dextrose zahlen sollte. F\u00fcr ihn stellt es in entsprechenden Belastungssituationen eine notwendige und schnellverf\u00fcgbare Energiequelle dar, um eine Spitzenleistung erzielen zu k\u00f6nnen. Der gleiche Energiedrink, der dem Triathlet ein wertvolles Nahrungserg\u00e4nzungsmittel ist, stellt f\u00fcr die \u00fcbergewichtige Coach-Potato hingegen einen weiteren Risikofaktor dar, um Krankheiten wie Diabetes zu entwickeln. Ein und dasselbe Nahrungsmittel hat also in unterschiedlichen Szenarien und bei verschiedenen Personen eine h\u00f6chst unterschiedliche Wirkung.<\/p>\n<p>Die undifferenzierte Verunglimpfung bestimmter Lebensmittel und N\u00e4hrstoffe ist ein weiteres Bespiel f\u00fcr die Anma\u00dfung von Wissen seitens der politischen Entscheidungstr\u00e4ger. Zu erinnern ist etwa an die Cholesterin-Hypothese und der damit einhergehenden Warnung vor Eierkonsum oder etwa auch an die Empfehlung, sich m\u00f6glichst fettarm zu ern\u00e4hren, was heute in weiten Teilen der Fachwelt ebenfalls kritisch gesehen wird. H\u00e4tte man bereits hier entsprechende Lebensmittel zus\u00e4tzlich besteuert, w\u00e4re man schlicht falschen Untersuchungsergebnissen aus fragw\u00fcrdigen Studien gefolgt. Eine Tatsache, die ebenfalls zur Zur\u00fcckhaltung mahnen sollte.<\/p>\n<p>Neben den erw\u00e4hnten fragw\u00fcrdigen physiologischen Auswirkungen einer Steuer auf zuckerhaltige Getr\u00e4nke sind ebenso die \u00f6konomischen Effekte in Betracht zu ziehen. Die Analyse sozio\u00f6konomischer Daten und epidemiologischer Studien zeigt auf, dass v.a. \u00e4rmere Bev\u00f6lkerungsschichten mit geringerem Bildungsstand tendenziell eher zu Fast Food, S\u00fc\u00dfigkeiten und nat\u00fcrlich den hier im Fokus stehenden Softdrinks greifen. Die Gr\u00fcnde hierf\u00fcr sind vielf\u00e4ltig. Einerseits fehlt es oftmals schlicht an dem notwendigen Wissen, wie man sich bewusst ern\u00e4hrt. Dieser Mangel schreibt sich ohne entsprechende Ma\u00dfnahmen i.d.R. \u00fcber Generationen fort, da die Kinder die Essgewohnheiten der Eltern \u00fcbernehmen und gleichzeitig von diesen nicht \u00fcber eine gesunde und ausgewogene Ern\u00e4hrung aufgekl\u00e4rt werden. Andererseits sind die Kosten f\u00fcr eine gesunde und ausgewogene Ern\u00e4hrung tendenziell h\u00f6her, v.a. wenn man das Verh\u00e4ltnis von Preis pro Kalorie betrachtet. Nat\u00fcrlich ist es m\u00f6glich, sich gesund und g\u00fcnstig zu ern\u00e4hren, und naturbelassene Nahrungsmittel sind h\u00e4ufig preiswerter zu haben als ihre \u00e4quivalenten Fertigprodukte. Allerdings fehlt es vielen Angeh\u00f6rigen unterer sozio\u00f6konomischer Schichten an Kenntnissen der Zubereitung. Besteuert man nun als ungesund deklarierte Nahrungsmittel, trifft dies v.a. die unteren Einkommensschichten. Das real verf\u00fcgbare Einkommen sinkt, da die Haushalte nun prinzipiell mehr f\u00fcr Nahrungsmittel ausgeben m\u00fcssen, sei es nun, weil ihr bestehender Nahrungsmittelpool teurer geworden ist oder weil sie tats\u00e4chlich auf gesunde Nahrungsmittel ausweichen m\u00fcssen. Vorstellbar w\u00e4re sogar, dass die Konsumenten die besteuerten Nahrungsmittel wie ein Giffen-Gut behandeln und nicht etwa dessen Konsum einschr\u00e4nken, sondern den anderer Nahrungsmittel, sodass sie ihre Ern\u00e4hrungsgrundlage finanziell sichern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Kurzum das Instrument der Besteuerung von zuckerhaltigen Getr\u00e4nken ist nicht zielkonform. Dar\u00fcber hinaus ist es in einer marktwirtschaftlichen Ordnung auch nicht systemkonform, da es die einzelnen Individuen extrem bevormundet \u2013 und wie man gesehen hat, ist der politische Entscheidungstr\u00e4ger nicht zwangsl\u00e4ufig (wie auch?) der besser informierte.<\/p>\n<p>Wie kann dann eine systemkonforme L\u00f6sung aussehen? Den Zivilisationskrankheiten ist in erster Linie durch Aufkl\u00e4rung und Unterst\u00fctzung bei der Umsetzung eines gesunden Lebensstils entgegenzuwirken. Dabei ist stets zu ber\u00fccksichtigen, dass das hierbei zugrundeliegende Wissen nur vorl\u00e4ufiger Natur ist und jederzeit durch neuere Erkenntnisse \u00fcberholt sein kann.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz dieses Jahres hat sich die britische Regierung entschlossen, es L\u00e4ndern wie Frankreich, Ungarn und Mexiko gleichzutun und eine Steuer auf zuckerhaltige Getr\u00e4nke einzuf\u00fchren. &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19134\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZuckersteuer in Gro\u00dfbritannien<br \/><font size=3; color=grey>Ziel und Wirkung<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":230,"featured_media":33047,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2165,1040,998],"tags":[2172],"class_list":["post-19134","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-britisches","category-gesundheitliches","category-steuerliches-alles","tag-zuckersteuer"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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