{"id":19176,"date":"2016-04-27T09:13:16","date_gmt":"2016-04-27T08:13:16","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19176"},"modified":"2016-04-27T09:13:16","modified_gmt":"2016-04-27T08:13:16","slug":"der-lange-schatten-von-subprimeneue-vergaberegeln-fuer-grundpfandbesicherte-verbraucherkredite","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19176","title":{"rendered":"Der lange Schatten von Subprime<br\/><font size=3; color=grey>Neue Vergaberegeln f\u00fcr grundpfandbesicherte Verbraucherkredite<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Vor einem knappen Jahrzehnt begann die sogenannte Subprime-Krise: Immer mehr Immobilienkredite fragw\u00fcrdiger Bonit\u00e4t konnten in den USA nicht bedient werden und schlugen immer weitere Schneisen der Verw\u00fcstung in die Kapitalm\u00e4rkte. Ungl\u00e4ubig rieb sich die \u00d6ffentlichkeit die Augen, welche absurd hohen Preise f\u00fcr oftmals eher k\u00fcmmerliche H\u00e4user bezahlt wurden, weil Banken Finanzierungen bereitstellten, die von wenig verm\u00f6genden Kunden nur unter extrem optimistischen Perspektiven vertragsgem\u00e4\u00df zur\u00fcckgezahlt werden konnten. Die Verfilmung von \u201eThe Big Short\u201c hat vor wenigen Monaten diesen Wahnsinn und seine Methode nochmals eindrucksvoll in Erinnerung gerufen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Menge der Lehren, die aus dieser Wurzel des Lehman-Bankrotts und von vielen weiteren Pleiten gezogen werden sollte, ist de facto un\u00fcberschaubar. Seit 2008 ging jedenfalls eine beispiellose Regulierungslawine \u00fcber die Kapitalm\u00e4rkte und Banken nieder, die immer noch nicht zum Stillstand gekommen ist. Dabei ist es merkw\u00fcrdig, wie lange es in nationalem Recht gedauert hat, bis die Urs\u00fcnde von Subprime, n\u00e4mlich die v\u00f6llig hemmungslose Kreditvergabe an private Hausbauer und Wohnungsk\u00e4ufer, unmittelbar adressiert wurde, und noch merkw\u00fcrdiger, wie wenig die gravierenden Ver\u00e4nderungen in den Medien aufgegriffen wurden.<\/p>\n<p>Hierzulande war es im ersten Quartal dieses Jahres so weit: Das \u201eGesetz zur Umsetzung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie und zur \u00c4nderung handelsrechtlicher Vorschriften\u201c wurde in Bundestag und \u2013rat beschlossen sowie anschlie\u00dfend im Bundesgesetzblatt ver\u00f6ffentlicht. Besonders wichtig erscheinen die dabei neu in das BGB integrierten \u201eBuchstabenparagraphen\u201c \u00c2\u00a7\u00c2\u00a7 505a-d BGB, deren \u201eSubprime-Kern\u201c wohl \u00c2\u00a7 505b Abs. 2 BGB darstellt:<\/p>\n<blockquote><p><em>\u201eBei Immobiliar-Verbraucherdarlehensvertr\u00e4gen hat der Darlehensgeber die Kreditw\u00fcrdigkeit des Darlehensnehmers auf der Grundlage notwendiger, ausreichender und angemessener Informationen zu Einkommen, Ausgaben sowie anderen finanziellen und wirtschaftlichen Umst\u00e4nden des Darlehensnehmers eingehend zu pr\u00fcfen. Dabei hat der Darlehensgeber die Faktoren angemessen zu ber\u00fccksichtigen, die f\u00fcr die Einsch\u00e4tzung relevant sind, ob der Darlehensnehmer seinen Verpflichtungen aus dem Darlehensvertrag voraussichtlich nachkommen kann. Die Kreditw\u00fcrdigkeitspr\u00fcfung darf nicht haupts\u00e4chlich darauf gest\u00fctzt werden, dass in den F\u00e4llen des \u00c2\u00a7 <\/em><a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/491.html\"><em>491<\/em><\/a><em> Absatz 3 Satz 1 Nummer 1 der Wert des Grundst\u00fccks oder in den F\u00e4llen des \u00c2\u00a7 <\/em><a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/491.html\"><em>491<\/em><\/a><em> Absatz 3 Satz 1 Nummer 2 der Wert des Grundst\u00fccks, Geb\u00e4udes oder grundst\u00fccksgleichen Rechts voraussichtlich zunimmt oder den Darlehensbetrag \u00fcbersteigt.\u201c<\/em><\/p><\/blockquote>\n<p>Letztlich muss sich die Bank also vor der Kreditvergabe davon \u00fcberzeugen, dass sich der Kunde das Darlehen <strong><u>aus seinem laufenden Einkommens\u00fcberschuss<\/u><\/strong> leisten kann. Diese Hervorhebung ist wichtig, denn jenseits der Subprime-Verr\u00fccktheiten oder gar \u2013Verbrechen haben Banken nat\u00fcrlich immer darauf geachtet, dass sie ihre Ausleihungen verzinst zur\u00fcckerhielten und die Bonit\u00e4t ihrer Schuldner entsprechend taxiert sowie laufend \u00fcberwacht. In den USA ist das deshalb noch wichtiger, weil die Schuldner von privaten Immobiliendarlehen teilweise (v.a. abh\u00e4ngig vom Bundesstaat) im \u201eBedarfsfall\u201c ohne pers\u00f6nliche Haftung das Objekt an den Gl\u00e4ubiger, regelm\u00e4\u00dfig eine Bank, weiterreichen konnten, wenn der Schuldendienst f\u00fcr sie nicht mehr zu leisten war; d.h. die Besicherung der Schuld bestand durchsetzbar nur im Wert des finanzierten Objekts. Dieses v\u00f6llig absurde und in Deutschland nie einschl\u00e4gige Vorgehen wird durch die zitierte Regelung nun auch rechtlich unm\u00f6glich. Allerdings muss man sich fragen, ob die damit verbundenen Nebenwirkungen hinreichend bedacht wurden:<\/p>\n<ol>\n<li>Grunds\u00e4tzlich besteht eine eindeutige Bevormundung des B\u00fcrgers, der seinen Immobilienbesitz finanziell deutlich weniger nutzen kann als bisher. Beim Einsatz einer Immobilie als Kreditsicherheit geht es n\u00e4mlich nicht immer um den initialen Erwerb, sondern oft um die Besicherung einer qualitativen Verbesserung, bspw. den Umbau zu altersgerechtem Wohnen, oder um eine Anschaffung, die mit der Immobilie selbst nichts zu tun hat. Wer keinen Einkommens\u00fcberschuss in hinreichender H\u00f6he hat, um die Finanzierung f\u00fcr solche Ma\u00dfnahmen ohne Beanspruchung der Immobilie zur\u00fcckzuzahlen, wird in Zukunft keine entsprechenden Anschaffungen machen k\u00f6nnen \u2013 es sei denn, er verkauft die Immobilie, die er nicht beleihen lassen darf, was wohl kaum eine Nutzensteigerung bringen wird!<\/li>\n<li>Damit geht eine offenkundige Diskriminierung von laufenden Eink\u00fcnften gegen\u00fcber Verm\u00f6gensbest\u00e4nden einher, die bei halbwegs funktionierenden Kapitalm\u00e4rkten doch weitgehend ineinander \u00fcberf\u00fchrbar sein sollten. Ist dies an sich schon sch\u00e4dlich, kommt es zu einer pers\u00f6nlichen Diskriminierung auf Aggregatsebene, wenn bestimmte Gruppen st\u00e4rker von dieser Ma\u00dfnahme betroffen sind als andere. Da im Alter tendenziell laufende Einkommen kleiner aber zumindest am Beginn der Rentenphase Verm\u00f6genswerte gr\u00f6\u00dfer sind, wird die anteilsm\u00e4\u00dfig wachsende Zahl der Menschen im Ruhestand \u00fcberproportional betroffen. Sind gerade diese Menschen so unreif, dass man sie vor sich selbst sch\u00e4tzen muss?<\/li>\n<li>Allerdings kommt es auch innerhalb der Verm\u00f6genswerte zu einer Diskriminierung, denn jenseits des Immobiliensektors sind keine entsprechenden Beschr\u00e4nkungen verabschiedet worden.<\/li>\n<li>Letztlich werden diese Effekte c.p. zu einer Wertreduktion von Immobilien insgesamt f\u00fchren und man darf aus mehreren Gr\u00fcnden getrost bezweifeln, dass dies als proaktive Ma\u00dfnahme gegen eine Immobilienblase gedacht war.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Da Immobiliensicherheiten eine erhebliche Bedeutung f\u00fcr die Kreditvergabe in Deutschland haben, wird man also davon ausgehen k\u00f6nnen, dass c.p. die Zahl kreditfinanzierter Ausgaben in Deutschland zur\u00fcckgehen wird, auch weil erg\u00e4nzende Vorschriften zu einem erh\u00f6hten Haftungs- und Schadenersatzrisiko f\u00fcr die Gl\u00e4ubigerbanken f\u00fchren. Angesichts der verzweifelten Bem\u00fchungen der EZB, die Kreditvergabe zu stimulieren, erscheint dies wie ein schlechter Witz. Nat\u00fcrlich soll ein Kreditnehmer \u00fcber die finanziellen Konsequenzen seiner Verschuldung vorab informiert werden, aber warum soll er eine entsprechende Finanzierung nicht erhalten, wenn er sich in Anbetracht aller relevanten Fakten daf\u00fcr entscheidet? Ist es beispielsweise besser, dass ein Rentnerehepaar in betreutes Wohnen ziehen muss, weil es die langfristig g\u00fcnstigere Alternative eines altersgerechten Umbaus der eigenen vier W\u00e4nde nicht finanziert bekommt? Muss es auf andere Annehmlichkeiten verzichten, f\u00fcr deren Finanzierung mehr als genug Deckungsmasse vorhanden, aber nicht einsatzf\u00e4hig ist? Darf man sein Verm\u00f6gen \u2013 noch dazu bei Fehlen leiblicher Nachkommen \u2013 nicht nach eigenem Gusto verwenden?<\/p>\n<p>Wenn man den Titel dieses Blogs \u2013 Wirtschaftliche Freiheit \u2013 ernst nimmt, kann man nur mit dem Kopf sch\u00fctteln. Wenn Eigentumsrechte eingeschr\u00e4nkt werden, muss vorher immer die Notwendigkeit hinterfragt bzw. ein sanfteres Mittel f\u00fcr die jeweilige Zielerreichung gesucht werden. \u00c2\u00a7 505b BGB und seine begleitenden Regelungen sind jedenfalls keine Regelung, \u00fcber die sich rationale Verbraucher und Verbrauchersch\u00fctzer freuen k\u00f6nnen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einem knappen Jahrzehnt begann die sogenannte Subprime-Krise: Immer mehr Immobilienkredite fragw\u00fcrdiger Bonit\u00e4t konnten in den USA nicht bedient werden und schlugen immer weitere Schneisen &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19176\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eDer lange Schatten von Subprime<br \/><font size=3; color=grey>Neue Vergaberegeln f\u00fcr grundpfandbesicherte Verbraucherkredite<\/font>\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":125,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1454,39],"tags":[2178,1912,2176,2177],"class_list":["post-19176","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-finanzmarktpolitisches","category-interventionistisches","tag-immobiliensicherheiten","tag-lehman-effekt","tag-subprime","tag-verbraucherkredite"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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