{"id":19348,"date":"2016-06-13T05:14:58","date_gmt":"2016-06-13T04:14:58","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19348"},"modified":"2016-06-13T05:17:33","modified_gmt":"2016-06-13T04:17:33","slug":"griechenland-wird-das-zweite-sueditalien-europas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19348","title":{"rendered":"Griechenland wird das zweite S\u00fcditalien Europas"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li>Ohne so viel \u00f6ffentliche Aufgeregtheiten, wie sie in der Vergangenheit als mediale und politische Begleitmusik bei jedem neuen Hilfspaket an Griechenland zu vernehmen waren, ist das dritte Hilfspaket nach nur sehr kurzer parlamentarischer Diskussion in Gang gesetzt worden. Dabei war die politische Begr\u00fcndungssprache immer wieder die alte, die wir schon lange kennen: Griechenland sei auf einem sehr guten Wege, habe schon viele Reformerfolge vollbracht, aber man m\u00fcsse dem Land noch weitere Zeit f\u00fcr noch mehr Erfolge zugestehen. Politisch deklarierter Optimismus als Dopingstrategie gegen den b\u00fcrger-\u00f6ffentlich berechtigten Skeptizismus, der sich auf die n\u00fcchterne Rationalit\u00e4t der mit mehr als 180 % des Bruttoinlandsprodukts nicht-tragf\u00e4higen Schuldenlast Griechenlands bezieht, also auf die immer unm\u00f6glicher werdende Schuldenr\u00fcckzahlung an die Auslandsgl\u00e4ubiger. Und der zudem die umf\u00e4nglich bekannte \u2013 auch von Tsipras explizit nicht geleugnete \u2013 mangelhafte Reformbereitschaft der griechischen Regierung und Bev\u00f6lkerung in den Fokus nimmt, die nach wie vor mit den grundlegenden troika-verhandlungsvereinbarten Zusagen im heftigen realen Kontrast stehen. Dieser perpetuierte Kontrast ist zur \u00f6ffentlichen Dauergew\u00f6hnung degeneriert mit der politisch-verbalen Einlullung, die Verl\u00e4ngerung des zeitlichen R\u00fcckzahlungshorizontes f\u00fcr die griechischen Schulden sei in Verbindung mit Zinserleichterungen auf 80 Jahre ins Auge gefasst. Dahinter steht die Hoffnung, dass viele B\u00fcrger von heute nicht recht durchschauen, dass es sich mit dieser Regelung in Wahrheit um einen dauerhaften Schuldenerlass handelt, der nur nicht als solcher bezeichnet werden soll. Zudem trifft es sich \u201egut\u201c f\u00fcr Griechenland, dass dieser ganze Vorgang zur Zeit von den Fl\u00fcchtlingsproblemen dieses Landes \u00fcberlagert wird, die nach Finanzhilfen aus der EU mit Recht geradezu schreien. In Bezug auf Griechenland vermixt sich damit die Euro-Schuldenkrise in der deutschen und europ\u00e4ischen \u00d6ffentlichkeit \u2013 vor allem emotional \u2013 mit der Fl\u00fcchtlingskrise dieses Landes. Die neue Empathie in der letzteren dominiert die notwendige Rationalit\u00e4t in der ersteren.<\/li>\n<\/ol>\n<p><!--more--><\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Es stellt sich die Frage, wie lange und wie oft immer dieselben politischen Antworten auf immer dieselben sich nicht oder kaum \u00e4ndernden \u00f6konomischen Fragen in Sachen Hilfspakete f\u00fcr Griechenland noch gegeben werden k\u00f6nnen, ohne dass die \u00f6ffentlichen Institutionen in den Zahlerl\u00e4ndern \u2013 im Hirschmanschen Sinne \u2013 von <em>loyalty<\/em> auf <em>voice<\/em> (Warnung, Protest) oder gar auf <em>exit<\/em> Es scheint, als w\u00fcrde von der Troika (IWF, Kommission, EZB) allein der IWF in seiner gegenw\u00e4rtigen noch-<em>loyalty<\/em>-aber-auch-<em>voice<\/em>-Position in Frage kommen, der den <em>exit<\/em> tats\u00e4chlich exekutieren w\u00fcrde, wenn alles so weitergeht wie bisher. Dagegen ist die EZB aus strategischen Eigeninteressen wohl der verl\u00e4sslichste <em>loyalty<\/em>-Spieler, obwohl die Rolle der EZB in diesem Spiel verfassungsrechtlich \u00c2\u00a0dubios ist. Und die Kommission? Sie liegt aus machterhaltensgr\u00fcnden tats\u00e4chlich weit entfernt von der <em>exit<\/em>-Position und profiliert sich allenfalls mit einer Mixtur aus <em>loyalty- <\/em>und unglaubw\u00fcrdigen <em>voice<\/em>-Statements, die oft genug zeitlich wohldosiert auch wieder eingesammelt werden, um schlie\u00dflich doch die <em>loyaly-<\/em>Position immer wieder zu verl\u00e4ngern. Dasselbe gilt f\u00fcr die deutsche Bundesregierung. Wenn aber schon eine <em>voice<\/em>-Position von Kommission und Deutschland\u00c2\u00a0 unglaubw\u00fcrdig ist, erscheint f\u00fcr beide die <em>exit<\/em>-Option aus der dauerhaften Zahlermentalit\u00e4t ausgeschlossen. Hier liegt dann die Basis f\u00fcr die Hypothese der <em>never ending story<\/em> eines Griechenlands der dauerhaften Hilfsbed\u00fcrftigkeit, denn dauerhafte Hilfe erzeugt immer dauerhafte Hilfsbed\u00fcrftigkeit.<\/li>\n<li>Wenn also Hilfsbed\u00fcrftigkeit dauerhaft erzeugt wird, ist die Zukunftsentwicklung Griechenlands in der Euro-Zone vorgezeichnet: Das Land erh\u00e4lt immer weiter und immer wieder neu die Transferzahlungen aus dauerhaften Rettungsschirmen, die es zur formalen Abwehr der staatlichen Insolvenz sowie der immer wieder neu aufflammenden Diskussion um ein notwendiges Ausscheiden aus der W\u00e4hrungsunion gerade ben\u00f6tigt. Es entstehen keine gen\u00fcgend starken Anreize, diese Situation zu ver\u00e4ndern. Sie ist vergleichbar mit Finanzausgleichssystemen innerhalb von Staaten mit \u00f6konomisch stark divergierenden Regionen, unter denen die Zahlungsempf\u00e4nger sich im staatlich abgesicherten Rahmen auf die dauerhafte Hilfe der Zahlerregionen einrichten k\u00f6nnen und die dauerhafte Hilfsbed\u00fcrftigkeit quasi zu ihrem unver\u00e4nderlichen politischen \u201eGesch\u00e4ftsmodell\u201c erheben. Ein diesbez\u00fcglich besonders anschauliches Beispiel ist S\u00fcditalien, das im Gesamtstaat Italien dauerhaft Transferzahlungen aus dem Norden des Landes erh\u00e4lt. S\u00fcditalien ist gegen\u00fcber dem Norden nicht wettbewerbsf\u00e4hig, es m\u00fcsste \u2013 w\u00e4re es selbst\u00e4ndig \u2013 aus der Lira-W\u00e4hrungsunion austreten und seine eigene W\u00e4hrung signifikant abwerten, um wettbewerbsf\u00e4hig zu werden. Die nationalstaatliche Klammer zum Norden verschont \u00c2\u00a0den S\u00fcden von diesem Schritt, der damit zum dauerhaften Kostg\u00e4nger des Nordens\u00c2\u00a0 geworden ist.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"4\">\n<li>Italien ist deshalb das beste Beispiel daf\u00fcr, dass die aus der historischen Erfahrung gewonnene Erkenntnis der prinzipiellen Instabilit\u00e4t von zwischenstaatlichen W\u00e4hrungsunionen offenbar nur durch den Rahmen einer vollst\u00e4ndigen politischen Union verhindert werden kann. Allerdings verschwindet die grunds\u00e4tzliche Instabilit\u00e4t dann keineswegs, sondern es wird nur die monet\u00e4re durch eine politische Instabilit\u00e4t in den Gesamtstaat hinein substituiert, solange das Wettbewerbsgef\u00e4lle zwischen Nord und S\u00fcd nicht durch Steigerung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit des S\u00fcdens eingeebnet wird, anders ausgedr\u00fcckt: solange es zwischen Nord und S\u00fcd einen signifikant hohen realen Wechselkurs\u00e4nderungsbedarf gibt.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"5\">\n<li>Es ist nichts Neues zu sagen, dass der entscheidende Fehler der EWU deshalb darin liegt, dass sie in keine politische Union eingebettet ist, in der ein Fall wie Griechenland im Sinne eines innerstaatlichen Finanzausgleichs anstelle von permanenten zwischenstaatlichen Rettungsaktionen behandelt w\u00fcrde. Eine politische Union zeichnet sich aber f\u00fcr die EU nicht ab und w\u00e4re aus der Sicht, dass eher eine weniger zentralistisch und st\u00e4rker subsidi\u00e4r ausgerichtete EU zukunftsf\u00e4hig ist, nicht w\u00fcnschenswert. Das zeigen alle ansteigenden \u00c2\u00a0Fliehkr\u00e4fte, die die EU eher als ein Europa \u00c3\u00a0 la Carte, als Europa der konzentrischen Kreise, als Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten sehen und sich an griechenlandorientierten Finanzierungsautomatismen nicht mehr dauerhaft beteiligen wollen. Dennoch wird der Fall Griechenland behandelt, als g\u00e4be es schon eine politische Union, zum Beispiel wie in Italien, in der die Permanenz von Transferzahlungen bereits einem gesamtstaatspolitischen Automatismus unterliegt. Dahinter stecken handfeste politische\u00c2\u00a0 Gruppeninteressen vornehmlich der mediterranen EU-Mitglieder in Kooperation mit der EZB und der Kommission. Aber das ist ein Irrweg, der dazu f\u00fchrt, dass Griechenland das zweite S\u00fcditalien wird, dessen Hilfsbed\u00fcrftigkeit nie endet.<\/li>\n<\/ol>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne so viel \u00f6ffentliche Aufgeregtheiten, wie sie in der Vergangenheit als mediale und politische Begleitmusik bei jedem neuen Hilfspaket an Griechenland zu vernehmen waren, ist &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19348\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eGriechenland wird das zweite S\u00fcditalien Europas\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[8,10,33,434],"tags":[57,704,54,190,743,1107,62],"class_list":["post-19348","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-europaisches","category-fiskalisches","category-makrooekonomisches","category-waehrungspolitisches","tag-griechenland","tag-italien","tag-moral-hazard","tag-politische-union","tag-strukturreformen","tag-transfers","tag-transferunion"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - 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