{"id":19390,"date":"2016-06-20T00:01:29","date_gmt":"2016-06-19T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19390"},"modified":"2016-06-19T21:06:08","modified_gmt":"2016-06-19T20:06:08","slug":"gastbeitragverstehen-oekonomen-die-welt-nicht-mehr","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19390","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Verstehen \u00d6konomen die Welt nicht mehr?"},"content":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen meinte der renommierte \u00d6konom Marcel Fratzscher, eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr geliefert zu haben, dass vor allem deutsche \u00d6konomen sich gegen die Niedrigzinspolitik und Geldschwemme der EZB aussprechen: Sie seien halt ordnungs\u00f6konomisch geschult und k\u00f6nnten sich nicht in die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts hineindenken, oder so \u00e4hnlich. Ist es wirklich so einfach? Verstehen ordnungspolitisch gepr\u00e4gte \u00d6konomen die Welt nicht mehr?<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Oder haben sie einfach einen anderen Zugang zur Politik als diejenigen, die Lehrbuchmodelle anwenden und auf den wohlwollenden Diktator \u2013 in diesem Fall Herrn Draghi \u2013 setzen.<\/p>\n<p>Vielleicht hilft ein kurzer Exkurs zu den Grundlagen der Ordnungspolitik. Ausgangspunkt ist die Vorstellung, dass alle Akteure im Wirtschaftsgeschehen, d.h. Produzenten, Konsumenten und wirtschaftspolitische Entscheidungstr\u00e4ger nur dann im Interesse des Gesamten, pathetisch formuliert: des Gemeinwohls agieren, wenn sie Regeln unterworfen sind.<\/p>\n<p>Diese Vorstellung ist gepr\u00e4gt von den Erfahrungen der Weimarer Republik und den Jahren des Totalitarismus danach. Die Regeln sind nicht beliebig, sondern basieren auf theoretischen \u00dcberlegungen und empirischer Evidenz. Die inhaltlichen Vorstellungen \u00fcber die Regeln d\u00fcrfte sich bei Herrn Fratzscher und den Ordnungs\u00f6konomen kaum unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Unf\u00e4hige Regierungen sind schuld an Hyperinflation<\/strong><\/p>\n<p>In der Geldpolitik sind diese Regeln sogar durch die relativ moderne Forschung zur Zeitinkonsistenz von Regeln unterst\u00fctzt worden: Die \u00dcberlegungen basieren auf der Erkenntnis, dass s\u00e4mtliche Hyperinflationen der Menschheit (also zum Beispiel auch das r\u00f6mische Reich eingeschlossen) auf der Unf\u00e4higkeit von Regierungen zur Finanzierung ihres Haushalts beziehungsweise zum Ausgleich des Budgets \u2013 also Staatsfinanzierung durch die Notenpresse \u2013 bedingt sind. Deshalb bedarf es einfacher und durchsetzbarer Regeln, zum Beispiel des Verbots der Kreditvergabe durch die Zentralbank an den Staat.<\/p>\n<p>Diese Literatur d\u00fcrfte dem Pr\u00e4sidenten des DIW nicht v\u00f6llig unbekannt sein. Wenn einem zudem die Ordnungs\u00f6konomik etwas verstaubt vorkommt, kann man sich ja au\u00dferdem an die Neuen Institutionen\u00f6konomik (NI\u00d6) wenden; sie ist in gewisser Weise eine junge Verwandte der Ordnungs\u00f6konomik. Ihre Kernthese besteht darin, dass die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung von den Werten, Normen und Regeln in einem Land, kurz dessen Institutionen, abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Neudeutsch: \u201cInstitutions matter!\u201c Die Kernbotschaft aller dreier Ans\u00e4tze ist somit vergleichbar: Es kommt auf die Regeln beziehungsweise die Ordnung an. Im Vergleich zur klassischen Ordnungs\u00f6konomik \u00c3\u00a1 la Walter Eucken und Wilhelm R\u00f6pke, die ja spezifisch auf Deutschland abzielte, zeigt die NI\u00d6, dass die Regeln mit den Werten und Normen in einem Land kompatibel sein m\u00fcssen, damit sie funktionieren und durchgesetzt werden.<\/p>\n<p>Gemein ist allen drei Ans\u00e4tzen zudem, dass sie nicht so naiv sind zu unterstellen, dass Wirtschaftspolitiker immer das sozial oder \u00f6konomisch beste Resultat \u2013 oftmals aber nicht immer dasselbe \u2013 anstreben, also rein einer \u00f6konomischen Rationalit\u00e4t folgen, sondern oftmals im Eigeninteresse, der politischen Rationalit\u00e4t, agieren.<\/p>\n<p>Mit Eigeninteresse ist dabei keineswegs korruptes Verhalten oder Nepotismus, sondern \u00dcberlegungen zur Wiederwahl und eine gewisse Kurzfristigkeit gemeint. Dies l\u00e4sst sich recht gut am Beispiel der aktuellen Geldpolitik zeigen, die zumindest als Nebenprodukt den Regierungen gesamtwirtschaftlich gebotene Reformen zum Beispiel der Arbeitsmarktregulierung erspart.<\/p>\n<p>Die EZB regiert diesen \u00dcberlegungen zufolge auf politischen Druck reformunf\u00e4higer beziehungsweise &#8211; unwilliger Regierungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Ordnungs\u00f6konomik lebt<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ordnungs\u00f6konomen beziehen dieses Eigeninteresse explizit in ihre \u00dcberlegungen ein; sie argumentieren polit\u00f6konomisch. Damit scheint der wesentliche Unterschied zwischen den scheinbar unmodernen Ordnungs\u00f6konomen und dem von Herrn Fratzscher identifizierten Mainstream festzustehen.<\/p>\n<p>Aber stimmt die Analyse \u00fcberhaupt? Sind Ordnungs\u00f6konomik, Institutionen\u00f6konomik und politische \u00d6konomik, auch als Public Choice bezeichnet, wirklich so unmodern? Kann man in der wirtschaftspolitischen Analyse wirklich darauf verzichten, politische Kalk\u00fcle einzubeziehen.<\/p>\n<p>Das Gegenteil ist der Fall. In Wirklichkeit ist derjenige unmodern, der darauf verzichtet und dessen wissenschaftliches Werk immer noch ausschlie\u00dflich auf Optimalit\u00e4ts\u00fcberlegungen und Gleichgewichten basiert. Dass diese \u00dcberlegungen n\u00f6tig sind, um einen Beurteilungsma\u00dfstab zu erhalten, ist unbestritten. Wer aber in der wirtschaftspolitischen Diskussion mitmischt \u2013 und das tut Herr Fratzscher \u2013 sollte die Anreizstrukturen aller Beteiligten in den Blick nehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Politische \u00d6konomik ist amerikanischer Mainstream<\/strong><\/p>\n<p>Dies wird \u00fcberall anerkannt. Institutionen\u00f6konomik und politische \u00d6konomik geh\u00f6ren in den Vereinigten Staaten inzwischen vielfach zum Mainstream. Anders als die Vertreter der NI\u00d6 und der Ordnungs\u00f6konomik verwenden viele amerikanische Forscher daf\u00fcr heute weitgehend formale Methoden, und das nicht nur f\u00fcr ihre empirischen Arbeiten. Das ist aber nur eine Frage der Praktikabilit\u00e4t und sollte der einzelnen Forscherin \u00fcberlassen bleiben; da aber vor allem mathematisch anspruchsvolle Arbeiten (Eleganz vor Relevanz?) zur Publikation angenommen werden, besteht nach wie vor ein Bias zugunsten des auf Optima und Geleichgewichte abzielenden Mainstreams.<\/p>\n<p>Der Bias wird aber verschwinden \u2013 er scheint sogar bereits auf dem R\u00fcckzug zu sein. Wichtig ist n\u00e4mlich, dass es einen breiten Konsens dar\u00fcber gibt, dass wirtschaftspolitische Relevanz sich nicht auf Optima und Gleichgewichte reduzieren l\u00e4sst \u2013 es gilt, die Vielschichtigkeit des Prozesses zu verstehen.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Der Beitrag erschien in einer etwas l\u00e4ngeren Version als &#8222;Freytags-Frage&#8220; am 3. Juni 2016 in der Wirtschaftswoche.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor einigen Wochen meinte der renommierte \u00d6konom Marcel Fratzscher, eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr geliefert zu haben, dass vor allem deutsche \u00d6konomen sich gegen die Niedrigzinspolitik und &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19390\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br \/>Verstehen \u00d6konomen die Welt nicht mehr?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":237,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[2222,41,2221],"tags":[2223,2224,361],"class_list":["post-19390","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-institutionenoekonomisches","category-ordnungspolitisches","category-polit-oekonomisches","tag-institutionenoekonomik","tag-neue-politische-oekonomie","tag-ordnungspolitik"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>GastbeitragVerstehen \u00d6konomen die Welt nicht mehr? 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