{"id":19409,"date":"2016-07-03T06:43:26","date_gmt":"2016-07-03T05:43:26","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19409"},"modified":"2016-07-04T10:52:21","modified_gmt":"2016-07-04T09:52:21","slug":"fuer-eine-rentenreform-2020-ohne-tabu-1","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19409","title":{"rendered":"F\u00fcr eine Rentenreform 2020 ohne Tabu"},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eEine gesunde Wirtschaft ist die unentbehrliche Voraussetzung f\u00fcr eine leistungsf\u00e4hige Sozialpolitik. Die beste Sozialpolitik ist daher eine vern\u00fcnftige, mit der Wirklichkeit rechnende Wirtschaftspolitik. Ihre Aufgabe besteht darin, daf\u00fcr zu sorgen, dass sich der \u00dcbergang mit m\u00f6glichst geringen Ersch\u00fctterungen vollziehen kann. Zu dem Zwecke ist von der allergr\u00f6ssten Wichtigkeit, die Preis- und Lohnentwicklung so zu z\u00fcgeln, dass sich unser Produktionskostenniveau nicht zu weit von der Ebene der internationalen Konkurrenzf\u00e4higkeit entfernt. Das ist ohne Opfer und Verzichte nicht m\u00f6glich.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p>Diese Worte w\u00e4hlte 1943 der freisinnige Bundesrat und Wirtschaftsminister Walther Stampfli w\u00e4hrend einer Nationalratsdebatte. Der Vater der AHV hob damit das wichtigste Sozialwerk der Schweiz aus der Taufe. Rund 70 Jahre sp\u00e4ter haben seine Worte kaum an Bedeutung und Aktualit\u00e4t eingeb\u00fcsst. Auch heute sollte sich die Wirtschaftspolitik an den Wirklichkeiten orientieren. Und auch heute befindet sich die Wirtschaft in einer anspruchsvollen Umbruchphase. Wer k\u00f6nnte dies besser beurteilen als die Arbeitgeber \u2013 f\u00fcr deren Einladung ich mich sehr herzlich bedanken m\u00f6chte.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Bei der nun diskutierten Rentenreform 2020 geht es also um viel. Es geht nicht nur um das Erbe von Bundesrat Stampfli, es geht um das Erbe eines Jahrzehnte dauernden Ringens um die soziale Sicherheit in der Schweiz, es geht um die Zukunftstauglichkeit des obligatorischen Rentensicherungssystems, es geht um die Sicherung des in der Bev\u00f6lkerung so stark verankerten Generationenvertrags.<\/p>\n<p>\u00dcbertreibe ich mit diesen starken Worten die Bedeutung der aktuellen Rentenreform? Sie m\u00f6gen einwenden, dass wir viele Reformen hatten, wo grunds\u00e4tzlicher Reformbedarf angemahnt wurde. Meistens w\u00e4hlte man einen pragmatischen Weg. So waren wichtige politische Akteure in der Gr\u00fcndungsdebatte der AHV f\u00fcr einen konsequenteren Ausbau der sozialen Sicherheit im Sinne eines umfassenden Bedarfssystems nach dem britischen Vorbild des Beveridge-Plans. Wie gut, haben wir damals den pragmatischen Weg eines versicherungs\u00e4hnlichen Rentensystems gew\u00e4hlt. Das in der Bundesverfassung verankerte Drei-S\u00e4ulen-System ist historisch gewachsen und entstand nicht aus einem Guss. Nichtsdestotrotz hat sich dieses austarierte Mischsystem bew\u00e4hrt. Die umlagefinanzierte erste S\u00e4ule reagiert insbesondere auf Ver\u00e4nderungen in der Demographie empfindlich. In der kapitalgedeckten beruflichen Vorsorge ist hingegen die Entwicklung der Finanzm\u00e4rkte eine grosse Unbekannte. Risiken bilden etwa ein streikender dritter Beitragszahler oder Inflation. Mit den unterschiedlichen Finanzierungsverfahren der ersten und zweiten S\u00e4ule wird eine Streuung der systemimmanenten Risiken erreicht. Alles in allem eine kluge Streuung unterschiedlicher Risiken.<\/p>\n<p>Sie m\u00f6gen weiter einwenden, dass die demografischen Fakten l\u00e4ngst bekannt sind. Richtig, bereits der IDA-Fiso Bericht \u00fcber die Finanzierungsperspektiven der Sozialversicherungen von 1996 zeigte, das beste System n\u00fctzt wenig, wenn es nicht die demographischen und versicherungsmathematischen Wirklichkeiten widerspiegelt. Das gilt auch heute: So stieg die Lebenserwartung der 65-J\u00e4hrigen seit 1948 bei den Frauen von 14 auf 22,4 Jahre, bei den M\u00e4nnern von 12,4 auf 19,5 Jahre. Erh\u00f6ht wurde das gesetzliche Rentenalter der M\u00e4nner jedoch nie, jenes der Frauen sogar gesenkt. Der Anstieg der Lebenserwartung ging also vollst\u00e4ndig zugunsten einer l\u00e4ngeren Rentenbezugsdauer. Heute finanzieren rund 3,5 Erwerbst\u00e4tige einen Rentner. Gem\u00e4ss dem Referenzszenario des BFS werden es bereits 2030 nur noch 2,5 sein. Bis zur Jahrhundertmitte wird sich die Zahl der \u00fcber 65-j\u00e4hrigen von heute rund 1,5 Millionen nahezu verdoppeln. Demgegen\u00fcber wird die Zahl der Kinder- und Jugendlichen nur noch leicht ansteigen und deutlich unter 2 Millionen verharren. Auf einen Rentner werden in der AHV noch zwei Beitragszahler fallen. Dieses sukzessiv ansteigende Ungleichgewicht, gepaart mit der l\u00e4ngeren Rentenbezugsdauer stellt ein umlagefinanziertes Rentensystem wie die AHV vor erhebliche finanzielle Herausforderungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Dringender Handlungsbedarf<\/strong><\/p>\n<p>Trotzdem, ich bleibe dabei. Bei der Rentenreform 2020 geht es um viel. Eine Trendwende stellte das Jahr 2014 dar. Erstmals seit 1999 rutschte die AHV in die roten Zahlen. 2015 betrug das negative Umlageergebnis bereits 579 Millionen Franken. Ohne Gegenmassnahmen d\u00fcrfte das negative Umlageergebnis schon bald auf mehrere Milliarden Franken pro Jahr anwachsen. Im Referenzszenario des BFS w\u00e4re bei geltender Ordnung 2030 mit einer Finanzierungsl\u00fccke von 7,5 Milliarden Franken zu rechnen. Bereits Mitte 2020 wird der Ausgleichsfonds in Liquidit\u00e4tsprobleme kommen. Wenige Jahre sp\u00e4ter d\u00fcrften die Mittel vollst\u00e4ndig aufgebraucht sein. Weder die Kapitalertr\u00e4ge des Ausgleichsfonds noch eine m\u00f6gliche Schuldenr\u00fcckzahlung der IV werden die rasante Liquidit\u00e4tsabnahme stoppen k\u00f6nnen. Der Druck kommt von einem ungem\u00fctlich starken Anstieg des Altersquotienten \u2013 dem Anteil Rentnerinnen und Rentner an der Erwerbsbev\u00f6lkerung. Der doch dramatische demografische \u00dcbergang trifft uns die n\u00e4chsten Jahre mit voller H\u00e4rte und stabilisiert sich erst wieder gegen 2050. Diese Szenarien sollten uns zu denken geben. Es geht tats\u00e4chlich um viel bei der Rentenreform 2020.<\/p>\n<p>Welche Stellschrauben stehen zur Verf\u00fcgung, um den demografischen \u00dcbergang ad\u00e4quat zu adressieren? Klar ist, entweder m\u00fcssen mehr Einnahmen generiert oder bei den Leistungen Abstriche vorgenommen werden. Auf der Einnahmeseite stehen h\u00f6here Lohnbeitr\u00e4ge und die Mehrwertsteuer im Vordergrund. Auf der Ausgabenseite w\u00e4ren Einsparungen unter anderem beim Leistungskatalog oder bei der Rentenanpassung an die Lohn- und Preisentwicklung denkbar. Eine besondere Rolle kommt allerdings dem Rentenalter zu. Mit einer Erh\u00f6hung des effektiven Renteneintrittsalters k\u00f6nnen n\u00e4mlich gewissermassen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: So st\u00e4rken sowohl die l\u00e4ngere Einzahlung als auch die verk\u00fcrzte Rentenbezugsdauer die finanzielle Nachhaltigkeit des Rentensystems. Es gibt leider keine andere, einfachere Alternative. Es gibt keine Abk\u00fcrzungen auf dem Weg zu einer langfristig tragf\u00e4higen AHV \u2013 \u201eGain without pain\u201c gibt es nur im Nirvana.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Rentenreform 2020 l\u00f6st die Probleme nicht<\/strong><\/p>\n<p>Um die heutigen Renten zu sichern, braucht es eine ausgewogene L\u00f6sung, die sowohl f\u00fcr die Gesellschaft als auch f\u00fcr die Wirtschaft tragbar ist. Nur eine opfersymmetrisch gleichm\u00e4ssige Verteilung der Lasten kann dabei eine breite Akzeptanz sichern. Da sind wir uns wohl alle einig. Die latente Angst vor dem Souver\u00e4n darf nicht dazu f\u00fchren, dass man sich den Wirklichkeiten verweigert und Notwendigkeiten tabuisiert. Mehr Mut und Bereitschaft zu einem ehrlichen Diskurs w\u00e4ren angezeigt.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht als \u00d6konom braucht es drei Massnahmen: Erstens f\u00fchrt langfristig kein Weg daran vorbei, das Rentenalter der gestiegenen Lebenserwartung anzupassen. Zweitens m\u00fcssen durch eine Anhebung der Lohnbeitr\u00e4ge oder der Mehrwertsteuer zus\u00e4tzliche Einnahmen generiert werden. Und drittens brauchen wir einen Sicherungsmechanismus, der die AHV langfristig zuverl\u00e4ssig und sicher finanziert &#8211; eine Schuldenbremse.<\/p>\n<p>Die bisher diskutierten Reformelemente verpassen es allerdings leider, die AHV-Finanzierung ausgewogen und nachhaltig zu sichern. Die Behandlung der Reform erfolgte bisher unter dem Motto \u201eDurchwursteln bis 2030 \u2013 nachher interessiert uns nicht\u201c. Die ohnehin schon mageren Einsparungen durch die Angleichung des Renteneintrittsalters 65\/65 werden gleich wieder in den AHV-Ausbau umgeleitet. Dies kommt einem Schildb\u00fcrgerstreich gleich, einer Umverteilung in der heutigen Generation \u2013 jedenfalls nicht einer Sicherung der AHV f\u00fcr die Zukunft. Die Absicht, alle Neurenten um 70 Franken zu erh\u00f6hen, ist Placebo-Politik mit der Giesskanne. Die mittleren und oberen Einkommen ben\u00f6tigen die Erh\u00f6hung nicht. Und bez\u00fcglich Altersarmut hilft es auch nicht, da wir in diesem Bereich mit den Erg\u00e4nzungsleistungen (EL) bereits \u00fcber das passende Instrument verf\u00fcgen. EL-Beziehende st\u00fcnden unter dem Strich sogar schlechter da. Die h\u00f6here Rente w\u00fcrde ihnen n\u00e4mlich eins-zu-eins bei den EL gek\u00fcrzt. Renten werden im Gegensatz zu EL aber besteuert. Der Leistungsausbau h\u00e4tte also teilweise eine kaum gewollte Umverteilung von unten nach oben zur Folge.<\/p>\n<p>Warum ist ein Betrachtungshorizont f\u00fcr die Rentenreform 2020 nur bis ins Jahr 2030 so problematisch? Ab 2030 l\u00e4sst eine weitere Welle die Rentnerzahlen stark ansteigen. Ohne weitere Zusatzfinanzierung wird die AHV sp\u00e4testens dann ausbluten. Die Entwicklung des Altersquotienten wird den Faktor Arbeit zuk\u00fcnftig noch weitaus st\u00e4rker belasten. Der jetzt diskutierte Leistungsausbau vergr\u00f6ssert das AHV-Finanzloch per 2030 sogar noch um zus\u00e4tzliche 1,4 Milliarden Franken pro Jahr. Und nur f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter \u2013 2035 \u2013 betragen die zus\u00e4tzlichen Kosten bereits f\u00fcnfzig Prozent mehr, n\u00e4mlich 2,1 Milliarden Franken. Diese Entwicklung ist Ausdruck der von Jahr zu Jahr nun akzentuiert stark steigenden Neurentnerzahlen. Gingen 2010 noch 35\u201c\u02dc000 Personen in der Schweiz neu in Rente, so werden es 2030 bereits deren 60\u201c\u02dc000 sein. Die Politik scheint indessen von der unbegr\u00fcndeten Hoffnung getrieben, dass sich die Situation bis 2030 von selbst entsch\u00e4rft. Doch das wird sie vor dem Hintergrund der demografischen Trends nicht. Das n\u00e4chste Reformpaket m\u00fcsste also schon kurze Zeit nach der Volksabstimmung \u00fcber die vorliegende Reform angepackt werden. Ob das der Glaubw\u00fcrdigkeit in der Politik zutr\u00e4glich ist, darf bezweifelt werden. Dabei besteht absolut kein Grund zur Annahme, dass das Feilschen um unpopul\u00e4re Reformmassnahmen dann einfacher wird. Im Gegenteil. Das Generationen-Ungleichgewicht an der Urne nimmt weiter zu.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das Elektorat wird \u00e4lter<\/strong><\/p>\n<p>Die demographische Entwicklung f\u00fchrt nat\u00fcrlich auch zu einer politischen Machtverschiebung von den J\u00fcngeren zu den \u00c4lteren. Das Medianalter der Schweizer Bev\u00f6lkerung liegt aktuell bei rund 43 Jahren (d.h. 50 % sind ju\u00cc\u02c6nger und 50 % sind \u00e4lter als 43 Jahre). Bekanntlich beteiligen sich \u00e4ltere Menschen an der Urne aber wesentlich st\u00e4rker als die j\u00fcngeren Generationen. Gem\u00e4ss Forschungsinstitut gfs.bern ist der entscheidende Medianw\u00e4hler bei Volksabstimmungen inzwischen 56 Jahre alt.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Der Altersquotient unter den Stimmenden betr\u00e4gt 43 % (30 % \u00fcber 65; 70 % darunter). In welche Richtung sich Medianalter und folglich auch Medianw\u00e4hler zuk\u00fcnftig weiter verschieben, k\u00f6nnen sie sich selbst ausdenken. Die Schweiz findet sich gewissermassen im Wandel zu einer Gerontokratie, einer Herrschaft der Alten.<\/p>\n<p>Wenn nun also eine Alterspolitik betrieben wird, welche die aktiven und k\u00fcnftigen Generationen weitaus st\u00e4rker belastet, handeln viele in der Politik durchaus rational. Mit jungen W\u00e4hlern lassen sich kaum Stimmen gewinnen. Und die zuk\u00fcnftigen Generationen sitzen noch gar nicht mit am Tisch. Nat\u00fcrlich haben jene Recht, die betonen, dass die Vorlage referendumsresistent sein m\u00fcsse. Sie machen es sich aber zu einfach, wenn sie dem Rentenalter den Status einer heiligen Kuh verpassen und Leistungen nicht nur zementieren sondern sogar noch ausbauen wollen. Sie opfern damit die Interessen der aktiven und insbesondere der zuk\u00fcnftigen Generationen auf dem Altar der \u00c4lteren. Die \u00f6konomischen Wirklichkeiten werden uns irgendwann einholen. Je l\u00e4nger man zuwartet, desto schwieriger wird es, die AHV auf gesunde Beine zu stellen. Gemeinhin unpopul\u00e4re Massnahmen werden demografiebedingt zuk\u00fcnftig noch st\u00e4rker mit Widerstand rechnen m\u00fcssen. Mit der vorliegenden Reform wird wenig Zeit extrem teuer erkauft.<\/p>\n<p>Der sozialdemokratische Bundesrat und Finanzminister Willi Ritschard meinte 1980 in einer Rede zu den Finanzn\u00f6ten des Bundes:<\/p>\n<p><em>\u201eWir laufen so Gefahr, dass wir von den echten Zukunftsaufgaben des Landes abgelenkt werden. Wir betrachten mehr und mehr auch langfristige Probleme nur noch aus der Optik, die kurzfristig f\u00fcr die Kasse g\u00fcnstig erscheint. Aber gerade diese Optik kann sich in vielen F\u00e4llen auf lange Sicht als die falsche erweisen. Der Politiker ist ein Arbeiter im Weinberg des Herrn. Er muss sich mit den n\u00e4chsten Jahrg\u00e4ngen besch\u00e4ftigen und nicht mit dem, den er bereits verkauft hat.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\"><strong>[4]<\/strong><\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Generationengerechtigkeit in Frage gestellt<\/strong><\/p>\n<p>In der gegenw\u00e4rtigen Rentenpolitik scheint sich allerdings leider kaum jemand mit den n\u00e4chsten Jahrg\u00e4ngen besch\u00e4ftigen zu wollen. Die Generationengerechtigkeit wird bereits im Status quo und verst\u00e4rkt in den diskutierten Reformalternativen arg in Mitleidenschaft gezogen. Bereits heute werden j\u00fcngere Generationen in der AHV deutlich st\u00e4rker zur Kasse geben als \u00e4ltere Generationen und Rentner. Gem\u00e4ss Bernd Raffelh\u00fcschen von der Universit\u00e4t Freiburg im Breisgau bestehen in der AHV ungedeckte Leistungsversprechen gegen\u00fcber heutigen und zuk\u00fcnftigen Generationen in der H\u00f6he rund 1000 Milliarden Franken.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> Bei geltender Ordnung betr\u00e4gt die AHV-Finanzierungsl\u00fccke 173,4 % des Schweizer BIP. J\u00fcngere und zuk\u00fcnftige Generationen werden wohl zu einem grossen Teil f\u00fcr dieses Loch aufkommen m\u00fcssen. Der Vorschlag des Bundesrates w\u00fcrde die Finanzierungsl\u00fccke der AHV auf 82 % des BIP reduzieren. Der L\u00f6wenanteil kommt durch die Erh\u00f6hung der Mehrwertsteuer zustande. Die ausgabenseitigen Massnahmen tragen hingegen nur marginal zur Verbesserung der Nachhaltigkeit bei. Die Mehrkosten fallen dementsprechend kaum bei den \u00e4lteren Generationen an. Der Entwurf des St\u00e4nderats w\u00fcrde die Jungen langfristig allerdings noch st\u00e4rker belasten. Die Finanzierungsl\u00fccke w\u00fcrde nur auf 111,2 % des BIP verringert. Die pauschale Rentenerh\u00f6hung um monatlich 70 Franken w\u00fcrde die AHV langfristig um zus\u00e4tzliche 24,8 BIP-Prozentpunkte strapazieren. Wie gross die intergenerationelle Umverteilung ist, zeigt auch folgende Zahl: Um die Finanzierungsl\u00fccke der AHV vollst\u00e4ndig mittels Leistungsk\u00fcrzungen zu schliessen, m\u00fcssten dauerhaft alle AHV-Renten pauschal um fast 23 % gesenkt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Politik in der Zeitinkonsistenz-Falle<\/strong><\/p>\n<p>Die demografischen Herausforderungen sind \u00f6konomisch durchaus zu meistern. Das Problem einer nachhaltigen und generationengerechten Finanzierung ist vielmehr ein Politisches. Insbesondere das Problem der Zeitinkonsistenz spielt eine Rolle. Das oft geh\u00f6rte Versprechen, langfristig f\u00fcr ausgeglichene Finanzen zu sorgen, ist bei einer den kurzfristigen und j\u00e4hrlich wiederkehrenden politischen Einfl\u00fcssen ausgesetzten Finanzpolitik nicht glaubw\u00fcrdig. Die unmittelbaren Anreize der am Budgetprozess Beteiligten, vom Ziel eines ausgeglichenen Haushalts zugunsten ihrer eigenen Klientel und auf Kosten einer nachhaltigen Finanzpolitik abzuweichen, sind zu gross. Besonders stark akzentuiert sich das Problem in der generationen\u00fcbergreifenden Rentenpolitik. Kaum ein Stimmb\u00fcrger oder Politiker wird bei Betrachtung der Zahlen bestreiten, dass die langfristige finanzielle Sicherung der AHV auf wackligen Beinen steht und angepackt werden muss. Und die meisten w\u00fcrden wohl \u2013 zumindest hinter vorgehaltener Hand \u2013 zustimmen, dass das bestehende Rentensystem die Generationengerechtigkeit verletzt. Trotzdem hofft die Mehrheit, dass sich die n\u00f6tigen Massnahmen mehr oder weniger beliebig in die Zukunft aufschieben lassen. Weil die zuk\u00fcnftigen W\u00e4hler noch nicht geboren sind, ist es bereits heute kaum m\u00f6glich, eine ausgewogene und nachhaltige Finanzierungsl\u00f6sung zu finden. Und sollte man sich dennoch einmal zu entsprechenden Versprechen durchringen k\u00f6nnen, ist das l\u00e4ngst keine Garantie. Sp\u00e4testens das n\u00e4chste Parlament hat bereits wieder Anreize, sich vermehrt um die Interessen der \u00c4lteren zu k\u00fcmmern. Die Politik ist sozusagen eine Gefangene der Zeitinkonsistenz.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Eine Schuldenbremse f\u00fcr die AHV<\/strong><\/p>\n<p>Was k\u00f6nnen wir nun aus dieser Problematik ableiten? Wir brauchen eine L\u00f6sung, die die Politik an zeitkonsistentes Verhalten bindet. Eine L\u00f6sung, die zu einer nachhaltigen und generationengerechten AHV-Finanzierung verpflichtet. Eine L\u00f6sung, die zudem den wiederkehrenden politischen Abn\u00fctzungskrieg um einzelne Reformmassnahmen beendet. Wir brauchen eine Schuldenbremse f\u00fcr die AHV. Nur ein institutioneller Mechanismus kann der besprochenen Problematik effektiv entgegenwirken.<\/p>\n<p>Unser Vorschlag ist ein Schutzmechanismus f\u00fcr den AHV-Fondsbestand und sieht vor, dass allf\u00e4llige Korrekturen opfersymmetrisch gleichm\u00e4ssig bei den Einnahmen und Ausgaben ansetzen. Eine solche Regelbindung tr\u00e4gt der langfristigen Bev\u00f6lkerungsentwicklung Rechnung ohne Rentenalter und Abgaben auf Vorrat zu erh\u00f6hen. Dies sollte auch die politische Akzeptanz steigern. Das wiederkehrende politische Gezerre um Rentenreformen schw\u00e4cht zudem die Glaubw\u00fcrdigkeit eines Sozialversicherungssystems. Auch hier w\u00fcrde die Schuldenbremse Abhilfe schaffen. Im Gegensatz zu Ad-hoc-Massnahmen erlaubt sie ein rechtzeitiges, klar definiertes und transparentes Eingreifen. Eine umsichtige Ausgestaltung der Schuldenbremse macht es zudem m\u00f6glich, auch die zuk\u00fcnftigen Generationen immer im Auge zu behalten. Die Politik k\u00f6nnte sich so am antiken Helden Odysseus orientieren, der sich an den Mast seines Schiffes binden liess, um den verf\u00fchrerischen aber letztendlich t\u00f6dlichen Ges\u00e4ngen der Sirenen zu widerstehen. Langfristige Nachhaltigkeit in der Altersvorsorge l\u00e4sst sich nur dann erreichen, wenn auf kurzfristige Handlungsm\u00f6glichkeiten und Opportunismus verzichtet wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>70 ist das neue 60<\/strong><\/p>\n<p>Erlauben Sie mir abschliessend noch einige Worte zur Diskussion ums Rentenalter. Eine schlagartige Erh\u00f6hung auf 67 Jahre ist momentan nicht durchsetzbar, das ist klar. Wir werden aber nicht darum herum kommen, mittelfristig eine ehrliche Rentenalter-Diskussion zu f\u00fchren. Wer dieser Debatte mit reflexartigem Verweis auf das Stimmvolk aus dem Weg geht, handelt verantwortungslos und sucht den Weg des geringsten Widerstandes. Das Rentenalter 65 muss den Status einer heiligen Kuh verlieren \u2013 je fr\u00fcher desto besser. Die \u00f6konomischen Gesetzm\u00e4ssigkeiten lassen sich nicht ewig negieren. Gerade deshalb k\u00f6nnte die vorhin skizzierte Schuldenbremse einen gangbaren Weg aufzeigen. Diese ist alles andere als ein \u201eBig Bang\u201c. Das Rentenalter w\u00fcrde in kleinen Schritten (in Monatsraten) erh\u00f6ht. Es ist klar geregelt und transparent, welche Massnahmen und Schritte wann anstehen. Das Rentenalter wird damit nicht einfach auf Vorrat erh\u00f6ht. Diese Ausgestaltung ist f\u00fcr die Glaubw\u00fcrdigkeit der Rentenpolitik und die Vertrauensbildung im Volk absolut zentral.<\/p>\n<p>Wir sollten die Rentenalter-Diskussion endlich enttabuisieren. Wir m\u00fcssen begreifen und letztlich verinnerlichen, dass das \u00c4lterwerden insbesondere auch eine Chance darstellt. Wir leben nicht nur l\u00e4nger, wir sind auch l\u00e4nger gesund und arbeitsf\u00e4hig. Aktuelle Gesundheitszahlen aus Deutschland zeigen, dass zwei Drittel der Menschen bis zum 70. Lebensjahr arbeiten k\u00f6nnten, sofern sie denn wollten.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Das heisst nat\u00fcrlich auch unter \u00f6konomischen Gesichtspunkten nicht, dass jeder, der bis 70 arbeiten k\u00f6nnte, auch bis 70 arbeiten sollte. Trotzdem gilt: 70 ist das neue 60. Es ist an der Zeit, unseren Mindset zu ver\u00e4ndern. So etwas geschieht nat\u00fcrlich nicht von heute auf morgen. Aber es ist m\u00f6glich, sofern man denn will. \u00c4lterwerden ist eine Chance. F\u00fcr die Menschen, f\u00fcr die Wirtschaft. L\u00e4nger arbeiten hat zudem positive Auswirkungen auf die Gesundheit und die soziale Integration. Wir wissen, dass der Arbeitsmarkt ein schrittweise h\u00f6heres Rentenalter durchaus absorbieren kann.<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Daf\u00fcr gibt es wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Entsprechend positive Erfahrungen hat die Schweiz unter anderem auch mit der Erh\u00f6hung des Rentenalters bei den Frauen gemacht. Schon bald d\u00fcrfte uns aber sowieso das umgekehrte Problem besch\u00e4ftigen. Die Bev\u00f6lkerungsentwicklung sowie die m\u00f6gliche Kontingentierung der Zuwanderung d\u00fcrften den Arbeitsmarkt ab 2020 zunehmend austrocknen. Sp\u00e4testens dann d\u00fcrften uns die \u00f6konomischen Wirklichkeiten doppelt eingeholt haben.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vortrag auf dem Arbeitgebertrag 2016. Ich danke Patrick Leisibach f\u00fcr die umfassende Unterst\u00fctzung bei der Erstellung des Referats.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Sommer, J\u00fcrg H. (1978): Das Ringen um soziale Sicherheit in der Schweiz, Diessenhofen: R\u00fcegger.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Longchamp, Claude (2014): Der Einfluss der Alterung auf die politische Landschaft, Vortragsunterlagen SeneForum, Zu\u00cc\u02c6rich.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Ritschard, Willi (1980): Flickwerk in der Referendumsfalle: eine Rede vor den schweizer Bankiers, in: <em>Profil: sozialdemokratische Zeitschrift f\u00fcr Politik, Wirtschaft und Kultur<\/em>, Heft 12, 59. Jg.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Moog, Stefan et. al. (2015): Nachhaltigkeit und Generationengerechtigkeit der Reform Altersvorsorge 2020 &#8211; Erste Schritte auf einem langen Weg, Studie des Forschungszentrums Generationenvertr\u00e4ge der Universit\u00e4t Freiburg im Breisgau und der UBS AG, Z\u00fcrich.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> J\u00fcrges, Hendrik, Lars Thiel, und Axel B\u00f6rsch-Supan (2016): \u201eHealthy, Happy, and Idle: Estimating the Health Capacity to Work at Older Ages in Germany\u201c, in: <em>Social Security Programs and Retirement Around the World: The Capacity to Work at Older Ages<\/em>. University of Chicago Press.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. u.a. Riphahn, Regina T. und George Sheldon (2006): Arbeit in der alternden Gesellschaft: Der Arbeitsmarkt f\u00fcr \u00e4ltere Menschen in der Schweiz, Z\u00fcrich.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eEine gesunde Wirtschaft ist die unentbehrliche Voraussetzung f\u00fcr eine leistungsf\u00e4hige Sozialpolitik. Die beste Sozialpolitik ist daher eine vern\u00fcnftige, mit der Wirklichkeit rechnende Wirtschaftspolitik. 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