{"id":19424,"date":"2016-06-26T00:01:48","date_gmt":"2016-06-25T23:01:48","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19424"},"modified":"2016-06-26T07:39:37","modified_gmt":"2016-06-26T06:39:37","slug":"brexitenglands-und-europas-verteilungskonflikte-bleiben-ungeloest","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19424","title":{"rendered":"Brexit: Englands und Europas Verteilungskonflikte bleiben ungel\u00f6st"},"content":{"rendered":"<p>Noch vor zehn Jahren galt die Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr die meisten L\u00e4nder Europas als ein erstrebenswertes Ziel. Nun verl\u00e4sst mit Gro\u00dfbritannien erstmals ein Land die EU und den Regierungen mancher anderer Mitgliedsstaaten, vor allem aber den rechtspopulistischen Parteien in zahlreichen L\u00e4ndern kann es nicht schnell genug gehen, sich diesem Beispiel anzuschlie\u00dfen. Wie konnte es soweit kommen? Auff\u00e4llig ist, dass zwischen den Aufbruchszeiten der EU-Osterweiterung und der folgenreichen Brexit-Entscheidung der Beginn der Finanz- und Staatsschuldenkrise in Europa lag. Die mit ihr einhergehenden, immer noch ungel\u00f6sten <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=13475\">Verteilungskonflikte<\/a> innerhalb vieler Mitgliedsstaaten und auch zwischen ihnen sind die tiefere Ursache f\u00fcr die Abkehr von der EU. Sie lassen sich mehr oder weniger stark ausgepr\u00e4gt in weiten Teilen der Union, darunter auch in Deutschland, beobachten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ein Blick auf die regionale Verteilung der Bef\u00fcrworter und Gegner des Brexits in Gro\u00dfbritannien verdeutlicht die Hintergr\u00fcnde dieser Entscheidung gegen Europa. In der EU verbleiben wollten mehrheitlich vor allem die Bewohner des Gro\u00dfraums London sowie \u2013 aus spezifischen regionalen Gr\u00fcnden \u2013 die Nordiren und Schotten. Die Anh\u00e4nger des EU-Austritts kamen dagegen insbesondere aus den Midlands und dem Osten Englands, also aus l\u00e4ndlichen oder altindustrialisierten Gegenden, deren Bev\u00f6lkerung im Durchschnitt \u00e4lter ist und ein geringeres Bildungsniveau aufweist als die urbanen Eliten und reicheren Schichten. In diesen abseits der Hauptstadt liegenden Landesteilen leben \u00fcberwiegend Angeh\u00f6rige der Arbeiterklasse und der unteren Mittelschicht mit unterdurchschnittlichen Einkommen, f\u00fcr die sich alte Gewissheiten wie die Sicherheit industrieller Arbeitspl\u00e4tze, eine existenzsichernde regionale Landwirtschaft oder eine angemessene soziale Absicherung unter dem Druck der Globalisierung nach und nach aufl\u00f6sen. Der Zuzug von jungen, dynamischen und relativ gut ausgebildeten Menschen aus Osteuropa im Nachklang der EU-Osterweiterung hat ihre Lage nicht verbessert, sondern die Konkurrenzsituation auf dem heimischen Arbeitsmarkt weiter versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Die Gegner des EU-Austritts befanden sich dagegen insbesondere unter den Globalisierungsgewinnern in der Londoner City, dem H\u00e4tschelkind aller britischen Regierungen. Die Vorteile der Globalisierung und die voranschreitende europ\u00e4ische Finanzmarktintegration lie\u00dfen sie immer neue Gewinn-, Einkommens- und Bonusrekorde erzielen, die als Nebeneffekt und zum Nachteil vieler Geringverdiener London zu einer der teuersten St\u00e4dte der Welt gemacht haben. Als die Finanzkrise ausbrach, wurde die Finanzindustrie in der Londoner City unter Verweis auf vermeintliche systemische Risiken unverz\u00fcglich und gro\u00dfz\u00fcgig finanziell umsorgt. Eine solche Unterst\u00fctzung blieb den einfachen Arbeitskr\u00e4ften in den Regionen au\u00dferhalb der City verwehrt, obwohl diese unter dem erheblichen Druck der Internationalisierung der Wirtschaft kontinuierlich an Wettbewerbsf\u00e4higkeit verloren haben, was sich in geringen Einkommenszuw\u00e4chsen, vermehrtem Arbeitsdruck oder gestiegener Arbeitslosigkeit ausgedr\u00fcckte.<\/p>\n<p>Es ist diese von den Verantwortlichen weitgehend ignorierte Konstellation einer zunehmenden Zweiteilung des Landes in die Gewinner und Verlierer des globalen wirtschaftlichen Wandels, die Englands fundamentales und seit Langem ungel\u00f6stes Verteilungsproblem verk\u00f6rpert. Englands Eliten haben lieber das \u201eBlame Game\u201c gespielt und die \u2013 bei den Briten ohnehin wenig geliebte \u2013 EU f\u00fcr die hausgemachten Probleme des Landes verantwortlich gemacht. Dies ging solange gut, wie die Europ\u00e4ische Union das Versprechen auf einen wachsenden Wohlstandskuchen erf\u00fcllen konnte, aus dem die wirtschaftlich Starken wie auch Schwachen bedient werden konnten. Wegen der guten Handelsm\u00f6glichkeiten innerhalb des riesigen europ\u00e4ischen Binnenmarktes waren der Verbleib in der Gemeinschaft lange Zeit hinreichend attraktiv und die Schw\u00e4chen in der institutionellen Konstruktion der EU ertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Doch seit dem Beginn der Finanzkrise haben sich in England und Europa die Perspektiven ge\u00e4ndert, denn l\u00e4ngst w\u00e4chst der Wohlstand nicht mehr ausreichend und Verteilungsfragen m\u00fcssen in Nullsummenspielen ausgetragen werden. Dabei vermischen sich interregionale mit internationalen Verteilungskonflikten, denn die Finanzkrise hat zu massiven makro\u00f6komischen und budget\u00e4ren Ungleichgewichten innerhalb der EU gef\u00fchrt, die bis heute das Wachstum in ganz Europa ausbremsen. Der Streit in der EU hat seit dem Beginn der Krise vor allem mit der Frage zu tun, inwieweit wirtschaftlich st\u00e4rkere EU-Mitgliedsstaaten in der Pflicht stehen, den schw\u00e4cheren EU-Mitgliedern in Europas Peripherie zu helfen, selbst wenn diese f\u00fcr ihre Probleme zu einem guten Teil selber verantwortlich gewesen sind. Dass dieser europ\u00e4ische Verteilungskonflikt sich nicht leicht l\u00f6sen l\u00e4sst, ist offensichtlich. Er schwelt seit Jahren und l\u00e4hmt die gesamte Union.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Brexit-Bef\u00fcrworter schlie\u00dft sich hier \u2013 wenn auch in falscher Logik \u2013 ein Kreis, denn vermeintlich ist es der teure und wirtschaftspolitisch inkompetente Rest der EU, der die Briten, einschlie\u00dflich derjenigen an den l\u00e4ndlichen und altindustrialisierten R\u00e4ndern des Vereinigten K\u00f6nigreichs, \u00f6konomisch belastet. Die tats\u00e4chliche Lage ist allerdings weitaus weniger eindeutig; sie zeichnet sich in erster Linie durch fundamentale Schw\u00e4chen der britischen Politik aus. Deren vornehmste Aufgabe w\u00e4re es gewesen, L\u00f6sungen f\u00fcr die wirtschaftlich abgeh\u00e4ngten Problemregionen abseits der Londoner City zu finden. Ohne den N\u00e4hrboden der Frustration in diesen Gegenden des Landes w\u00e4re die Brexit-Kampagne ins Leere gelaufen, weil ihre Unterst\u00fctzung kaum \u00fcber einen kleinen Kreis britischer Traditionalisten hinausgegangen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Jedoch wurden entsprechende Ma\u00dfnahmen zum regionalen Ausgleich \u00fcber Jahre verschlafen und sie spielten zuletzt durch die unn\u00f6tig angezettelte Brexit-Diskussion erst recht keine Rolle mehr. Dar\u00fcber hinaus hat der Streit um den Brexit die britische Regierung davon abgehalten, sich aktiv am Umbau Europas und am Abbau von wachstumshemmenden Ungleichgewichten zu beteiligen. Er war sogar kontraproduktiv, da die permanenten Forderungen nach einer britischen Sonderbehandlung mit dem alleinigen Ziel der Verhinderung des Brexits die europ\u00e4ischen Partner vor den Kopf gesto\u00dfen und innereurop\u00e4ische Konflikte weiter versch\u00e4rft hat. Dabei h\u00e4tten sich die komplexen Anpassungsma\u00dfnahmen im Inland durch einen Wachstumsschub in Europa abfedern lassen, der den unvermeidlichen Strukturwandel durch steigende Steuereinnahmen erleichtert h\u00e4tte. F\u00fcr all dies war jedoch der Blick der britischen Regierung verstellt.<\/p>\n<p>Das Ignorieren der Verteilungsprobleme Gro\u00dfbritanniens und der EU wird nun zu einer politisch fatalen Entwicklung in Europa f\u00fchren, die die bestehenden Fliehkr\u00e4fte in Richtung eines Zerfalls der EU beschleunigt, da vergleichbare Ausgangslagen wie in Gro\u00dfbritannien auch anderswo existieren. Eine solide und nachhaltige Politik f\u00fcr mehr Handel, Innovation und Wirtschaftswachstum in Europa wird ohne die traditionell wirtschaftsliberalen Briten schwieriger, dabei w\u00e4re sie n\u00f6tiger denn je, um breitere Bev\u00f6lkerungsschichten wirtschaftlich besser zu stellen und damit die bestehenden Verteilungskonflikte innerhalb der EU und ihrer einzelnen Mitgliedsstaaten abzumildern.<\/p>\n<p>Die Briten stehen ab sofort vor der T\u00fcr Europas und werden schnell realisieren, dass auch der EU-Austritt es ihnen nicht ersparen wird, die nationalen Verteilungsfragen, die der eigentliche Ausl\u00f6ser ihres Votums waren, zu l\u00f6sen. Den politischen Streit dar\u00fcber m\u00fcssen sie nun ohne den Schwarzen Peter in Br\u00fcssel l\u00f6sen. Anderen Mitgliedsstaaten, die mit einem Austritt kokettieren, m\u00f6ge ihr Beispiel als Warnung dienen: Wirtschaftliche Probleme und Verteilungskonflikte (so sie denn \u00fcberhaupt von allzu oft in dieser Hinsicht ignoranten Regierenden als solche erkannt werden) sind fast immer zuerst hausgemacht und erst dann europ\u00e4ischer Natur. Ihre L\u00f6sung sollte in der entsprechenden Reihenfolge erfolgen. Zerlegt man dagegen zuerst die EU, so wird dies f\u00fcr die austrittswilligen L\u00e4nder f\u00fcr sehr lange Zeit weit mehr Schaden als Nutzen mit sich bringen und erst recht keine origin\u00e4r nationalen Probleme l\u00f6sen.<\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge zum Brexit:<\/strong><\/p>\n<p id=\"post-19415\">Jan Schnellenbach: <a title=\"Permanent Link: Brexit it is&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;On the rationality of referenda&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19415\" rel=\"bookmark\">Brexit it is. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">On the rationality of referenda<\/span><\/a><\/p>\n<p id=\"post-19345\">Dieter Smeets und Markus Penatzer: <a title=\"Permanent Link: Brexit or no Brexit \u2013 das ist hier die Frage!\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19345\" rel=\"bookmark\">Brexit or no Brexit \u2013 das ist hier die Frage!<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19253\">Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: Die Risse in der EU werden gr\u00f6\u00dfer&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Euro, Fl\u00fcchtlinge, Sezessionen und Brexit&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19253\" rel=\"bookmark\">Die Risse in der EU werden gr\u00f6\u00dfer. <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Euro, Fl\u00fcchtlinge, Sezessionen und Brexit<\/span><\/a><\/p>\n<p id=\"post-19095\">Wolf Sch\u00e4fer: <a title=\"Permanent Link: Brexit: Von der Psychologie der Insellage\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19095\" rel=\"bookmark\">Brexit: Von der Psychologie der Insellage<\/a><\/p>\n<p id=\"post-18622\">Renate Ohr: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;3. W\u00fcrzburger Ordnungstag (3)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Quo vadis Europa?&lt;br&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Zu den Folgen eines Brexit f\u00fcr die EU&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18622\" rel=\"bookmark\">Quo vadis Europa? <span style=\"color: grey; font-size: medium;\">Zu den Folgen eines Brexit f\u00fcr die EU<\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Noch vor zehn Jahren galt die Mitgliedschaft in der Europ\u00e4ischen Union f\u00fcr die meisten L\u00e4nder Europas als ein erstrebenswertes Ziel. 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