{"id":19465,"date":"2016-07-01T00:01:03","date_gmt":"2016-06-30T23:01:03","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19465"},"modified":"2016-07-01T05:37:07","modified_gmt":"2016-07-01T04:37:07","slug":"kurz-kommentiertbrexit-nun-muss-deutschland-die-briten-ersetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19465","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Kurz kommentiert<\/font><br\/>Brexit: Nun muss Deutschland die Briten ersetzen"},"content":{"rendered":"<ol>\n<li>Der EU-Kommissionspr\u00e4sident Juncker hat nichts verstanden, weil ihm offensichtlich das analytische Talent fehlt, die wahren Gr\u00fcnde f\u00fcr die Exit-Option Gro\u00dfbritanniens zu evaluieren. Er schaltet den verbalen und emotionalen Schnellschuss-Bestrafungsmodus ein, um \u2013 wie er sagt \u2013 schnell einen Abschreckungseffekt auf andere EU-L\u00e4nder zu erzeugen. Seine Philosophie ist: Die EU soll bestrafen, wenn ein Land den Artikel 50 des Lissabon-Vertrages in Anspruch nimmt, um legal aus einem Club auszuscheiden, dessen Clubg\u00fcter und Clubregeln nicht mehr mit der Mehrheit seiner eigenen Bev\u00f6lkerung \u00fcbereinstimmen. Juncker schl\u00e4gt vor, nunmehr alle EU-Mitglieder in die \u2013 wahrlich dauerkrisengesch\u00fcttelte \u2013 Euro-Zone hineinzuzwingen, damit die EU schnell die Exit-Options-Krise \u00fcberwinde, in die sie nunmehr geraten sei. Wie kann man eine Integrationskrise denn \u00fcberwinden, wenn man die falschen W\u00e4hrungsarrangements einer schweren Dauerkrise \u00fcbernimmt? Europa m\u00fcsse auch \u201esozialer\u201c werden, obwohl bereits etwa die H\u00e4lfte der Sozialausgaben der Welt in der EU umverteilt wird. Und der Weg aus der jetzigen Krise sei alternativlos: \u201eMehr Europa\u201c, also noch mehr Zentralisierung, noch mehr Umverteilung, noch mehr erzwungene Einheitlichkeit, noch mehr Etatismus franz\u00f6sischer Couleur.<\/li>\n<\/ol>\n<p><!--more--><\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Die Krisen-Diagnose und -Therapie Junckers nach dem Brexit-Referendum k\u00f6nnten falscher nicht sein. Die Fliehkr\u00e4fte von Exit-Optionen aus einem heterogenen Integrationsclub werden nicht durch mehr erzwungene zentrale Homogenisierung eingefangen, sondern durch das genaue Gegenteil: durch Heterogenisierung \u00fcber subsidi\u00e4re Clubarrangements, also durch (R\u00fcck-) Verlagerung EU-zentral administrierter Aktivit\u00e4ten auf die L\u00e4nder, Regionen und Kommunen, je nachdem, auf welchen Ebenen die komparativen Wettbewerbsvorteile in Bezug auf B\u00fcrgern\u00e4he und Kosteneffizienz liegen. Das hat nichts mit \u201eneuem Nationalismus\u201c zu tun, sondern ist Ausdruck pragmatischen Handelns. Es entspricht liberal-angels\u00e4chsischem Pragmatismus, der den interventions-zentralistischen Integrationsweg der EU wenigstens teilweise korrigierend gebremst hat, der aber nunmehr (voraussichtlich) der EU den R\u00fccken kehrt und damit eine einschneidende L\u00fccke in der Integrationsphilosophie auf dem europ\u00e4ischen Kontinent\u00c2\u00a0 aufrei\u00dft. Nicht die Bestrafung des Ausscheidenden, sondern die Substitution des Fehlenden muss die EU-Devise sein.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"3\">\n<li>Und damit ist eine neue Rolle Deutschlands in der EU gefragt: Um zu verhindern, dass die EU durch das Fehlen Gro\u00dfbritanniens nicht noch st\u00e4rker in die exitverursachende franco-zentralistische Integrationsphilosophie abrutscht, muss Deutschland den Mut haben, nunmehr sichtbar die englische Karte zu spielen und sich von der franco-etatistischen Umgarnung zu distanzieren, die durch ein strikteres \u201eMehr Europa\u201c den EU-Zerfall strategisch bef\u00f6rdern. Die bisherige enge franz\u00f6sisch-deutsche Allianz basiert vor allem auf den bekannten polit-historischen Begr\u00fcndungen der Vers\u00f6hnung, inhaltlich ist die franz\u00f6sische Integrationsphilosophie dem deutschen Ansatz aber eher fremd geblieben: Dieser war im Kern eher anglophil, also nicht zentralistisch, eher weltoffen und marktwirtschaftlich orientiert. Am besten w\u00e4re es deshalb, wenn subsidi\u00e4r-affine EU-L\u00e4nder, die dem Integrationskurs der EU bisher schon kritisch begegnet sind und als weitere potentielle Exit-Kandidaten gehandelt werden, als Mitstreiter f\u00fcr diesen Strategiewechsel gewonnen werden k\u00f6nnen. Dieser Strategiewechsel muss \u00f6ffentlich kommuniziert und begr\u00fcndet werden, damit er einsichtig wird. Wie jede Kurskorrektur, so wird auch diese nicht ohne politische Reibungen ablaufen, in Deutschland wie in der EU und ganz sicher zwischen vor allem Frankeich und Italien auf der einen und Deutschland auf der anderen Seite. Die muss man aushalten und neu gestalten. Es wird innerhalb der EU neue Allianzen als Subclubs geben. Wahrscheinlich verl\u00e4uft die grobe Trennlinie zwischen Nord und S\u00fcd, zwischen Etatisten und Marktwirtschaftlern. Die Kanzlerin zeigt ja immerhin \u2013 im krassen Gegensatz zum francophilen Juncker \u2013 bereits ein eher abw\u00e4gendes Verhalten in der Beurteilung der Brexitfolgen, das bestrafende Schnellsch\u00fcsse offensichtlich verhindern soll. Wenn sie wirklich pragmatisch an der Sache einer effizienten und zukunftsorientierten Integration in Europa orientiert ist und nicht vor allem an der politischen oder vermeintlich moralischen Beliebtheitsskala, dann weicht sie diesem Denken und Handeln nicht aus.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"4\">\n<li>Dieses Denken schlie\u00dft im \u00dcbrigen alles ein, was man als \u201edifferenzierte\u201c Integration bezeichnet und in der Wissenschaft schon l\u00e4ngst in aller Breite und Tiefe analysiert worden ist. Darunter fallen Integrationskonzepte des \u201eEuropa mehrerer Geschwindigkeiten\u201c, \u201eEuropa der konzentrischen Kreise\u201c, auch \u201eEuropa \u00c3\u00a0 la carte\u201c. Sie alle senken die sogenannten Heterogenit\u00e4tskosten der zentralisierten Vereinheitlichung und mindern den Anreiz, aus der EU auszusteigen. Der gro\u00dfe Liberale und EU-Politiker Ralf Dahrendorf sagte diesbez\u00fcglich einmal: \u201eEuropa muss auch Spa\u00df bringen\u201c, sonst zerbricht es.<\/li>\n<\/ol>\n<ol start=\"5\">\n<li>Der (wahrscheinlich) bevorstehende Brexit macht die EU ordnungspolitisch \u00e4rmer. Die Neuorganisation der EU muss unter F\u00fchrung von Deutschland, so arrogant und dominant dies klingen mag, und hoffentlich weiteren Mitstreitern das zunehmend ordnungspolitische Defizit mit dem britischen Geist des subsidi\u00e4ren Pragmatismus wieder auff\u00fcllen. Geschieht dies nicht und wird der gegenw\u00e4rtige zentralistische EU-Kurs verl\u00e4ngert, ist Gro\u00dfbritannien zum Schaden der EU nicht der letzte Exit-Kandidat. Es w\u00e4re gut, wenn es gel\u00e4nge, die in der EU-Zentrale wirkenden Hauptakteure und Mitverursacher des Brexits von dem nunmehr umso notwendigeren anglo-orientierten Strategiewechsel zu \u00fcberzeugen.<\/li>\n<\/ol>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge zum Brexit:<\/strong><\/p>\n<p id=\"post-19418\">Andreas Freytag: <a title=\"Permanent Link: &lt;font size=3; color=grey&gt;Gastbeitrag&lt;\/font&gt;&lt;br\/&gt;Was passiert nach dem Brexit?\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19418\" rel=\"bookmark\">Was passiert nach dem Brexit?<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19430\">Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: 23. Juni 2016&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Das Waterloo der Br\u00fcsseler Zentralisten&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19430\" rel=\"bookmark\">23. Juni 2016: Das Waterloo der Br\u00fcsseler Zentralisten<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19424\">Tim Krieger: <a title=\"Permanent Link: Brexit: Englands und Europas Verteilungskonflikte bleiben ungel\u00f6st\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19424\" rel=\"bookmark\">Brexit: Englands und Europas Verteilungskonflikte bleiben ungel\u00f6st<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19415\">Jan Schnellenbach: <a title=\"Permanent Link: Brexit it is&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;On the rationality of referenda&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19415\" rel=\"bookmark\">Brexit it is. On the rationality of referenda<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19345\">Dieter Smeets und Markus Penatzer: <a title=\"Permanent Link: Brexit or no Brexit \u2013 das ist hier die Frage!\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19345\" rel=\"bookmark\">Brexit or no Brexit \u2013 das ist hier die Frage!<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19253\">Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: Die Risse in der EU werden gr\u00f6\u00dfer&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Euro, Fl\u00fcchtlinge, Sezessionen und Brexit&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19253\" rel=\"bookmark\">Die Risse in der EU werden gr\u00f6\u00dfer. Euro, Fl\u00fcchtlinge, Sezessionen und Brexit<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19095\">Wolf Sch\u00e4fer: <a title=\"Permanent Link: Brexit: Von der Psychologie der Insellage\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19095\" rel=\"bookmark\">Brexit: Von der Psychologie der Insellage<\/a><\/p>\n<p id=\"post-18622\">Renate Ohr: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;3. W\u00fcrzburger Ordnungstag (3)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Quo vadis Europa?&lt;br&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Zu den Folgen eines Brexit f\u00fcr die EU&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18622\" rel=\"bookmark\">Quo vadis Europa? Zu den Folgen eines Brexit f\u00fcr die EU<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der EU-Kommissionspr\u00e4sident Juncker hat nichts verstanden, weil ihm offensichtlich das analytische Talent fehlt, die wahren Gr\u00fcnde f\u00fcr die Exit-Option Gro\u00dfbritanniens zu evaluieren. 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