{"id":19502,"date":"2016-07-13T00:01:28","date_gmt":"2016-07-12T23:01:28","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19502"},"modified":"2020-10-18T08:46:13","modified_gmt":"2020-10-18T07:46:13","slug":"die-schlacht-um-grossbritannienabstiegsaengste-migration-und-souveraenitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19502","title":{"rendered":"Die Schlacht um Gro\u00dfbritannien <br\/><font size=3; color=grey>Abstiegs\u00e4ngste, Migration und Souver\u00e4nit\u00e4t<\/font>"},"content":{"rendered":"<blockquote><p><em>\u201eWir beschlie\u00dfen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. Wenn es dann kein gro\u00dfes Geschrei gibt und keine Aufst\u00e4nde, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter \u2013 Schritt f\u00fcr Schritt, bis es kein Zur\u00fcck mehr gibt.\u201c<\/em> (Jean-Claude Juncker, 1999)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nun haben sie es doch noch getan. Die Briten haben am 23. Juni 2016 entschieden, der EU den R\u00fccken zu kehren. Sie waren immer ein wichtiger Teil von Europa. Zur EU hielten sie aber eher Distanz. Sie kamen sp\u00e4ter und gehen nun fr\u00fcher. Als eine Nation von \u201eKr\u00e4mern\u201c war ihnen Freihandel willkommen. Auch gegen freien Kapitalverkehr hatten sie nichts. Mit der Personenfreiz\u00fcgigkeit fremdelten sie aber. Das war nicht immer so. Nach der Osterweiterung nahm Gro\u00dfbritannien die \u00dcbergangsphase nicht in Anspruch. Es \u00f6ffnete die Arbeitsm\u00e4rkte sofort. Erst in der letzten Zeit wuchs die Sorge vor \u00dcberfremdung. Der Grund war die massive Zuwanderung aus der EU und von au\u00dferhalb. Den Prozess der \u201eVertiefung\u201c der EU begleiteten die Briten seit Beginn ihrer Mitgliedschaft mit unverhohlener Skepsis. Jeder Verlust nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t war ihnen zuwider. Die Mitgliedsbeitr\u00e4ge an die EU erinnerten sie tagt\u00e4glich daran, dass andere ihr Geld ausgaben. Eine Politische Union war ihnen immer ein Gr\u00e4uel. Alle Schritte auf diesem Weg waren ihnen suspekt. Und die EU, getrieben durch die Kommission, machte eine Menge davon. Von der EWU, von Schengen oder der Sozialcharta hielt sich Gro\u00dfbritannien deshalb auch fern.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Lange Schatten der Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Briten haben sich aus mindestens drei Gr\u00fcnden f\u00fcr den Brexit entschieden. Einer ist die Abstiegsangst durch die forcierte De-Industrialisierung. Seit \u00fcber einem Vierteljahrhundert hat sich die Welt \u00f6konomisch sp\u00fcrbar ver\u00e4ndert. Offenere M\u00e4rkte und technischer Fortschritt machen die Welt \u201eflacher\u201c. Der europ\u00e4ische Binnenmarkt hat diese Entwicklung noch verst\u00e4rkt. Struktureller Wandel wurde forciert, Sektoren und Regionen auf den Kopf gestellt, Qualifikationen neu bewertet. Der industrielle Sektor ist auf der Verliererstra\u00dfe. Das trifft Mittelengland st\u00e4rker als andere britische Regionen. Einst bl\u00fchende industrialisierte Regionen ver\u00f6den \u00f6konomisch. Industriearbeiter werden arbeitslos. Vor allem einfache Arbeit f\u00fcr M\u00e4nner stirbt aus. Es scheint, als ob deren L\u00f6hne in Zeiten der Globalisierung weniger in London, sondern st\u00e4rker in Peking bestimmt werden (Richard Freeman). Die Gewinner des Wandels sind Dienstleistungen, wirtschaftliche und personenbezogene. \u201eGreater London\u201c z\u00e4hlt zu den Regionen, die davon profitieren. Dort entstehen gut bezahlte Arbeitspl\u00e4tze, die wirtschaftliche (Finanz-)Dienste produzieren. Aber auch einfache Arbeit gewinnt, wenn sie sich auf personenbezogene Leistungen spezialisiert.<\/p>\n<p>W\u00e4hler in Verlierer-Regionen sind nicht gut auf die Politik zu sprechen. Das gilt \u00fcberall auf der Welt, auch in Gro\u00dfbritannien. Allerdings haben die Arbeitnehmer, die nur einfache Arbeit anbieten, allein keine Mehrheit bei Wahlen. Wenn die These der Polarisierung zutrifft, verlieren zwar Industriearbeiter mit geringer Qualifikation. Andererseits stellen sich aber \u00e4hnlich einfach Qualifizierte im Sektor personenbezogener Dienstleistungen besser als zuvor. Eine politische Mehrheit erreichen die Unzufriedenen erst, wenn sich gro\u00dfe Teile der Mittelschicht mit ihnen solidarisieren. Und das geschieht immer \u00f6fter. Zumindest die untere Mittelschicht, zusehends aber auch wohlhabendere Teile, leben seit l\u00e4ngerem in der Angst, dass sie und ihre Kinder sozial absteigen k\u00f6nnten. Tats\u00e4chlich hat eine Mehrheit in den industriellen Regionen vor allem in England, die seit langem \u00f6konomisch abschmieren, f\u00fcr den Brexit gestimmt. Warum sich diese W\u00e4hler aber gegen die EU wenden, ist allein mit der De-Industrialisierung nicht zu erkl\u00e4ren. Schlie\u00dflich sind Globalisierung und technischer Fortschritt ein globales, kein europ\u00e4isches Ph\u00e4nomen. Die EU hat mit dem \u201eBinnenmarkt\u201c diese unvermeidliche Entwicklung allenfalls verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Der \u201epolnische\u201c Klempner<\/strong><\/p>\n<p>Die britischen W\u00e4hler haben allerdings den Abstiegs\u00e4ngsten durch De-Industrialisierung nicht die erste Priorit\u00e4t einger\u00e4umt. Das zeigen Befragungen nach dem Referendum. Viel weiter vorne auf der Agenda f\u00fcr einen Brexit stand die Zuwanderung. Seit Ende der 90er Jahre hat die Netto-Zuwanderung nach Gro\u00dfbritannien sprunghaft zugenommen (<a href=\"https:\/\/www.ons.gov.uk\/peoplepopulationandcommunity\/populationandmigration\/internationalmigration\/bulletins\/migrationstatisticsquarterlyreport\/may2016\">hier<\/a>). Allerdings stieg bis Mitte der 00er Jahre nur die Zahl der Einwanderer aus Nicht-EU-L\u00e4ndern. Erst nach der Osterweiterung wanderten auch vermehrt B\u00fcrger aus den EU-L\u00e4ndern auf die Insel. Am aktuellen Rand sind beide Gruppen fast gleich stark. Netto wanderten 2015 etwa 360.000 Personen ein. 48 % der Zuwanderer aus EU-L\u00e4ndern kommt gegenw\u00e4rtig aus den \u201ealten\u201c EU-L\u00e4ndern. Deren Anteil ist seit Anfang 2013 stark angestiegen. 27 % wandern am aktuellen Rand aus den L\u00e4ndern der ersten (2004) Osterweiterung (\u201epolnischer Klempner\u201c), 24 % aus der zweiten (2007) zu. Seit Anfang 2012 nimmt allerdings die Zuwanderung aus Bulgarien und Rum\u00e4nien \u00fcberproportional zu. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die \u201eMigrationsfurcht\u201c seit Mitte der 00er Jahre in Gro\u00dfbritannien stetig zugenommen hat (<a href=\"http:\/\/voxeu.org\/article\/immigration-fears-and-policy-uncertainty\">hier<\/a>). In Frankreich und Deutschland stieg sie erst am aktuellen Rand.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/brexit.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/brexit.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><small>&#8211; zum Vergr\u00f6\u00dfern bitte auf die Grafik klicken &#8211; <\/small><\/p>\n<p>Die \u00c4ngste, die aus massenhafter Zuwanderung entstehen, sind nicht neu. Zum einen wird vermutet, dass das erh\u00f6hte Arbeitsangebot die L\u00f6hne f\u00fcr einfache Arbeit unter Druck setzt. Das ist sicher richtig. Allerdings trifft es die \u201eerste\u201c Generation der Zuwanderer st\u00e4rker als die \u201eeingeborenen\u201c Einheimischen. Sie sehen sich in starker Konkurrenz zur \u201ezweiten\u201c Generation. Bewegen sich schlechter qualifizierte \u201eEingeborenen\u201c unter dem Druck der Zuwanderer auf der Qualifikationsleiter nach oben, geraten untere Teile der Mittelschicht in Schwierigkeiten. Zum anderen wird kritisiert, dass Ausl\u00e4nder nicht in die Arbeitsm\u00e4rkte, sondern in den Sozialstaat einwandern. Das k\u00f6nnen EU-Ausl\u00e4nder auf dem Ticket der Personenfreiz\u00fcgigkeit. Die Kritik auf der Insel an dieser Entwicklung ist gro\u00df. Die Vereinbarung der EU mit David Cameron vor dem Referendum sah vor, Gro\u00dfbritannien die M\u00f6glichkeit einzur\u00e4umen, zumindest eine Zeitlang die Einwanderung in den britischen Sozialstaat durch EU-Ausl\u00e4nder zu unterbrechen. Allerdings kommen Migranten nicht nur \u00fcber die Personenfreiz\u00fcgigkeit in den Genuss sozialer Leistungen. Es wandern auch Nicht-EU-Ausl\u00e4nder in den Sozialstaat ein. Daran tr\u00e4gt die EU allerdings keine Schuld.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Verlust nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t<\/strong><\/p>\n<p>Der wichtigste Punkt scheint aber ein anderer gewesen zu sein. Fast die H\u00e4lfte der Befragten, die f\u00fcr den Brexit gestimmt haben, bef\u00fcrchtete einen weiteren Verlust an nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t. Das seit langem schwelende Unbehagen der Briten an der EU hat mindestens zwei Ursachen. Da ist zum einen der Mangel an Demokratie, den sie den Institutionen der EU vorwerfen. Die Brexiteers haben mit dem Slogan geworben: \u201eNo more tax and regulatory harmonization without representation\u201c. Der Vorwurf mangelnder Demokratie ist nur teilweise berechtigt. Das Europ\u00e4ische Parlament ist demokratisch legitimiert. Nichts anderes gilt f\u00fcr den Europ\u00e4ischen Rat. Allein die demokratische Wahl der EU-Kommission steht auf wackligen Beinen. Da ist aber zum anderen auch der Vorwurf, die EU-Kommission setze auf eine falsche Strategie der Integration in Europa. Es werde viel zu viel \u00fcber einen Kamm geschoren. Dieser Einwand ist berechtigt. Wachsender Wohlstand und immer neue Mitglieder haben die Pr\u00e4ferenzen heterogener werden lassen. Das gilt f\u00fcr L\u00e4nder und Regionen. Es ist ein grober Fehler, auf mehr Heterogenit\u00e4t zentralistisch zu reagieren. Gefragt ist nicht zentralistische Einheit, sondern gelebte Vielfalt (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19430\">hier<\/a>).<\/p>\n<p>Davon wollte die EU aber nichts wissen. Sie hat nie ernsthaft erwogen, die Kompetenzen vertikal klarer zu verteilen. In Sonntagsreden wurde zwar das Prinzip der Subsidiarit\u00e4t beschworen. Es war, wie so vieles in Br\u00fcssel, nicht mehr als eine Worth\u00fclse. Konkret mit Inhalt gef\u00fcllt wurde sie nie. Der EU-Kommission, der H\u00fcterin der Vertr\u00e4ge, kam diese Entwicklung gelegen. Sie konnte ihre Stellung ausbauen. Auch die Mitgliedsl\u00e4nder machten keinen Druck, ganz im Gegenteil. F\u00fcr sie war die EU-Kommission oft der willkommene S\u00fcndenbock. Unangenehmes, das sie auf nationaler Ebene nicht anpacken wollten, \u00fcbertrugen sie nach Br\u00fcssel. Das Ende vom Lied ist eine machtvolle Kommission. Ihre Strategie der Integration war zentralistisch. Sie setzte auf Erweiterung und Vertiefung. Das Prinzip der Subsidiarit\u00e4t wurde auf den Kopf gestellt. Die Realit\u00e4t wurde heterogener, die Integration zentralistischer. Nirgends wurden Kompetenzen zur\u00fcckverlagert. \u00dcberall gab es nur eine Richtung: Mehr Europa, mehr Zentralismus (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=14484\">hier<\/a>). Diese Entwicklung gef\u00e4llt immer weniger Mitgliedern der EU. Die Briten waren die Ersten, die sich konsequent gegen diese Richtung der Integration entschieden. Sie wollen raus. Andere werden folgen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Das Dilemma der Globalisierung<\/strong><\/p>\n<p>Die Mehrheit der Briten leidet unter dem langen Schatten der Globalisierung, der ungez\u00fcgelten Zuwanderung aus der EU und dem Verlust an nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t an eine nicht demokratisch gew\u00e4hlte EU-Kommission. Deshalb votierten sie f\u00fcr den Brexit. K\u00f6nnen sie diese Leiden mindern, wenn sie aus der EU aussteigen? Der Prozess der De-Industrialisierung wird durch Globalisierung und technischen Fortschritt getrieben. Er ist in Gro\u00dfbritannien weiter fortgeschritten als in \u00e4hnlich entwickelten L\u00e4ndern. Das hat viele industrielle Verlierer produziert: Zuerst vor allem einfache Arbeit, sp\u00e4ter aber auch Facharbeiter. Auf der Haben-Seite des strukturellen Wandels stehen aber auch die erheblichen Gewinne durch einen expandierenden Dienstleistungssektor. Dort gibt es allerdings einen Bias zugunsten wirtschaftlicher Dienstleistungen. Personenbezogene Dienste expandierten noch weniger. Die Verluste einfacher Industrie-Arbeit konnten bisher nicht kompensiert werden. Gewonnen hat vor allem (hoch) qualifizierte Arbeit. Kein Wunder, dass die Verteilung der Einkommen ungleicher geworden ist. Gro\u00dfbritannien hat allerdings einen Vorteil: Es hat den unvermeidlichen sektoralen strukturellen Wandel fast schon hinter sich. Den haben andere EU-L\u00e4nder, wie etwa Deutschland (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=8912\">hier<\/a>), erst noch vor sich.<\/p>\n<p>Weil Gro\u00dfbritannien strukturell das Schlimmste hinter sich hat, ist es daran interessiert, dass der Sektor international handelbarer (Finanz-)Dienstleistungen weiter expandiert. Das erfordert aber europa- und weltweit offene G\u00fcter- und Faktorm\u00e4rkte. Der Handel mit Dienstleistungen hat allerdings eine Besonderheit: Viele Dienste sind eng an Personen gekoppelt. Es reicht nicht aus, nur die Absatzm\u00e4rkte offen zu halten. Notwendig ist auch eine hohe Mobilit\u00e4t der (qualifizierten) Arbeit. Die Briten stehen in einem Dilemma. Sie werden versuchen, sich mit der Rest-EU auf m\u00f6glichst offene G\u00fcter- und Dienstleistungsm\u00e4rkte zu einigen. Die Gewinne aus dem Handel mit Diensten stellen sich aber nur ein, wenn Arbeit \u00fcber L\u00e4ndergrenzen hinweg mobil ist. \u00d6konomisch rational w\u00e4re deshalb f\u00fcr Gro\u00dfbritannien eine EWR-L\u00f6sung in der norwegischen oder der schweizerischen Variante (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19345\">hier<\/a>). Dann h\u00e4tten die Briten allerdings nichts gewonnen. Sie w\u00fcrden (alle) Regeln des Binnenmarktes akzeptieren, m\u00fcssten weiter Mitgliedsbeitr\u00e4ge an die EU zahlen, k\u00f6nnten aber nicht mehr mitbestimmen, wenn es darum geht, die Regeln des Binnenmarktes der EU festzulegen. Damit w\u00fcrde sich Gro\u00dfbritannien schlechter stellen als vor dem Brexit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Migration l\u00e4sst sich gestalten<\/strong><\/p>\n<p>Das Referendum hat gezeigt, eine Mehrheit der Briten \u00e4ngstigt sich vor Zuwanderung. Damit sind sie in der EU nicht allein. Der Aufstieg links- und rechtspopulistischer Parteien legt davon beredt Zeugnis ab. Tats\u00e4chlich differenzieren die W\u00e4hler. Sie haben wenig Probleme damit, dass (hoch)qualifizierte Arbeit zuwandert. Das gilt wohl deshalb, weil diese Arbeit entweder L\u00fccken im nationalen Arbeitsangebot schlie\u00dft oder komplement\u00e4r zur national angebotenen Arbeit ist (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19443\">hier<\/a>). Die Kritik kocht immer dann hoch, wenn wenig qualifizierte Arbeit zuwandert. Daraus kann ein Druck auf die einheimischen Arbeitsbedingungen (L\u00f6hne, Besch\u00e4ftigung) entstehen. Es ist aber auch m\u00f6glich, dass die Zuwanderung nicht in die Arbeitsm\u00e4rkte, sondern in den Sozialstaat stattfindet. Vor allem der zweite Aspekt hat in Gro\u00dfbritannien f\u00fcr Emotionen gesorgt. Dabei ging es gar nicht um die Str\u00f6me von Fl\u00fcchtlingen, die in anderen L\u00e4ndern der EU f\u00fcr Widerstand sorgten. Gro\u00dfbritannien ist nicht Mitglied im Schengen-Raum. In der Kritik stand vor allem die Personenfreiz\u00fcgigkeit in der EU. Sie war deshalb unter Beschuss, weil ausl\u00e4ndische EU-Inl\u00e4nder auch Anspr\u00fcche an den britischen Sozialstaat geltend machen konnten.<\/p>\n<p>In den \u201eBrexit-Abwendeverhandlungen\u201c, die David Cameron mit der EU-Kommission f\u00fchrte, fand man eine L\u00f6sung f\u00fcr dieses Problem. Gro\u00dfbritannien sollte zugestanden werden, dass der britische Sozialstaat erst nach einer gewissen Zeit verpflichtet werden sollte, Leistungen an Zuwanderer zu erbringen. Die Sozialstaats-Zuwanderung ist kein spezifisch britisches Problem. Es trifft viele EU-L\u00e4nder, auch Deutschland. Nach einem Urteil des EuGH hat auch Andrea Nahles \u00fcberlegt, die Leistungen aus Hartz IV f\u00fcr EU-Inl\u00e4nder zu reformieren. Notwendig ist eine L\u00f6sung f\u00fcr die ganze EU. Herbert Giersch, der gro\u00dfe \u00d6konom, der die wirtschaftspolitische Diskussion in Deutschland vor Hans-Werner Sinn dominierte, hat schon Mitte der 50er Jahre einen Vorschlag unterbreitet. Er pl\u00e4dierte f\u00fcr das Heimatland-Prinzip. Die Zahlungen sollten nicht vom Gast-, sondern vom Heimatland festgelegt und finanziert werden. Die Anreize in reichere L\u00e4nder zuzuwandern, blieben intakt, wenn in die Arbeitsm\u00e4rkte der Gastl\u00e4nder gewandert w\u00fcrde. Sie gingen stark zur\u00fcck, wenn keine Besch\u00e4ftigung aufgenommen w\u00fcrde. Bei einer solchen L\u00f6sung m\u00fcsste Migration in den Sozialstaat nicht formal begrenzt werden. Es h\u00e4tte sich f\u00fcr Gro\u00dfbritannien und die EU gelohnt, dieses dicke Brett in der EU zu bohren.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>B\u00fcrokraten sind ubiquit\u00e4r<\/strong><\/p>\n<p>Die Kritik der Briten richtet sich seit langem vehementer als anderswo gegen den Verlust nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t. Das ist verst\u00e4ndlich. \u00dcber 80 % der Gesetze und Verordnungen sind nicht mehr national. Dar\u00fcber entscheidet eine nicht demokratisch gew\u00e4hlte EU-Kommission in Br\u00fcssel und der EuGH. Nationale Regierungen haben nur noch wenig zu sagen. Sie m\u00fcssen mit ihren eigenen Vorstellungen durch das Nadel\u00f6hr der EU-Konformit\u00e4t. Von Vielfalt bleibt dabei nicht mehr viel. Daran sto\u00dfen sich die Briten. Und nicht nur sie. Wo die Vertr\u00e4ge der Kommission ein Entscheidungsrecht verweigern, wie etwa in der Besch\u00e4ftigungspolitik, gibt sie sich nicht geschlagen. Sie nutzt die \u201eOffene Methode der Koordinierung\u201c, um camouflierend zentralistisch zu agieren. Die Idee, von den Besten zu lernen, wird ad absurdum gef\u00fchrt. Und die EU-Kommission nutzt jede Gelegenheit, weitere Aufgaben an sich zu ziehen. Es existiert nicht nur eine Anziehungskraft zentraler Budgets. Auch zentrale B\u00fcrokratien wirken wie ein Magnet. Dabei stellt die EU-Kommission das Prinzip der Subsidiarit\u00e4t oft auf den Kopf. Zwei Beispiele: Die Agrarpolitik ist weiter zentral, eine gemeinsame Verteidigungspolitik existiert nach wie vor nicht.<\/p>\n<p>Die Kritik der Briten an dieser Kombination von \u00fcberbordender B\u00fcrokratie und pr\u00e4ferenzmissachtender Zentralisierung ist v\u00f6llig richtig. Auf diesem Feld legen die Verfechter des Brexit den Finger in die klaffende Wunde. Entb\u00fcrokratisierung und Dezentralisierung sind starke Motoren wirtschaftlichen Wachstums. Die Frage bleibt allerdings, ob es einem Gro\u00dfbritannien au\u00dferhalb der EU gelingt, sich von den beiden europ\u00e4ischen Krankheiten der B\u00fcrokratie und Zentralisierung zu heilen (<a href=\"http:\/\/reason.com\/archives\/2016\/07\/12\/why-libertarians-should-be-wary-of-brexi\">hier<\/a>). Leider spricht vieles daf\u00fcr, dass B\u00fcrokratien wie Unkraut sind. Rei\u00dft man sie an der einen Stelle aus, wuchern sie umso st\u00e4rker an einer anderen Stelle. Die nationale B\u00fcrokratie ersetzt die europ\u00e4ische. Es liegt an der Regierung an der Themse, ob sie aus dem Brexit entb\u00fcrokratisches Kapital schlagen kann. Und noch etwas stimmt nachdenklich. Der Regierung in Downing Street 10 ist es bisher ganz offensichtlich nicht gelungen, so etwas wie einen wettbewerblichen F\u00f6deralismus in Gro\u00dfbritannien zu installieren. Der Wunsch nach Sezession ist in Schottland weit verbreitet, nach dem Brexit sogar mehr denn je (<a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=15579\">hier<\/a>). Die Nagelprobe f\u00fcr weniger nationale B\u00fcrokratie und mehr regionale Souver\u00e4nit\u00e4t steht f\u00fcr Gro\u00dfbritannien auch nach dem Brexit noch aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Mehrheit der Briten wird von sozialen Abstiegs\u00e4ngsten der De-Industrialisierung, der massenhaften Zuwanderung nach England und dem sp\u00fcrbaren Verlust nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t geplagt. F\u00fcr alles machen sie die EU verantwortlich. Deshalb wollen sie raus. Die De-Industrialisierung wird von Globalisierung und technischem Fortschritt getrieben. Daf\u00fcr die EU verantwortlich zu machen, ist verwegen. Die Personenfreiz\u00fcgigkeit ist nicht das wirkliche Problem der Zuwanderung. Es ist die Migration in den Sozialstaat. Dieses Problem hat die EU bisher nicht gel\u00f6st. Der Verlust nationaler Souver\u00e4nit\u00e4t geh\u00f6rt zur DNA der europ\u00e4ischen Integration. Mit der Strategie einer zentralistischen Integration hat es die EU verbockt. Ob sich Gro\u00dfbritannien mit dem Brexit besser stellt, ist allerdings fraglich. F\u00fcr den Weg in den Dienstleistungssektor brauchen die Briten den europ\u00e4ischen Binnenmarkt mit Personenfreiz\u00fcgigkeit. Das Problem der Zuwanderung in den Sozialstaat trifft alle. Es muss von der EU so oder so rasch gel\u00f6st werden. Populistische Parteien werden die EU zwingen, ihre Strategie der Integration zu \u00e4ndern. Die Richtung ist klar: Mehr Europa \u00e0 la carte. Es w\u00e4re besser, Gro\u00dfbritannien bliebe in der EU.<\/p>\n<p><strong>Beitr\u00e4ge zum Brexit:<\/strong><\/p>\n<p>Rebekka Rehm: <a href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19491\">Brexit &#8211; und jetzt?<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19430\">Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: 23. Juni 2016&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Das Waterloo der Br\u00fcsseler Zentralisten&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19430\" rel=\"bookmark\">23. Juni 2016: Das Waterloo der Br\u00fcsseler Zentralisten<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19424\">Tim Krieger: <a title=\"Permanent Link: Brexit: Englands und Europas Verteilungskonflikte bleiben ungel\u00f6st\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19424\" rel=\"bookmark\">Brexit: Englands und Europas Verteilungskonflikte bleiben ungel\u00f6st<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19415\">Jan Schnellenbach: <a title=\"Permanent Link: Brexit it is&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;On the rationality of referenda&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19415\" rel=\"bookmark\">Brexit it is. On the rationality of referenda<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19345\">Dieter Smeets und Markus Penatzer: <a title=\"Permanent Link: Brexit or no Brexit \u2013 das ist hier die Frage!\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19345\" rel=\"bookmark\">Brexit or no Brexit \u2013 das ist hier die Frage!<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19253\">Norbert Berthold: <a title=\"Permanent Link: Die Risse in der EU werden gr\u00f6\u00dfer&lt;br\/&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Euro, Fl\u00fcchtlinge, Sezessionen und Brexit&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19253\" rel=\"bookmark\">Die Risse in der EU werden gr\u00f6\u00dfer. Euro, Fl\u00fcchtlinge, Sezessionen und Brexit<\/a><\/p>\n<p id=\"post-19095\">Wolf Sch\u00e4fer: <a title=\"Permanent Link: Brexit: Von der Psychologie der Insellage\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19095\" rel=\"bookmark\">Brexit: Von der Psychologie der Insellage<\/a><\/p>\n<p id=\"post-18622\">Renate Ohr: <a title=\"Permanent Link: &lt;small&gt;3. W\u00fcrzburger Ordnungstag (3)&lt;\/small&gt;&lt;br\/&gt;Quo vadis Europa?&lt;br&gt;&lt;font size=3; color=grey&gt;Zu den Folgen eines Brexit f\u00fcr die EU&lt;\/font&gt;\" href=\"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=18622\" rel=\"bookmark\">Quo vadis Europa? Zu den Folgen eines Brexit f\u00fcr die EU<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWir beschlie\u00dfen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, was passiert. 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