{"id":19519,"date":"2016-07-21T10:27:57","date_gmt":"2016-07-21T09:27:57","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19519"},"modified":"2016-07-21T10:27:57","modified_gmt":"2016-07-21T09:27:57","slug":"das-nachhaltigkeitsziel-und-die-freie-marktwirtschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19519","title":{"rendered":"Das Nachhaltigkeitsziel und die freie Marktwirtschaft"},"content":{"rendered":"<p>Nachhaltig zu wirtschaften bedeutet, das Naturkapital zu erhalten und die Substitutionsm\u00f6glichkeiten von Naturkapital durch Sach-, Human- und Sozialkapital zu verbessern. Hierzu gilt es, <strong>drei \u00f6kologische Managementregeln<\/strong> zu beachten:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Verbrauch von reproduzierbarem Naturkapital, also zum Beispiel von Holz- oder von Fischbest\u00e4nden, darf dessen Regenerationsrate dauerhaft nicht \u00fcberschreiten. Das Ziel ist ein regelm\u00e4\u00dfiger Fluss an nat\u00fcrlichen Ressourcen ohne Vernichtung des Bestandes.<\/li>\n<li>Der Verbrauch von nicht reproduzierbarem Naturkapital zum Beispiel durch die Nutzung fossiler Energietr\u00e4ger darf auf Dauer nicht gr\u00f6\u00dfer sein als die Substitution seiner Funktionen durch andere Kapitalarten. Diese Substitutionsm\u00f6glichkeit ist erstens durch technischen Fortschritt voranzutreiben. Zweitens m\u00fcssen zur Substitution geeignete andere Kapitalarten (aus-)gebildet werden.<\/li>\n<li>Senken \u2013 Orte der Lagerung des verbrauchten und damit zumeist transformierten Naturkapitals \u2013 d\u00fcrfen nur so weit belastet werden, dass ihre nat\u00fcrliche Funktions- und Regenerationsf\u00e4higkeit erhalten bleibt.<\/li>\n<\/ul>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Der Verbrauch fossiler Ressourcen darf also die Anpassungsf\u00e4higkeit der nat\u00fcrlichen Umwelt dauerhaft nicht \u00fcberschreiten. Ein kurzer Blick in unsere Wirtschaftsgeschichte lehrt, dass diese \u00f6kologischen Managementregeln zu selten und zu wenig befolgt worden sind. Das Aussterben verschiedener Tierarten (Vernichtung des Bestandes an reproduzierbarem Naturkapital), der steigende Verbrauch fossiler Energietr\u00e4ger und das Entstehen des Ozonlochs oder die Erderw\u00e4rmung (\u00fcberm\u00e4\u00dfige Nutzung der Senken) sind einschl\u00e4gige Beispiele f\u00fcr solche Regelverst\u00f6\u00dfe. Die Frage, ob unsere derzeitige Ausgestaltung der westlichen Marktwirtschaften geeignet ist, den Wert Nachhaltigkeit erfolgreich zu verfolgen, ist damit schon mit einem Nein beantwortet. Es stellt sich aber die Frage, ob eine Marktwirtschaft so umgestaltet werden kann, dass die Menschen die Management-Regeln befolgen, oder ob eine Marktwirtschaft hierzu systemimmanent ungeeignet ist.<\/p>\n<p>Hier hilft ein Blick auf die wesentlichen Merkmale<strong> einer funktionierenden Marktwirtschaft<\/strong> weiter:<\/p>\n<ul>\n<li>Erstens spiegeln in einer Marktwirtschaft die <strong>Preise die Knappheitsverh\u00e4ltnisse der G\u00fcter<\/strong> Dies f\u00fchrt dazu, dass bei \u00fcberm\u00e4\u00dfigem Verbrauch von Naturkapital dieses knapper wird und der Preis von Naturkapital steigen wird. Analog gilt dies f\u00fcr den Preis der Nutzung von Senken.<\/li>\n<li>Zweitens sind in einer Marktwirtschaft G\u00fcter und Ressourcen als <strong>Privateigentum in der Hand einzelner Wirtschaftssubjekte<\/strong>. Wenn der Preis von Naturkapital im Zeitverlauf knappheitsbedingt steigt, so entsteht bei diesen ein Anreiz, dem Markt das Naturkapital zun\u00e4chst vorzuenthalten und es erst sp\u00e4ter im Produktionsprozess einzusetzen. So kann Naturkapital auch mit der Absicht auf eine sp\u00e4tere Nutzung gehandelt und gehortet werden.<\/li>\n<li>Drittens gilt der <strong>Haftungsgrundsatz<\/strong>: Wer Schaden anrichtet, muss die Kosten des angerichteten Schadens selbst tragen. Die \u00fcberm\u00e4\u00dfige Nutzung von Senken verbietet sich damit von selbst.<\/li>\n<li>Viertens ist insbesondere der Prozess der sch\u00f6pferischen Zerst\u00f6rung, der dem Wettbewerbsgedanken einer Marktwirtschaft innewohnt, ein <strong>Treiber des Fortschritts<\/strong>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Verl\u00e4ssliche und g\u00fcnstige Energie ist zwar unbestritten ein wichtiger Faktor f\u00fcr die wirtschaftliche Entwicklung und f\u00fcr unseren Wohlstand, ihre g\u00fcnstige Verf\u00fcgbarkeit ist aber keinesfalls ein unverzichtbarer Eckpfeiler f\u00fcr unsere Marktwirtschaft: Unser Wohlstand wie auch unser Wachstum sind nicht notwendigerweise von g\u00fcnstiger Energie abh\u00e4ngig. Denn es geh\u00f6rt ja zum Wesen der Marktwirtschaft, die Produktionsprozesse an sich \u00e4ndernde Knappheitsverh\u00e4ltnissen anzupassen. Werden fossile Energietr\u00e4ger knapper, so steigen deren Preise. Damit steigen aber auch die Kosten f\u00fcr Energie, und so werden energieintensiv hergestellte Konsumg\u00fcter eben entsprechend teurer und in Folge dessen von den Konsumenten weniger nachgefragt. Dies f\u00fchrt aber keineswegs zu einem generellen Konsumverzicht; es werden lediglich Substitutionsprozesse zwischen den G\u00fctern stattfinden. Zudem setzen h\u00f6here Energiekosten Anreize, in Richtung einer Substitution des Faktors Energie im Produktionsprozess zu forschen. Dieses Zusammenspiel zwischen Preisbildung, Privateigentum, Haftungsgrundsatz und Fortschritt k\u00f6nnte und sollte auf einem funktionierenden Markt f\u00fcr eine effiziente Nutzung der fossilen Energietr\u00e4ger sorgen.<\/p>\n<p>Technischer Fortschritt k\u00f6nnte dann bei rasch steigenden Preisen f\u00fcr fossile Energietr\u00e4ger statt auf eine m\u00f6glichst intensive Nutzung von Energie (wie bisher, da Energie relativ g\u00fcnstig ist) auf eine energiesparende Produktion ausgerichtet sein. Ein solcher Fortschritt ist aber nicht zu erwarten, solange die nicht erneuerbaren Rohstoffe so g\u00fcnstig sind wie derzeit. Fortschritt ergibt sich aus Notwendigkeiten. Er erfolgt, wenn Bedarf entsteht. Derzeit signalisieren die Preise keinen erh\u00f6hten Bedarf, energiesparend produzieren zu wollen. Wachstum kann jedoch auch weniger klimasch\u00e4dlich erfolgen, und es muss keineswegs zwingend auf einer zunehmenden Nutzung nicht erneuerbarer Ressourcen basieren. Daf\u00fcr m\u00fcssen die nicht erneuerbaren Ressourcen aber erst teurer werden.<\/p>\n<p>Die institutionellen Regeln unserer Rahmenordnung verhindern aber derzeit weitgehend, dass Naturkapital tats\u00e4chlich auf funktionierenden Wettbewerbsm\u00e4rkten gehandelt wird:<\/p>\n<ul>\n<li>F\u00fcr die meisten nicht reproduzierbaren Ressourcen liegen <strong>keine privaten Eigentumsrechte<\/strong> F\u00fcr den Abbau von Erzen, Metallen und fossilen Brennstoffen gilt in Deutschland das Bundesberggesetz (BBergG). Es beruht auf dem Prinzip der Bergfreiheit. Die meisten Erze, Metalle (Gold, Silber, Eisen, etc.) sowie fossilen Energietr\u00e4ger (Kohle, Braunkohle, Erd\u00f6l, Erdgas) sind solche bergfreien Bodensch\u00e4tze. Alle im Gesetz aufgef\u00fchrten sogenannten bergfreien Bodensch\u00e4tze sind dem Eigentum am privaten Grundbesitz entzogen. Die bergfreien Bodensch\u00e4tze sind damit zun\u00e4chst herrenlos, Privateigentum an ihnen kann jedoch durch ein staatlich kontrolliertes Verleihungsverfahren erworben werden. Das Gesetz schreibt indes einen Vorrang der Sicherstellung der Versorgung mit Rohstoffen gegen\u00fcber anderen \u00fcbergeordneten Interessen des Gemeinwohls vor. Das bedeutet, dass Grundbesitzer auf staatliche Anordnung hin gegen eine Entsch\u00e4digung enteignet werden k\u00f6nnen, wenn der Staat den Abbau von Ressourcen auf seinem Grundbesitz anordnet. Wenn aber Lizenzen oder Sch\u00fcrfrechte vergeben werden, so gelten diese auf Zeit. Eine Hortung macht damit f\u00fcr das lizenznehmende Unternehmen keinen Sinn.<\/li>\n<li>F\u00fcr viele nat\u00fcrliche Ressourcen gibt es keinen Markt und damit auch <strong>keinen Marktpreis<\/strong>. F\u00fcr die Nutzung von Naturkapital wird kein Preis gezahlt, welcher der Knappheit der Ressourcen entspricht. Mitunter lassen sich Unternehmen sogar noch f\u00fcr den Abbau durch staatliche Subventionen unterst\u00fctzen, statt einen (Markt-)Preis f\u00fcr die Ressourcen zu zahlen. Die in Deutschland jahrzehntelang gezahlten Kohlesubventionen sind ein gutes Beispiel hierf\u00fcr.<\/li>\n<\/ul>\n<table style=\"height: 271px;\" width=\"439\">\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"614\">Laut der Berechnung der Greenpeace Energy eG und dem Bundesverband WindEnergie e.V. (BWE) wurden zwischen 1970 und 2012 Subventionen in H\u00f6he von fast 430 Milliarden Euro f\u00fcr fossile Energien vergeben. Ein gro\u00dfer Anteil dieser Subventionen entfiel auf den Steinkohlenbergbau. Der deutsche Steinkohlenbergbau befindet sich bereits seit Jahrzehnten im Strukturwandel.\u00c2\u00a0 Die Steinkohlenf\u00f6rderung in Deutschland ist schon lange international nicht wettbewerbsf\u00e4hig und wird aus diesem Grund vom Staat subventioniert; ihre Subventionierung wurde mit Aspekten der Versorgungssicherheit begr\u00fcndet.<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ul>\n<li>Verst\u00f6\u00dfe gegen das <strong>Haftungsprinzip<\/strong> werden nicht richtig geahndet. Insbesondere bei den Ursachen von Luftverschmutzung und Klimawandel ist dies auch nicht so einfach umzusetzen: Da bei der Nutzung vieler Senken eine Zuteilung von Privateigentum technisch nicht m\u00f6glich ist, m\u00fcsste eine andere Art der Haftung greifen. Der Zertifikatshandel ist ein vorsichtiger Beginn eines solchen Haftungsregimes. Doch da die Sch\u00e4digung nicht an L\u00e4ndergrenzen haltmacht, m\u00fcsste der Zertifikatshandel f\u00fcr die Nutzung von Senken auf internationaler Ebene verankert sein. Davon ist aber auch das Pariser Abkommen noch weit entfernt.<\/li>\n<li>In vielen F\u00e4llen liegt ein <strong>Prinzipal-Agenten-Problem<\/strong> Das Handeln insbesondere von Politikern ist zu kurzfristig orientiert. Aber auch in einer Marktwirtschaft stehen Prinzipal-Agenten-Probleme einer nachhaltigen Nutzung des Naturkapitals oft im Wege. Manager schauen eher auf kurzfristige Kennziffern und nicht ausreichend auf langfristigen Unternehmenserfolg, weil ihre Arbeitsvertr\u00e4ge und die darin oft enthaltenen Orientierung von Boni und Weiterbesch\u00e4ftigungschancen an den kurzfristigen Unternehmenserfolg gekoppelt sind. Der verengte Blick von Marktwirtschaft und Kapitalismus auf kurzfristige Erfolge f\u00fchrt aber dazu, dass die richtigen Entscheidungen f\u00fcr das langfristige Wohlergehen nicht rechtzeitig getroffen werden.<\/li>\n<li>Es ist von der Verhaltens\u00f6konomie bewiesen, dass wir unangenehme Dinge gerne aufschieben. Jeder Mensch leidet an dem Hang zur <strong>Prokrastination<\/strong>, aber diejenigen, die diese Schw\u00e4che erkannt haben, setzen das Instrument der Selbstverpflichtung zur \u00dcberwindung dieser Schw\u00e4che ein. Doch der Kampf um Selbstdisziplin ist allgegenw\u00e4rtig. Viele Ziele werden nicht erreicht, da keine Selbstverpflichtung wahrgenommen wird. Dies gilt auch und zwar in erheblichem Ma\u00dfe f\u00fcr das politische Handeln in Bezug auf das Nachhaltigkeitsziel. Jetzt Reformen einzuleiten, die mit teureren Energiepreisen einhergehen, f\u00fchrt zu konjunkturellen Belastungen, erh\u00f6ht das Risiko einer Wirtschaftskrise und gef\u00e4hrdet so die eigene politische Karriere. Ein Aufschieben der Probleml\u00f6sungsans\u00e4tze auf die Zukunft erscheint da politisch attraktiver.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es wird deutlich, dass wir einiges an unseren Institutionen \u00e4ndern k\u00f6nnten, um nachhaltiger zu wirtschaften. Insbesondere die Verteilung der Eigentumsrechte an Naturkapital \u2013 soweit dies technisch m\u00f6glich ist \u2013 sowie die Einstellung der Subventionen f\u00fcr den Abbau fossiler Energietr\u00e4ger\u00c2\u00a0 w\u00fcrde der heutigen Wachstumskritik schon viele Angriffspunkte nehmen und die Marktwirtschaft erheblich kompatibler zum Nachhaltigkeitsgedanken erscheinen lassen.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachhaltig zu wirtschaften bedeutet, das Naturkapital zu erhalten und die Substitutionsm\u00f6glichkeiten von Naturkapital durch Sach-, Human- und Sozialkapital zu verbessern. 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