{"id":19572,"date":"2016-08-22T13:23:30","date_gmt":"2016-08-22T12:23:30","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19572"},"modified":"2016-08-22T13:23:30","modified_gmt":"2016-08-22T12:23:30","slug":"gastbeitragkann-die-eu-zum-grossen-brexit-verlierer-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19572","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Kann die EU zum gro\u00dfen Brexit-Verlierer werden?"},"content":{"rendered":"<p>Bisher ist es vor allem die britische Wirtschaft, die nach dem Brexit unter Druck ger\u00e4t. L\u00e4ngerfristig k\u00f6nnte aber auch die EU zu den Verlierern geh\u00f6ren, wenn sie Gro\u00dfbritannien als Partner nicht ernst genug nimmt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Etwa sieben Wochen nach dem Referendum in Gro\u00dfbritannien, in dem sich die Mehrheit der Briten f\u00fcr den Austritt Gro\u00dfbritanniens aus der Europ\u00e4ischen Union (EU) entschieden hat, zeigen sich die ersten Folgen f\u00fcr die britische Wirtschaft und die ersten halbwegs belastbaren Aussagen von politischen Entscheidungstr\u00e4gern in Europa werden get\u00e4tigt. Dabei sind zwei gegenl\u00e4ufige Dynamiken absehbar.<\/p>\n<p>Zum einen wird deutlich, dass die britische Wirtschaft schon jetzt unter Druck ger\u00e4t, obwohl die Verhandlungen \u00fcber den Austritt noch gar nicht begonnen haben; es ist noch nicht einmal der Antrag der britischen Regierung bei der EU eingegangen. Drei Beispiele zeigen dies: Die j\u00fcngste Arbeitsmarktstatistik im Vereinigten K\u00f6nigreich weist kaum noch unbefristete offene Stellen aus, viele Unternehmen legen Investitionspl\u00e4ne in Gro\u00dfbritannien auf Eis, und die japanische Wirtschaft ist nerv\u00f6s, weil gro\u00dfe Teile ihrer britischen Niederlassungen f\u00fcr den Europ\u00e4ischen Binnenmarkt produzieren. Dieser Markt droht nun schwerer bespielbar zu werden.<\/p>\n<p>Diese Situation ist vermutlich gerade f\u00fcr viele derjenigen Menschen, die sich in der EU nicht mehr wohlf\u00fchlen und entsprechend den Brexit gew\u00e4hlt haben, am gef\u00e4hrlichsten, weil sie besonders anf\u00e4llig f\u00fcr eine Krise des Arbeitsmarktes zu sein scheinen. Vor diesem Hintergrund droht eine Rezession.<\/p>\n<p>Die Bank of England hat bereits reagiert und die Zinsen weiter gesenkt, um die britische Wirtschaft zu stimulieren. Die Erfahrungen in Japan und der Eurozone lassen nicht unbedingt erwarten, dass diese Ma\u00dfnahme sehr viel Erfolg bringen wird. Insofern sind die Bef\u00fcrchtungen der Brexit-Gegner nicht unbegr\u00fcndet: Gro\u00dfbritannien droht, in schweres Fahrwasser zu geraten. Nebenbei bemerkt: das w\u00e4re nicht gut f\u00fcr die EU, die dann ebenfalls verlieren d\u00fcrfte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Oder kommt alles anders?<\/strong><\/p>\n<p>Dagegen steht auf der anderen Seite ein anderes Szenario, f\u00fcr das es ebenfalls Anzeichen gibt. Mit dem Ausscheiden Gro\u00dfbritanniens aus der EU k\u00f6nnte das Land f\u00fcr andere Partner noch interessanter werden; gleichzeitig wird die EU weniger interessant. So vermuten einige Medien, dass das transatlantische Handels- und Investitionsabkommen (TTIP) ohne Gro\u00dfbritannien seine Strahlkraft f\u00fcr die Vereinigten Staaten (USA) verlieren k\u00f6nnte. Auf jeden Fall wirkt die EU ohne Gro\u00dfbritannien von au\u00dfen betrachtet weniger offen und freih\u00e4ndlerisch und auch weniger attraktiv als Markt. Bedenkt man noch den Widerstand gegen TTIP aus Kontinentaleuropa (vor allem aus Deutschland, dem Land, das als Exportnation am meisten vom Au\u00dfenhandel abh\u00e4ngt), k\u00f6nnte sich die US-Administration von den Verhandlungen verabschieden.<\/p>\n<p>Stattdessen k\u00f6nnte man sich vorstellen, dass die USA direkt mit den Briten ein bilaterales Freihandelsabkommen anstreben wird. Die Verhandlungen dar\u00fcber d\u00fcrften recht schnell vorankommen, da ihnen weder Sprachprobleme noch eine h\u00f6chst komplexe Interessenvielfalt \u00c3\u00a1 la EU im Wege stehen. Zudem sind die USA und Gro\u00dfbritannien in Fragen des Au\u00dfenhandels vermutlich im Grundsatz einiger als die europ\u00e4ischen Staaten untereinander.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Verbr\u00fcdern gegen die EU?<\/strong><\/p>\n<p>Es hat sogar die \u00dcberlegung gegeben, Gro\u00dfbritannien aufzufordern, einen Beitritt zur transpazifischen Partnerschaft (TPP) anzustreben. Dies k\u00e4me den USA, Kanada, Japan und anderen Asiaten, aber auch Neuseeland und Australien sicherlich sehr entgegen, f\u00fcr die Briten w\u00e4re es ein guter Ersatz f\u00fcr die Mitgliedschaft im Binnenmarkt. Auch andere Partner wie Indien oder China d\u00fcrften an einem derart vernetzten Gro\u00dfbritannien ein ernsthaftes Interesse versp\u00fcren.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich w\u00e4re es sogar denkbar, dass das schw\u00e4chelnde Commonwealth durch derartige handelspolitische Offensiven wiederbelebt wird. Im Moment wird die Zukunft des Commonwealth ergebnisoffen diskutiert, mit einer klaren handelspolitischen Vorgabe k\u00f6nnte sich das \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Dieses Szenario d\u00fcrfte auch f\u00fcr Investoren interessant sein; denkbar w\u00e4re sogar eine Verlagerung von Produktionsst\u00e4tten auf die britischen Inseln. Damit erg\u00e4be sich f\u00fcr die Europ\u00e4ische Union ein ernsthaftes Problem. Aus der Position der St\u00e4rke gegen\u00fcber Gro\u00dfbritannien w\u00fcrde dann n\u00e4mlich eine Position der Schw\u00e4che in der Weltwirtschaft ergeben:<\/p>\n<p>Erstens w\u00e4re Gro\u00dfbritannien im Zweifel sogar attraktiver als Investitionsstandort als vor dem Brexit, und zweitens w\u00e4re die EU nicht mehr erste Adresse f\u00fcr potenzielle neue Freihandelsabkommen. Zwar gibt es bereits \u00dcberlegungen, Freihandelsabkommen mit Australien und Neuseeland abzuschlie\u00dfen, und selbst ein Freihandelsabkommen mit China wird bereits in der \u00d6ffentlichkeit diskutiert. Dazu liegt eine Studie des CEPS in Br\u00fcssel vor. Es ist jedoch zweifelhaft, ob die drei L\u00e4nder in diesem Szenario mit derselben Intensit\u00e4t an Abkommen mit der EU arbeiten w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Drittens ist nicht auszuschlie\u00dfen, dass diese Dynamik zentrifugale Kr\u00e4fte freisetzt, indem andere EU-Mitglieder ebenfalls den Ausstieg aus der EU w\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Denkbar ist sogar, dass beide Szenarien oder Dynamiken eintreten. Der britische Schaden w\u00fcrde sicherlich kurzfristig eintreten. In der mittleren oder l\u00e4ngeren Frist k\u00f6nnte sich aber Gro\u00dfbritannien als Handelspartner empfehlen und der EU den Rang ablaufen. In diesem Fall w\u00e4re die EU der gro\u00dfe Verlierer des Brexit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Die Lehre daraus f\u00fcr die EU ist eindeutig. Es ist nicht angemessen, den Briten bei den anstehenden Verhandlungen arrogant und abweisend gegen\u00fcber aufzutreten. Das hei\u00dft nat\u00fcrlich nicht, dass deshalb die Regeln des Binnenmarktes aufgeweicht werden; H\u00e4rte in der Sache ist durchaus angebracht. Gro\u00dfbritannien muss als Partner aber ernstgenommen werden; seine Beteiligung im Binnenmarkt muss weiterhin angestrebt werden.<\/p>\n<p>Gleichzeitig sollte die EU ihre Bem\u00fchungen um weitere Handelserleichterungen mit Drittl\u00e4ndern glaubw\u00fcrdig fortsetzen. Aus europ\u00e4ischer Perspektive w\u00e4re es ein Drama, wenn aus falschverstandenem \u00c4rger \u00fcber den Brexit und Fehleinsch\u00e4tzungen \u00fcber die relative Position Gro\u00dfbritanniens zuk\u00fcnftige Chancen leichtfertig verspielt werden. Der Brexit darf nicht den Startschuss in europ\u00e4ischen Isolationismus bilden.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bisher ist es vor allem die britische Wirtschaft, die nach dem Brexit unter Druck ger\u00e4t. 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