{"id":19810,"date":"2016-10-04T00:01:29","date_gmt":"2016-10-03T23:01:29","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19810"},"modified":"2016-10-03T17:21:47","modified_gmt":"2016-10-03T16:21:47","slug":"andrea-nahles-und-die-rentenprognosedie-saldenmechanik-des-kinderverleihens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19810","title":{"rendered":"Andrea Nahles und die Rentenprognose<br\/><font size=3; color=grey>Die Saldenmechanik des Kinderverleihens<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>Ende September ver\u00f6ffentlichte das Arbeitsministerium eine eigene Prognose der Rentenentwicklung. Demnach wird das Bruttorentenniveau von 47,8 im Jahre 2016 auf 41,6 im Jahre 2045 Prozent sinken. Wollte man dies verhindern, so m\u00fcsste der Beitragssatz von derzeit 18,7 auf 26,4 Prozent steigen. Bemerkenswert an dieser Prognose sind weniger die Zahlen selbst, die niemanden \u00fcberraschen d\u00fcrften, der sich ein wenig mit der Sache befasst hat. Bemerkenswert ist vielmehr, dass das Ministerium eine solche Prognose \u00fcberhaupt ver\u00f6ffentlicht. Denn die Botschaft ist weitgehend unmissverst\u00e4ndlich: Entweder sinkt das Sicherungsniveau, oder es steigen die Beitr\u00e4ge, oder es muss l\u00e4nger gearbeitet werden. Alternativ kann man die Steuerfinanzierung ausdehnen, aber auch das l\u00e4uft auf eine versteckte Beitragserh\u00f6hung hinaus, die kaum behelfsweise verkleistert, dass man vergeblich versuchen w\u00fcrde, der nachfolgenden Generation die Zeche aufzub\u00fcrden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Darauf ist wieder und wieder hingewiesen worden, aber je nach professionellem und pers\u00f6nlichem Hintergrund hat man sich auf je eigenem Wege an dem grundlegenden demographischen Problem vorbeigemogelt. Entkommen kann man ihm aber nicht. Lange hat die \u00f6konomische Zunft weniger das Demographie-Problem selbst als vielmehr den Umgang seitens der Politik damit adressiert. Das ging dann so: Wenn eine Generation nicht in Nachkommen investieren mag, von deren Einkommens-, Arbeits- und nicht zuletzt Pflegeleistung sie im Alter profitieren k\u00f6nnte, dann sollte sie stattdessen in Kapital investieren, also sparen und das Ersparte dann zu Produktivverm\u00f6gen machen. Produktionstechnisch betrachtet verh\u00e4lt sich Produktivverm\u00f6gen zumindest teilweise komplement\u00e4r zu Arbeit, und das bedeutet, dass man im Alter teilweise von der Leistung des Produktivverm\u00f6gens und damit von Maschinen leben kann, in die man investiert hat, statt von der Arbeitsleistung von Nachkommen, in die man nicht investiert hat.<\/p>\n<p>Das klingt \u00fcberzeugend und ist es auch \u2013 zum Teil. Denn das Ersparte, das nicht in die Erziehung von Kindern investiert wurde, muss wirklich auch in den Bau von Maschinen flie\u00dfen und nicht etwa in die Finanzierung von offener oder verdeckter Staatsschuld \u2013 mit deren Hilfe man sich beispielsweise weismachen m\u00f6chte, dass man weder eine Senkung des Rentenniveaus noch eine Erh\u00f6hung der Beitr\u00e4ge br\u00e4uchte, wenn man das demographisch verursachte Rentenloch einfach per Kreditaufnahme stopfte. Da aber das Rentenniveau als Prozentsatz des Bruttoarbeitseinkommens definiert ist, n\u00fctzt nicht einmal das etwas, denn die Entwicklung des Arbeitseinkommens wird unweigerlich ung\u00fcnstiger, wenn die Zahl der Erwerbst\u00e4tigen sinkt. Auch da gibt es kein Entrinnen. Und es kommt noch dicker: Auch wenn das Ersparte in Maschinen investiert wurde, so ist es noch immer nicht gesichert, dass diese \u00fcberhaupt etwas dazu beitragen k\u00f6nnen, den Verlust an Arbeitseinkommen auszugleichen, der sich aus den fehlenden Nachkommen ergibt. Ob das so ist, h\u00e4ngt davon ab, ob der Anstieg der Investitionsquote (also der Investitionen in Prozent des Bruttoinlandsprodukts), der mit der steigenden Ersparnis verbunden ist, zu h\u00f6herem Wirtschaftswachstum f\u00fchrt. Aus der alt-ehrw\u00fcrdigen neoklassischen Wachstumstheorie folgt aber erst einmal, dass er das nicht tut! Folgen wir indes der sogenannten Neuen Wachstumstheorie, dann k\u00f6nnte es doch funktionieren. Letztlich ist es also eine empirische Frage, die sich mit Theorie allein nicht kl\u00e4ren l\u00e4sst, und damit steht die Frage, ob sich fehlende Arbeitsleistungen durch fehlender Nachkommen durch zus\u00e4tzliche Maschinen so ausgleichen lassen, dass die k\u00fcnftigen Renteneinkommen darunter nicht leiden, auf wackeligen F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Zu akademisch? Dann stellen sie sich eine vollkommen isolierte Insel vor, deren fr\u00fchere Erwerbst\u00e4tige allesamt keinerlei Nachkommen erzogen, stattdessen aber einen stattlichen Park an Maschinen auf eine gro\u00dfe gr\u00fcne Wiese gebaut hatten. Inzwischen seien die Inselbewohner alle alt und unf\u00e4hig, in irgendeiner Form zu arbeiten; manche seien pflegebed\u00fcrftig, und zuwendungsbed\u00fcrftig seien sie allemal. Nur: Wer soll das alles machen, wenn der Maschinenpark sich nicht v\u00f6llig autark selbst organisierte, sogar Pflegeleistungen erbr\u00e4chte und den Bewohnern soziale und pers\u00f6nliche N\u00e4he vermittelte? Damit dies funktionieren k\u00f6nnte, m\u00fcssten Maschinen \u2013 \u00f6konomisch gesehen &#8211; vollkommene Substitute f\u00fcr menschliche T\u00e4tigkeiten sein, das hei\u00dft, sie m\u00fcssten sie vollst\u00e4ndig ersetzen k\u00f6nnen. Das k\u00f6nnen sie aber nicht, und hier liegt das Problem \u2013 zumindest, so lange die Maschinen, um die es geht, im Inland stehen. Sollten sie allerdings im Ausland stehen, sieht die Sache schon wieder anders aus.<\/p>\n<p>Wenn n\u00e4mlich die Ersparnisse, die sich aus nicht get\u00e4tigten Erziehungsaufwendungen speisen, ins Ausland flie\u00dfen und dort so produktiv eingesetzt werden, dass die jeweiligen ausl\u00e4ndischen Schuldner in der Lage sind, in einer sp\u00e4teren Zeit den Schuldendienst zu leisten, dann hat man unzweifelhaft eine Quelle von Einkommen, mit denen man im Inland im Alter das fallende Rentenniveau ausgleichen kann \u2013 und zwar vollst\u00e4ndig. Sofern das also funktioniert, kann ein Land es sich leisten, auf Nachkommen zu verzichten, stattdessen die nicht get\u00e4tigten Erziehungsaufwendungen im Ausland anzulegen und im Alter von deren R\u00fcckfl\u00fcssen zu leben. Das ist fast ganz so, also h\u00e4tte man selbst Nachkommen, die arbeiten und einen Teil der Fr\u00fcchte ihrer Arbeit an ihre Eltern abgeben w\u00fcrden. Wenn man tiefer gr\u00e4bt in den Strukturen der Sache, dann findet man, dass sich die kinderlose Generation die fehlenden Kinder \u2013 rein saldenmechanisch gesehen \u2013 in gewisser Weise tats\u00e4chlich im Ausland leihen, und zwar von denen, die dort eben doch Kinder bekommen hatten. Und von einem Teil der Einkommen dieser Kinder im Ausland wird dann die Rente der Kinderlosen im Inland finanziert.<\/p>\n<p>Wie aber hat man sich das praktisch vorzustellen? Zun\u00e4chst verzichtet man im Inland in der Erwerbsphase auf Konsum und damit auf einen Teil der im Inland produzierten G\u00fcter. Der \u00c2\u00a0dazugeh\u00f6rige Teil des inl\u00e4ndischen Einkommens flie\u00dft dann als Ersparnis ins Ausland. Auf welchem Wege er das dann auch immer tut: \u00d6konomisch betrachtet l\u00e4uft es darauf hinaus, dass die Inl\u00e4nder dem Ausland das Geld leihen. Und dort verwendet man das geliehene Geld, um aus dem Inland genau jene G\u00fcter zu importieren, auf deren Kauf die Inl\u00e4nder selbst in der Erwerbsphase verzichtet und das dazugeh\u00f6rige Geld stattdessen gespart und dem Ausland geliehen hatten. Sp\u00e4ter m\u00fcssen dann die Menschen im Ausland auf Konsum verzichten, um das im Inland geliehene Geld wieder zur\u00fcckzuzahlen \u2013 und das werden die Nachkommen jener sein, denen das Inland seinerzeit Geld und G\u00fcter geliehen hatten. Die ausl\u00e4ndischen Nachkommen zahlen damit also die Schulden ihrer Eltern im Inland ab; und das geht nat\u00fcrlich nur, wenn es im Ausland solche Nachkommen \u00fcberhaupt gibt. So erhalten die inl\u00e4ndischen Rentner ein Einkommen von Nachkommen aus dem Ausland \u2013 Nachkommen, die sie freilich selbst nie in die Welt gesetzt hatten.<\/p>\n<p>Mit dem Geld dieser fremden Nachkommen kaufen die inl\u00e4ndischen Rentner dann im Ausland G\u00fcter, weil im Inland wegen der fehlenden Nachkommen im Extremfall ja niemand mehr da ist, der G\u00fcter produzieren k\u00f6nnte. Und die inl\u00e4ndischen Rentner kaufen im Ausland exakt jene G\u00fcter, auf deren Kauf die ausl\u00e4ndischen Nachkommen verzichten mussten, weil sie einen Teil ihres Einkommens f\u00fcr die R\u00fcckzahlung des von ihren Vorg\u00e4ngern im Inland geliehenen Geldes verwenden m\u00fcssen. So passt das alles wundersam zusammen \u2013 rein saldenmechanisch gesehen, wie gesagt. Im Grunde l\u00e4uft der Deal darauf hinaus, dass das Inland in der Erwerbsphase mehr G\u00fcter produziert als es verwendet, und den Rest dem Ausland leiht; im Alter produziert es dann keine G\u00fcter mehr und lebt stattdessen davon, dass es vom Ausland die geliehenen G\u00fcter zur\u00fcckerh\u00e4lt. Auch wenn das nat\u00fcrlich nicht dieselben \u00c4pfel und Birnen sind wie jene, die das Inland seinerzeit geliefert hat: Im Wert passt das alles zusammen, wenn wir alles sauber abgezinst miteinander vergleichen.<\/p>\n<p>Wir Inl\u00e4nder k\u00f6nnten daher in der Tat noch leben und konsumieren, wenn wir \u00fcberhaupt auf jedwede Nachkommen verzichteten und daher die letzte lebende Generation unseres Landes und irgendwann allesamt Rentner w\u00e4ren \u2013 zun\u00e4chst allerdings nur dann, wenn wir im Alter allein handelsf\u00e4hige G\u00fcter wie Lebensmittel, Elektrofahrr\u00e4der, H\u00f6rger\u00e4te, Rollatoren und dergleichen ben\u00f6tigten. Aber wie sieht es mit lokalen Dienstleistungen aus \u2013 mit Leistungen also, die direkt vor Ort erbracht werden m\u00fcssen \u2013 nicht zuletzt dann ja wohl auch Pflegeleistungen? Diese m\u00fcssten wir ebenfalls importieren, solange sie noch nicht vollst\u00e4ndig durch Roboter zu erbringen sind. Dazu k\u00f6nnten wir dann Pflegekr\u00e4fte beispielsweise aus Osteuropa oder gar Ostasien anheuern \u2013 kommt ihnen das bekannt vor? Jedenfalls w\u00fcrden diese zu uns kommen und sich mit ihren Pflegeleistungen daf\u00fcr erkenntlich zeigen, dass wir als Erwerbst\u00e4tige einmal auf Konsum verzichtet und den Eltern der Pflegekr\u00e4fte stattdessen Geld geliehen hatten, von dem diese einen Teil jener G\u00fcter bei uns gekauft hatten, auf dessen Konsum wir wiederum verzichtet hatten. Es geht nat\u00fcrlich auch anders herum: Statt die Pflegekr\u00e4fte zu uns zu bitten, k\u00f6nnten wir uns zu ihnen bewegen und uns dort gleich vor Ort versorgen lassen. Dann brauchen wir auch die physischen Konsumg\u00fcter nicht mehr ins Inland zu schaffen \u2013 was Transportkosten spart und die Umwelt schont. Und wir k\u00f6nnten die Pflegekr\u00e4fte in ihrem sozialen Umfeld belassen. Auch das gibt es bereits, und zwar bis weit nach Ostasien hinein.<\/p>\n<p>So funktioniert das alles also, zumindest rein saldenmechanisch gedacht. Wenn da nicht ein paar Beobachtungen jenseits der heute schon zunehmenden Zahl an osteurop\u00e4ischen Pflegekr\u00e4ften und ins Altersexil gewanderten Rentner w\u00e4ren. Erstens importieren viele gerade jener Entwicklungsl\u00e4nder keine Ersparnisse aus den Industriel\u00e4ndern, und spiegelbildlich dazu auch keine G\u00fcter von dort, sondern sie exportieren sie vielmehr. Das passt so gar nicht ins Bild, aber es ist h\u00e4ufig so. Allen voran f\u00e4llt China durch massive G\u00fcter- und Kapitalexporte und riesige Spar\u00fcbersch\u00fcsse auf. Das hat sich im Zuge der j\u00fcngsten Krise zwar reduziert, aber l\u00e4ngst nicht umgekehrt. In beinahe vier Jahrzehnten welt- und geschichtsrekordartigen Wachstums jedenfalls exportierte das Land netto G\u00fcter, statt zu importieren. Entsprechend bildete es Ersparnisse im Ausland, statt sich Geld vom Ausland zu leihen und damit G\u00fcter im Ausland zu kaufen. Daher verf\u00fcgt allein China heute \u00fcber riesige Anspr\u00fcche gegen\u00fcber dem Ausland, allen voran gegen\u00fcber den USA. Wenn hier also jemand R\u00fcckzahlungen erh\u00e4lt, dann China und nicht die Industriel\u00e4nder \u2013 auch nicht Deutschland.<\/p>\n<p>Zweitens sinkt praktisch \u00fcberall dort die Geburtenzahl, wo das Einkommen steigt. Das geht zwar zeitverz\u00f6gert, so dass in einer \u00dcbergangszeit rein saldenmechanisch gesehen der \u00dcberschuss an jungen Leuten in einem Teil der Welt den Mangel an solchen in der alten auf dem beschriebenen Wege ausgleichen kann. Man \u201eleiht\u201c sich Nachkommen in L\u00e4ndern, wo es noch viele davon gibt. Oder man holt sie gleich ganz ins Land, nachdem die armen Eltern der armen L\u00e4nder sie an unserer statt unter Entbehrungen aufgezogen hatten; und w\u00e4hnt sich als Humanster unter den Humanen angesichts seiner liberalen Haltung zu Einwanderungsfragen \u2013 ohne freilich zu beantworten, ob die verfolgten und entrechteten Zuwanderer wirklich zugleich jene sind, die \u00f6konomisch gesehen unsere nicht get\u00e4tigten Aufwendungen f\u00fcr Nachkommen ausgleichen k\u00f6nnen; und ohne zu fragen, wer die Rente der Eltern dieser Zuwanderer bezahlt: entweder die Zuwanderer selbst, womit sie dann gleich zwei Generationen von Rentnern versorgen d\u00fcrfen; oder niemand, dann erhalten die Eltern der Zuwanderer nichts f\u00fcr ihre Erziehungsleistung. So human ist das alles.<\/p>\n<p>So oder so ist das Ausleihen oder gar vollst\u00e4ndige \u00dcberlassen von Nachkommen aber ohnehin ein \u00dcbergangsph\u00e4nomen. Denn irgendwann h\u00f6rt das auf, und wenn Geburtenr\u00fcckg\u00e4nge wirklich ein Reflex auf steigende Einkommen und sinkende Armut sind, dann k\u00f6nnen wir nur w\u00fcnschen, dass es schnell aufh\u00f6rt. Sollte das so kommen, dann wird irgendwann die ganze Welt mit einem Mangel an Nachwuchs konfrontiert sein, und dann wird es einen solchen Ausgleich zwischen L\u00e4ndern mit vielen und solchen mit wenigen Nachkommen nicht mehr geben k\u00f6nnen. Gewiss, bis dahin wird so oder so noch viel Wasser den Rhein hinuntergeflossen sein, und vielleicht haben wir bis dahin f\u00fcr alles Roboter, die irgendwann gar den allerletzten von uns pflegen werden, was an den Witz vom Gespr\u00e4ch zwischen Venus und Erde erinnert, in dem eine desolat aussehende Erde auf die besorgte Anfrage der Venus antwortet und klagt: \u201eAch, ich habe Homo Sapiens\u201c; und die Venus darauf beruhigend feststellt: \u201eDas gibt sich wieder.\u201c<\/p>\n<p>Drittens und in trauriger Umkehrung zu zweitens sinkt die Geburtenzahl gerade in jenen Entwicklungsl\u00e4ndern nicht, in denen die Entwicklung schlecht ist, vor allem in Teilen Afrikas und vor allem in der arabischen Welt. Diese Teile entwickeln sich vor allem deshalb schlecht, weil sie so konfliktgesch\u00fcttelt sind; und weil sie sich schlecht entwickeln, bleibt dort die Armut und mit ihr die Geburtenziffer hoch. Dass der daraus folgende extreme Nachschub an jungen Leuten auf schlechte Zukunftschancen st\u00f6\u00dft, ist wiederum den vermachteten sowie religi\u00f6s und ethnisch segregierten Strukturen geschuldet, und zusammen genommen treibt das allzu viele der jungen Leute in die H\u00e4nde der Repr\u00e4sentanten der einzige boomende Branche dort: in die H\u00e4nde jener n\u00e4mlich, die diese Konflikte anheizen und die zuverl\u00e4ssig die Dienste junger Menschen nachfragen; freilich nur, um sie zu verheizen. Daher bleiben diese L\u00e4nder arm, und das h\u00e4lt die Geburtenraten hoch; das wiederum gibt unter den gegebenen Bedingungen neue Nahrung f\u00fcr die Konflikte. Und so schlie\u00dft sich der Kreis.<\/p>\n<p>Vielleicht mehr als alle anderen k\u00f6nnen gerade diese L\u00e4nder und Regionen jene Konsumg\u00fcter gebrauchen, die unsere heutige Erwerbst\u00e4tigengeneration produziert, aber zu Zwecken der Ersparnisbildung f\u00fcr das Alter nicht verwendet. Aber diesen L\u00e4ndern fehlt die Entwicklung, die es br\u00e4uchte, um ein glaubw\u00fcrdiges Versprechen zur R\u00fcckzahlung in derjenigen Zeit abzugehen, in der unsere heutige Erwerbst\u00e4tigengeneration einmal in Rente sein wird \u2013 ohne gen\u00fcgend eigene Nachkommen zu haben.<\/p>\n<p>Und nun? Nun besteht die grundlegende Saldenlogik des demographischen Ausgleichs zwischen kinderreichen und kinderarmen L\u00e4ndern zwar weiter. Praktisch ist sie aber nur wenig relevant, weil das passende Gegenst\u00fcck zu unserem hochentwickelten Land fehlt, das reich an Wohlstand, aber arm an Nachkommen ist. Daher k\u00f6nnen wir es drehen und wenden, wie wir wollen: Aus dem, was Ministerin Nahles in ihrem Haus gerade hat berechnen lassen, folgt immer nur eines: wir werden l\u00e4nger arbeiten m\u00fcssen. Vermutlich ist dies nicht der Schluss, den Frau Nahles daraus ziehen wollte \u2013 aber dar\u00fcber, was sie mit der Ver\u00f6ffentlichung wollte, werden wir in K\u00fcrze gewiss mehr erfahren. L\u00e4nger zu arbeiten oder im Alter weniger zu konsumieren bleibt aber der einzig m\u00f6gliche Schluss aus der Prognose, auch wenn sich selbsternannte Experten auf allen Ebenen des so genannten \u201eInfotainment\u201c, des Feuilletons und des politischen Kabaretts fallweise \u00fcber die anstehende Anhebung der Lebensarbeitszeit oder die Absenkung des Rentenniveaus ereifern oder lustig machen \u2013 nicht zuletzt, weil solche Folgerungen allein einer kleingeistigen \u201e\u00f6konomistischen\u201c Weltsicht folgten. Nur ist die Weltsicht eine Sache, die \u00f6konomische Sachlogik aber eine andere.<\/p>\n<p>Und das sollte man nicht verwechseln: W\u00e4hrend man die erstere n\u00e4mlich erfolgreich bek\u00e4mpfen und gern auch mal l\u00e4cherlich machen kann \u2013 wovon wie gesagt stets gern Gebrauch gemacht wird \u2013 l\u00e4sst sich \u00f6konomische Sachlogik von Menschenhand jedenfalls nicht aus der Welt schaffen \u2013 erst Recht nicht, wenn sie aus reiner Saldenmechanik und damit aus nichts als angewandter Mathematik besteht, wie in unserem Problem. Und aus ihr folgt, dass an einer l\u00e4ngeren Lebensarbeitszeit oder an einer Einschr\u00e4nkung des Konsums im Alter so oder so kein Weg vorbeigeht: Wenn wir die l\u00e4ngere Lebensarbeitszeit rechtlich nicht verankern, dann werden wir das Rentenniveau absenken m\u00fcssen \u2013 mit der Folge, dass das Konsumniveau der Rentner sinkt oder sie sich etwas dazuverdienen und damit eben doch l\u00e4nger arbeiten m\u00fcssen; so geschieht dies bereits zunehmend. Wenn wir dagegen nicht nur nicht die Lebensarbeitszeit erh\u00f6hen, sondern auch nicht das Rentenniveau absenken, dann werden wir die Generation unserer Nachkommen so stark belasten m\u00fcssen, dass deren Leistungsf\u00e4higkeit darunter leidet. Dann werden wir zwar h\u00f6here Beitrags-S\u00e4tze, nicht aber h\u00f6here Beitrags-Einnahmen f\u00fcr die Rentenkassen generieren \u2013 mit der Folge, dass wiederum nicht gen\u00fcgend Geld zum Verteilen pro Rentner bleibt, um deren Konsumniveau halten zu k\u00f6nnen; und dass die Rentner abermals werden dazuverdienen m\u00fcssen, wenn sie das Konsumniveau halten wollen. Und f\u00fcr die ganz Schlauen unter uns: Wenn wir das Ganze nicht \u00fcber Beitr\u00e4ge, sondern \u00fcber Steuern oder Verschuldung finanzieren, dann \u00e4ndert das auch nichts, auch wenn es nicht immer direkt sichtbar ist.<\/p>\n<p>Politik und deren Beobachter und Kommentatoren k\u00f6nnen sich gewiss der Illusion hingeben, alles steuern zu k\u00f6nnen. Sie k\u00f6nnen \u00f6konomische Weltsichten \u2013 so es diese gibt \u2013 mit \u00f6konomischer Sachlogik verwechseln und sich der Illusion hingeben, sie k\u00f6nnen nicht nur das eine, sondern auch das andere \u00e4ndern. Nur helfen solche Illusionen denen nicht, um die es geht. Nun d\u00fcrfte es das Ziel der meisten Infotainer und Kabarettisten auch nicht sein, Gutes zu tun, sondern gut dazustehen. Das sei ihnen auch geg\u00f6nnt, aber es tr\u00e4gt wiederum nichts zur L\u00f6sung des Problems bei. Es bleibt also abzuwarten, ob denn die bemerkenswert offene Prognose des Arbeitsministeriums vielleicht etwas zur Probleml\u00f6sung beitr\u00e4gt. Sinnvoll w\u00e4re es ja, aber abermals auch bemerkenswert.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ende September ver\u00f6ffentlichte das Arbeitsministerium eine eigene Prognose der Rentenentwicklung. 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