{"id":19818,"date":"2016-10-08T06:21:17","date_gmt":"2016-10-08T05:21:17","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19818"},"modified":"2016-10-08T06:31:30","modified_gmt":"2016-10-08T05:31:30","slug":"ordnungspolitikerdenn-sie-wissen-nicht-was-sie-tun","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=19818","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>OrdnungsPolitiker<\/font><br\/>Denn sie wissen nicht, was sie tun!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Den Zins haben sie abgeschafft. Sie kaufen Schrottpapiere von Staaten und Unternehmen. Die Kollateralsch\u00e4den sind gewaltig: Die Sparer werden enteignet, der Strukturwandel der Wirtschaft verschleppt. Und die Politik kann sich bequem wegducken, statt Reformen auf den Weg zu bringen.<\/strong><\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mario Draghi war am 28. September in Berlin. Unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit diskutierte der EZB-Chef mit Abgeordneten des Deutschen Bundestags und warb f\u00fcr die umstrittene Negativzinspolitik und das \u00fcppige Anleihen-Kaufprogramm der europ\u00e4ischen Notenbank. Abends lie\u00df er sich in den Tagesthemen von Thomas Roth artig zu den deutschen Vorbehalten gegen seine unorthodoxe Geldpolitik befragen. \u00dcberzeugen kann seine Charmeoffensive nicht, ebenso wenig wie die aktuelle Performance der amerikanischen Fed und der japanischen BOJ.<\/p>\n<p>In was f\u00fcr einer Welt leben wir eigentlich? Glauben die Alchemisten in den Zentralbanken tats\u00e4chlich, dass sie den Zins als Risikopr\u00e4mie auf lange Sicht ausschalten k\u00f6nnen, ohne damit aberwitzige Kollateralsch\u00e4den f\u00fcr die Volkswirtschaften zu provozieren? In der vertrauten marktwirtschaftlichen Welt spiegelte der Zinssatz immer das Risikoportfolio wider. Risikoreichere Anlageklassen und schlechtere Bonit\u00e4ten f\u00fchrten zu entsprechenden Zinsaufschl\u00e4gen, risiko\u00e4rmere Anlagen und gute Bonit\u00e4ten zu Zinsabschl\u00e4gen. Damit war der Zins ein wichtiges Marktinstrument zur Vermeidung von Fehlallokation.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Statt Marktlenkung Notenbanksteuerung<\/strong><\/p>\n<p>Doch diese Lenkungswirkung, die den Marktakteuren \u00fcber das Haftungsgebot Eigenverantwortung auferlegt, ist ausgeschaltet. Heute lenken die Notenbanken der Welt statt der \u201eunsichtbaren Hand\u201c des Adam Smith. Wohin diese Zentralbankstrategie f\u00fchrt, zeigt das Beispiel Japan. Rund zwei Jahrzehnte w\u00e4hrt dort bereits die exzessive Geldpolitik. Die Notenbank h\u00e4lt inzwischen den Gro\u00dfteil der Staatsschuldentitel. Sie verzerrt die B\u00f6rsenpreise mit ihrem Aktienkaufprogramm und manipuliert jetzt auch die Zinsen am langen Anlagehorizont auf Null Prozent herunter, um die Botschaft an die Konsumenten zu schicken: Kauft endlich! Lasst das Sparen bleiben! Doch die japanische Volkswirtschaft will trotz der Dauerinjektionen der Zentralbank nicht auf die Beine kommen. Die BOJ hat ihr Pulver verschossen. Doch statt daraus zu lernen, liefern EZB und Fed l\u00e4ngst Coverversionen des japanischen Originals ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Die Immobilienpreisinflation zehrt Niedrigzinsen auf<\/strong><\/p>\n<p>Ein Mario Draghi stellt sich in der ARD vor die Tagesthemen-Kamera und behauptet dreist, dass die Deutschen als Kreditnehmer von der Nullzinspolitik der EZB dann profitieren, wenn sie etwa in Immobilien investieren. Diese Chuzpe ist schon bemerkenswert, weil der Notenbanker die Immobilienpreisinflation in Deutschland kennen muss, die im Schnitt bei \u00fcber 6 Prozent liegt. Was die Kreditnehmer bei der Immobilienfinanzierung sparen, bezahlen sie bereits vorher \u00fcber h\u00f6here Kaufpreise.<\/p>\n<p>Dass die Finanzakteure dieser Welt inzwischen wie Junkies an der Notenbanknadel h\u00e4ngen, ist offenkundig, wenn man sich die Kurs-Fieberkurven im Vorfeld und nach den Zentralbank-Sitzungen anschaut. Tut sie\u2019s oder tut sie\u2019s nicht? Gemeint ist Janet Yellen von der Fed, die sich seit Monaten samt ihren Kollegen nicht traut, ihrem ersten Zinserh\u00f6hungsschritt vom vergangenen Dezember weitere folgen zu lassen. So wird systematisch das Vertrauen in die Rationalit\u00e4t der Zentralbank verspielt. Auf diese Weise machen sich Notenbanker zum Spielball der Finanzm\u00e4rkte und dokumentieren immer wieder aufs Neue, dass sie keine Exit-Strategie aus der Niedrigzinspolitik finden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Von der Eigenverantwortung zur Vergemeinschaftung<\/strong><\/p>\n<p>Zum Abschluss noch ein kleiner Ausflug in die Historie der Euro-Zone. Die begann mit einer Wette der Finanzm\u00e4rkte gegen die in den Maastricht-Vertr\u00e4gen verankerte \u201eNo-Bail-Out-Klausel\u201c. Denn h\u00e4tten die M\u00e4rkte geglaubt, dass jedes Euro-Mitglied tats\u00e4chlich f\u00fcr seine eigenen Schulden einsteht und bei \u00dcberschuldung kein Beistand geleistet wird, dann h\u00e4tten die professionellen Anleger dieser Welt den s\u00fcdeurop\u00e4ischen Euro-Krisenstaaten ihre Staatsanleihen nicht mit nur minimalen Zinsaufschl\u00e4gen gegen\u00fcber deutschen Staatspapieren abgekauft. Sie spekulierten darauf, dass die solventen Staaten schon in die Bresche springen. Die Rechnung ging ja bekanntlich auf. Die \u201eEnthaftung\u201c der privaten Gl\u00e4ubiger durch die Steuerzahler funktionierte.<\/p>\n<p>Damit begann das, was die Europ\u00e4ische Zentralbank als \u201elender oft the last resort\u201c jetzt schon Jahre praktiziert. Sie pumpt Liquidit\u00e4t in die M\u00e4rkte und kauft wie verr\u00fcckt, \u201ewhatever it takes\u201c. Sie fordert, wie Draghi diese Woche im Bundestag, gleichzeitig Strukturreformen bei der Politik ein \u2013 als da etwa w\u00e4ren h\u00f6heres Renteneintrittsalter, flexiblere Arbeitsm\u00e4rkte, solide Staatsfinanzen. Doch aktuelles politisches Handeln in Europa sieht anders aus: In Italien reduziert Renzi eben das Renteneintrittsalter f\u00fcr Teile des \u00f6ffentlichen Dienstes. In Portugal provoziert die linke Regierung mit ihrer Schuldenpolitik, dass am 21. Oktober noch die letzte Ratingagentur das \u201eRamsch\u201c-Verdikt ausspricht und dann wieder die europ\u00e4ischen Rettungsschirme aktiviert werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Kurzum<\/strong>: Die Notenbankpolitik des billigen Geldes untergr\u00e4bt systematisch die Reformwilligkeit in den Euro-Mitgliedstaaten. Damit ist die EZB Teil des Problems und nicht der L\u00f6sung.<\/p>\n<p><strong>Hinweis<\/strong>: Der Beitrag erschien am 2. Oktober 2016 in <a href=\"http:\/\/www.theeuropean.de\/\">&#8222;The European&#8220;<\/a><\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Den Zins haben sie abgeschafft. Sie kaufen Schrottpapiere von Staaten und Unternehmen. 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