{"id":20075,"date":"2016-11-13T12:00:47","date_gmt":"2016-11-13T11:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20075"},"modified":"2016-11-13T12:00:47","modified_gmt":"2016-11-13T11:00:47","slug":"gastbeitragkann-die-offene-gesellschaft-den-trumpismus-ueberstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20075","title":{"rendered":"<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br\/>Kann die offene Gesellschaft den Trumpismus \u00fcberstehen?"},"content":{"rendered":"<p>Nach der US-Wahl m\u00fcssen wir uns fragen: Wie k\u00f6nnen wir unsere liberale Weltordnung verteidigen und zugleich den Strukturwandel angehen, der Donald Trump gro\u00df gemacht hat? Die Antworten liegen in der Finanz- und Wirtschaftspolitik.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Mit der Wahl von Donald Trump zum Pr\u00e4sidenten der Vereinigten Staaten haben sich die schlimmsten Bef\u00fcrchtungen best\u00e4tigt. Nimmt der Pr\u00e4sident Trump die durchaus erratischen und unsachlichen Ank\u00fcndigungen des Kandidaten Trump ernst, droht uns unter anderem Protektionismus in seiner primitivsten Form. Von der Strafe f\u00fcr bilaterale deutsche Handelsbilanz\u00fcbersch\u00fcsse \u00fcber Strafz\u00f6lle f\u00fcr China bis hin zur K\u00fcndigung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens erscheint vieles m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Das k\u00f6nnte dann das Signal f\u00fcr andere L\u00e4nder sein, ebenfalls eine protektionistische Haltung einzunehmen. Das Horrorszenario w\u00e4re folgendes: Nicht nur die trans-pazifische Partnerschaft (TPP) und das transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP), sondern auch weitere geplante regionale Freihandelsabkommen wie zwischen der EU und Australien platzen dann, die Welthandelsorganisation (WTO) wird bedeutungslos, Handelskriege sorgen f\u00fcr \u00c4rger und Unverst\u00e4ndnis, die Weltwirtschaft ger\u00e4t in eine tiefe Rezessionen, die Arbeitslosigkeit weltweit steigt, und der Hass auf Ausl\u00e4nder steigt als Ergebnis. Diplomatische Beziehungen sind auf dem Tiefpunkt. Die offene Gesellschaft, die Frieden und Wohlstand erst erm\u00f6glicht, droht durch nationalistische Verwerfungen unterzugehen<\/p>\n<p>Dieses Szenario ist von der empirisch unzweifelhaften Erkenntnis gepr\u00e4gt, dass eine Welt der Autarkie derjenigen der offenen M\u00e4rkten unterlegen ist; sowohl mit Blick auf den Wohlstand als auch bezogen auf den Frieden. Dies ist seit den Zeiten eines Cordell Hull, des amerikanischen Au\u00dfenministers und Friedens-Nobelpreistr\u00e4ger, dem wir die Gr\u00fcndung der Vereinten Nationen und die Integration Deutschlands in die V\u00f6lkergemeinschaft nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken haben, eine millionenfach best\u00e4tigte Erkenntnis.<\/p>\n<p>Viele Beobachter, die sich nicht als Anh\u00e4nger Trumps verstehen, sehen dies allerings nicht und sympathisieren mit seinen handelspolitischen Vorschl\u00e4gen. Sie begreifen die Globalisierung als eines der wesentlichen Probleme der Gegenwart und die Ursache f\u00fcr die zunehmende Ungleichheit und Spaltung der Gesellschaft. Die ersten Kommentare zur Wahl Trumps deuten darauf hin, dass seine Position besonders im Feuilleton mehrheitsf\u00e4hig wird. Das w\u00e4re eine bittere Ironie der Geschichte.<\/p>\n<p>Und es w\u00e4re ein logischer Fehlschluss. Denn die Globalisierung &#8211; in altmodischer Formulierung die Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung &#8211; ist ein wesentlicher Faktor f\u00fcr die Steigerung des Wohlstandes in allen beteiligten L\u00e4ndern. Allerdings &#8211; und hier haben die Kritiker Recht &#8211; bewirkt internationaler Wettbewerb bei gleichzeitiger Technisierung nicht nur Vorteile f\u00fcr die Konsumenten und neue Arbeitspl\u00e4tze in der Exportindustrie, sondern eben auch den Verlust zahlreicher Arbeitspl\u00e4tze in den mit Importen konkurrierenden Unternehmen. Die Politik wie auch ihre Berater haben diese Verluste mit Sicherheit in ihren Wirkungen auf die Betroffenen untersch\u00e4tzt, genau wie sie die Chancen der Betroffenen, schnell einen neuen Arbeitsplatz zu finden, deutlich \u00fcbersch\u00e4tzt haben bzw. sich wie in den USA gar nicht erst um die Betroffenen gek\u00fcmmert haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Herkulesaufgaben<\/strong><\/p>\n<p>Daraus den Schluss zu ziehen, die Globalisierung m\u00fcsse zur\u00fcckgedreht werden, w\u00e4re allerdings fatal. Das dazugeh\u00f6rige Gleichungssystem lautet nicht: &#8222;Globalisierung = Verarmung weiterer Schichten&#8220; und &#8222;De-Globalisierung = R\u00fcckkehr von deren Jobs&#8220;. Vielmehr zerst\u00f6rt die De-Globalisierung weitere Jobs, weil sie die Arbeitsteilung behindert, ohne \u00fcber bessere Exportm\u00f6glichkeiten neue Jobs zu erzeugen. Mit konsequenter De-Globalisierung wird es zu dem oben skizzierten Szenario kommen.<\/p>\n<p>Es besteht somit objektiv nicht die Wahl zwischen Globalisierung und Autarkie; zwischen denen da drau\u00dfen und uns hier drinnen. Zu stark sind wir (und die Amerikaner, Mr President) mit der Welt verflochten, zu eng die Beziehungen. Dies ist ja auch durchaus positiv, denn offene M\u00e4rkte bedeuten Freiheit und mehr Alternativen. Diese Freiheit sollten wir verteidigen.<\/p>\n<p>Es muss also darum gehen, die liberale Weltordnung aufrechtzuerhalten und gleichzeitig den damit verbundenen Strukturwandel angemessen zu begleiten. Die Verteidiger der liberalen Ordnung sehen sich einer Herkulesaufgabe gegen\u00fcber. Die Beweislast liegt bei Ihnen. Eine echte Herausforderung, aber eine, die zu meistern sich lohnt. Zun\u00e4chst gilt es, s\u00e4mtliche Faktoren zu identifizieren, die zu Jobverlusten bzw. zu steigender Ungleichheit f\u00fchren. Da gibt es einige Kandidaten:<\/p>\n<p>&#8211; Nat\u00fcrlich f\u00fchrt gestiegener Wettbewerb durch Markt\u00f6ffnung dazu, dass Unternehmen aufgeben und Arbeitspl\u00e4tze obsolet werden. Das gilt aber auch bei Autarkie. Strukturwandel ist nicht zu verhindern.<\/p>\n<p>&#8211; Zu restriktive Arbeitsschutzgesetze tragen bisweilen dazu bei, dass die arbeitslosen Menschen zu lange arbeitslos bleiben. Dies betrifft aber nur Wenige.<\/p>\n<p>&#8211; Lange untersch\u00e4tzten die \u00d6konomen die desastr\u00f6sen Wirkungen einer Selbstbedienungsmentalit\u00e4t im Management von Unternehmen und Banken auf die Akzeptanz der Marktwirtschaft und des internationalen Handels. Dabei geht es nicht nur um die H\u00f6he von Geh\u00e4ltern und Boni, sondern auch um das Verhalten einer urbanen Elite, die den Eindruck vermittelt, ihr ginge es nur um ihren Spa\u00df, aber nicht um das Unternehmen und die Mitarbeiter. Wenn dann noch die Politik die Manger vor allem der Banken umschw\u00e4rmt, tr\u00e4gt dies zur Verdrossenheit der Menschen mit den Eliten bei.<\/p>\n<p>&#8211; Das kann man am besten damit zusammenfassen, dass der Eindruck von Menschen, Globalisierungsverlierer zu sein und aus der Mittelschicht abzurutschen, sich verfestigt, selbst wenn er objektiv in den wenigsten F\u00e4llen tr\u00e4gt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><strong>Keine wirtschaftshistorische Tr\u00e4umerei<\/strong><\/p>\n<p>&#8211; Nicht zu vergessen ist die Wirtschaftspolitik; sie tr\u00e4gt einen Gro\u00dfteil der Schuld.<\/p>\n<ul>\n<li>Auch die Bundesregierung nutzt jede Gelegenheit, externe Akteure, zum Beispiel chinesische Unternehmen f\u00fcr Absatzprobleme heimischer Unternehmen verantwortlich zu machen. Irgendwelche Strafz\u00f6lle werden die deutschen Stahlunternehmen dauerhaft nicht wettbewerbsf\u00e4higer bei Massenstahl machen. Das ist wie das Geschimpfe nur Populismus. Die wirtschaftlichen Wirkungen sind eher negativ.<\/li>\n<li>Gleiches gilt f\u00fcr diejenigen selbsternannten Handelsexperten in der Politik, zum Beispiel im EU-Parlament, die wortgewaltig auf TTIP oder das europ\u00e4ische-kanadische Abkommen (CETA) schimpfen. Sie heizen die Stimmung gegen Marktwirtschaft und Au\u00dfenhandel an und k\u00f6nnen selbst dann kaum zur\u00fcck zu einer rationalen Kritik finden, wenn sie mit ihrer Kritik auf eine positive Resonanz bei der Kommission oder bei den Mitgliedsl\u00e4ndern sto\u00dfen, wie in beiden F\u00e4llen geschehen.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Zudem ist es anreizinkompatible Steuerpolitik (zu hohe Grenzsteuern, zu geringe Bemessungsgrundlage; zu hohe Unternehmenssteuern), die Investitionen verhindert und f\u00fcr Kapitalexport sorgt.<\/li>\n<li>Gleichzeitig wird \u00f6ffentliches Geld verschwendet (siehe Flughafen Berlin als ein kleines Beispiel), das dann f\u00fcr andere Zwecke, vor allem f\u00fcr \u00f6ffentliche Investitionen fehlt.<\/li>\n<li>Auch sorgen die unklaren Zust\u00e4ndigkeiten in Europa und die als Mantra vorgetragenen Adressen zur Bedeutung der Europ\u00e4ischen Integration f\u00fcr eine gro\u00dfe Verdrossenheit \u2013 die Diskussion um die und die fehlende L\u00f6sung der Fl\u00fcchtlingskrise sowie der Eurokrise sorgen f\u00fcr Verdruss.<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>Einen wirklichen Beitrag zum Abbau der Mittelschicht bei gleichzeitiger gro\u00dfz\u00fcgiger Unterst\u00fctzung des reichsten Perzentils in Europa leistet die EZB. Mit ihrer keineswegs problemad\u00e4quaten Niedrigzinspolitik und Geldmengenexpansion enteignet sie Sparer, zerst\u00f6rt sie erfolgreiche Banken und pampert sie Investmentbanken. Das hilft zwar nicht Donald Trump, aber tr\u00e4gt dazu bei, dass viele Menschen das Vertrauen in Demokratie und Marktwirtschaft verlieren.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist die Agenda der Liberalen klar \u2013 gemeint sind Menschen mit liberaler Einstellung, keine Parteien. Die Argumente f\u00fcr eine offene Gesellschaft m\u00fcssen evidenzbasiert, aber mit dem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihre Kosten, also mit Empathie vorgetragen werden. Verlierer des Freihandels m\u00fcssen auf jeden Fall bessere Unterst\u00fctzung erfahren. Sozial- und Bildungspolitik sind in diesem Zusammenhang keine teuren Hindernisse f\u00fcr den Wohlstand, sondern Teile eines f\u00fcr die offene Gesellschaft konstitutiven Vertrages.<\/p>\n<p>Aber auch die Kritiker der Globalisierung sind gefordert. Ihre Argumente m\u00fcssen wieder sachlicher werden. Denn \u00fcber Details des Au\u00dfenhandels (z.B. Ausnahmen der Markt\u00f6ffnung) kann und muss man streiten. Die Form entscheidet hier. Kritisiert man sachlich, k\u00f6nnen die Menschen der Diskussion etwas abgewinnen. Gehen die Kritiker mit Gebr\u00fcll vor, sind die Menschen verunsichert. Gewinner sind nur die radikalen Postfaktiker wie Trump oder die AfD, aber auf keinen Fall die vom Strukturwandel negativ Betroffenen.<\/p>\n<p>Wenn der Wahlausgang in den USA eine klare Botschaft hatte, dann doch diese: Die offene Gesellschaft kann nur prosperieren, wenn \u201eWohlstand f\u00fcr alle\u201c keine wirtschaftshistorische Tr\u00e4umerei ist.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach der US-Wahl m\u00fcssen wir uns fragen: Wie k\u00f6nnen wir unsere liberale Weltordnung verteidigen und zugleich den Strukturwandel angehen, der Donald Trump gro\u00df gemacht hat? &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20075\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201e<font size=3; color=grey>Gastbeitrag<\/font><br \/>Kann die offene Gesellschaft den Trumpismus \u00fcberstehen?\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n<p><!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on wp_trim_excerpt --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on wp_trim_excerpt --><\/p>\n","protected":false},"author":237,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1200,7,2170,39,2323,1506],"tags":[2251,2211,109,1203],"class_list":["post-20075","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-freihandlerisches","category-globales","category-handelspolitisches","category-interventionistisches","category-migrationspolitisches","category-weltwirtschaftliches","tag-donald-trump","tag-freihandelsabkommen","tag-globalisierung","tag-ttip"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.2 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>GastbeitragKann die offene Gesellschaft den Trumpismus \u00fcberstehen? 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