{"id":20126,"date":"2016-12-04T00:01:34","date_gmt":"2016-12-03T23:01:34","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20126"},"modified":"2016-12-03T17:52:26","modified_gmt":"2016-12-03T16:52:26","slug":"ein-plaedoyer-fuer-das-ende-staatlicher-wachstumspolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20126","title":{"rendered":"Ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr das Ende staatlicher Wachstumspolitik"},"content":{"rendered":"<p>Eines der Prim\u00e4rziele der deutschen Wirtschaftspolitik ist seit jeher die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums. Ein Blick in die Vergangenheit zeigt hierzulande eine verl\u00e4ssliche Wachstumsrate im \u00c2\u00a0niedrigen einstelligen Bereich. Auch von den Krisenjahren, die auf den globalen Zusammenbruch der Finanzm\u00e4rkte folgten, \u00c2\u00a0erholte sich die deutsche Wirtschaft rasch und nimmt in der Europ\u00e4ischen Union seit Jahren wieder eine Vorreiterposition in Sachen wirtschaftlicher Leistungsf\u00e4higkeit ein. Davon sollte eigentlich auch der einzelne deutsche Bundesb\u00fcrger profitieren. Schlie\u00dflich w\u00e4chst mit der Wirtschaftsleistung im Durchschnitt auch das individuelle Einkommen; und damit steigt der Verf\u00fcgungsrahmen f\u00fcr den Konsum von Waren und Dienstleistungen. Der Bundesb\u00fcrger h\u00e4tte demzufolge allen Grund, mit jedem Zuwachs an Einkommen ein wenig gl\u00fccklicher zu werden. Doch laut den Ergebnissen der empirischen Gl\u00fccksforschung entspricht das nicht der Realit\u00e4t.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"\/wordpress\/bilder\/neumann1.png\"><img decoding=\"async\" class=\"centered\" title=\"claschabb1\" src=\"\/wordpress\/bilder\/neumann1.png\" alt=\"claschabb1\" width=\"400\" \/><\/a><\/p>\n<p>Dass \u00c2\u00a0Einkommen allein nicht gl\u00fccklich macht, und dass mehr Einkommen einen Menschen (langfristig) daher auch nicht gl\u00fccklicher werden l\u00e4sst, ist keine Entdeckung aktueller Studien. In der Literatur ist dieses Ph\u00e4nomen als das Easterlin-Paradoxon schon seit langem bekannt. Richard Easterlin (1974) untersuchte in einer internationalen Langzeitbefragung den Zusammenhang von Wohlbefinden und Wohlstand \u2013 und er fand erstaunlicherweise eben keinen langfristigen positiven Zusammenhang. Dieses auf den ersten Blick merkw\u00fcrdige Ergebnis konnte er nicht erkl\u00e4ren, \u00e4u\u00dferte aber die Vermutung, dass der Status und damit die relative Position in der Gesellschaft eine bedeutende Erkl\u00e4rungsgr\u00f6\u00dfe f\u00fcr die Lebenszufriedenheit des Einzelnen sei; und dass zudem unbewusste Anpassungs- bzw. Gew\u00f6hnungseffekte an Wohlstand das Wohlbefinden schlie\u00dflich auf einem unver\u00e4nderten Level beruhen lie\u00dfen. Letzteren Gedanken erkl\u00e4rt die sogenannte Adaptionstheorie: Wer auf der Einkommensleiter nach oben klettert, wird durch jeden Einkommenszuwachs zufriedener. Doch dieser Effekt ist kurzfristiger Natur, da der Mensch sich an das zus\u00e4tzliche Einkommen schnell gew\u00f6hnt. Sein Wohlbefinden geht dann stets wieder zur\u00fcck auf das Ausgangsniveau. So strampeln die Menschen \u2013 nach der Theorie der Gl\u00fcckforscher \u2013 wie in einer Tretm\u00fchle erfolglos ihrem Gl\u00fcck nach. Sie strampeln sich ab, erzielen zunehmend h\u00f6here Einkommen, werden aber nicht dauerhaft gl\u00fccklicher.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte in den letzten Jahren zu scheinbar sinnvollen, interessant klingenden Ideen, wie wirtschaftspolitische Ma\u00dfnahmen das Wohlbefinden der Menschen f\u00f6rdern k\u00f6nnten und sollten. So zielte etwa ein ge\u00e4u\u00dferter Vorschlag auf eine h\u00f6here Besteuerung des Arbeitseinkommens ab. Der Mensch w\u00fcrde dann, so die Idee, weniger arbeiten. Ein Ausstieg aus der Tretm\u00fchle werde erzwungen, und der Zuwachs an Freizeit h\u00e4tte eine positive Auswirkung auf das Wohlbefinden. Andere \u2013 in der Politik eher beachtete Ans\u00e4tze \u2013 dienen der k\u00fcnstlichen Ankurbelung der Wirtschaftsleistung, um mit mehr Durchschnittseinkommen immer wieder Gl\u00fccksmomente zu erzeugen (und damit Wahlen zu gewinnen).<\/p>\n<p>Auch Inglehart et al. (2008) werteten in einer Studie Daten (und zwar jene des World Values Survey seit 1981) zur Erkl\u00e4rung des subjektiven Wohlbefindens aus. Ihre Analyse ist multivariat; sie betrifft auch Themenbereiche wie Religion, Gesellschaftsform oder multikulturelles Zusammenleben. Inglehart et al. (2008) wiesen in ihrer Analyse zum Beispiel einen markanten Zusammenhang von subjektivem Wohlbefinden und Religiosit\u00e4t nach. So zeigen Menschen in vielen L\u00e4ndern S\u00fcdamerikas \u2013 wo Menschen als besonders religi\u00f6s gelten \u2013 trotz eines geringen Pro-Kopf-Einkommens ein hohes subjektives Wohlbefinden. Die tiefe Verbundenheit mit dem Glauben erzeugt m\u00f6glicherweise eine st\u00e4rkere positive Wirkung auf das Wohlbefinden als ein h\u00f6herer Wohlstand und wird daher nicht von dem in diesen L\u00e4ndern geringen Einkommen \u00fcberlagert. Neben der Religiosit\u00e4t erweisen sich vor allem aber der Ausbau der demokratischen Gesellschaftsform und die Toleranz gegen\u00fcber Randgruppen als wesentliche Einflussgr\u00f6\u00dfen auf das subjektive Wohlbefinden. Andere Quellen zeigen, dass eine gute Vertrauensbasis in der Gesellschaft oder gut ausgebaute demokratische Mitspracherechte die Lebenszufriedenheit steigern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich des Status und seiner Auswirkungen auf das Wohlbefinden gilt in der Literatur die seinerzeitige Vermutung Easterlins inzwischen als best\u00e4tigt: Der Vergleich mit einer Referenzperson oder mit einer Referenzgruppe sowohl in der Gegenwart als auch im Zeitverlauf haben eine bedeutende Wirkung auf das eigene Wohlbefinden:<\/p>\n<p>Dem Menschen geht es bei der Beurteilung seiner Zufriedenheit nicht allein um sein eigenes Einkommen oder Verm\u00f6gen, sondern er ber\u00fccksichtigt auch die Personen in seinem Umfeld hinsichtlich ihres Einkommens und ihres Besitzes; zudem zieht er Status-Vergleiche. Verdient eine Vergleichsperson mehr, wirkt sich dies negativ auf das eigene Wohlbefinden aus. Unabh\u00e4ngig von der H\u00f6he des eigenen Einkommens l\u00e4sst den Menschen ein h\u00f6heres Einkommen des eigenen Nachbarn ungl\u00fccklicher werden mit der eigenen Situation. Zudem bestimmt sich das eigene Wohlbefinden zus\u00e4tzlich durch den Vergleich der eigenen Einkommensentwicklung im Zeitverlauf. Wenn das Vergangenheitseinkommen niedriger ist als das Gegenwartseinkommen, folgt daraus eine h\u00f6here Lebenszufriedenheit. Vice versa wird das Wohlbefinden negativ beeintr\u00e4chtigt, wenn das Vergangenheitseinkommen h\u00f6her war, als es das Gegenwartseinkommen ist. Beim Vergleich mit einer Referenzgruppe steigt das eigene Wohlbefinden an, wenn bei der Referenzgruppe eine positive Einkommensentwicklung erkennbar ist. Dies ist auch bekannt als Tunneleffekt: Die positive Einkommensentwicklung anderer l\u00e4sst jeden Menschen f\u00fcr sich selbst ebenfalls diese positive Entwicklung erhoffen. War die Referenzgruppe aber schon immer wohlhabender, ist der Effekt auf das Wohlbefinden hingegen negativ.<\/p>\n<p>Der Mensch vergleicht sich gerne und oft. Solche Vergleichsprozesse haben eine beachtliche Wirkung auf unser Wohlbefinden. Dieser Tatsache muss die Politik Rechnung tragen. Aber wie kann eine Wachstumspolitik dem gerecht werden? Ist es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, dem gerecht zu werden? Wachstumspolitik kann \u2013 und selbst dies ist umstritten \u2013 bestenfalls das Durchschnittseinkommen heben. \u00dcblicherweise geht dabei Wachstum aber mit einer auseinandergehenden Einkommensschere einher. Die h\u00f6heren Einkommen profitieren also st\u00e4rker als die niedrigeren Einkommen; die Bezieher der niedrigeren Einkommen werden damit selbst dann ungl\u00fccklicher, wenn ihre eigenen Einkommen steigen. Das k\u00fcnstlich mit Staatsma\u00dfnahmen zu befeuern ist keine gute Politik f\u00fcr alle.<\/p>\n<p>Einerseits sind die meisten Menschen bestrebt, sich durch Erwerbsarbeit ihr Einkommen zu sichern und dieses durch eine berufliche Karriere auch zu vergr\u00f6\u00dfern. Das bedeutet einen Zuwachs an Status und Zufriedenheit. Der eigene Aufstieg macht gl\u00fccklich. Andererseits: Was hier des einen Freud ist, ist des anderen Leid: Wer von seinen Referenzpersonen bei ihrem Aufstieg \u00fcberholt wird, ist ungl\u00fccklich. Das individuelle Gl\u00fcck ist im gesellschaftlichen Kontext gesehen also stets relativ. Es muss daher irrelevant sein f\u00fcr eine Wirtschaftspolitik, die allen Menschen dienen soll.<\/p>\n<p>L\u00f6sungsans\u00e4tzen, die mit wirtschaftspolitischen Ma\u00dfnahmen das subjektive Gl\u00fcck der Menschen via Wirtschaftswachstum und Einkommensanstiegen steigern wollen, ist daher eine klare Absage zu erteilen. Wesentlich besser ist es, auf demokratischen Diskurs, auf Toleranz und auf wirtschaftliche Freiheit zu setzen. Diese Elemente sind nachweislich geeignet, die Lebenszufriedenheit aller Menschen einer Gesellschaft gleichzeitig zu erh\u00f6hen. Staatliche Ma\u00dfnahmen zum Wirtschaftswachstum sind es hingegen nicht. Wenn aus Rechtsstaatlichkeit, Toleranz und Freiheit heraus Fortschritt entsteht und dadurch die wirtschaftliche Leistung eines Landes ansteigt, so ist solcherart entstandenes Wachstum ein erfreulicher Nebeneffekt. Es sollte aber nicht das Ziel der Politik sein.<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p>Easterlin, R. (1974): Does Economic Growth Improve the Human Lot? Some Empirical Evidence, in Nations and Households in Economic Growth: Essays in Honor of Moses Abramovitz, New York: Academic Press, S. 89-125.<\/p>\n<p>Inglehart, R.F. \/ Foa, R. \/ Peterson C. \/ Welzel, C. (2008): Development, Freedom and Rising Happiness \u2013 A Global Perspective (1981-2007), Perspectives on Psychological Science, 3, Nr. 4, S. 264-285.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines der Prim\u00e4rziele der deutschen Wirtschaftspolitik ist seit jeher die Ankurbelung des Wirtschaftswachstums. 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