{"id":20212,"date":"2016-12-11T08:43:50","date_gmt":"2016-12-11T07:43:50","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20212"},"modified":"2024-05-01T16:22:49","modified_gmt":"2024-05-01T15:22:49","slug":"die-waehrungspolitischen-beschluesse-von-maastricht-eine-gefahr-fuer-europadas-manifest-der-62-vom-11-juni-1992","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20212","title":{"rendered":"Die w\u00e4hrungspolitischen Beschl\u00fcsse von Maastricht: Eine Gefahr f\u00fcr Europa<br\/><font size=3; color=grey>Das Manifest der 62 vom 11. Juni 1992<\/font>"},"content":{"rendered":"<p>1. Eine Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion kann als erstrebenswertes Ziel des europ\u00e4ischen Integrationsprozesses angesehen werden. Die Beschl\u00fcsse von Maastricht sind allerdings in entscheidenden Punkten ungeeignet, dieses Ziel angemessen zu verwirklichen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>2. Eine funktionsf\u00e4hige Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion erfordert als Vorbedingung eine dauerhafte \u2013 \u00fcber mehrere Jahre hinweg nachgewiesene \u2013 Angleichung der relevanten Wirtschaftsstrukturen der Mitgliedsl\u00e4nder. Eine einmalige \u2013 stichtagsbezogene \u2013 und damit mehr oder weniger zuf\u00e4llige Erf\u00fcllung einzelner Kriterien ist kein Nachweis der erforderlichen Konvergenz.<\/p>\n<p>3. Die in Maastricht festgelegten Konvergenzkriterien sind zu weich. So ist unter anderem nicht irgendeine relative, sondern allein eine in absoluten Werten definierte Preisniveaustabilit\u00e4t als \u00f6konomische Vorbedingung f\u00fcr den Eintritt in die Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion zu fordern.<\/p>\n<p>4. Der endg\u00fcltig fixierte Termin f\u00fcr die Realisierung der W\u00e4hrungsunion (1. Januar 1999) wird eine politische Eigengesetzlichkeit gegen\u00fcber den vereinbarten Konvergenzkriterien nach sich ziehen: Ist der Zeitpunkt erreicht, besteht die Gefahr, dass insbesondere das Inflationskriterium und das Defizitkriterium einer ,tragbaren Finanzlage der \u00f6ffentlichen Hand\u2019 politisch verw\u00e4ssert werden, um Diskriminierungen einzelner L\u00e4nder zu vermeiden.<\/p>\n<p>5. Die europ\u00e4ische Zentralbank wird \u2013 trotz weitgehender Unabh\u00e4ngigkeit \u2013 Preisstabilit\u00e4t in Europa nicht durchsetzen, weil es f\u00fcr sie aufgrund unterschiedlicher Interessen der nationalen Entscheidungstr\u00e4ger keinen gen\u00fcgend starken Anreiz gibt, dies zu wollen. Die pers\u00f6nliche Unabh\u00e4ngigkeit der Gouverneure ist nicht gesichert, und Sanktionen bei Verletzung des Stabilit\u00e4tsziels fehlen.<\/p>\n<p>6. Als Voraussetzung f\u00fcr eine erfolgreiche Politik der Preisstabilit\u00e4t m\u00fcsste die Europ\u00e4ische Zentralbank auch die Wechselkurskompetenz gegen\u00fcber Drittlandsw\u00e4hrungen besitzen. Da diese Kompetenz\u00fcbertragung nicht vorgesehen ist, besteht die Gefahr, dass \u00fcber politische Einflussnahme auf die Wechselkurse die Geldpolitik stabilit\u00e4tswidrig konterkariert wird. Dies gilt gleicherma\u00dfen f\u00fcr die Tatsache, dass Kapitalverkehrskontrollen gegen\u00fcber Drittl\u00e4ndern immer noch m\u00f6glich sind.<\/p>\n<p>7. Einen Konsens, Preisstabilit\u00e4t als Priorit\u00e4t zu betrachten, wie er traditionell in Deutschland vorliegt, gibt es in Gesamteuropa bisher noch nicht. Nur mit einem solchen Konsens, den Notenbank, Regierung und Bev\u00f6lkerung gemeinsam tragen, kann jedoch eine konsequente Stabilit\u00e4tspolitik verfolgt werden, da diese unter anderem der Unterst\u00fctzung der Lohnpolitik und der Finanzpolitik des Staates bedarf.<\/p>\n<p>8. Die \u00f6konomisch schw\u00e4cheren europ\u00e4ischen Partnerl\u00e4nder werden bei einer gemeinsamen W\u00e4hrung einem verst\u00e4rkten Konkurrenzdruck ausgesetzt, wodurch sie aufgrund ihrer geringeren Produktivit\u00e4t und Wettbewerbsf\u00e4higkeit wachsende Arbeitslosigkeit erfahren werden. Hohe Transferzahlungen im Sinne eines \u201eFinanzausgleichs\u201c werden damit notwendig. Da bisher noch keine Vereinbarungen \u00fcber die Struktur einer politischen Union existieren, fehlt hierf\u00fcr jedoch ein demokratisch hinreichend legitimiertes Regelungssystem.<\/p>\n<p>9. Zur Zeit gibt es daher kein \u00f6konomisch zwingendes Argument daf\u00fcr, von oben eine monet\u00e4re Einheit auf ein wirtschaftlich, sozial und interessenpolitisch noch uneiniges Europa zu st\u00fclpen. Die Verwirklichung des EG-Binnenmarktes ben\u00f6tigt oder erzwingt keineswegs eine gemeinsame europ\u00e4ische W\u00e4hrung.<\/p>\n<p>10. Die \u00fcberhastete Einf\u00fchrung einer Europ\u00e4ischen W\u00e4hrungsunion wird Westeuropa starken \u00f6konomischen Spannungen aussetzen, die in absehbarer Zeit zu einer politischen Zerrei\u00dfprobe f\u00fchren k\u00f6nnen und damit das Integrationsziel gef\u00e4hrden.<\/p>\n<p>11. Die Beschl\u00fcsse von Maastricht, nicht die Kritik an ihnen, gef\u00e4hrden ein konfliktarmes Zusammenwachsen in Europa.<\/p>\n<p>Das <strong>Memorandum<\/strong> ist unterzeichnet von folgenden Wirtschaftswissenschaftlern:<\/p>\n<p>Ulrich Ba\u00dfeler, Berlin; Dieter Bender, Bochum; Hartmut Berg, Dortmund; Norbert Berthold, W\u00fcrzburg; Reinhold Biskup, Hamburg; Rolf Caesar, Hohenheim; Wolfgang Cezanne, Berlin; Dietrich Dickertmann, Trier; Dieter Duwendag, Speyer; Hans-Hermann Francke, Freiburg; Wilfried Fuhrmann, Paderborn; G\u00fcnter Gabisch, G\u00f6ttingen; Otto Gandenberger, M\u00fcnchen; A. Ghanie Ghaussy, Hamburg; Herbert Giersch, Kiel; Heinz Grosseketteler, M\u00fcnster; Harald Hagemann, Hohenheim; Karl-Heinrich Hansmeyer, K\u00f6ln; Karl-Hans Hartwig, Bochum; Rolf Hasse, Hamburg; Klaus Herdzina, Hohenheim; Franz Holzheu, M\u00fcnchen; Lothar H\u00fcbl, Hannover; Harald J\u00fcrgensen, Hamburg; Dietmar Kath, Duisburg; Wim K\u00f6sters, Bochum; Franz Peter Lang, Braunschweig; Hans-Otto Lenel, Mainz; Helga Luckenbach, Gie\u00dfen; Klaus Mackscheidt, K\u00f6ln; Manfred J. M. Neumann, Bonn; Peter Oberender, Bayreuth; Renate Ohr, Hohenheim; Hans-Georg Petersen, Gie\u00dfen; Reinhard Pohl, Berlin; Rudolf Richter, Saarbr\u00fccken; Klaus Rose, Mainz; Gerhard R\u00fcbel, Passau; Bert R\u00fcrup, Darmstadt; Wolf Sch\u00e4fer, Hamburg; Karl Schiller, Hamburg; Hans-J\u00fcrgen Schmahl, Hamburg; Ingo Schmidt, Hohenheim; Dieter Schmidtchen, Saarbr\u00fccken; J\u00fcrgen Schr\u00f6der, Mannheim; Jochen Schumann, M\u00fcnster; Friedrich A. Sell, Gie\u00dfen; J\u00fcrgen Siebke, Heidelberg; Heinz-Dieter Smeets, D\u00fcsseldorf; Johann von Stein, Hohenheim; Gunter Steinmann, Paderborn; J\u00f6rg Thieme, D\u00fcsseldorf; Roland Vaubel, Mannheim; Hans-J\u00fcrgen Vosgerau, Konstanz; Christian Watrin, K\u00f6ln; Johannes Welcker, Saarbr\u00fccken; Robert von Weizs\u00e4cker, Halle; Eberhard Wille, Mannheim; Manfred Willms, Kiel; Artur Woll, Siegen; Werner Zohlnh\u00f6fer, Mainz.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Eine Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion kann als erstrebenswertes Ziel des europ\u00e4ischen Integrationsprozesses angesehen werden. 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