{"id":20304,"date":"2017-01-03T00:01:22","date_gmt":"2017-01-02T23:01:22","guid":{"rendered":"http:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20304"},"modified":"2017-01-02T17:31:43","modified_gmt":"2017-01-02T16:31:43","slug":"populaere-autokraten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wirtschaftlichefreiheit.de\/wordpress\/?p=20304","title":{"rendered":"Popul\u00e4re Autokraten"},"content":{"rendered":"<p>Das Handelsblatt titelte j\u00fcngst mit dem \u201eJahr der Autokraten\u201c. Tats\u00e4chlich d\u00fcrfte das Jahr 2016 das vorerst dunkelste Jahr f\u00fcr die Geschichte der Demokratie nach dem Umbruchjahr 1989 sein. Ein Ende ist leider nicht absehbar, denn dem Beispiel Russlands, der T\u00fcrkei, Ungarns und Polens k\u00f6nnen leicht weitere folgen, und dies sind ja nur die L\u00e4nder im europ\u00e4ischen Umfeld. Zwar d\u00fcrfen wir hoffen, dass der Spuk in Ungarn und Polen in absehbarer Zeit einmal ein Ende findet, aber sicher ist das auf keinen Fall. Und es k\u00f6nnte noch schlimmer kommen, denn mindestens in Frankreich und in den Niederlanden lauern weitere Gefahren. Alle diese Beispiele erinnern uns daran, dass Diktaturen keineswegs immer von einer elit\u00e4ren, zumeist milit\u00e4rischen Clique im Wege eines Putsches installiert wurden. Es ist nur so, dass uns diese F\u00e4lle durch die Nachkriegsgeschichte Mittel- und Osteuropas und Lateinamerikas zuletzt so gel\u00e4ufig geworden waren. In Lateinamerika installierten die Milit\u00e4rf\u00fchrer die rechten Diktaturen und im Osten errichteten die (Post-)Stalinisten und Maoisten die linken Diktaturen. Allesamt aber wurden diese Diktaturen der Bev\u00f6lkerung von oben aufgezwungen. Popul\u00e4re Diktatoren oder solche, die es zumindest zun\u00e4chst einmal waren, finden wir in der Nachkriegszeit haupts\u00e4chlich in der islamischen Welt, und hierf\u00fcr haben wir mit dem Islamismus eine scheinbar naheliegende Erkl\u00e4rung.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Diese Erkl\u00e4rung war von Beginn an allerdings nur scheinbar naheliegend, und sie erweist sich gerade heute als weder ab- noch ausschlie\u00dfend. Denn nach einer langanhaltenden Welle der Demokratisierung m\u00fcssen wir ausgerechnet bei uns im Westen mitansehen, dass popul\u00e4re Autokraten wie Pilze aus dem Boden schie\u00dfen. Wenn sie nicht gleich handfeste Diktatoren sind, so kommen sie doch zumindest als Ver\u00e4chter rechtsstaatlicher Schranken daher, die sich \u00fcber die etablierten Mechanismen der Gewaltenteilung ebenso lustig machen wie \u00fcber die Werte des liberalen Staats und nicht zuletzt auch der Toleranz. Der Applaus scheint ihnen \u00fcberall sicher, und ebenso erzielen sie fast \u00fcberall zweistellige Zustimmungsraten, auch in unserem eigenen Land. Daher haben wir auch hierzulande wenig Grund, erhaben auf die USA, auf Ungarn oder Polen zu blicken, denn wenn wir die Zustimmung zu rechten und linken Populisten zusammenz\u00e4hlen, so kommen wir schon bundesweit auf mindestens 20 Prozent, in manchen Gegenden aber auch in satte absolute Mehrheiten.<\/p>\n<p>Woran liegt es, dass ausgerechnet jene so popul\u00e4r sind, welche die Kontrolle der Politik durch die \u00d6ffentlichkeit systematisch zur\u00fcckdr\u00e4ngen, indem sie die Pressefreiheit einschr\u00e4nken, Verfassungsgerichte kaltstellen und Mitbewerber mit Methoden auszustechen sich bem\u00fchen, welche mit einem fairen demokratischen Wettbewerb nicht viel gemein haben? Die vielleicht beliebteste Theorie handelt von der vergessenen Mehrheit, von den unteren Einkommensklassen, den Verlierern der Wiedervereinigung, den wei\u00dfen Arbeitern in den USA oder der Landbev\u00f6lkerung in den Transformationsstaaten, welche von den politischen und intellektuellen Eliten links liegen gelassen wurde. Alle sie f\u00fchlen sich in ihren Interessen nicht wahrgenommen, reiben sich angesichts abgehobene Gender- und Queer-Debatten die Augen, die vielen Linksliberalen wichtiger zu sein scheinen als die dr\u00e4ngenden Probleme der kleinen Leute, und so suchen diese kleinen Leute schlie\u00dflich ihr Heil bei jenen, die versprechen, das ganze angeblich korrupte System auszuhebeln und den Weg (zur\u00fcck) in bessere Zeiten zu ebnen.<\/p>\n<p>An dieser Erkl\u00e4rung mag etwas Wahres sein, und die verst\u00f6rend absurden Diskussionen mancher professioneller Selbstverwirklicher k\u00f6nnen einem in der Tat auf die Nerven gehen, keine Frage. Aber ein differenzierterer Blick auf die Lebensumst\u00e4nde der tats\u00e4chlich oder vermeintlich vergessenen Gruppen in den jeweiligen L\u00e4ndern n\u00e4hrt dann doch Zweifel an der These, dass das alles allein schon zur Erkl\u00e4rung ausreicht. So sind die \u00f6konomischen und verteilungspolitischen Hintergr\u00fcnde zwischen den L\u00e4ndern durchaus sehr unterschiedlich. In manchen L\u00e4ndern gibt es tats\u00e4chlich Verlierergruppen, manchmal in absoluten Einkommenseinheiten, wie in den USA, manchmal aber nur in Relation zum Einkommen der Gewinner, und in wieder anderen L\u00e4ndern, wie zum Beispiel in Deutschland, gibt es eine solche Gruppe trotz popul\u00e4rer und stoisch wiederholter Behauptungen des Gegenteils eigentlich \u00fcberhaupt nicht. Auch gibt es abgehobene Selbstverwirklichungs-Diskussionen nicht \u00fcberall oder zumindest nicht in vergleichbarem Ausma\u00df, und so sind die Bedingungen, unter denen sich ein erheblicher Teil der B\u00fcrger von dem abwendet, was er als das Elitesystem wahrnimmt, je nach Land sehr unterschiedlich ausgepr\u00e4gt, und zwar in Form und Ausma\u00df. Hinzu kommt, dass sich das W\u00e4hlerpotenzial der Populisten keineswegs allein aus der Gruppe der tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen Verlierer rekrutiert.<\/p>\n<p>Dass also das Sein das Bewusstsein bestimme, wie es der alte Marx behautet hatte, ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Mit dem einfachen Verweis darauf, dass der in der unteren H\u00e4lfte der Einkommens-, Bildungs- und Verm\u00f6gensverteilung befindliche Teil der Bev\u00f6lkerung von der Politik vergessen worden w\u00e4re <em>und<\/em> deshalb nun den Heilsversprechen am Rande oder gar au\u00dferhalb des demokratischen Spektrums sein Heil sucht, kommt man der Sache also nur bedingt n\u00e4her.<\/p>\n<p>Die Probleme liegen offenkundig tiefer. Um ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr zu entwickeln, was inzwischen selbst die lange etablierten Demokratien zu destabilisieren droht, sollten wir uns einen Moment der Frage zuwenden, was sie bisher stabilisiert hat. Ganz selbstverst\u00e4ndlich haben wir angenommen, dass die W\u00e4hler ihre Entscheidungen gut \u00fcberlegt treffen, weil das Gegenteil davon ausgerechnet dem Souver\u00e4n der Demokratie die Urteilsf\u00e4higkeit absprechen w\u00fcrde und weil man mit dem Gegenteil einen scheinbar elit\u00e4ren Ansatz verfolgt. Aber dieser Schluss ist keineswegs zwingend, wenn man bedenkt, dass Wahlentscheidungen auch unter v\u00f6llig vern\u00fcnftigen Menschen ganz anderen Mechanismen folgen als private Entscheidungen. Das liegt daran, dass sich jeder einzelne W\u00e4hler der geringen Wahrscheinlichkeit bewusst sein muss, mit der er \u00fcberhaupt einen Einfluss auf ein Wahlergebnis hat. V\u00f6llig vern\u00fcnftige Menschen, die private Entscheidungen sehr detailliert und problemorientiert vorbereiten, legen bei Wahlentscheidungen daher ein v\u00f6llig anderes Informationssuchverhalten an den Tag. Insbesondere gleichen sie ihre politischen Meinungen in viel st\u00e4rkerem Ma\u00dfe mit jenen ihres sozialen Umfeldes ab. Das ist unter den spezifischen Bedingungen individueller Wahlentscheidungen auch durchaus vern\u00fcnftig, weil es erstens den Informationsaufwand verringert und weil es zweitens innere Konflikte um das abbaut, was man selbst als wahr und gut empfindet, im Vergleich zu dem, was andere als wahr und gut empfinden. Solche Konflikte sind unangenehm, und sie abzubauen, verursacht bei einer Wahlentscheidung im Gegensatz zu einer privaten Entscheidung f\u00fcr den einzelnen W\u00e4hler praktisch keine Kosten. Daher ist es f\u00fcr ein Individuum durchaus vern\u00fcnftig, sich dem Strom der Meinungsbildung anzupassen. Was in einer privaten Entscheidung v\u00f6llig irrational w\u00e4re, weil es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu falschen und damit wom\u00f6glich verlustreichen Entscheidungen f\u00fchrte, kann man sich in der Wahlentscheidung leisten, weil es mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Auswirkungen auf das Wahlergebnis hat und damit auch kaum je teuer werden kann.<\/p>\n<p>Diese beiden Effekte gestalten eine kollektive Entscheidungsstruktur, welche in der Sprache der Theorie multiple Gleichgewichte enth\u00e4lt. Demnach kann es sein, dass die \u00d6ffentlichkeit \u00fcber eine lange Zeit stabil einer bestimmten, weitgehend konsensualen Meinung zuneigt. Die Stabilit\u00e4t eines solchen Meinungsgleichgewichts speist sich daraus, dass gen\u00fcgend Menschen der betreffenden Meinung zuneigen, was diese Meinung f\u00fcr weitere Menschen attraktiv macht. Damit kann man beispielsweise erkl\u00e4ren, warum Menschen innerhalb verschiedener L\u00e4nder oder Regionen kollektiv oft bestimmten gemeinsamen Meinungen zuneigen, obwohl das ganze Spektrum der Meinungen \u00fcber die Grenzen der einzelnen L\u00e4nder oder Regionen hinaus dann doch sehr vielschichtig ist. Das gilt dann auch in Kreisen, deren Mitglieder als individuell und rational abw\u00e4gend gelten. Man denke nur daran, dass deutsche, franz\u00f6sische und angels\u00e4chsische Wirtschaftsprofessoren in makro\u00f6konomischen Fragen jeweils traditionell unterschiedlichen Konzepten zuneigen, obwohl man doch gerade f\u00fcr sie annehmen sollte, dass allein die Suche nach der Wahrheit handlungsleitend sei. Die h\u00f6chst unterschiedlichen Haltungen einer Mehrheit der jeweiligen Bev\u00f6lkerung in den EU-Staaten zum Fl\u00fcchtlingsstrom im Jahre 2015 sind ebenfalls aufgrund solcher multipler Gleichgewichte erkl\u00e4rbar. Solche \u00fcber manchmal lange Zeit stabilen Meinungsgleichgewichte k\u00f6nnen allerdings in neue Gleichgewichte umschlagen, wenn es hinreichend starke Ver\u00e4nderungen in der Informationslage oder in jenem Teil der Meinungsbildung gibt, welcher nach wie vor ganz allein auf eigenen \u00dcberlegungen und Einsch\u00e4tzungen beruht. Die kollektive Meinungsbildung in einem Umfeld multipler Gleichgewichte l\u00e4sst sich vergleichen mit dem Bild einer Kugel, die in irgendeines von verschiedenen T\u00e4lern gerollt und dort in einen stabilen Ruhezustand gelangt ist. Diese Kugel wird dann und nur dann in ein anderes Tal rollen und dort wiederum in einen neuen Ruhezustand gelangen, wenn es zuvor von au\u00dfen \u00fcber den Kamm oder Gipfel eines trennenden H\u00fcgels geschoben wurde.<\/p>\n<p>Was also hat, sagen wir in der Nachkriegszeit, die \u00f6ffentliche Meinungsbildung der heute etablierten Demokratien in einem Gleichgewichtszustand stabilisiert, in einem Meinungstal gewisserma\u00dfen, welches die Demokratie in jener Form vor einflussreichen Feinden gesch\u00fctzt hat, in der wir sie kennen und sch\u00e4tzen? Die Antwort k\u00f6nnte lauten, dass es ausgerechnet der grundlegende Verteilungskonflikt war, wie er sich relativ einfach in ein Schema von \u201elinks\u201c und \u201erechts\u201c einordnen lie\u00df und wie er zudem durch den Systemwettbewerb zwischen Kapitalismus und Kommunismus vorstrukturiert wurde. Die Mitglieder b\u00fcrgerlich-wohlhabender Kreise haben sich \u00fcberall um die konservativen Parteien herum gruppiert im Wissen darum, dass es weiter rechts davon keine vern\u00fcnftige Heimat (mehr) f\u00fcr sie geben konnte. Ganz \u00e4hnlich haben sich die Arbeiterkreise um sozialdemokratische Parteien herum gruppiert, und nicht zuletzt durch das Anschauungsmaterial des von Beginn an gescheiterten kommunistischen Projekts war ihnen klar, dass sie mit Hilfe ihrer politischen Interessenvertretung auch und gerade im kapitalistischen Umfeld allemal besser lebten als in den vermeintlichen Arbeiterparadiesen.<\/p>\n<p>Dies strukturierte die politischen Entscheidungen entlang einer eindimensionalen Skala vor, von links nach rechts, von mehr nach weniger Umverteilung der Einkommen oder Verm\u00f6gen. Da keine v\u00f6llige Neustrukturierung der Einkommen und Verm\u00f6gen zur Disposition stand, sondern mit jeder Wahl immer nur eine Verschiebung des Schwerpunkts auf etwas mehr oder etwas weniger Umverteilung, und weil das alles in rechts respektive konservativ und links respektive sozialdemokratisch \u00fcbersetzt werden konnte, blieb das ganze System stabil, und jeder konnte beobachten, dass er selbst davon profitierte, dass es in dieser Weise stabil war.<\/p>\n<p>Die Existenz einer liberalen Partei in Deutschland etwa in der Mitte der Skala und auch das Aufkommen der Gr\u00fcnen am Ende der 1970er Jahre modifizierte dieses Schema zwar graduell, aber noch nicht grunds\u00e4tzlich. Sp\u00e4testens der demokratische Umbruch in Mittel- und Osteuropa aber wies in eine ganz andere Richtung. Denn er lie\u00df Parteien entstehen, die nur noch bedingt oder \u00fcberhaupt nicht in das traditionelle Schema von links nach rechts passten. Bauernparteien, Parteien f\u00fcr die Familie, der in Ungarn derzeit regierende \u201eUngarische B\u00fcrgerbund\u201c (Fidesz), die derzeit in Polen regierende \u201ePartei f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit\u201c (PiS) oder Putins Partei \u201eEiniges Russland\u201c lassen in ihren Namen kaum erkennen, wof\u00fcr sie stehen. Zwar sind sie alle irgendwie \u201erechts\u201c, nationalistisch und oft klerikal, aber doch sprechen sie vor allem solche Gruppen an, die nach unserem westlichen Nachkriegsverst\u00e4ndnis eher links oder sozialdemokratisch zu verorten gewesen w\u00e4ren. Dagegen sind es eher die Bildungs- und Verm\u00f6genseliten, welche im linksliberalen Lager zu finden sind, wo man sie nach klassischem Verst\u00e4ndnis wiederum auch nicht suchen w\u00fcrde. Dort sammeln diese Menschen sich in Polen beispielsweise in der Partei \u201eB\u00fcrgerplattform\u201c, welcher unter anderem der derzeitige Pr\u00e4sident des Europ\u00e4ischen Rates und ehemalige polnische Ministerpr\u00e4sident Donald Tusk entstammt.<\/p>\n<p>Diese zun\u00e4chst in den jungen Demokratien der ehemals sozialistischen Welt erkennbaren Tendenzen finden wir zunehmend auch bei uns. Sie wandeln die Parteienlandschaft und mit ihr das Meinungsspektrum von einer eindimensionalen Reihung zu einem mehrdimensionalen Raum, innerhalb dessen sich jeder W\u00e4hler die Koordinaten seiner politischen Positionen selbst suchen muss, weil sie entlang einer einfachen Skala nicht mehr zu verorten sind. Dies f\u00fchrt nicht selten zu scheinbar erstaunlichen W\u00e4hlerwanderungen. Wenn man diese W\u00e4hlerwanderungen n\u00e4mlich in das traditionelle Rechts-Links-Schema zur\u00fcckzu\u00fcbersetzen versucht, so scheinen sie pl\u00f6tzlich von einem Extrem in ihr ganzes Gegenteil umzuschlagen. So haben viele AFD-W\u00e4hler in Ostdeutschland zuvor die Partei Die Linke gew\u00e4hlt. Denkt man hingegen an den mehrdimensionalen Raum, so wird deutlich, dass sich hinter solch vermeintlich gro\u00dfen Ausschl\u00e4gen in Wirklichkeit keine substantiellen \u00c4nderungen in den Auffassungen der betroffenen W\u00e4hler verbergen und diese daher auch keine gedankenlose Irrationalit\u00e4t beinhalten m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund erweisen sich scheinbar erkl\u00e4rende Begriffe wie der viel zitierte \u201eRechtsruck\u201c als inhaltsleer. Denn in dem neu entstandenen Raum tummeln sich die neuen Politikanbieter fr\u00f6hlich unverankert, was man indes nicht mit einem besonderen Ma\u00df an Offenheit und einem besonderem Ma\u00df an Toleranz gegen\u00fcber neuen Ideen verwechseln darf. Das k\u00f6nnte zwar so sein, muss es aber nicht, und bei den neuen popul\u00e4ren Autokraten ist es das gewiss auch nicht. Nicht nur bei ihnen aber gilt: Was zun\u00e4chst als ein Zuwachs an Pluralit\u00e4t erscheinen mag, kann unter Umst\u00e4nden zu einer existenziellen Bedrohung der Demokratie werden \u2013 dann n\u00e4mlich, wenn es nicht mehr gelingt, die Fliehkr\u00e4fte unterschiedlicher Angebote, Meinungen und auch Emotionen in einem stabilen Gleichgewicht zu b\u00fcndeln.<\/p>\n<p>Hinzu kommt noch ein zweiter Aspekt: Jene Meinungsgleichgewichte, welche sich in den Zeiten des traditionellen Rechts-Links-Schemas der Nachkriegsdemokratien schlie\u00dflich etablierten, bewegten sich fast immer und fast \u00fcberall im Rahmen des Respekts der rechtsstaatlichen Regelsysteme. Das lag daran, dass es f\u00fcr die Mitglieder nahezu aller Gruppen und f\u00fcr nahezu alle Politikanbieter immer pers\u00f6nlich von Vorteil war, ihre pers\u00f6nliche Position immer nur in den Grenzen des bestehenden Systems zu suchen. Dabei spielte es keine Rolle, ob man in diesem System Arbeiter war oder Kapitalist, ob man Politiker der Regierung war oder solcher der Opposition. In diesem Sinne wurden die demokratischen Spielregeln selbsterzwingend (<em>self enforcing<\/em>), weil jeder Mitspieler in jeder \u201eSpielsituation\u201c stets einen pers\u00f6nlichen Anreiz hatte, die Regeln des demokratischen Rechtsstaats zu respektieren. Dies galt unabh\u00e4ngig davon, ob man im Einzelfall auch einmal einen Posten r\u00e4umen musste, weil man schlicht abgew\u00e4hlt wurde, oder ob man ein politisches Projekt aufgeben musste, nachdem Verfassungsrichter es als nicht verfassungskonform klassifiziert hatten. Grunds\u00e4tzlich bleibt die selbsterzwingende Funktion des \u201eSpiels\u201c Demokratie immer dann erhalten, wenn f\u00fcr jeden einzelnen \u201eSpieler\u201c gilt, dass die angestrebte politische Position in einem anderen als dem bestehenden System weniger attraktiv ist als die Position, in der man sich im bestehenden System wiederfindet, wenn man die angestrebte politische Position nicht erlangt hat. Beispielhaft ausgedr\u00fcckt: Oppositionsf\u00fchrer im bestehenden System muss immer noch attraktiver sein als Regierungschef in einem alternativen System.<\/p>\n<p>Genau diese Selbsterzwingung gilt f\u00fcr die neuen Politikanbieter nur noch bedingt. Die meisten von ihnen tauchen wie <em>Jack-in-the-Box<\/em> im politischen Prozess auf und m\u00fcssen sich um l\u00e4ngerfristige Perspektiven dort nicht scheren. Und es gelingt ihnen, popul\u00e4r zu werden, weil der neu aufgespannte Raum politischer Standpunkte im Gegensatz zum begrenzten Links-Rechts-Kontinuum vergangener Zeiten eine F\u00fclle neuer Koordinaten bietet, mit denen sie sich nahezu beliebig positionieren k\u00f6nnen. Und genau das verkaufen sie als neue \u201eUnabh\u00e4ngigkeit\u201c vom verhassten \u201eSystem\u201c, dessen Regeln \u201eendlich\u201c zu brechen sie allein sich zu leisten in der Lage sind \u2013 zumindest behaupten sie das.<\/p>\n<p>Damit aber kann ein komplizierter und nicht unmittelbar einsichtiger Kern der demokratischen Gesellschaft ausgeh\u00f6hlt werden: dass n\u00e4mlich der politische Zweck nicht jedes politische Mittel rechtfertigt, und zwar dann nicht, wenn dieses Mittel den rechtsstaatlichen Grunds\u00e4tzen zuwiderl\u00e4uft. Manche dieser neuen Politikanbieter gehen mit einer von vielen W\u00e4hlern als charmant empfundenen <em>Nonchanlance<\/em> mit Regelbr\u00fcchen um, wie etwas Donald Trump oder fr\u00fcher schon Silvio Berlusconi; andere hingegen legen eine von vielen W\u00e4hlern als besonders geradlinig empfundene Aggressivit\u00e4t an den Tag, wie Kaczy\u00c5\u201eski in Polen, Orban in Ungarn und in noch gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe Putin in Russland und Erdogan in der T\u00fcrkei. Sie alle signalisieren, dass rechtsstaatliche Verfahren f\u00fcr sie nichts anderes sind als Steine, die abgehobene Eliten denjenigen in den Weg legen, welche scheinbar vorbei an pers\u00f6nlicher Bereicherung und eigenem Machtinteresse wirklich etwas f\u00fcr das Wohlergeben ihres Volkes und den Ruhm ihres Landes erreichen wollen. Und sie alle signalisieren, dass diese Steine aus ihrer Sicht nur jenen dienen, die von dem verhassten System profitieren \u2013 zulasten der gro\u00dfen W\u00fcrfe, die sie selbst versprechen.<\/p>\n<p>Wenn die politische Meinungsbildung erst einmal eine kritische Masse erreicht hat, die dieser Logik folgt, dann kann die politische Meinungsbildung sprichw\u00f6rtlich aus dem demokratischen Ruder laufen. Die Fehlerhaftigkeit der dahinter stehenden Argumente und die schweren Folgen der damit legitimierten Br\u00fcche rechtsstaatlicher Grunds\u00e4tze zu vermitteln, erfordert n\u00e4mlich relativ tiefe Einblicke in die Funktionsweise politischer Systeme. Hat sich die Dynamik der politischen Meinungsbildung aber einmal aus jenem \u201eMeinungstal\u201c herausbewegt, in dem solche Br\u00fcche als tabu gelten, so reicht die Einsichtsf\u00e4higkeit allein nicht mehr aus. Denn die Komplexit\u00e4t der Sache in Verbindung mit den Besonderheiten kollektiver Meinungsbildung gibt der intellektuellen Einsicht in komplizierte Sachverhalte dann nur noch bedingt Raum. Brechen bestimmte D\u00e4mme, so kann es wirklich kritisch f\u00fcr die Demokratie werden, denn die Trumps, Putins, Erdogans, Kaczy\u00c5\u201eskis und Orbans sind keine Politiker, welche den Menschen die Autokratie aufzwingen. Im Gegenteil, sie erfreuen sich in ihrem Tun breiter Popularit\u00e4t. Und wie gesagt ist es keineswegs so, dass nur Dumme diesen Leuten aufsitzen oder nur Verlierer. Selbst insoweit letzteres augenblicklich gilt, so folgt daraus nicht, dass es sich auch k\u00fcnftig darauf beschr\u00e4nken muss. Nichts garantiert, dass sich nicht im n\u00e4chsten Schritt die Gewinner der Gesellschaft irgendwelchen anderen Bauernf\u00e4ngern zuwenden. Denn wer glaubt, dass diese wegen ihres h\u00f6heren Wohlstandes oder ihres im Durchschnitt h\u00f6heren Bildungsstandes gegen\u00fcber einer umschlagenden Meinungsdynamik immun w\u00e4ren, der irrt. Selbst ein oberfl\u00e4chlicher Blick in die Geschichte der Demokratie lehrt uns, wie grundlegend sich so einer irrt.<\/p>\n<!-- AddThis Advanced Settings generic via filter on the_content --><!-- AddThis Share Buttons generic via filter on the_content --><!-- AddThis Related Posts generic via filter on the_content -->","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Handelsblatt titelte j\u00fcngst mit dem \u201eJahr der Autokraten\u201c. 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